„Religion ist nicht Privatsache“: In Berlin wollten Fundamentalchristen den Religionsunterricht per Volksentscheid aufwerten. Berlin war Vorreiter. Als die Hauptstadt den verbindlichen Ethikunterricht für alle einführte, war das die längst überfällige Angleichung an die im aufgeklärten Westen üblichen Modelle, der Abschied vom Deutschen Sonderweg der engen Verknüpfung von Staat und Kirche. (mehr …)

Juni 2009 | Allgemein, Feuilleton, In vino veritas, InfoTicker aktuell, Junge Rundschau, Kirche & Bodenpersonal, Politik, Sapere aude, Zeitgeschehen | Kommentieren

„Alle unsere Bilder bleiben Bilder unserer Gedanken, Vorstellungen und Träume. Einen Gott, den wir uns vor-stellen können, können wir auch wieder weg-stellen, wenn man ihn nicht braucht oder wenn er stört. Oder man kann ihn ändern, damit er handlicher wird.“ Dietrich Bonhoeffer.

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Mai 2009 | Allgemein, Feuilleton, In vino veritas, Sapere aude | Kommentieren

Wie auf Mallorca zwei an die Finca eines Heidelberger Ehepaars gebauten Säulen zu immerfortwährendem Denken einladen. Was sie denn tragen sollten, die beiden immerhin  drei Meter hohen Säulen aus Santany-Stein, die das deutsche Ehepaar Ulla und Dietrich T. an ihre Finca zwischen S´ Alqueria Blanca und Cala Dor gestellt haben wollten, fragte Steinbruch-Betreiber Lorenzo Verger aus Santanyi. Nichts, wurde ihm geantwortet, die sollen da einfach nur so stehen. Natürlich nahm er den Auftrag an, obgleich, wie er später, als die Säulen nach einigem Aufwand standen, einräumte, Säulen ohne Sinn und Zweck  bislang noch nie gebaut zu haben, um dann aber einzugestehen, das Werk gefalle ihm nun doch ganz gut …

Einige Besucher nahmen „diese Steine“ als Herausforderung, verstiegen sich zu vorgerückter Stunde darin, die Enge als Mahnung, – eingedenk nächtelanger Gespräche mit Hans-Georg Gadamer in Heidelberg – als hermeneutisch-mahnenden Hinweis darauf zu begreifen, es sei unsere Freiheit im Blick auf unser ewiges Schicksal verantwortungsvoll zu gebrauchen und zugleich als eindringlichen Aufruf zur Umkehr. Im weiteren Verlauf des Abends erwies sich die dem Wein und dem Gespräch geneigte  Runde zudem als bibelfest: „Geht“ – wurde Mathäus 7 Vers 13 und 14 zitiert – „durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit, und viele gehen auf ihm. Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng, und der Weg dahin ist schmal, und nur enige finden ihn,“ Und diese beiden Säulen gäben den Weg doch immerhin als einen nach oben hin offenen solchen. …

Da kamen denn auch die Auftraggeber dieses Seinsmals ins Grübeln und fingen an, mit diesen santanyitischen Steinen „als Schlüssel ein Fenster zu öffnen zur großen weiten Kunstwelt“, das – auch dies ward angesprochen – vielen Zeitgenossen freilich selten genug zum Ausblick diente; und fingen nächtens damit an,  munter mitzuschreiben, was unter hell leuchtendem Sternenhimmel noch so alles gesagt worden war als – sozusagen – philosophischer Überbau diesen Steinen umgehängt; und, zu guter Letzt – und lange noch nicht zuletzt auch des Vollmondes wegen, der sich, wenngleich mit gemessener Langsamkeit wandernd, die Exponate verändernden fahlen Schatten, die auf den Steinen und um die Steine herum waberten,  fesselten die Steine durch die (je nach Standort) unerwartet reiche Vielfalt nicht nur des bildnerischen Ausdrucks, sondern auch der archaischen Sprache, der außerordentlichen Kraft von Visionen, von der auch letzte Details dieser – wiewohl aus klaren Linien entstandenen – ungewöhnlich verwirrenden Arbeiten durchdrungen sind und bei deren Enträtseln Beschauer in Dechiffrierlust verfallen und kreativ zu sein – oder es zumindest sein zu wollen – in die Lage versetzt werden. Und, je mehr Flaschen geöffnet waren, desto offener wurden einige der Betrachter für mehrschichtige, für freilich nicht immer für alle nachvollziehbare Erfahrungen; „Man kann einem Menschen“- hat Galileo geschrieben – „nichts lehren,
man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.“

Dies vereinnahmen wir für die mittlerweile von uns Zweisäulen-Philosophie genannte Lehre, was  sowohl eine besondere Art von Dialektik meint, als auch das Ozillieren zwischen Gegensätzen und ihre Synthese auf  zwei immerhin drei Meter hohen Ebenen.
Da ist sie nun also, die Dialektik zwischen Bewusstem und Unbewusstem, Verstandesmäßigem und Gefühlen, zwischen Realismus und dem Schaffen von Raum für Visionen und Kreativität, innerhalb derer sich einige der Kunstbetrachter offenkundig der kruden Sprache von Kunstkritikern bedient – und sich auf eine Gratwanderung begeben haben zwischen Halluzination und tiefer Einsicht – das Wort war Stein geworden …

 

Apr. 2009 | Heidelberg, Allgemein, In vino veritas | Kommentieren

„Die Welt des Glücklichen“, hat uns Wittgenstein im Tractatus-philosophicus gelehrt, „ist eine andere als die des Unglücklichen. Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondern aufhört.“ Ob Wittgenstein dies Wissen auf Glauben gründet?
Besteht nicht ein unüberbrückbarer Graben zwischen Vernunft, Wissen und Glauben? Gibt sich nicht Vernunft als präzises Denken nach dem Maßstab des Wissenschaftlichen aus, derweil dem Glauben zugestanden wird, solcher Maßstäbe nicht zu bedürfen, dass er ins Vage, das Unkontrollierbare und weniger Feste abdriften dürfe? Allenfalls mag er, um auch seinen sicheren Boden zu haben, sich an Offenbarungen, heilige Bücher und Dogmen halten, die aber nur aus ihm selbst Verbindlichkeit gewinnen und andere zu nichts verpflichten?

„Das stärkste Argument gegen das Christentum sind die Christen; die Christen, die nicht christlich sind. Das Stärkste Argument für das Christentum sind die Christen; die Christen, die christlich leben“. Das schrieb der katholische Theologe Hans Küng und, eigentlich ist daran kaum etwas erstaunliches. Hat sich nicht aus dem Marxismus der Stalinismus entwickelt, aus dem „Citoyen“ wurde flugs der „Bourgeois“, auf die Bergpredigt folgte die „Konstantinische Schenkung“ (diese Urkunde stammt nicht nur nicht aus dem 4. Nachchristlichen Jahrhundert, sondern ist eine viel spätere Fälschung, an der die Kirche mitwirkte, weil sie damit begünstigt wurde. Nehmen wir also zur Kenntnis: Überall ist der Wurm drin …
Halten wir uns in Glaubensfragen an die Bibel; sind da nicht nicht denkende Menschen aufgeschmissen – es sei denn, sie lassen sich Inhalte von denkenden Bibellesern interpretieren. Dies Buch nämlich überlässt die Lösung von Problemen der persönlichen Entscheidung, sie gängelt nicht, sondern provoziert individuelle Antworten. Die Bibel ist ein mehrgängiges, scharf gewürztes und teilweise schwer verdauliches Menü. Wir dürfen nicht alle Zutaten einfach durch ein Sieb pressen und den Saft dann flaschenweise feilbieten, nein, da muss schon jeder selber dran kauen. Nehmen wir als Beispiel dafür den bis heute nicht beigelegten Theologenstreit um das theologisch-physiologische Mysterium der Jungfrauengeburt – und geben dazu Thomas von Aquin das Wort:

„Wie die Strahlen der Sonne die feste Masse des Glases durchdringen, ohne sie zu brechen oder irgendwie zu verletzen, auf ähnliche und noch erhabenere Weise trat Jesus Christus aus dem mütterlichen Schoß ohne den geringsten Nachteil für die Jungfräulichkeit seiner Mutter hervor.“

Goethes „Erlösungsvorgang“

Gönnen wir uns noch einen kleinen Schlenker zu Johann Wolfgang von – also wenden wir uns hin zu seinem Faust: „Der Erdenkreis ist mir genug bekannt, / Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt; / Tor, wer dorthin sein Auge blinzelnd richtet, / sich über Wolken seinesgleichen dichtet.“
Wer im Zwiespalt lebt, verteidigt um so hartnäckiger die Widersprüche seiner Position. Das Heidnische und das christliche sind gleichermaßen hienieden angesiedelt, die abendländische Geschichte bewegt sich in diesem Spannungsfeld. Dividiert man dann noch Protestantismus und Katholizismus, gerät man in die bekannten Zerreißproben. Thomas Mann hat sich dagegen ereifert, er hat sich geärgert über den Erlösungsvorgang am Ende des Faust, wo ja Engel „Faustens Unsterbliches“ (so die Regieanweisung) der Verklärung entgegen tragen. Mit allem Glanz katholischer Versinnbildlichung.

Wo bleibt da, fragte Thomas Mann kokett entrüstet, die protestantische Charakterstärke. Worüber entrüstet er sich? Über einen weihrauchduftenden Opernhimmel mit Mater gloriosa, Engelchören, Pater profundus, Pater seraphicus, mit Büßerinnen und seligen Knaben – lassen wir der Bühne ihr Spiel und lassen Faust unseren letzten Schlenker in Sachen letzte Dinge einleiten:

„Zwar weiß ich viel, doch möchte ich alles wissen.“

Heraklit (ca. 540 – 480 v. Chr.) hat bereits hat den symbolischen Charakter der Religion entdeckt: „Gott ist Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, Sättigung und Hunger; er wandelt sich aber gerade wie das Feuer, das, wenn es mit Räucherwerk vermischt wird, nach dem Duft eines jeden so oder so benannt wird.“ Im absoluten Geist Gottes lösen sich die Gegensätze auf, der innerste Kern der Natur ist das göttliche Weltgesetz.
Mählich beginnt es selbst den Profiteuren des Fortschritts zu dämmern, dass sich Unheil zusammenbraut über einer Gesellschaft, die bislang glauben durfte, ihre Existenz vornehmlich auf die regulierende Kraft der Märkte gründen zu können, und dies ohne Rückkoppelung an jene Bereiche, die wir, ohne Ansehen der Konfessionen, als Religion bezeichnen.
Keine der Religionen verheimlicht die Gebrechen der diesseitigen Welt und ihrer Menschen. Wer die Bibel liest, erfährt ungeschminkt menschliche Realität, vom Lächerlichen bis zum Erhabenen, vom Sanften und Rührenden bis zum Schrecklichen und Barbarischen, von der innigen Liebe bis zum tödlichen Hass Von Kain und Abel bis zum Kreuzestod Christi durchzieht die Bibel eine einzige Kette von menschlichen Miserabilitäten, gegen die so manches Skandalon unserer Tage eher harmlos anmutet.
Trotz oder wegen dieses Wissens um die schreckliche Unzulänglichkeit des Menschen versucht die Religion in allem, was dieser ausrichtet und anrichtet, jenen Punkt ausfindig zu machen und auf ihn hinzudeuten, an dem Katharsis, Reinigung also, und somit Erlösung von menschlichem Übel möglich wird.

2. Der Boden unter den Füßen.
Der Himmel über uns.
Glauben?

Die kopernikanische Revolution hat das religiöse Erleben verändert. Da sie die Erde aus dem Mittelpunkt der Welt entfernte, hat sie die Himmel abgeschafft, die bis dahin die Menschheit schützend umhüllten. Dies führte zu einer Deastronomisation des Himmels im religiösen Sinn des Wortes. Er ist nicht mehr „oben“, er ist „jenseits.“ Daher wird die Raumfahrt das religiöse Erleben wohl kaum irgendwann beeinträchtigen. Existentiell ist sie die Erfahrung, dass die Begriffe „oben“ und „unten“ nur relativ zu Körpern bedeutungsvoll werden, und dass auch die aus ihnen folgenden Begriffe wie „erhaben“ und „infernal“ relative Bedeutungen haben. Die Astronomie steht nicht mehr im Gegensatz zur Religion, und der Streit um Darwin ist wahrscheinlich der letzte dieser Art von Auseinandersetzung. Denn die Begriffe „Glauben“ und „Wissen“ sind einem Bedeutungswandel ausgesetzt, der mit Kopernikus  einsetzte. „Glauben“ bedeutet nicht mehr „Fürwahrhalten“, sondern „Vertrauen“. „Wissen“ bedeutet nicht mehr, eine unbezweifelbare, sondern eine anzuzweifelnde, aber vertrauenswürdige Information zu besitzen. Die Glaubensprobleme sind nicht mehr vom Typ „Ist das wahr?“, sondern vom Typ „Kann ich mich darauf verlassen?“ Und die Aussagen der Wissenschaft sind zwar vertrauenswürdig, aber wenn sie nicht zweifelhaft sind, sind sie nicht wissenschaftlich, also nicht „wirkliches Wissen.“ Dies aber bedeutet, dass Glauben und Wissen nicht mehr im Konflikt stehende, sondern komplementäre, also sich gegenseitig ergänzende Stellen in unserem Bewusstsein besetzen. Wir glauben an die Wissenschaft und halten das religiöse Erleben für eine Quelle dieses Wissens. Ein derartig sich gegenseitig Ergänzendes ist aber wenig geeignet, Glauben und Wissen zu stützen. Beide, Religion und Wissenschaft, „verwässern“, wenn sie „verschwimmen“. Ein Beispiel: Das Bett, in dem ich liege, ist ein Schwarm von Atompartikeln, welche im leeren Raum schweben. Ich weiß das und vertraue dennoch der Solidität, der Zuverlässigkeit meines Bettes. Ein solches Vertrauen zur Solidität der objektiven Welt ist keineswegs antiwissenschaftlich, es macht im Gegenteil Wissenschaft überhaupt erst möglich. Und das Wissen von den Atomstrukturen unterhöhlt nicht etwa das Vertrauen, sondern es stützt es. Dennoch entwirft die Wissenschaft das Bild einer hohlen Welt, was nun wiederum das Vertrauen unterhöhlt, das wir zu den Aussagen der Wissenschaft hegen. Der Kreis des sich gegenseitig Ergänzenden von Glauben und Wissen aber unterhöhlt beide.

Seis drum, es lässt sich einwenden, das gewählte Beispiel habe zwar mit Glauben im allgemeinen, nichts aber mit religiösem Glauben zu tun. Der religiöse Glaube sei gerade nicht Vertrauen zur objektiven Welt, sondern zu einem jene Welt transzendierenden, also einem die Grenzen der Erfahrung und der sinnlich erkennbaren Welt überschreitenden „Urgrund.“ Es sei gerade der religiöse Glaube ein Durchbruch durch die Welt der Objekte. Ein solcher Einwand ist falsch! Zwar gibt es religiöse Erfahrungen, welche die objektive Welt als einen die Wirklichkeit verhüllenden Schein erleben, jedoch sind sie für die Religiosität nicht charakteristisch. Im Gegenteil erlebt Religiosität die objektive Welt als wirklich, nämlich als „geschaffene Werke“.

Hinter den Dingen …

Jene unsere Erfahrungen überschreitende Welt, die Religiosität „hinter den Dingen“,  erlebt heute die westliche Wissenschaft, das heißt, sie öffnet den Raum, von dem aus die Dinge objektiv erkannt und behandelt werden können. Es ist eben dieser „Urgrund“ in welchem Theorien und aus welchem Techniken angewendet werden. So wäre, so ist der Glaube an die Zuverlässigkeit der objektiven Welt ein Aspekt des westlichen religiösen Glaubens. Mithin kann von einer „Krise des Glaubens“ keine Rede sein. In diesem Sinne nämlich sind wir alle religiös geblieben: Wir glauben an die Solidität, wir glauben an die Zuverlässigkeit der Dinge. Würden wir diesen Glauben verlieren, wir würden wahnsinnig werden, unfähig, in der Welt, wie wir sie erleben, zu leben.

Ich glaube! Also bin ich?

Wissenschaft ist zu einer unserer traditionellen Religionen geworden. Und sie ist in der Krise. An der Oberfläche ist die religiöse Situation außerordentlich komplex. Die einen wollen den Glauben an Gott gewaltsam (zurück) erobern. Andere, weniger radikal, wollen zumindest das Vertrauen zur Wissenschaft aufrechterhalten. Und die ihres dumpfen Glaubensverfalls bewusste Masse lässt sich treiben. Hingegen ist die Lage außerordentlich einfach: Das Vertrauen zum Menschen – und daher zu Gott und zur objektiven Transzendenz – ist vernünftigerweise unmöglich geworden. Bei alledem ist es ja aber nicht so, dass wir an der Vertrauenswürdigkeit des Menschen zweifelten, hingegen sind wir überzeugt, dass der Mensch kein Vertrauen verdient – weder als Handelnder, noch als Wissender. Wir zweifeln nicht am Menschen, wir verzweifeln an ihm. Wir verzweifeln an uns …

Der Glaube kann mit dem Zweifel leben, dies zumal, wenn wir meinen, er könne ohne Zweifel nicht sein. Die Verzweiflung aber tötet den Glauben. Die Wissenschaft ist nicht zuletzt eine Methode des Zweifelns. Infolge aber einer Verzweiflung am Wissen, bei totaler Skepsis, ist die Wissenschaft am Ende. Unsere Verzweiflung am Menschen – tötet sie Gott? Es ist gleichgültig, ob wir verzweifelte Ausbruchsversuche als Befreiungsversuche oder als letzte Verfremdung ansehen. Sag ich es zu guter Letzt „anders“: Das gegenwärtige religiöse Er-leben ist wieder allgemein („katholisch“) und abgründig geworden. In allem Erleben äußert es sich als Fehlen eines Grundes.
dass wir wieder religiös empfinden (ohne dies freilich immer beim Namen zu nennen), das unterscheidet uns von unsren Vorfahren. Ob aber diese Tiefe des religiösen Erlebens uns Trost in der Verzweiflung spendet, das ist eine andere Frage. Diese vielleicht:

Warum ist überhaupt etwas und nicht nichts?

Solche Fragen rühren an „letzten Dinge“, die nach traditionellem Verständnis Sache der Theologie und des Glaubens sind. Was nicht sagen will, da werde am Ende ein irrationaler „Sprung“ gefordert. Auch die Theologie muss insofern „vernünftig“ bleiben, als sie im Sinne der von ihr ja beanspruchten Wissenschaftlichkeit ihre Aussagen nicht an einer besonderen Art von Wahrheit („Glaubenswahrheit“ contra Vernunftwahrheit“) festmachen kann. Wollte sie das tun, entzöge sie sich jedem rationalen Diskurs. Auch wenn Theologie ihre Sache so betreibt, dass sie, was sie sagt nicht mehr auf sich selbst, sondern auf Offenbarung, auf das Wort Gottes oder was auch immer zurückführt, so bleibt ihr nicht erspart, eben diese Rückführung vor der Vernunft zu rechtfertigen. Der Pluralität vieler „Vernünfte“ wegen,  kann es nicht ausbleiben, dass die Theologie – und im weiteren Sinne der Glaube – das, was dort „Vernunft“ heißen soll, erst einmal angeben und ausweisen muss, und zwar im Hinblick auf die Möglichkeit, das Gespräch mit Nichttheologen und mit jenen, die dem Glauben fernstehen, weiterzuführen. Konkret fordert das ein Ernstnehmen solcher Rationalitätsformen, wie sie vom heute herrschenden wissenschaftlichen, insbesondere dem naturwissenschaftlichen Denken, praktiziert werden. Das meint keine modische Anpassung. Aber der Theologe wird am überzeugendsten bei seiner Sache bleiben können, wenn er die Sache auch der Physiker, der Biologen und der Techniker in sein Denken aufnimmt. Erst dann nämlich wird es ihm möglich sein, in Gemeinsamkeit mit anderen solche Fragestellungen zu entwickeln, die jeweils von jedem Punkt des Interesses aus auf das Grundsätzliche zielen. Denn nicht in fertigen Aussagen liegt das Verbindende unterschiedlicher Rationalitätsformen, sondern in der Offenheit für die Gewinnung neuer Horizonte des Fragens, in der Möglichkeit auch des In-Frage-Stellens.
Was allem Dasein, ja dem Sein im Ganzen, Ursprung und Grund gibt, kann keine Vernunft sagen, weil sie ja selbst in dieses Dasein verwoben ist. Aber, sie kann ihre Stärke darin erweisen, dass sie dem Glauben, da sei ein Grund, nicht feindselig widerspricht, sondern ihm den Weg offen hält. Ja. Aber:

Jetzt gehen wir mal ans Eingemachte

In Zeiten vorgeblicher Toleranz wird eine Ideologie nicht gerne an früheres, intolerantes Verhalten erinnert. Es gibt einige Techniken ur Bewältigung der Vergangenheit, die immer wieder benutzt werden. Die simpelste ist das Verschweigen, etwas raffinierter ist die historisch verstehende Verharmlosung – um nur mal eben zwei Möglichkeiten genannt zu haben. Der Aufklärer („sapere aude“, das Motto der Aufklärung und der Neuen Rundschau „wage zu wissen“) kann hier als Störenfried auftreten. Statt die alten Verbrechen ruhen zu lassen, macht er sie, machen wir sie immer wieder bewusst. Voltaire war darin ein Meister, das schlechte Gewissen seiner Gesellschaft nicht einschlafen zu lassen und die Schrecken der Vergangenheit (einer gar nicht so weit entfernten) nicht vergessen zu lassen. So berichtet er in seinem Philosophischen Wörterbuch über Justizirrtümer und Justizmorde, erinnert an den religiös-fanatisierenden Königsmörder Ravaillac und an die Inquisition, wobei er beeindruckende Stellen aus den Büchern von Großninquisitoren zitiert. Und wenn Voltaire zitiert, dann zitiert er korrekt, das ist Teil des Geheimnisses seiner Wirksamkeit (Voltaire, Dict. Philos., „Arrèts notables“, „Autorité“, „Inquisition“, „Ravaillac“).
Eine andere Art, mit unangenehmer Vergangenheit umzugehen, ist das Prinzip, dass man die Dinge „historisch sehen muss“. Wer da als Aufklärer Augenmaß bewahren will, fällt leicht auf diesen Trick herein. Das benutzte methodische Prinzip ist simpel: Handlungen, die seinerzeit häufig vorkamen, dürfen nicht den handelnden Personen zugerchnet werden, sondern den Zeitumständen. Insbesondere sei dann eine moralische Entrüstung oder Verurteilung nicht mehr erlaubt. Gelegentlich hat dies Prinzip sogar eine gewissen Plausibilität. Will man nämlich ein Ereignis verstehen, will man begreifen, wie es „dazu kommen konnte“, muss in der Tat berücksichtigt werden, unter welchen historischen Bedingungen es stattfand,, in welcher Epoche, Kultur, welche speziellen Randbedingungen gegeben waren. Gelingt eine solche Betrachtung, dann lassen sich vielleicht auch Dinge erklären, vor denen man zunächst geradezu fassungslos steht. Jedoch wehren wir uns entschieden dagegen, solcherlei Versuche, zu verstehen,  hernach umzudeuten als Entschuldigung oder Billigung von Greueln, wobei Täter allenfalls nur noch als Opfer eines Zeitgeistes reingewaschen werden. Was haben hier Aufklärer eigentlich noch zu tun? Wir haben Geschichte lebendig zu erhalten, auf die gebetsmühlenartige vorgetragene Vertuschungsrituale immer wieder den Finger legen, das ist Gegenern dann unangenehm oder „langweilig“ – aber es hält wach. Welchen Sinn hat das Beschwören vergangener Greuel?  Damit Geschichte  etwas lehren kann, muss Geschichte bekannt sein.. Wie konnte es dazu kommen, dass die Leute heute fröhlich lachen, wenn von Hexen die Rede ist, dass es ein Gaudium ist, zur Fastnacht eine Strohhexe zu verbrennen? Wer weiß noch (neben einigen Herren wie Pius Brüder, Josef Ratzinger und anderen Reaktionären) über Hexenjagd und Inquisition Bescheid?  Es muss an die Schrecken von früher erinnert werden, sonst versteht bereits die nächste Generation nicht mehr, weshalb wir gegen so harmlose Institutionen wie Kirchen oder die Einheitspartei kämpfen mussten.
Wem nützt es, alte Bitternis wieder lebendig zu machen?“, fragen in erster Linie jene, denen man die Bitternis zu verdanken hat! Die Antwort ist einfach: Es dient der Verhütung (sic) neuer Unmenschlichkeit, wenn wir die alte Unmenschlichkeit immer wieder in die Erinnerung zurückrufen und ihren Zusammenhang mit gewissen Ideologien deutlich machen, Ideologien die keinewegs verschwunden sind. Bringen wir unter die Leute, wozu politischer oder religiöser Fanatismus fährig sind.

„Die großen Fehler der Vergangenheit können in vieler Hinsicht zweckdienlich sein; man kann das Verbrechen und das Unglück nie zu oft wieder vor Augen führen.Man kann beiden zuvor kommen, was auch immer darüber gesagt werden mag (…)

Es ist notwendig, sich die Usurpationen der Päpste öfter wieder vor Augen zu führen, die skandalösen Streitereien ihre Schismen, die Dummheit der Kontoversen, die Verfolgungen, die Kriege, die aus dieser Dummheit entsprangen, und die Schrecken, die jene hervorriefen“.
Voltaire, von dem diese Stätze stammen, war unermüdlich darin, seinen Zeitgenossen die Verbrechen der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen.

Die Forderung nach religiöser Toleranz war nie unumstritten.Die Orthoxie einer jeden Ideologie fürchtet zu Recht, dass die Idee der  Toleranz letztlich mehr beinhaltet, als lediglich die Duldung „falscher“ Ansichten. Daher besagt das – von Ratzinger hören wir das spätestens seit seiner Zeit als Kurienkardinal, womit er ja schließlich die Nachfolge der Inquisitionsbehörde angetreten hat – Standardargument gegen die Toleranz, dass sie zum Relativismus, zur Gleichgültigkeit und zur Aufgabe der Wahrheit führe. Die (klassische) Toleranzpredigt wirkt immer etwas gezwungen, die Forderung nach Duldung anderer Ansichten geht dann über in jene nach Gleichberechtigung aller Ansichten. Bedenklich, es sei denn, man habe das Interesse an allen streitenden Ansichten ohnehin verloren.

 

März 2009 | Allgemein, In vino veritas, Kirche & Bodenpersonal, Zeitgeschehen | Kommentieren

jurgen-gottschling.jpg Die Karikaturenkampagne richtet sich zunächst gegen eine Zeitung, dann gegen Dänemark, das sich auf die Meinungsfreiheit beruft und visiert am Ende ganz Europa an, dem man vorwirft, ungleiches Maß anzulegen. Denn erlaubt die Europäische Union nicht die Verspottung des Propheten, während sie andere „Meinungen“ wie den Nazismus und die Leugnung des Holocausts verurteilt? Warum darf man über Mohammed spaßen, aber nicht über den Völkermord an den Juden?, fragen lauthals die Islamisten und loben einen Karikaturen-Wettbewerb über Auschwitz aus.

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Jan. 2009 | Allgemein, Feuilleton, In vino veritas, Sapere aude, Zeitgeschehen | 1 Kommentar
Dem Mann in den Kopf gesetzte Angsträume

Mann, mit von Kampf-Frauen in sein Hirn gemeiselten Träumen

Vor 15 Jahren erschien („HerausgeberIn: Stadt Heidelberg, Amt für Frauenfragen“) die Studie „Angsträume in Heidelberg – Das Sicherheitsempfinden von Frauen in ihrer Stadt“.  Wir nehmen (die runde Jahreszahl und eine gerade aktuell von Stadt und Polizei gestartete „Sicherheitsbefragung“) zum Anlass, zu wiederholen, was wir damals über diese „Studie“ geschrieben haben und aber auch den Bürgermeister für Integration & Chancengleichheit Wolfgang Erichson zu fragen, ob er Ergebnisse dieser Studie in irgend einer Weise zu benutzen in der Lage war, und wenn, dann wie (seine Antwort wird hier in wenigen Tagen veröffentlicht). Alsdann, hier erst mal unsere rethorische Auseinanderstzung mit diesem Machwerk von vor 15 Jahren: (mehr …)

Jan. 2009 | Allgemein, In vino veritas, Zeitgeschehen | Kommentieren

veritasDer Nahe Osten versinkt in einer neuen Welle der Gewalt: Israel hat am Wochenende mit den massivsten Luftangriffen seit Jahrzehnten viele Kämpfer der radikalislamischen Hamas im Gazastreifen getötet. Die Hamas kündigte blutige Vergeltung an. Israels Ministerpräsident Ehud Olmert kündigt an, der zu erwartende Krieg werde „lang, schmerzhaft und schwierig“ sein. Was wäre, wenn … (mehr …)

Dez. 2008 | Allgemein, In vino veritas, Sapere aude, Zeitgeschehen | Kommentieren

Ein Gespenst geht um in Europa: die Angst vor dem Aussterben. In Deutschland wird die Debatte besonders heftig geführt. Warum eigentlich? Was wir an den Deutschen haben, merken wir vielleicht erst dann, wenn sie noch weniger geworden sind. Warum nicht hundert Jahre früher? So die unausweichliche, ironische Reaktion der Engländer auf Prognosen, daß es mit dem deutschen Volk bergab ginge und es möglicherweise sogar ganz verschwinden könnte. Warum haben sie uns so lange warten lassen?

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Aug. 2008 | In vino veritas | Kommentieren

jurgen-gottschling.jpgDie Tour de France läuft gerade mal wieder auf vollen Touren und kaum einer wollte auch diesmal wieder je zuvor etwas  vom Doping auch nur gehört haben. Während in der Kultur die Fangemeinden der Stars proportional zum Anstieg der Drogenexzesse wachsen, erwarten die Sportanhänger Übernatürliches von den Athleten. Dabei ist schon in der Antike gedopt worden, berichtet wird z. B. davon, dass dass die Atlethe Unmengen an Stierhoden aßen; Kanalschwimmer in den Niederlanden waren die Ersten, deren Fall einer verbotenen Einnahme von Drogen in Europa bekannt wurde, und zwar im Jahr 1865. Zur Zeit der Jahrhundertwende häuften sich Berichte über Doping, vor allem durch Stoffe wie Kokain, Morphin, Strychnin und Koffein. (mehr …)

Juli 2008 | Allgemein, In vino veritas | Kommentieren

jurgen-gottschling.jpgDie Räder laufen schnell, in der durchrationalisierten Arbeitswelt unserer Gegenwart. Die Welt ist komplex geworden. Jeder von uns nimmt in ihr vielerlei Funktionen wahr und ist vielen Zwängen ausgesetzt. Zugleich wollen unsere Gefühle beachtet sein. Wie gestalten wir unter diesen Bedingungen unser Leben? Welche Werte sollen uns leiten?

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Juli 2008 | Allgemein, Feuilleton, In vino veritas, Zeitgeschehen | Kommentieren

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