Die Querdenker (d. h. Querlinge) werden nach der voraussichtlichen Aufhebung der Coronamaßnahmen im Sommer – Augen zu und durch – so tun, als hätten sie einen Sieg errungen zu haben.Das wird dann die Neudefinition des Pyrrhussiegs geworden sein. Viele aber werden ihn nicht erlebt haben.
Die Tonlage in den einschlägigen Kanälen wird immer schriller, die Argumente immer abstruser. Querliinge, das heißt Impfgegner radikalisieren sich weiter, parallel nimmt die Zahl derjenigen zu, die auf die Straße gehen. Es mögen nur wenige Prozent der Bevölkerung sein. Aber sie haben sich so tief in ihre verschwörungsraunende Scheinrealität zurückgezogen, dass man sich fragen muss, wie diese Leute jemals zurück in ein halbwegs normales Leben finden sollen. Es sind ja zu viele, als dass man sie nach der Pandemie einfach ignorieren könnte.
In seiner „Philosophie der Weltbeziehung“ verbindet der karibische Denker Edouard Glissant Dichtung, Erinnerung und politische Analyse zu einer Poesie der Weite, des Austauschs und der Offenheit. Gegen Polarisierung und Abgrenzung beschwört er den gemeinsamen Ort, an dem sich die Gedanken zur Welt gegenseitig erhellen. Die Karibik war in der Weltgeschichte die Bühne, auf der im frühen 16. Jahrhundert erstmals die drei Kontinente Europa, Amerika und Afrika so überaus gewaltvoll aufeinandertrafen. Noch bevor sich hier Engländer und Spanier mit ihren Flotten und Freibeutern gegenseitig bekriegten, verfrachteten ihre Segelschiffe Sklaven aus Westafrika über den Atlantik hierher. 1510 verschleppten die Spanier die ersten Afrikaner auf die Insel Hispaniola, um sie auf ihren Zuckerrohrplantagen schuften zu lassen, fünfzig Jahre bevor auch die Portugiesen Sklaven nach Brasilien brachten und hundert Jahre bevor die ersten Sklavenschiffe in Virginia landeten. Aber hier in der Karibik trafen auch drei große Weltkulturen aufeinander und verbanden sich zu der ganz eigenen, dynamischen Kultur der Antillen.
Das taten sie, indem sie Bücher verboten oder sogar vernichtet haben. Papier entzündet sich ab 233 Grad Celsius. Diese in Fahrenheit umgerechnete Temperatur wählte der US-amerikanische Schriftsteller Ray Bradbury als Titel für seine Dystopie, in der er das Leben in einem Staat beschreibt, der den Besitz und das Lesen von Büchern unter Strafe stellt. »Fahrenheit 451« stammt aus dem Jahr 1953: Gerade einmal 20 Jahre zuvor, am 10. Mai 1933, verbrannten deutsche Studenten unter den Augen der Weltöffentlichkeit auf Initiative der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung ausgewählte Bücher.
Dazu gehörten weltbekannte Werke von Schriftstellern wie Bertolt Brecht, Erich Kästner, Heinrich und Klaus Mann und vielen mehr, die auf Grund ihrer Volkszugehörigkeit, ihres Lebensstils oder ihrer politischen Einstellungen von den Nationalsozialisten geächtet wurden.
Bernhard Schlinks neuer Roman „Die Enkelin“ führt ins Milieu völkischer Siedler – Für einen kurzen Moment scheint alles möglich zu sein, damals im Mai 1964. Es sind heitere Frühlingstage beim Deutschlandtreffen der Jugend in Ost-Berlin, weil die Veranstaltung zwar gewohnt straff von der FDJ organisiert ist, aber eben doch einige Freiräume bietet, die man mit etwas Kreativität nutzen kann. Um Frieden und Völkerfreundschaft soll es gehen, um die Strahlkraft des Sozialismus, deshalb kommen auch viele junge Besucher aus dem Westen. Noch heute blickt man etwas ungläubig auf die Fotos, die an jenem Pfingstsonntag vor dem Berliner Café Warschau in der Karl-Marx-Allee oder auf dem Alexanderplatz entstanden – Bilder von Tänzern aus zwei deutschen Staaten, die einen gemeinsamen Rhythmus gefunden haben, von Musikern, die mit ihrer Gitarrenmusik den Beatles nacheifern, von Liebespaaren, die Grenzen und Barrieren überwinden wollen.
Alle Jahre wieder kommt nicht nur das aus der – wie wir „zu singen und zu sagen“ pflegen – unbefleckt gebliebenen Maria entsprungene Jesulein aus dem Stall dann doch noch in unsere (soweit wir mit entweder dem Himmel oder zumindest mit dem Internet verbunden sind) Wohnzimmer. Im weiteren Verlauf nämlich geben uns (in sowohl allen dritten wie in vielen anderen Programmen) auch die Ehre:
Miss Sophie und James. Sylvester allemal lieber ohne anderes (diesmal zumal) Knallzeug, als ohne diese Beiden …
In María José Ferradas Roman „Kramp“ muss sich M., die achtjährige Ich-Erzählerin, ihre eigene Welt zurechtzimmern: Ihre schöne Mutter ist in Traurigkeit versunken, ihr Vater ein Vertreter für Eisenwaren eben jener Marke Kramp, die Solidität verheißt: Ein Haus, das auf Kramp baut, sei erdbebensicher, lernt M., während sie mit ihrem Vater über die Dörfer tingelt, um Hämmer, Schrauben und Fuchsschwänze zu verkaufen.
D. ist auf seine Art ein freundlicher Vater, aber ein ungewöhnlicher Lehrmeister. Er lässt M. rauchen, in Cafés sitzen und die Schule schwänzen. Seine Ratschläge sollen fürs Leben taugen: Mit Entschlusskraft und dem richtigen Anzug ist alles möglich, erklärt er seiner Tochter, vielleicht gehöre auch noch ein bisschen Glück dazu. Geh immer ins beliebtestes Café.
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An einem Abend im Oktober 2021 blinzelt Benjamin Buchloh in die Kamera seines Laptops. Seit zehn Monaten läuft das Beuys-Jubiläumsjahr in Deutschland, allein in Nordrhein-Westfalen haben unter dem Motto „Beuys 2021“ rund 20 Museen Ausstellungen zum berühmten Landeskind (1923-1986) auf die Beine gestellt.
Jetzt versammelt man sich in Düsseldorf zum Symposium: „Das Problem Beuys“ lautet der Titel.
Alle Jahre wieder kommt nicht nur das aus der unbefleckten Maria entsprungene Jesulein aus dem Stall in unsere Wohnzimmer. Im weiteren Verlauf geben (in allen Dritten Glotzenprogrammen) uns die Ehre: Miss Sophie und James. Sylvester allemal lieber ohne anderes Knallzeug, denn ohne diese Beiden … Wie immer wird James sie mit der vollendeten Höflichkeit eines in ihren Diensten alt gewordenen Butlers zu Tische geleiten.Wie immmer wird Miss Sophie ihre abwesenden, aber von James galant vertretenen alten Freunde – Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und vor allem ihren «sehr lieben» Mr. Winterbottom – zu ihrer Tafelrunde begrüssen.
James serviert und leert stellvertretend für das Quartett die Gläser:
Wie kann „ein Gott, der kein Ding in der Welt, vielmehr der Schöpfer aller Ding und der mystische Hintergrund des Seins ist“, präsent gemacht werden? Die Frage nach dem Medium des Monotheismus wird durch die aktuelle Konfrontation von Christentum und Islam neu angeschärft.
Die Antwort heißt Weihnachten.
Aber bitte, doch nicht im Ernst! Die Kindheitsgeschichte Jesu, wie sie Lukas erzählt – ist sie nicht eine Kindergeschichte, ein Weihnachtsmärchen, ein Singspiel? „Gloria in excelsis Deo“, so singen die Englein, und süßer die Jingle Bells nie klingen, als wenn Rudolph the red- nosed reindeer jenen Santa, der die Distribution der Konsumgüter übernommen hat, auf hoch beladenem Schlitten durch die elektrifizierte Suburbia zieht, während sich allüberall im Land seine Gehilfen epidemieartig von den Hauswänden abseilen.







