Ukrainischen Angaben zufolge war die „Moskwa“ zuvor von einer oder zwei Antischiffsraketen getroffen worden. Der Gouverneur des Bezirks Odessa hatte verkündet, dass ukrainische Truppen das Schiff angegriffen und ihm schweren Schaden zugefügt hätten. Vor der russischen Bestätigung des Sinkens hatte bereits der ukrainische Präsidentenberater Oleksij Arestowytsch erklärt, der Kreuzer sei gesunken. Ob durch den vermeintlichen ukrainischen Angriff russische Soldaten getötet wurden oder durch den Untergang starben, ist aktuell noch unklar.
Das russische Verteidigungsministerium vermeldete in der Nacht zu Donnerstag, dass die Besatzung der Moskwa vollständig evakuiert worden sei. Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, widersprach und sagte, dass es wahrscheinlich sei, dass es bei dem Vorfall Tote und Verletzte gegeben habe. An Bord seien bis zu 500 Soldaten gewesen.
Welche militärische Bedeutung hat der Untergang?
Der ukrainische Präsidentenberater Arestowytsch sprach von einem „militärischem Ereignis von kolossaler Bedeutung“ und dem „größten Verlust der russischen Flotte seit dem Zweiten Weltkrieg. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs habe es kein so großes Kriegsschiff gegeben, das versenkt wurde. Letzteres dürfte umstritten sein, da 1982 während es Falklandkrieges mit dem argentinischen Kreuzer General Belgrano ein vergleichbares Schiff versenkt wurde. Gleichzeitig kann man von einem militärischen Erfolg der Ukraine sprechen. Expertinnen und Experten zufolge war der gesunkene Raketenkreuzer der Dreh- und Angelpunkt der Luftverteidigung der Schwarzmeerflotte.
Das Kriegsschiff war als Zerstörer von Flugzeugträgern entworfen worden. Im Jahr 1983 wurde er zu Sowjetzeiten unter dem Namen Slawa in Betrieb genommen. Das 186 Meter lange Kriegsschiff, das im Mai 1995 in Moskwa umbenannt wurde, war mit 16 Seezielflugkörpern, Langstreckenraketen und Osa-Kurzstreckenraketen ausgerüstet. Es verfügte zudem über Raketenwerfer und Torpedos. Das Schiff wurde in den Jahren 2018 und 2020 umfangreich überholt und modernisiert und war in Sewastopol, dem Stützpunkt der russischen Schwarzmeerflotte auf der Halbinsel Krim, stationiert.
Die Moskwa war im August 2008 in Georgien erstmals in einem bewaffneten Konflikt im Einsatz. Nachdem sich Russland auf der Seite des Machthabers Baschar al-Assad in den Syrien-Krieg einschaltete, wurde das Schiff in den Jahren 2015 und 2016 im östlichen Mittelmeer eingesetzt. Seit dem 24. Februar war der Raketenkreuzer auch an der russischen Offensive gegen die Ukraine beteiligt.
Wie hoch ist der symbolische Wert der Moskwa?
Das Kommandoschiff ist für Russland von großer symbolischer Bedeutung – und das nicht nur weil das Schiff in den vergangenen Jahren bei vielen Einsätzen vor Ort war. Es wurde auch immer wieder für diplomatische Zwecke genutzt. So war der Raketenkreuzer beispielsweise am Einsatz rund um das Gipfeltreffen von Malta zwischen Michail Gorbatschow und dem US-Präsidenten George Bush im Dezember 1989 beteiligt.
Zudem war das Schiff für diverse Militärmanöver um die Welt im Einsatz und ging in vielen europäischen, asiatischen und afrikanischen Häfen vor Anker. Der russische Präsident Wladimir Putin nutzte den Kreuzer auch, um politische Vertraute mit militärischen Ehren zu empfangen. So empfing er im August 2014 in Sotschi den ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sissi oder bei einem Besuch in Italien den dortigen Regierungschef Silvio Berlusconi auf dem Schiff.
Für die Ukraine ist der Untergang des Schiffes von besonderer Bedeutung: Als am 24. Februar die im Schwarzen Meer gelegene Schlangeninsel von russischen Kräften erobert wurde, sollen dort stationierte ukrainische Soldaten auf Kapitulationsaufrufe per Funk entgegnet haben: „Russisches Kriegsschiff, fahr zur Hölle!“ Ein Spruch, den viele Ukrainer und Unterstützer in den ersten Kriegstagen aufgriffen – und der sich an die Moskwa gerichtet haben soll. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj griff das auch in seiner neuesten Videoansprache auf und pries all jene, „die gezeigt haben, dass russische Schiffe (…) auf den Grund gehen können“.
Wie geht es nun weiter?
Nach dem schweren Verlust des Flaggschiffs der russischen Schwarzmeerflotte könnte sich der Kriegskurs Moskaus verändern. Das erwartet zumindest das britische Verteidigungsministerium. Da das Schiff als Kommando- und Knotenpunkt der Luftverteidigung diente, müsse sich das Militär nun anpassen.
Der Verlust bedeute, dass Russland seit Beginn der Invasion Schäden an zwei wichtigen Aktivposten der Marine erlitten habe. Beim ersten handelte es sich um das Landungsschiff Saratow am 24. März. Beides zusammen werde vermutlich dazu führen, dass Russland seine maritime Haltung im Schwarzen Meer überprüfen werde, hieß es von der Regierung aus London.