Adam Tooze beschreibt die Folgen der Corona-Krise und sieht eine Verschiebung der wirtschaftlichen Gewichte nach Ostasien.
Während sich die meisten Studien bislang mit den mentalen und psychologischen Folgen der Pandemie und den zu ihrer Eindämmung ergriffenen Maßnahmen beschäftigen, mit Vereinsamung und Depression, Lernrückständen und wachsender Aggressivität in der Gesellschaft, hat sich Adam Tooze in seiner großen Arbeit zu Pandemie und Lockdown auf die weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Folgen konzentriert. Sein Fazit: China ist der eindeutige Gewinner der von Corona ausgelösten Krise, während die Vereinigten Staaten und die EU, also der alte „Westen“, den es in der Darstellung von Tooze so freilich nicht mehr gibt, einer der Verlierer ist.

Die Pandemie ist zwar in China ausgebrochen, aber es ist dem Regime – das sei eingeräumt, mit rabiaten Maßnahmen – gelungen, sie schnell unter Kontrolle zu bringen, anschließend als einer der Ersten mit der Wiederankurbelung der Wirtschaft zu beginnen und als einziges Land für das Jahr 2020 ein deutliches Wirtschaftswachstum auszuweisen. Vergleichbares ist dem Westen nicht gelungen: Die Erholung der Wirtschaft hat hier noch nicht das Niveau von 2019 erreicht, eine gewaltige Schuldenlast ist aufgetürmt, und die Risse in der alten transatlantischen Koalition sind im Verlauf der Pandemie größer und tiefer geworden. Immerhin konstatiert Tooze, dass Deutschland im europäischen Vergleich relativ gut durch die große Krise gekommen ist.

Der Tölpel, der nichts begriffen hat

Es ist eine aus wirtschaftlichen Daten und politischem Handeln beziehungsweise Nichthandeln, Sorgen und Ängsten der Menschen, entscheidungsfreudigen wie entschlussschwachen Eliten, Rückkopplungseffekten und unbeabsichtigten Folgen gewobene dichte Erzählung, in der Tooze die Vorgänge der zurückliegenden eineinhalb Jahre „einzufangen“ sucht – einzufangen insofern, als es letzten Endes eine starke Vorstellung von Kausalitäten ist, die seiner Darstellung zugrunde liegt. Dadurch gelingt es ihm, dem verwirrenden Nebeneinander von pandemischen Daten, dem Auf und Ab an den Börsen und dem Hin und Her, Vor und Zurück der politischen Entscheidungsträger zu entkommen und zu zeigen, wie eng die Entwicklung der Infektions- und Todeszahlen, die diversen Versuche der Politik, auf die Abflachung der entsprechenden Kurven Einfluss zu bekommen, die Aussicht auf die Verfügbarkeit von Impfstoffen und schließlich die „Reaktion der Märkte“ in der heißen Phase der Pandemie zusammenhingen.

So entsteht ein Bild, das zwischen einer klassischen Tragödie und einer breit angelegten Erzählung von Aufstieg und Niedergang großer Mächte oszilliert. Tragisch ist das Handeln derer, die, um Unheil zu verhindern, das Unglück erst unabwendbar machen, während in der Erzählung von Aufstieg und Niedergang den Akteuren nur die Rolle des Beschleunigers oder Aufhalters zukommt. Grundlegend ändern können sie nichts. Tooze lässt offen, welche von beiden Möglichkeiten ihm als die wahrscheinlichere erscheint. Und schließlich gibt es in der Erzählung auch noch die Rolle des Tölpels, der nichts begriffen hat und glaubt, durch eitle Selbstdarstellung Herr des Geschehens werden zu können. Ein ums andere Mal taucht im Buch Donald Trump in dieser Rolle auf.

Nov. 2021 | Allgemein, Buchempfehlungen, Essay, Junge Rundschau, Politik, Sapere aude, Wirtschaft, Zeitgeschehen | Kommentieren