Ständig verlangten deutsche Behörden, dass Nutzerdaten besser geschützt werden müssten. Sie drängten die Unternehmen, rassistische Kommentare konsequenter zu löschen. 2014 dachte der damalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel öffentlich über die Zerschlagung von Google nach. Doch das war nur ein Vorgeschmack.
Heute stehen Facebook, Google und Co. überall auf der Welt in Konflikt mit Regierungen, Parlamenten und Behörden. Jahrelang erschienen Staaten in dieser Frage behäbig bis ahnungslos. Jetzt haben sie sich organisiert, manche sprechen von „digitaler Konterrevolution“. Der Staat schlägt zurück. Der Wilde Westen der Digitalisierung ist vorbei, das Zeitalter echter Regulierung bricht an.
Facebook, Google und Twitter müssen vor den US-Kongress
Nun haben gleich drei Ausschüsse im US-Kongress an diesem Dienstag und Mittwoch die obersten Juristen von Facebook, Google und Twitter geladen. Es geht um politische Werbung, die auf den Plattformen während des Wahlkampfes 2016 von Russland aus geschaltet wurde. Manche Abgeordnete glauben, dass sich Ausländer damit illegal in die amerikanische Innenpolitik eingemischt haben. Ein Gesetzentwurf ist in Arbeit, der den Unternehmen neue Transparenzpflichten für politische Werbung aufzwingt.
Der Einfluss der Google-Mutter Alphabet in Washington ist ohnehin geschwunden, weil das Unternehmen sich (unter anderem mit hohen Spenden) stark an die Demokraten gebunden hatte – und die geben aktuell nicht den Ton an. Zudem nimmt das Trump-Lager dem Vorstandsvorsitzenden Eric Schmidt übel, dass er im Wahlkampf Hillary Clinton auch organisatorisch unterstützte.
Tech-Konzerne machen Zugeständnisse an autoritäre Regime
Es geht um Einfluss auf die Gesellschaft, um die Kontrolle von Informationsflüssen, um Zensur, um sehr viel Geld. Und darum, ob der Staat den digitalen Raum kontrollieren kann. Die New York Times zählt 50 Länder, die in den vergangenen fünf Jahren Gesetze erlassen haben, um zu beeinflussen, wie ihre Bürger das Netz nutzen. Weltweit beschäftigen sich Kartellrechtler mit der Frage, ob die digitalen Plattformunternehmen reguliert werden sollten.
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Geht es um Inhalte, haben auch Demokratien unterschiedliche Vorstellungen: Großbritannien macht Druck auf die IT-Konzerne, Terror-Propaganda zu löschen. Das ist umstritten, weil auch dokumentarische Videos zensiert werden können, zum Beispiel aus dem syrischen Bürgerkrieg. In Deutschland gilt seit dem 1. Oktober das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Es droht den Plattformen mit hohen Strafen, wenn als illegal gemeldete Beiträge nicht schnell genug gelöscht werden.
In Brüssel wächst der politische Druck auf die US-Firmen
Konservative und Liberale fürchten um die Meinungsfreiheit, im Zentrum und auf der Linken ist man angewidert von Rassismus und Beleidigungen. Allerdings ist die Frage: Dienen die Konzerne nur als Sündenbock für die jüngsten Erschütterungen der liberalen Demokratie? Insbesondere bei der Regulierung von Inhalten, von Wahlwerbung bis zu sogenannter „Hatespeech“, sei Vorsicht angebracht, sagt Professor Krämer: „Das ist ein Stück weit Aktionismus der Politik, der zum Zeitgeist passt. In der Politik fühlt man sich wegen Trump und AfD wohl mit dem Rücken zur Wand.“
Zumindest zum Feindbild taugen die Konzerne für viele. William Kristol, Übervater der Neokonservativen und Trump-Gegner, erklärt die Zerschlagung von „Big Tech“ zum gemeinsamen Zukunftsprojekt von „Liberalen, Zentristen und Libertären“.
Auch die EU sei mittlerweile bereit, sich auf den großen Konflikt einzulassen, sagt Krämer: „Es gibt einen starken Trend zu mehr Regulierung auf EU-Ebene.“ Die Milliardenstrafe der EU-Kommission gegen Google wegen der Benachteiligung anderer Shopping-Anbieter in ihren Suchergebnissen ist ein deutliches Signal. Einige Staaten, darunter Deutschland, fordern eine Sondersteuer für die notorischen Steuervermeider aus Kalifornien. Amazon muss schon 250 Millionen Euro nachzahlen.
Deutsche Datenschützer entwickeln sich zu unangenehmen Gegenspielern
Den US-Konzernen fehle es in Brüssel noch an Lobbymacht, sagt Krämer, insbesondere verglichen mit ihren europäischen Konkurrenten. Die Unternehmen „sind nicht jahrzehntelang gewachsen und gut vernetzt wie klassische Telekom- oder Medienunternehmen.“ Was in Brüssel passiert, ist aber weltweit relevant, weil sich einige Schwellenländer, in die Facebook gerade mit aller Macht vorstößt, an den europäischen Regelwerken orientieren dürften.
Dass die Unternehmen auf mehr Widerstand stoßen, empfindet auch Johannes Caspar. Als Datenschutzbeauftragter für das Bundesland Hamburg ist er für Facebook zuständig, weil das Unternehmen dort sein deutsches Büro unterhält. Er sagt: „Diese systemwidrige Verantwortungslosigkeit von Unternehmen, die auf diesem Markt Milliardenbeträge verdienen – bei dem Thema hat sich massiv was getan.“
Facebook habe ihm lange vermittelt, das man „nur aus Kulanzgründen“ mit ihm spreche. Mittlerweile kann Caspar Erfolge feiern. Auf seinen Antrag hin untersagten Richter dem Unternehmen, Nutzerdaten von Whatsapp und Facebook zu verknüpfen. Außerdem ermittelt das Kartellamt. Es verdächtigt Facebook, seine Marktmacht missbraucht zu haben, um Vorgaben beim Datenschutz zu umgehen. Caspar sagt: „Der Wind beginnt etwas heftiger zu wehen.“
In den Konzernen hält man Datenschutzbehörden teils für digital ahnungslos
Bei Facebook spricht man öffentlich nicht von größeren Konflikten. Staatliche Eingriffe seien Teil des Geschäfts, sagt Richard Allan, Vice President für Public Policy in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika: „Es ist keine Wild-West-Zone. Es gibt schon länger eine umfangreiche Landschaft der Regulierung.“ Weil man immer mehr Nutzer habe, stehe man mehr im Fokus. „Wir und die Behörden sind uns einig bei den Zielen, aber nicht bei den Mitteln der Regulierung.“ Allan zufolge seien einige Vertreter des Staates hinterher, was das Verständnis digitaler Anwendungen angeht: „Manchmal reden wir mit Datenschutzbehörden und die sagen uns stolz: ‚Wir benutzen eure Produkte nicht.'“
Facebook sucht Experten für „Krisenkommunikation“
Aufgerüstet wird auch im Silicon Valley – beim Personal und beim Geld. „Die US-Konzerne haben eine Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass Regulierung hier in Europa greifen kann. Die haben die Füße stillgehalten und gehofft, ihnen passiert nichts“, sagt Krämer. Das hat sich geändert. Transparency International untersuchte im Frühjahr die Lobbyaktivitäten des Silicon Valley und kam zu dem Schluss: Seit 2014 sind die Ausgaben für Lobbyarbeit um 178 Prozent gestiegen. Uber und Google haben sich ehemalige Kommissionsmitarbeiter für ihre Einflussnahme eingekauft. 153 Mal haben Google-Lobbyisten EU-Kommissare oder deren Vertreter getroffen.
In dieser Woche wird sich im Kongress in Washington zeigen, wie die Unternehmen auf den Druck aus der Politik reagieren. Wenige Tage vor der Anhörung im Kongress schaltete Facebook eine Stellenanzeige, gesucht wird ein Experte für politische Kommunikation. Darin stand: „Erfahrung in Krisenkommunikation ist ein Muss.“