
Perry Rhodan vor der Positronik der „Venus-Festung“
Die Autoren der Perry-Rhodan-Hefte der 1960er haben KI mit all ihren Vor- und Nachteilen durchgespielt – und lagen oft richtig – Wobei Positronik eine zentrale Rolle bei ihm spiel – Seit September 1961 erscheinen wöchentlich Perry-Rhodan-Heftromane. Der Pabel-Moewig Verlag rechnete gar nicht mit einem großen Erfolg, mittlerweile blickt die Reihe aber auf über 3.200 Hefte zurück. 3.200 Hefte, in denen wahrhaft Visionäres zu lesen war. Wir haben uns die ersten Zyklen zu Gemüte geführt, Die dritte Macht und Atlan und Arkon, wie sie in den ersten 12 Silberbänden zusammengefasst sind, genau angesehen und uns gefragt: Inwiefern haben die Autoren der 60er Jahre positive und kritische Entwicklungen zu KI und Robotern vorhergesagt?
Wie gut aber hat Perry Rhodan die Zukunft vorhergesagt?
Die Geschichte beginnt damit, dass Perry Rhodan im Jahr 1971 bei einer Mondmission auf ein havariertes Raumschiff der Arkoniden Thora und Crest stößt. Die menschenähnliche Rasse beherrscht ein riesiges Sternenreich – und ist darüber dekadent und teilnahmslos geworden. Crest ist eines der letzten aktiven Mitglieder seines Volkes, der Wissenschaftler ist krank und sucht nach Heilung.
Mit Hilfe von Perry Rhodan wird der Arkonide gesund, Rhodan und seine Gefährten erhalten zum Dank Zugang zu überlegenen Technologien, unter anderem zu Chatbots.
22,3 Milliarden Antworten auf eine Frage
Zahlreiche Raumschiffe der Arkoniden verfügen über eine Positronik. Die leistungsfähigen Robotergehirne können Informationen aufnehmen und eine Vielzahl von Problemen lösen.
Die Ergebnisse gibt die Maschine in Schrift, Wort und Bild wieder. Zu Beginn von Silberband 2 kommt Rhodan das erste Mal mit der Positronik der Arkoniden in Kontakt – und zwar mit dem elektronischen Gehirn des kleinen Beiboots Good Hope der Außerirdischen.
Die Bedienung wird wie folgt beschrieben: „Das Gehirn war aktiviert und wartete auf die Fragen, die es zu beantworten galt. Es unterlag keiner mentalen Beeinflussung und arbeitete nach den Gesetzen der Logik. (…). Ihm ging es nur um den Sinn und Inhalt einer Sache, und es kalkulierte die Möglichkeiten über den Ausgang eines Fußballspiels und einer politischen Wahl mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie den Ausgang eines weltweiten Krieges.“
Rhodan stellt der Positronik die Frage, welchen Weg die Menschheit in Zukunft beschreiten soll. Im ersten Schritt erhält er 22,3 Milliarden Antworten. Offensichtlich muss Rhodan noch an seinen Prompts arbeiten. Perry grenzt in den kommenden Stunden seine Frage immer weiter ein und erfährt vom Robotergehirn, dass bereits eine Invasion von Außerirdischen auf der Erde im Gange ist. So gewarnt kann er rechtzeitig handeln.
Die hilfreichen Chatbots
In den ersten zwei Zyklen der Perry-Rhodan-Reihe spielen Positroniken eine zentrale Rolle. Die Robotergehirne erinnern an die aktuellen Chatbots. Nach dem Chat mit der Positronik sagt Rhodan zu seinen Freunden: „Ich habe mich seit dem Nachmittag mit dem Robotergehirn unterhalten und entscheidende Fragen gestellt.“
Wie üblich ist Science-Fiction-Literatur der Realität einen Schritt voraus: Die KI ist unfehlbar; Fehler entstehen nur, wenn der Nutzer falsche Angaben macht.
Die Positronik kommt in den Romanen für eine Vielzahl von Aufgaben zum Einsatz. Eine Frage, welchen Antrieb die Schiffe des Gegners haben, beantwortet sie in wenigen Sekunden. Werden die Fragen komplexer, nimmt die Bearbeitung der Frage mehr Zeit in Anspruch.
In Band 3 spielt Rhodan ein Rätselspiel mit einem höheren Wesen. Es geht um die Suche nach der Welt des ewigen Lebens, sie war das Ziel der gestrandeten Arkoniden. Im dessen Verlauf muss Perry Rhodan eine Vielzahl von verschlüsselten Nachrichten lösen, auch hier kommt die Positronik zum Einsatz. Es handelt sich um Texte, für dessen Entschlüsselung Menschen ohne Computer Monate oder Jahre brauchen würden.
Science-Fiction-Literatur hat hier einen konkreten Anwendungsfall von KI aufgezeigt. Die Entschlüsselung des Voynich-Manuskripts bereitet Forschern seit Jahrzehnten Kopfzerbrechen.
Im Jahr 2018 meldeten Wissenschaftler der Universität Alberta, sie hätten die Sprache der Schrift (Hebräisch) bestimmt und den ersten Satz übersetzt. Dieser „Erfolg“ ging durch alle Medien. Aus heutiger Sicht gilt der Übersetzungsversuch der Computerlinguisten als zweifelhaft und steht in der Kritik. Das Voynich-Manuskript ist nur ein Beispiel. Künstliche Intelligenz kommt heute als Hilfsmittel auch bei der Entzifferung von Keilschrift zum Einsatz. Nicht immer ist ein Erfolg garantiert.
Je leistungsfähiger, desto größer: die Riesenpositronik
Beim Einsatz von künstlicher Intelligenz gelten in der Perry-Rhodan-Reihe zwei Regeln: Je komplexer das Problem ist, desto länger muss die Positronik arbeiten. Und: Je leistungsfähiger das Robotergehirn ist, desto größer ist die Maschine. Ein Rätsel in Band 3 kann Rhodan nur mit der Hilfe der Riesenpositronik auf der Venus lösen. Die Venuspositronik wurde 8.000 Jahre vor Christus von arkonidischen Siedlern erbaut. Nach der Aufgabe der Kolonie geriet die Positronik in Vergessenheit.
Das Riesengehirn auf der Venus wird wie folgt beschrieben: „Die Hinterwand des Saales – etwa dreißig Meter breit und fünfzehn hoch – war eine einzige Schalttafel, wie Rhodan sie in wesentlich kleinerer Ausführung aus dem Zentralraum der Good Hope kannte (…). Rhodan war auf der Stelle davon überzeugt, dass dieser Schaltraum zu einem der größten positronischen Gehirne gehörte, die in der Galaxis jemals gebaut worden waren.“
Nur auf Arkon III, einer künstlichen Welt der Arkoniden, befindet sich eine noch größere Positronik. Die Mammutpositronik beansprucht eine Bodenfläche von 10.000 km2.
Bedenken wir die Entstehungszeit der ersten Perry-Rhodan-Hefte um 1961, ist nicht verwunderlich, dass leistungsfähige Hardware als Riesengeräte beschrieben wird. Man denke nur an einen Großrechner wie die Z22 von Konrad Zuse. Bei der Größe leistungsfähiger Rechner zeigt sich die SF-Reihe also wenig prophetisch.
Der Roboterregent übernimmt die Herrschaft
Die Riesenpositroniken verfügen über eine eigene Persönlichkeit. Der Kommandant, so wird die Positronik der Venusfestung genannt, zeigt sich bei der Kommunikation mit Rhodan als wissbegierig. Zugleich wird klar, dass Rhodan nur ungehindert auf der Venus landen konnte, weil er über ein Raumschiff arkonidischer Bauart verfügte, sonst wäre das Abenteuer gescheitert. Bereits in Band 2 der Perry-Rhodan-Reihe werden die Gefahren von KI angedeutet.
Im März 2023 forderten Hunderte von wichtigen Akteuren aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz in einem offenen Brief, das Training von leistungsfähigen KI-Systemen für sechs Monate auszusetzen und eine Denkpause einzulegen.
Künstliche Intelligenz könne eine ernsthafte Bedrohung für die Menschheit bedeuten. Die Gefahren reichen vom Wegfall von Arbeitsplätzen, über Fake News bis zur Übernahme der Weltherrschaft durch KI. Bei allen Warnungen bleibt das Szenario einer Herrschaft durch KI immer vage und wird selten konkretisiert.
Die Übernahme der Herrschaft durch Roboter ist eines der beliebtesten Themen von Science-Fiction. In der Perry-Rhodan-Reihe übernimmt die Riesenpositronik von Arkon III im Jahr 1978 die Herrschaft über das galaktische Großreich. Der Roboterregent nennt sich selbst Großer Koordinator. Der aktuelle Imperator wird abgelöst und durch eine Marionette ersetzt. Alle Flotten werden mit Robotern ausgestattet und Hilfsvölker springen für die antriebslosen Arkoniden ein.
Es handelt sich nicht um eine Revolte des Roboters. Vielmehr sorgt eine spezielle Katastrophenprogrammierung dafür, dass die Riesenpositronik die Verwaltung des Reiches dann übernimmt, wenn die dekadenten Arkoniden nicht weiter dazu fähig sind. Die Herrschaft der Maschine weckt Unruhe in den Kolonien. Widerstand der unterworfenen Völker unterdrückt der Roboterregent aber mit aller Gewalt.
Hilfe von Roboterpsychologen
Die Herrschaft von Robotern ist Fiktion und dürfte es auch bleiben. An einem anderen Punkt verhandeln die Romane aber eine zentrale Frage, die heute durchaus schon von Relevanz ist: Wie sollte Kommunikation mit künstlicher Intelligenz erfolgen?
Im zweiten Zyklus der Reihe ist der Roboterregent immer eine latente Bedrohung. Es kommt zu keinem Konflikt mit der Erde, weil Rhodan es versteht, mit der Maschine zu kommunizieren. Stellenweise kommen hierbei Roboterpsychologen zum Einsatz.
In Band 8 lässt der Roboterregent Rhodan um Hilfe bitten, dieweil er mit einer Gefahr, die Leben im Universum vernichtet, nicht fertig werde. Beim Gespräch zwischen der Maschine und Rhodan hören Roboterpsychologen mit.
Während der Verhandlung kommt Rückmeldung von den Experten: „Unsere Analysen ergeben, dass das Robotgehirn die Wahrheit spricht. Es wird mit der aufgetauchten Gefahr nicht fertig und ist froh, einen Helfer zu finden.“ Rhodan spielt alle Trümpfe aus und erhält weitgehende Machtbefugnisse bei der Bekämpfung der Gefahr.
Nicht jeder ist ein Naturtalent wie Rhodan
Wie schwierig die Kommunikation mit Robotern sein kann, haben Journalisten auf der Konferenz AI for Good erfahren. Medienvertreter durften in Genf menschenähnliche Roboter interviewen. Auf eine Frage, ob künstliche Intelligenz die Weltherrschaft übernehmen will, reagierte Roboter Ameca empört. Der Journalist wurde aufgefordert, sich für seine Frage zu entschuldigen – vielleicht hätte sich der Journalist lieber mit einem Roboterpsychologen abstimmen sollen.
In Linz gibt es bereits ein Lab für Roboterpsychologie. Die Medienpsychologin Martina Mara beschäftigt sich dort mit der Frage, wie Mensch und KI im Idealfall miteinander kommunizieren.
Wie visionär waren die Perry-Rhodan-Autoren?
Cience-Fiction ist Dichtung, doch gute Autoren in diesem Genre sehen nachgerade in die Zukunft. In vielen Punkten sind den Autoren der Perry-Rhodan-Reihe Vorausdeutungen gelungen. Zum Beispiel fühlt man sich, immer wenn eine Figur in den Romanen der Positronik Fragen stellt und Ergebnisse erhält, an die aktuellen Chatbots erinnert.
Die Autoren hatten ein Gespür für wichtige Themen der Zukunft. Wie erfolgt die richtige Kommunikation zwischen Mensch und Maschine? Welche Gefahren gehen von Robotern aus? Alle diese Konzepte werden beschrieben, ohne dass der Begriff künstliche Intelligenz auch nur einmal in den Romanen vorkommt.