Die Hitzewellen des letzten Sommers begleiten nicht nur wir mit der Rundschau – und das ist auch gut so – es hat sich in den vergangenen zwei Jahren durchaus einiges bewegt in der deutschen Berichterstattung zur Klimakrise. Nur ähnlich wie in der Politik: nicht genug.Wir haben mittlerweile sechs von neun planetaren Grenzen überschritten, in wenigen Jahren reißen wir voraussichtlich das 1,5-Grad-Budget. Nur, was bedeutet das eigentlich? Die journalistische Abbildung der planetaren Krisen ist ein entscheidender Schlüssel zum öffentlichen Bewusstsein und damit zu politischer Verantwortlichkeit. Aber Medien bilden das Ausmaß und die Dringlichkeit nicht angemessen ab. Das ist ein Problem. Denn einerseits spiegelt der Journalismus Wirklichkeit, andererseits schafft er sie.

Schauen wir mal, was sich getan hat:

Im redaktionellen Angebot sieht man deutlich mehr Bigger-Picture-Berichte, in denen versucht wird, die bereits spürbaren Folgen der Erderhitzung zu einem vollständigeren Bild zu verbinden. Mehr Beiträge beleuchten, wie sich die Klimakrise in den kommenden Jahren konkret auswirkt. In einigen Redaktionen sind Klimateams entstanden, unter anderem MDR, RTL und der „Spiegel“ haben ihre Angebote zur Klimakrise ausgebaut, auch mit neuen Formaten. Überall sprießen Podcasts und Newsletter; mittlerweile gibt es mehrere Dashboards zu unterschiedlichen Indikatoren rund um Krise und Lösungen, etwa bei Spiegel.de, Sueddeutsche.de und „Zeit Online“ – und mit Verlaub: Auch wir versuchen hier ein- und aufzugreifen.

Neue Redaktionen, neue Formate, neue Netzwerke

Bei Journalismus-Konferenzen gab es zuletzt in der Regel zumindest ein Panel, das Klima zum Thema hatte; beim Jahrestreffen von „Netzwerk Recherche“ Ende September gibt es einen ganzen Track. Die meisten Medienmagazine haben die Debatte um die Klimaberichterstattung mehrfach thematisiert, etwa die Bildauswahl bei Hitzewellen oder ob Klimajournalismus Aktivismus sei.
Auch gibt es mehr Angebote für Journalisten, die sich eingehender mit der Klimakrise und deren Verbindung zur ihrem Fachbereich beschäftigen wollen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich Klimajournalismus-Netzwerke gegründet, das renommierte Reuters Institute hat das internationale Oxford Climate Journalism Network aufgesetzt. Neue Workshop-Angebote ermöglichen es Journalistem, sich weiterzubilden.
Diverse konstruktive Einwürfe gibt zwar vor, was passieren muss, um die Probleme im Journalismus zu beheben, etwa im Buch „Medien in der Klimakrise“ von der Initiative „Klima vor acht“ oder auf der Website „Das Klima-Thema“. Das Netzwerk Klimajournalismus hat eine Charta mit Grundsätzen für gute Klimaberichterstattung veröffentlicht, die von 241 Journalisten unterstützt wird.

Weder Politik noch Medien sind im Klimakrisen-Modus

Nur: An der Gesamtsituation hat all das kaum etwas geändert. Die Lücke zwischen Berichterstattung und Klimakrise schließt sich nicht. Die Klimakrise eskaliert zusehends und wir kommen nicht hinterher. Zwei weitere Jahre sind vergangen, in denen weder Medien noch Politik in den Klima-Krisenmodus geschaltet haben.
Die Klimakrise wird noch immer wie ein Thema behandelt; als eines von vielen Themen auf der medialen Bühne. Dass die Klimakrise die Bühne selbst bedroht und sich wie eine Dimension durch jedes Thema zieht, scheinen die meisten Redaktionen auch 2022 nicht verinnerlicht zu haben. Im Gesamtbild der Berichterstattung wird das jedenfalls nicht sichtbar.

Zuletzt gab es, wie erwähnt, zwar Hitzewellen-Liveticker – direkt daneben fanden sich oft aber Beiträge, die komplett ausblendeten, dass wir bereits mitten in der Klimakrise leben und alle möglichen Bereiche des Lebens und Wirtschaftens auf unterschiedlichen Ebenen eng mit der Krise zusammenhängen. In journalistischen Beiträgen werden Verbindungen bis heute oft nicht konsequent aufgezeigt. Weder welchen Einfluss das behandelte Thema auf die Klimakrise hat, noch wie sich die Klimakrise darauf auswirkt. Nicht einmal bei offensichtlichen Themen wie Wirtschaftswachstum oder der Versorgung mit Gas oder Atomenergie.
Absurde Gleichzeitigkeit: Schiffe, die u.a. Kohle transportieren, fahren nur noch mit geringerer Ladung, da der Rhein aufgrund der Klimakrise wenig Wasser führt.
Statt die Zusammenhänge überall dort zu thematisieren, wo sie eine Rolle spielen, sehen wir vor allem zusätzliche journalistische Angebote; Beiträge, die man bewusst ansteuern muss. Das machen aber vor allem jene, die sowieso schon ein größeres Bewusstsein für das Ausmaß der Krise haben.

Wir ignorieren strukturelle Zusammenhänge und machen sie so unsichtbar

Neue fossile Subventionen und Infrastruktur? Urlaubsflüge und Fleischkonsum? Scheinen oft auf magische Weise nur für diejenigen direkte Konsequenzen fürs Klima zu haben, die sich dafür interessieren; der Rest wird mit den Auswirkungen dieser Entscheidungen meist nicht unmittelbar konfrontiert. Die journalistische Abbildung der Welt macht vorhandene strukturelle Zusammenhänge, die die Existenz unserer Zivilisationen akut gefährden, in den allermeisten Fällen unsichtbar.
Auch die Dringlichkeit wird weiterhin nicht angemessen reflektiert. Weder in der „Tagesschau“ und auf den Titelseiten, noch in den entsprechenden Rubriken. „Die Zeit“ etwa zieht zwar den Fokus im neuen Ressort „Green“ mit dem Thema Nachhaltigkeit noch etwas größer und will Lösungen aufzeigen, erscheint aber nur einmal im Monat. Obwohl der neuste IPCC-Bericht klar gemacht hat, dass wir innerhalb weniger Jahre eine Art friedliche Revolution erleben müssen, um die Klimaziele einzuhalten und unsere Lebensgrundlagen zu erhalten.
Ein wesentlicher Teil der Klimaberichterstattung zeigt nur einen Ausschnitt der Realität, die Katastrophen. Oft fehlt es am entscheidenden Kontext: Einerseits, dass das erst der Anfang ist und sich die Situation rapide verschlechtert, bis wir aufhören, fossile Energien zu nutzen und Treibhausgase in die Luft zu blasen. Andererseits, dass – und wie – wir die Krise eindämmen und abbremsen können, und die Erderhitzung stoppen.
Zu oft verschleiern journalistische Floskeln die Realität. „Klimaschützer*innen sind enttäuscht“ ist so eine inhaltsleere Formulierung; als bedrohe mangelnder Klimaschutz nur die Lebensgrundlagen dieser Aktivist*innen und nicht die von uns allen.

Wir dürfen Debatten nicht nur abbilden – wir müssen sie einordnen

Die Berichterstattung gleicht politische Positionen außerdem noch immer nicht konsequent mit wissenschaftlichen Erkenntnissen ab. Die eindrücklichsten Beispiele dafür waren die Berichte zum Bundestagswahlkampf (was genau da das Problem war, habe ich u.a. hier erklärt) und Beiträge rund um die Taxonomie-Debatte, in der die EU beschlossen hat, Gas und Atomenergie als nachhaltig zu labeln. Selbst die „taz“ wählt dazu mehrfach die Formulierung, dass „Kritiker“ oder „Gegner“ von Greenwashing sprechen würden. Als wäre es journalistisch nicht möglich, Fakten einfach selbst als Fakten einzuordnen. Ab wann kommt uns das selbst absurd vor? Erst bei: „Gegner*innen kritisieren, die Erde sei gar nicht flach“?

Wissenschaftliche Fakten gleichberechtigt neben politische Meinungen zu halten, lässt sich weder mit Objektivität noch mit journalistischer Ausgewogenheit begründen. Wir machen dann einfach einen wesentlichen Teil unseres Jobs nicht: Sachverhalte und Debatten nicht nur abzubilden, sondern auch einzuordnen.
Noch immer gibt es kein einziges Nachrichtenmedium mit komplett klimarealistischer Berichterstattung. Also einer Berichterstattung, die die Klimakrise überall da mitdenkt, wo sie eine Rolle spielt und Themen entsprechend der planetaren Realitäten priorisiert.
In den vergangenen Jahren habe ich immer wieder vorgeschlagen, übergangsweise Klimaredaktionen zu gründen, um Expertise im eigenen Haus aufzubauen und auf die Themen aufmerksam zu machen. Ich habe gefordert, dass Chefredaktionen Journalist*innen entsprechende Räume und Ressourcen anbieten, um sich einzuarbeiten. Denn die mangelnde Berichterstattung ist nicht die Schuld einzelner Journalist*innen, sondern ein strukturelles Problem. Diese Schritte wären noch immer richtig und wichtig, aber wenn man sieht, wie die Klimakrise eskaliert, wird klar: Auch das ist zu wenig und zu spät.

Ohne Faktenwissen kein Bewusstsein

Was es eigentlich braucht, ist ein tiefgreifender Bewusstseinswandel. Was uns dem näher bringen würde – und auch das fordere ich –, wären Fortbildungen für alle. Angekündigt hatten das im Sommer 2021 der irische öffentlich-rechtliche TV-Sender RTÉ und vor Kurzem erst der französische Sender Radio France. Um da hinzukommen, braucht es offenbar mehr Druck auf die Chefetagen – und eine ernsthafte, angemessene Debatte. Diese gibt es bisher nicht. Was es gibt, sind Beiträge von den immer gleichen Journalist*innen, die versuchen, den Diskurs voranzutreiben.

Es ist eine Sache, strukturelle Probleme zu ignorieren, solange man sich derer nicht bewusst ist – egal ob es um die verzerrte Darstellung der Klimakrise geht oder um die mediale Reproduktion von strukturellem Rassismus oder Sexismus. Es ist eine andere, sie weiter zu ignorieren, nachdem man darauf hingewiesen wurde.
Strukturelle Probleme sind zunächst nicht das persönliche Versagen einzelner Journalist*innen; dass es sie gibt, hat diverse Ursachen (welche das in Bezug auf die Klimaberichterstattung sind, beschreibe ich hier). Aber: Journalist*innen müssen sich mit entsprechender Kritik ernsthaft und intensiv auseinandersetzen. Tun wir das nicht, ist das in der Tat journalistisches Versagen. Und dafür wiederum trägt jede und jeder Einzelne die Verantwortung.
Journalisten verdrängen, genau wie andere Menschen auch

In der medialen Nicht-Debatte um die Klimaberichterstattung beobachten wir:
Die gleichen Phänomene wie in der Klimakrise insgesamt:

Der Confirmation Bias lässt uns Informationen so einordnen, dass sie in unser bisheriges Weltbild passen. Der sogenannte Bystander-Effekt lässt viele, die durchaus besorgt sind, annehmen, dass sich schon andere Kolleg*innen kümmern und das Problem lösen werden, wenn es denn wirklich dringend ist.
Um Situationen zu bewerten, orientieren wir uns am Verhalten anderer; für Journalist*innen gehört das sogar zum Handwerk. Um uns auf Konferenzen vorzubereiten, schauen wir auf konkurrierende Redaktionen, Nachrichtenagenturen und Leitmedien. Das Vertrauen in die Kollegen ist offenbar so groß, dass die Kritik, wir könnten die Krise kollektiv unterschätzen, vielen selbst im Sommer 2022 noch keine ernsthafte Auseinandersetzung wert schien.

Nicht dass wir uns falsch missverstehen: Es gibt sie: extrem engagierte Journalisten in allen möglichen Redaktionen. Die gab es auch schon vor dieser Phillipika; viele der Veränderungen hätte es auch ohne ihn gegeben. Vermutlich habe ich ihre Initiativen und Argumente in den Jahren zuvor selbst oft genug belächelt oder ignoriert.
Es soll hier nicht kritisiert werden, dass deren Arbeit nicht ausreichen würde, sondern dass viele andere Journalisten sich auf ihr ausruhen. Sei es aus Desinteresse, mangelndem Bewusstsein oder schlicht aus Überforderung, zeitlich oder inhaltlich – und das läßt sich sogar nachvollziehen, gesellschaftlich ändert das nichts am Problem.

Wir müssen anfangen, über das gleiche Ausmaß von Krise zu sprechen

Wenn wir wirklich anfangen, über das gleiche Ausmaß von Krise zu sprechen, werden die allermeisten Journalisten eine ähnliche Auffassung davon haben, was Journalismus kann und soll in dieser historisch einmaligen, existentiellen Krise.
Aber woher sollen Journalisten all die Zusammenhänge kennen, wenn sie in ihrer Ausbildung, im Studium oder selbst im Feld, zu dem sie arbeiten, bisher kaum eine prominente Rolle spielten? Auch diverse Experten ignorieren das Ausmaß der planetaren Krisen bis heute überraschend standhaft; selbst in der Land- und Forstwirtschaft, die schon heute massiv unter den Auswirkungen leiden. Und ja, man kann es so sehen, dass der Journalismus das nur abbildet.
Aber man kann es auch so sehen: Die mediale Verdrängung macht unsere individuelle und gesamtgesellschaftliche Verdrängung erst möglich.

Es geht bei alledem  nicht um Schuldfragen, es geht darum, strukturelle Probleme zu verstehen

Dies und das um Hebel für Veränderung zu identifizieren –  Klimabürgerräte zeigen, dass die unterschiedlichsten Menschen bereit sind, vermeintlich radikale Klimaschutzmaßnahmen mitzutragen, wenn sie sich des Ausmaßes der Krise bewusst sind und darüber aufgeklärt wurden, welche Veränderungen nötig und effektiv sind.
Journalismus kann das auf gesamtgesellschaftlicher Ebene reproduzieren und so dazu beitragen, dass wir unsere Lebensgrundlagen erhalten, so gut es gerade noch geht.

Indem wir Kontext geben und Fakten und Meinungen konsequent einordnen. Indem wir aufgeklärte Debatten ermöglichen, und damit informierte Entscheidungen. Indem wir uns selbst weiterbilden und unsere Arbeit kritisch hinterfragen.
Einfach indem wir unseren Job machen.

Alsdann …

Juli 2023 | Allgemein, Essay, In vino veritas, Junge Rundschau, Politik, Sapere aude, Senioren, Wirtschaft, Wissenschaft | Kommentieren