Männlich, ohne reiche Eltern, mit Zuwanderungsgeschichte? Für eine Bildungskarriere in Deutschland sind das keine guten Aussichten. Das zeigt der neue »Chancenmonitor«. Doch Fachleute sagen: Es gibt Auswege: Erfolgreiche Bildungskarrieren beruhen in Deutschland nicht unbedingt auf dem Talent und dem Leistungswillen der Kinder und Jugendlichen. Das belegt einmal mehr der »Chancenmonitor 2023«, den das Münchner ifo-Zentrum für Bildungsökonomik am Dienstag vorgestellt hat.

Die Studie untersucht systematisch Aspekte der Bildungsungleichheit und kommt zu einem deutlichen Fazit: Viele Kinder haben aufgrund ihrer Herkunft keine echte Chance auf eine gerechte Bildungsteilhabe.
»Kinder können ihren familiären Hintergrund – Aspekte wie Herkunft, Wohlstand oder Bildungshintergrund der Eltern – nicht selbst beeinflussen«, sagt Ludger Wößmann, Leiter des ifo-Zentrums für Bildungsökonomik: »Ihre Chancen im Leben sollten davon aber unabhängig sein.« Dass die Bildungsungerechtigkeit in Deutschland groß ist, zeigen auch frühere Untersuchungen – nicht zuletzt die Pisa-Studien seit der Jahrtausendwende. Der »Chancenmonitor«, der im Auftrag der Hilfsorganisation »Ein Herz für Kinder« erstellt wurde und zukünftig jährlich aktualisiert werden soll, unterstreicht diese Befunde mit aktuellen Daten.

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Die Studie zeigt dabei drastische Unterschiede,
die sich vor allem aus den familiären Voraussetzungen der Kinder ergeben:

Ein Kind mit alleinerziehendem Elternteil ohne Abitur, aus dem untersten Einkommensviertel und aus einer migrantischen Familie, besucht mit einer Wahrscheinlichkeit von 21,5 Prozent ein Gymnasium.

Sind dagegen beide Eltern im Alltag verfügbar, die zum oberen Einkommensviertel gehören und keine Migrationsgeschichte haben, liegt die Wahrscheinlichkeit einer Gymnasiallaufbahn bei 80,3 Prozent.

Diese schulische Weichenstellung hat massive Auswirkungen: »Im Durchschnitt erzielen Menschen mit Abitur ein um 42 Prozent höheres monatliches Nettoeinkommen als Menschen ohne Abitur«, schreiben die Bildungsökonomen. Auch die Lebenszufriedenheit und die Lebenserwartung steigen mit den Bildungsabschlüssen.

Aber auch das Geschlecht der Kinder spielt eine Rolle: »Der Anteil an Jungen, die ein Gymnasium besuchen, liege 6,9 Prozentpunkte niedriger als der von Mädchen, heißt es im Chancenmonitor. Ludger Wößmann spricht von »einer deutlichen Benachteiligung der Jungen«.

 

Für den Bericht wurden Daten aus dem Mikrozensus von 2019 genutzt. In der Stichprobe sind Informationen von über 50.000 Kindern und Jugendlichen im Alter von 10 bis 18 Jahren enthalten, unter anderem zum Schulbesuch und zur familiären, sozialen und wirtschaftlichen Situation.

»Der Bildungshintergrund der Eltern, aber auch Einkommen und Alleinerziehendenstatus schlagen besonders stark zu Buche«, schreiben die Bildungsfachleute. Der Migrationshintergrund wirke sich zwar auch aus, aber wesentlich weniger stark als die anderen Merkmale.

Mehr Frühförderung, längeres gemeinsames Lernen

Aus ihren Befunden leiten die Bildungsökonomen klare politische und gesellschaftliche Handlungsaufforderungen ab. »Es ist alles andere als unumstößlich, dass das alles so bleiben muss«, sagt Wößmann. Man dürfe dann allerdings nicht »mit der Gießkanne losziehen und Geld verteilen«, sondern müsse gezielt da fördern, wo es besonders notwendig sei.
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Der ifo-Forscher nannte als Beispiel einen Sozialindex, nach dem Schulen mit besonderen Herausforderungen mehr Geld erhalten als Schulen in gutbürgerlichen Wohnvierteln. Das ist auch die Idee des Startchancen-Programms von Bund und Ländern, das allerdings erst 2024 starten und nur ausgewählte Schulen betreffen soll.

Mai 2023 | Allgemein, Essay, In vino veritas, Sapere aude, Forschung | Kommentieren