An einem Mittwoch im Februar sackte ich weinend am Lehrerparkplatz zusammen. Auch sie wollen ihn nicht, dachte ich. Seit Monaten befand ich mich auf der Suche nach einer neuen Schule für meinen Sohn,hatte mehr als 30 in Hamburg abtelefoniert. Der Schulleiter eben war wieder nur eilig über die Zeugnisse und Arztberichte geflogen. „Tut mir leid“, sagte er in einem Ton, der klarmachte, dass das nicht stimmt. „In unserer fünften Klasse sind schon einige auffällige Kinder. Da können wir Ihren Sohn nicht auch noch aufnehmen.“
Mein Sohn hat eine Autismus-Spektrum-Störung, eine Konstitution, bei der es Betroffenen schwerfällt, Reize zu verarbeiten und soziale Regeln zu verstehen. Mit der Diagnose ist er eines von etwa 568 000 Schulkindern in Deutschland mit sonderpädagogischem Förderbedarf. In mindestens einem der Bereiche Sehen, Hören, Lernen, körperliche und motorische Entwicklung, geistige Entwicklung, emotionale oder soziale Entwicklung brauchen diese Kinder mehr Unterstützung, als dies im Regelsystem deutscher Schulen vorgesehen ist. Sie alle haben ein Recht darauf, die Förderung an einer allgemeinbildenden Schule zu erhalten. Zumindest theoretisch.
Praktisch ist das deutsche Schulsystem auf die Teilung der Kinder ausgerichtet.Nach der Grundschule ist es mit dem gemeinsamen Lernen vorbei.Ich will aber nicht,dass mein Sohn aussortiert wird, ich will, dass er eine Chance bekommt. Deshalb mache ich mich auf die Suche. Woran scheitert die Inklusion hierzulande? Und was bräuchte es, damit sie endlich gelingt, auch für meinen Sohn?
Inklusive Bildung von früh an sei sehr wichtig,um allen Kindern eine gleichberechtigte Teilhabe und mehr Chancen zu ermöglichen,lässt Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger, FDP, lapidar wie pflichtschuldig ausrichten.Und fügt hinzu, „dass immer noch große Herausforderungen auf dem Weg zu einem durchweg inklusiven Bildungssystem bestehen“.
Große Herausforderungen? Für mich als Mutter eines behinderten Kindes eine bizarre Untertreibung. Weitere Fragen, etwa welche Hilfen Schulen zur Verfügung gestellt werden sollen, um den inklusiven Bildungsauftrag umzusetzen,oder wie man den inklusiven Gedanken im Lehramtsstudium zu verankern gedenkt, blockt das Bundesministerium ab. Bildung und Inklusion seien Ländersache.
Allerdings gibt es zwischen den Ländern,Inklusion betreffend,große Unterschiede. 2020/2021 besuchten in Bremen 91,1 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine inklusive Schule; in Bayern waren es nur 33,3 Prozent.Dabei belegen Studien, dass sich inklusiver Unterricht positiv auf das kognitive Lernen auswirkt. 2012 berechnete Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm für die Bertelsmann Stiftung, dass Deutschland ab dem Jahr 2021 für inklusive Bildung 660 Millionen Euro jährlich benötige,um Kinder mit Behinderung zu fördern und Schulgebäude behindertengerecht umzugestalten.Zehn Jahre danach gibt es keinerlei Information, wie viele zusätzliche Lehrerstellen im Zuge der Inklusionsbemühungen besetzt wurden. Auch keine Angaben über die inklusionsbedingten Ausgaben für den Schulbau.
Die Datenlage sei,so Klemm,„insgesamt unübersichtlich“. In den allgemeinbildenden Schulen, dazu gehören Förderschulen, arbeiteten im Schuljahr 2020/21 insgesamt 62 000 Lehrkräfte mit sonderpädagogischer Lehramtsprüfung.Allein in den Förderschulen waren im gleichen Schuljahr aber 69 000 Lehrkräfte beschäftigt. Das heißt: In Förderschulen arbeiten auch Lehrkräfte, die keine sonderpädagogische Lehramtsprüfung haben. Ein Problem,wie Nele McElvany,Professorin am Institut für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund, ausführt: „Die Heterogenität in den Klassenzimmern wird größer. Es braucht unterschiedliche Förderung und dafür gezielte Konzepte. Wie es den Kindern wirklich geht, ob wir auf dem richtigen Weg sind, wissen wir in vielen Fällen nicht.“
Bei uns ging es im Kindergarten los. Mein Sohn war anders, sprachgewandt, noch vor seinem ersten Geburtstag streckte er seine Hände nach dem Schlüssel aus,den ich ihm hinhielt, und sagte „Schlüssel geben“. Da konnte er sich weder drehen noch aufsetzen. Auch brauchte er viel Bewegung, rannte auf dem Spielplatz von einer Seite zur anderen, über Stunden. In der Vorschule saß er weinend unter dem Tisch und hielt sich die Ohren zu, weil ihn die Reize überforderten.Ich suchte Rat, konstruktive Vorschläge gab es kaum. Eine Erzieherin riet zu mehr Sport. Dabei ging er zu dem Zeitpunkt schon zweimal pro Woche in den Fußballverein und fast täglich auf den Spielplatz.Eine andere Lehrerin mahnte, ich solle das Kind nicht so verwöhnen, es müsse sich anzupassen lernen. Ein Arzt sagte, ich solle mir keine Sorgen machen. Jungs seien wild und bräuchten viel Bewegung. Gerade wenn sie nur bei der Mutter aufwachsen.
In der Schule reagierten Lehrer mit Vorwürfen, schlechten Noten, Strafarbeiten und Nachsitzen, andere suspendierten meinen Sohn gleich vom Unterricht. Den Stoff bereitete ich ihm auf, ab der ersten Klasse. Holte ihn von der Schule ab, fotografierte die Tafel, auf die der Lehrer die Aufgaben gekreidet hatte, formulierte Arbeitsblätter um und schrieb Listen zum Abhaken,damit er wusste,welche Materialien er für welches Fach nutzen musste. Listen auch,die ihm soziale Regeln erklärten. Dass er im Morgenkreis sitzen bleiben möge, auch wenn ihn die Urlaubserzählungen anderer wieder sehr langweilten.
Mein Sohn bekam Physiotherapie, Ergotherapie und Heilpädagogik. Der Kinderarzt rollte erst milde, dann immer genervter mit den Augen, wenn wir bei ihm auftauchten. In der dritten Klasse, mein Sohn war neun, fragte mich ein Arzt: „Haben Sie schon an Autismus gedacht?“ Nach zehn weiteren Terminen, in denen Intelligenz und Sozialverhalten getestet wurden, bestätigte sich der Verdacht zur Diagnose der Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), in Kombination mit hohem IQ und einer verlangsamten Verarbeitungsgeschwindigkeit. Entgegen den Klischees, die Filme über Autismus reproduzieren, hat mein Sohn aber Freunde und verabredet sich gern. Außerdem war er in der Schule nie aggressiv. Das ist ein Problem, wie ich erfahren sollte.
In der Schule war man überfordert. Die Lehrer bestraften den Jungen mit schlechten Noten und Nachsitzen
Besuch bei Julia Schmidt*, seit 13 Jahren Lehrerin an einer Grundschule in Norddeutschland.„Ich habe schon Kinder gebeten, etwas kaputt zu machen, damit sie Unterstützung bekommen“, berichtet sie. Für die Hilfsbewilligung sei aggressives Verhalten ein wichtiges Kriterium. „Ich hatte einen Schüler, bei dem das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) festgestellt wurde. Er war verträumt und folgte dem Unterricht kaum.Da er aber niemanden angriff, wurde eine Schulbegleitung abgelehnt.“ Einmal habe sie mit der Mutter und ihm im Klassenraum gestanden.„Wir bettelten den Jungen an: Reiß kräftig an den Gardinen! Wenn sie herunterfallen und etwas kaputt geht, bekommst du Hilfe in der Schule.“ Der Junge wollte nicht. Aggression lag nicht in seiner Natur.
2009 bekam Julia Schmidt ihre erste eigene Klasse,ein Kind fiel auf, kletterte über Stühle und Bänke,war aggressiv.Der Klasse wurde schließlich eine Sonderpädagogin zugeordnet,groß waren die Erwartungen.Die Frau sei aber pro Woche nur für zwei Stunden gekommen und nicht nur für das eine Kind, sondern für alle zuständig gewesen. Julia Schmidt sagt: „Es muss etwas passieren, sonst läuft alles gegen die Wand. Alle sind völlig am Ende, die Lehrer, die Sonderpädagogen.“
Auch an der Grundschule meines Sohnes gab es eine Sonderpädagogin,zuständig für 350 Kinder. In der vierten Klasse bekam mein Sohn Unterricht von ihr, eine Stunde je Woche,gemeinsam mit einem Kind mit Aggressionen,einem mit Legasthenie und drei anderen,deren Diagnosen ich nicht kannte. Im Lockdown fiel auch diese eine Stunde wochenlang weg und wurde durch einen Förderkurs ersetzt, den ein Studierender ohne pädagogischen Hintergrund abhielt.
Was mich als Mutter verzweifeln lässt, kann sich für die Sonderpädagogen und Schulsozialarbeiter auch nicht gut anfühlen. Ich spreche Petra Förster*,Schulsozialarbeiterin aus Brandenburg, die an drei Schulen mit Kindern zwischen sechs und 16 Jahren arbeitet, als Zusatzkraft, die einen hauptberuflichen Sozialarbeiter unterstützt. „Ich habe viel zu viele Kinder,für die ich zuständig bin. Ich muss aufpassen, dass ich nicht die ganzen Fälle durcheinanderkriege“, erzählt sie. Petra Förster ist als Sozialarbeiterin eigentlich Vermittlerin zwischen Kind,Eltern,Schule und Behörde. Im Unterschied zu den Sonderpädagogen, die sich mit Kindern mit Behinderungen schwerpunktmäßig auskennen, hat sie die ganze Klasse im Blick. Könnte sie zumindest haben. „Die Lehrer wollen mich aber in den Klassen nicht haben“,sagt sie. Sie dürfe keinen Vertretungsunterricht geben, die Lehrer nicht in der Klasse unterstützen. Auch Kontakt zu Eltern aufnehmen soll sie nicht, angeblich aus Datenschutzgründen. „Wenn es mit einem Kind Probleme gibt,darf ich nur eine Mitteilung ins Hausaufgabenheft schreiben und die Eltern so zu einem Gespräch einladen.“Die Kontaktaufnahmeversuche blieben meist erfolglos, auch weil die Eltern nicht verpflichtet seien, mit Förster zu reden.
Mehrfach sei ihr vom Jugendamt verboten worden, Eltern über die Behinderung ihrer Kinder und vor allem über die damit verbundenen Rechte aufzuklären,so Förster. Kinder mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf haben ein Recht auf einen Nachteilsausgleich, indem ihnen etwa mehr Zeit für Klassenarbeiten oder Schreiben am Computer erlaubt wird.Sie haben ein Recht auf eine Schulbegleitung.Diese Hilfen sind teuer. Wenn sie den Eltern nichts von den Möglichkeiten erzählt,stellen die keinen Antrag,und die Behörde spart Geld. „Ausbaden müssen das die Kinder“,sagt Förster.
Was nur,wenn mein Sohn keine Schule findet? Diese Frage habe ich mir oft gestellt. Christine Finke hat genau das erlebt.Die Alleinerziehende, 56, lebt mit ihren drei Kindern in Konstanz. Ihre jüngste Tochter Polly* ist Autistin.Die vergangenen vier Jahre verbrachte sie fast ausschließlich zu Hause. In der ersten und zweiten Klasse habe es empathische Lehrer gegeben,erzählt Finke. In der dritten Klasse kam eine neue Lehrerin, die sagte, bei ihr seien alle Kinder gleich. „Für Kinder wie meines ist so eine Aussage aber fatal“, so Finke. Polly reagierte mit Ängsten,mit Kopfschmerzen,weinte in der Schule unter dem Tisch und musste oft früher abgeholt werden. Hielt sie doch mal ihre Impulse zurück, brach es zu Hause aus ihr heraus. Dann biss und trat sie die Mutter, schrie jeden Tag mehrere Stunden. Die Schulbegleitung, die zugeteilt wurde,war keine Fachkraft, Polly akzeptierte die fremde Frau nicht.Sie versuchte,in die Schule zu gehen, und scheiterte, oft schon auf dem Weg. Weil es vielleicht eine neue Baustelle gab oder das Schulgebäude zu stark nach Putzmittel roch.Reize,die Autisten überfordern können.Irgendwann blieb Polly nur noch die Fernschule. Diese Beschulung ist immens teuer, für manche aber die letzte Chance, den Kindern Teilhabe zu ermöglichen. „Sie bekommt jede Woche Aufgaben, die sie erledigen muss. Noten gibt es keine“, so Finke. Schwierig bleibt es gleichwohl, weil sie Aufgaben umformulieren muss.Für einen Job hat Finke kaum noch Zeit. Sie opfert sich auf,für ihre Tochter,deren größter Wunsch ein Schulabschluss ist. „Ich möchte Synchronsprecherin werden“,sagt Polly.Die Tochter einer anderen Mutter, die ich spreche, wollte einst Kinderärztin oder Erzieherin werden. Heute faltet sie Prospekte in einer Werkstatt für behinderte Menschen.
Ich hoffe so sehr, dass die Träume meines Sohnes nicht platzen. Von seinem Taschengeld hat er sich eine Kamera erspart. Jede freie Minute nutzt er, um Drehbücher zu schreiben, Filme zu drehen. Einer davon wurde neulich im Kinderprogramm des Kurzfilmfestivals Hamburg gezeigt. Außerdem liebt er Musicals.
Seit 2020 spielte er in „Tina“mit,dem Musical über das Leben von Tina Turner, im Operettenhaus an der Reeperbahn. Er wird da akzeptiert, wie er ist,die Trainer sind eine große Unterstützung. Warum kann es so nicht auch in der Schule laufen?
Für meinen Sohn wäre eine Schulbegleitung eine Lösung.Die Vorstellung,dass sich jemand um seine Bedürfnisse kümmert,ihm hilft,in der Klasse zurechtzukommen,finde ich beruhigend. Ich spreche mit Meike Peters*, einer gelernten Zahnarzthelferin, Mutter von zwei Kindern. Seit sechs Monaten arbeitet sie als Schulbegleiterin in Rheinland-Pfalz. Sie gilt als engagiert, eines Tages fragte die Lehrerin ihres Sohnes deshalb, ob sie in einer anderen Klasse einem Kind helfen wolle. Meike Peters bewarb sich beim Träger, wurde genommen. Zwei Stunden am Tag begleitet sie seither den Zweitklässler. „Wenn die Lehrerin mir erzählt, dass der Junge schon fünf Mal gefragt hat, wann ich endlich komme, geht mir das Herz auf“, sagt sie. Aber: Finanziell lohnt der Einsatz kaum. Laut Verdi erhalten ungelernte Kräfte oft bloß den Mindestlohn, nur Facharbeiter werden mit 2300 bis 4500 Euro brutto besser bezahlt.Tarifverträge gibt es bei vielen Trägern keine. Meike Peters sagt, sie bekomme zwölf Euro für jede Stunde, die sie das Kind begleitet. Ohne ihren Mann, der ein geregeltes Einkommen hat, könnte sie die Arbeit nicht machen.
Nicht minder problematisch, allerdings für die Elternseite, ist der bürokratische Marathon. Familien müssen einen Antrag stellen, mit dem das Jugendamt bei Trägern anklopft, zum Beispiel dem Roten Kreuz oder der Caritas. Die wiederum haben oft keine Leute, sondern müssen eine Stelle dafür ausschreiben. So kann es Monate dauern, bis ein Kind Hilfe kriegt. Als Mutter weiß ich aber, dass sich schon jede Woche ohne richtige Beschulung drastisch auswirkt.
„Wenn Eltern den Antrag stellen, schicken wir ein Standardschreiben raus“,berichtet Johanna Wolf*,Sozialpädagogin im Jugendamt einer Stadt in Rheinland-Pfalz. In der Folge seien die Familien Monate damit beschäftigt,Gutachten und Arztberichte einzuholen,in denen stehen muss, dass eine Entwicklungsverzögerung um mehr als sechs Monate im Vergleich zum gesunden Kind vorliege. In dem Antrag gibt es außerdem einen Bereich,wo der Lehrer einträgt, was er getan hat, um den Schüler zu fördern. „Bleibt dieser leer, dürfen wir keine Schulbegleitung bewilligen“, so Johanna Wolf. Manchmal trickse sie. Bewilligt „Hilfen zur Erziehung“ anstelle einer Schulbegleitung,deren Antragstellung gehe fixer. Ich bin konsterniert: Ein System, so träge und auf Abwehr programmiert,dass es nur funktioniert, wenn die,die darin arbeiten,schummeln. War es das mit der Inklusion?
Ein träges Schulsystem, so sehr auf Abwehr gebürstet, dass es nur funktioniert, wenn die darin Arbeitenden schummeln
Nein! Am Ende finde ich zumindest einen Ort der Hoffnung, ein Erbaulichkeitsbeispiel, die Paula-Modersohn-Schule in Bremerhaven. Ein Sommermittwoch, Jannick, 13, läuft herbei. Auch er ist Autist. Gerade ist er auf dem Weg in die Lego-Werkstatt der Nachmittagsbetreuung.Jannick setzt sich auf ein Podest und beginnt, mit den anderen eine Stadt zu bauen. Kinder der fünften bis siebten Klasse und der achten bis zehnten Klasse lernen an der Paula-Modersohn-Schule in Gruppen zusammen. Jedes Kind arbeitet in seinem Tempo und hat ein Logbuch, in das es die Ergebnisse einträgt. Lehrer überprüfen den Lernfortschritt. „Ich unterrichte 22 Kinder. Jedes arbeitet an anderem Material“, erzählt die Mathelehrerin. In ihrer Stunde sitzen Anna, die sich dem Thema Rauminhalte widmet, Thorge, der sich mit Formen beschäftigt, und neben der Tür Max* mit seiner persönlichen Assistenz. Er sortiert farbige Autos auf einer Tafel.
Überall hier ist zu erkennen, dass es sich um eine besondere Einrichtung handelt. Im ersten Stock gibt es eine spezielle Lichtanlage, in einem großen Raum, von dem die Klassenzimmer abgehen. Die Beleuchtung passt sich der Lernsituation der Kinder und der Tageszeit an. Bänke lassen sich ausziehen und zusammenschieben, in einer Ecke federt ein Pavillon Schall ab. Neben Klassenräumen, die für hörbeeinträchtigte Kinder mit Lautsprechern und Mikrofonen ausgestattet sind, gibt es einen Ruheraum, mit Kissen und Holzburg. Einen Bewegungsraum mit Stoffbausteinen und Hängeschaukel. Und überall stehen die Türen offen. Die Lehrer und Sonderpädagogen unterstützen sich gegenseitig, arbeiten stets zu mehreren in einem Klassenzimmer.
Ja, auch Jannicks Schulstart war einst schwierig, vieles, was er und seine Mutter erzählen, deckt sich mit meinen Erfahrungen. In der Grundschule hielt er sich die Ohren zu, ein erster Versuch mit Schulbegleitung scheiterte daran, dass die keine Bindung zu ihm aufbaute. Aber Jannicks Mutter strahlt, wenn sie von der Entwicklung des Sohnes seither erzählt.Das sei der Verdienst der Schule und der seiner Schulbegleitung,die ihm für 32 Stunden pro Woche zur Seite steht.
Ich frage den Schulleiter,Joachim Wolff, was es braucht, damit Inklusion gelingt. „Vor allem den Willen, alle Kinder zu unterrichten“, antwortet er.„Es gibt viele,die sagen,sie bräuchten mehr Geld, Lehrer, Sonderpädagogen und Platz. Und das stimmt auch. Gerade der Lehrermangel macht unseren Alltag oft schwer.“ Er könne aber nicht darauf warten,bis die Lehrerstellen in Bremerhaven wieder ausgeglichen sind, das dauere bis 2035. Sonst gingen Generationen von Kindern verloren, die nicht die Bildung erhielten, die sie verdienen. „Wir feiern an unserer Schule die Verschiedenheit, alle sollen ohne Angst verschieden sein dürfen.Das erfordert auch,dass jeder in seinem Tempo und nach seinen Möglichkeiten lernen können muss“, sagt Wolff.
Vielleicht kann ich eines Tages sagen,dass es auch für meinen Sohn funktioniert hat. Vor Kurzem ist er auf eine Schule gewechselt,die ähnlich arbeitet wie die von Jannick. In den Ferien hatte mein Sohn zu Hause einen Kalender, der ihm anzeigte, wann es losgeht. Jeden Tag riss er ein Blatt ab. Er hat sich so sehr auf die Schule gefreut. Hoffentlich freut sich die Schule auch auf ihn.
*Name von der Redaktion geändert
Als ein Lehrer ihren Sohn an der Pulloverkapuze aus der Klasse schleifte, weil der nicht gespurt hatte, war für Sarah Wiedenhöft klar, dass sie eine neue Schule suchen muss. An der, die sie fand, soll alles besser werden …