Die Experten warnen in ihrem Aufruf sogar vor „sozialem Unfrieden“ Weiterer heftiger Gender-Rückschlag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Rund 90 Sprachwissenschaftler und Philologen haben einen Aufruf gegen die „Gendersprache“ („Kund*innen“) unterschrieben. Sie fordern: Schluss damit.

▶︎ Unter den Unterzeichnern: Mitglieder des Rates für deutsche Rechtschreibung, der Gesellschaft für deutsche Sprache und des PEN-Zentrums sowie etliche renommierte Sprachwissenschaftler (etwa Grammatik-Expertin Prof. Gisela Zifonun, Prof. Martin Neef von der TU Braunschweig und Dr. Olaf Krause vom Deutschen Rechtschreibrat).

Initiator ist Germanist Fabian Payr (60). Payr zu BILD: „ARD und ZDF sollten die Sprachwissenschaft zur Kenntnis nehmen.“

Germanist Fabian Payr (60)

Germanist Fabian Payr (60)

Foto: Paul Müller

Er wirft den Sendern vor, sich in Diskussionen stets von einzelnen Befürwortern die gewünschte Meinung liefern zu lassen. Die Berichterstattung über das Gendern sei „vielfach tendenziös“ und diene im Wesentlichen der Legitimation des eigenen Genderns. Kritiker würden nicht selten als reaktionär, unflexibel und frauenfeindlich geschildert.

Und: „Mit dem Gendern senden sie völlig am Publikum vorbei. Umerziehung hat mit dem Programmauftrag nichts zu tun.“

SCHÜLER LEHNEN ES ABGender-Klatsche für Bayerischen Rundfunk

Schüler lehnen es ab: Gender-Klatsche für Bayerischen Rundfunk
05:04
Quelle: BILD 28.07.2022

„Eine Kunstsprache“

Gendersprache sei „eine Kunstsprache“. Auch in den Sprachwissenschaften gebe es Gender-Aktivisten. Payr: „Diese können nicht für die Wissenschaft allgemein sprechen. Aber sie sind politisch aktiver und lauter. Dem wollen wir uns entgegenstellen, um deutlich zu machen, dass es in der Sprachwissenschaft keinen Konsens für das Gendern gibt. Trotzdem wird manchmal dieser Eindruck erweckt. Jetzt formiert sich Widerstand auch in der Wissenschaft!“

Payr warnt: „Das Gendern sorgt für erheblichen sozialen Unfrieden, spaltet die Gesellschaft.“ Ein Grund: Die Gendersprache werde „mit moralisierendem Gestus“ verbreitet.

BILD-BUNDESTAGSEXPERTE CARL-VICTOR WACHS„Punktabzug für den Scrabble-Gender-Stein“

BILD-Bundestagsexperte Wachs: „Punktabzug für den Scrabble-Gender-Stein“
Quelle: BILD 20.04.2022

Die Ansicht von Gender-Befürwortern, dass das generische Maskulinum (etwa: „Radfahrer“ statt „Radfahrer*innen“ oder „Radfahrende“) Menschen ausschließe, weisen die Sprachwissenschaftler zurück.

Rundfunk dürfe Wunsch der Mehrheit
nicht ignorieren

Die Sprachverwendung des Rundfunks sei, so die Experten, „Vorbild und Maßstab für Millionen von Zuschauern, Zuhörern und Lesern“. Daraus erwachse für die Sender die Verpflichtung, sich in Texten und Formulierungen an geltenden Sprachnormen zu orientieren und mit dem Kulturgut Sprache „regelkonform, verantwortungsbewusst und ideologiefrei“ umzugehen.

Im Aufruf wird darauf hingewiesen, dass mehr als drei Viertel der Medienkonsumenten Umfragen zufolge den etablierten, ganz normalen Sprachgebrauch bevorzugten – der Rundfunk dürfe den Wunsch der Mehrheit nicht ignorieren.

Die Unterzeichner argumentieren sprachwissenschaftlich. Es gebe im Deutschen einen Unterschied zwischen Genus und Sexus – also grammatischem und natürlichem Geschlecht. So sei etwa „die Person“ nicht automatisch weiblich, obwohl ein weiblicher Artikel vor dem Wort steht.

Die Forscher sind in Sorge um die Wissenschaft selbst

Die Forscher verlangen nicht nur eine „kritische Neubewertung des Sprachgebrauchs in Runfunk- und Fernsehanstalten auf sprachwissenschaftlicher Grundlage“. Sie sind auch in Sorge um die Wissenschaft selbst.

▶︎ Payr: „Aus den Reihen der Identitätspolitik werden Prinzipien der Wissenschaft infrage gestellt. Wissenschaftliche Erkenntnisse müssen immer einer Überprüfung standhalten. Das ist geradezu das Wesen der Wissenschaft.“

▶︎ Seine Forderung: „Wir müssen zum sachlichen und wissenschaftlichen Kern der Debatte zurückkehren und nicht ständig von einer moralischen Ebene aus argumentieren.“

Sep. 2022 | In Arbeit | Kommentieren

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