Geht es nach dem Willen der Ampelparteien, könnte Cannabis in Deutschland schon bald legal werden. Doch was sollte man bei der Legalisierung beachten? Welche Folgen sind zu erwarten? Und wie wirkt sich der steigende THC-Gehalt in Cannabisprodukten dabei aus?
Ein Gespräch mit der promovierten Psychologin Eva Hoch, die seit fast 20 Jahren die psychischen, körperlichen und sozialen Auswirkungen des Cannabiskonsums untersucht. Welche Chancen und Risiken sieht sie in der geplanten Legalisierung?

Frau Hoch, im Koalitionsvertrag zwischen SPD, Grünen und FDP ist die Legalisierung von Cannabis verankert. Dort heißt es: »Wir führen die kon­trollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu ­Genusszwecken in lizenzierten Geschäften ein. ­Dadurch wird die Qualität kontrolliert, die Weitergabe verunreinigter Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet. Das Gesetz evaluieren wir nach vier Jahren auf gesellschaftliche Auswirkun­gen.« Was sagen Sie als Cannabisforscherin dazu?

Spannende Zeiten!

Die Diskussion um die rechtliche Bewertung von Drogen wie auch ihrer Risiken begleitet uns als Gesellschaft ja schon lange. Die Legalisierungsdebatte wird sehr hitzig geführt und polarisiert. Das Thema Cannabis scheint die Gesellschaft zu spalten: Entweder ist die Substanz gut oder schlecht. Und entweder ist man für eine Legalisierung oder dagegen.

Bislang sind wenige Details bekannt, wie die neue Bundesregierung Cannabis legalisieren will. Es gibt einen älteren Gesetzentwurf der Grünen zur kontrollierten Abgabe von Cannabis in lizenzierten Geschäften. Ob die Droge dann in Shops oder Apotheken gekauft werden kann, wer sie herstellen und vertreiben wird, wie der Jugendschutz sichergestellt werden soll, all das ist bisher nicht bekannt. Zudem müssen Bundestag und Bundesrat dem Gesetz noch zustimmen. Ich sehe meine Aufgabe darin, in diesem emotionalen Spannungsfeld Daten zu liefern und die Diskussion zu versachlichen. Ich bin international gut vernetzt mit anderen Forschergruppen und beobachte auch die Entwicklungen in anderen Ländern.

Fragen Parteien oder Regierungen Sie um Rat?

Ich werde immer wieder angefragt und bin für die WHO und die Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht tätig. Wenn Expertise zum Thema benötigt wird, liefere ich die gerne. Dabei zählt nicht meine persönliche Meinung, sondern ich gebe den wissenschaftlichen Kenntnisstand wieder. Das Bild von Cannabis ist in den letzten Jahren durch neue Erkenntnisse noch komplexer geworden.

Inwiefern?

Es geht nicht mehr nur um die Freizeitdroge, sondern auch um den Nutzen als Medizin. Seit 2017 ist die Substanz für Menschen mit bestimmten schweren Erkrankungen zugelassen, denen andere Medikamente nicht helfen. Die Hanfpflanze enthält unglaublich viele Cannabinoide, von denen man mittlerweile rund 150 kennt. Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC) ist das Hauptcannabinoid. Es kann unter bestimmten Voraussetzungen für therapeutische Zwecke verordnet werden. Es ist aber auch für die berauschende Wirkung der Droge verantwortlich und hat das Potenzial, das Gehirn und den menschlichen Körper zu schädigen.

Cannabis ist nach Alkohol und Tabak
die am dritthäufigsten konsumierte Droge der Welt

Ein weiterer wichtiger Bestandteil ist Cannabidiol (CBD). Es wird als Gegenspieler von THC angesehen, gilt als gut verträglich und nicht abhängig machend und hat zudem positive pharmakologische Effekte, die bislang jedoch kaum untersucht sind. Auch die Palette an Cannabisprodukten hat sich in den letzten Jahren immens vergrößert. Es gibt viele Möglichkeiten, CBD legal zu kaufen: als Salbe, Öl oder Blüten. Das hat die öffentliche Wahrnehmung verändert. Cannabis werden nicht nur wie früher schlechte Eigenschaften zugesprochen, sondern auch gute.

Die promovierte Psychologin widmet sich seit fast 20 Jahren den psychischen, körperlichen und sozialen Auswirkungen des Cannabiskonsums und der Cannabiskonsumstörung und berät unter anderem die WHO zum Thema. Sie war bis Ende 2021 als leitende Psychologin auf der Entgiftungsstation am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München tätig. Seit Anfang 2022 leitet sie das Institut für Therapieforschung in München.
Was sollte man bei der Legalisierung beachten?

Insgesamt muss viel mehr Geld für guten Jugendschutz, gezielte Aufklärung, die Behandlung, Weiterbildung und Forschung zur Verfügung gestellt werden als bisher. Wenn Steuereinnahmen an den Staat gehen und der Verfolgungsdruck durch die Polizei reduziert wird, ­werden Ressourcen frei. Die müssen umverteilt werden. Ein gutes Gesundheitsmonitoring, das die Auswirkungen genau erfasst, ist ebenfalls ganz wichtig. Nur so kann man sehen, ob man gegensteuern muss oder nicht.

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Als Cannabisforscherin und Psychologin ist es natürlich für mich interessant zu analysieren, wie sich der Freizeit­gebrauch durch das Gesetz verändern wird. Nehmen der Konsum und bestimmte Probleme zu? Werden mehr Menschen abhängig? Steigt die Zahl psychischer Störungen? Gibt es mehr Unfälle im Straßenverkehr? Man sollte unterschiedliche Parameter und Zielgruppen im Blick haben, etwa die Auswirkungen auf vulnerable Erwachsene und Minderjährige.
Wie hat sich der Konsum in anderen Ländern ­verändert, die Cannabis bereits legalisiert haben?
Die Zahl der jugendlichen Konsumenten in den USA hat bislang nicht wie befürchtet zugenommen. Aber mehr Erwachsene konsumieren die Substanz nun regelmäßig.

Was hat das für Folgen?

Mein australischer Kollege Wayne Hall hat dazu tolle Übersichtsarbeiten veröffentlicht. Er und sein Team ­haben die Folgen der Legalisierung von Cannabis zu medizinischen und Rauschzwecken in den USA untersucht. Sie beobachteten eine Zunahme der Drogen­notfälle wegen Cannabis, also der Einweisungen ins Krankenhaus auf Grund einer akuten Überdosis, etwa Vergiftungen bei Kindern oder zyklisches Erbrechen. Ob es auch zu mehr Verkehrsunfällen, Abhängigkeiten, psychischen Störungen, Behandlungsnachfragen und Suiziden kommt, ist bisher unklar. Dennoch sprechen die Befunde dafür, dass die Probleme insgesamt zunehmen.

Die Zahl der Cannabis­konsumenten ist in den letzten zehn Jahren um fast 18 Prozent gestiegen. Auch während der Pandemie hat der Konsum von Cannabis und Beruhigungsmitteln zugenommen

Es ist allerdings schwierig, die Daten aus verschiedenen Ländern zu interpretieren, weil unterschiedlich legalisiert wurde. In den USA variiert das von Staat zu Staat und ist teils nicht einmal innerhalb eines Bundesstaats einheitlich. Es braucht sicherlich ein Jahrzehnt oder länger, bis man die Effekte einer Legalisierung in Kanada, Uruguay und einer zunehmenden Zahl an US-Bundestaaten verlässlich abschätzen kann.

Sieht man auch positive Auswirkungen?

Erwachsene Cannabiskonsumenten werden nicht mehr kriminalisiert, die Anzahl der Drogendelikte geht zurück. Und der Staat erhofft sich davon vier Milliarden Euro zusätzliche Steuereinnahmen pro Jahr, während er weniger für die Strafverfolgung ausgibt.
Wie ist Ihre Einschätzung: Wird die Legalisierung die Lage in Deutschland verändern?

Es ist die Frage, wie die Vorhaben der Ampelkoalition genau politisch umgesetzt werden sollen. Ich kann mir vorstellen, dass der Konsum in Deutschland zunächst einmal steigt und sich dann auf einem höheren Niveau einpendelt, weil er gesellschaftlich akzeptierter wird.
43 Prozent der Menschen in Deutschland halten die Legalisierung von Cannabis für eine gute Idee. Ebenso viele lehnen sie ab

Wenn die Probleme durch Cannabis zunehmen sollten, wäre für mich entscheidend: Wie ernst nimmt die ­Regierung das? Wird beispielsweise mehr Geld für die Prävention und Behandlung ausgegeben? In den letzten Jahrzehnten wurde in dem Bereich nur wenig investiert, auch im Vergleich zu anderen psychischen Erkrankungen. Die Sucht ist immer noch in der »Schmuddelecke«. Sicherlich werden die Suchtfachgesellschaften fordern, das Thema Abhängigkeit ernster zu nehmen. Denn Cannabis ist keine harmlose Droge, ob legalisiert oder nicht.Wie die geplante Legalisierung ankommt | Die Menschen in Deutschland sind bei der Legalisierung von Cannabis zwiegespalten, das zeigt eine reprä­sentative Umfrage des Meinungsforschungs­instituts Civey von ­November 2021 für die »Augsburger Allgemeine«. Während Jüngere sie eher befürworten, stehen Ältere ihr skeptischer gegenüber.
Andere legale Drogen seien viel gefährlicher, ist ein weiteres verbreitetes Argument für die Entkriminalisierung. Vergleicht man da nicht Äpfel mit Birnen?
Alkohol und Tabak führen in Deutschland zu weit reichenden gesundheitsökonomischen Folgen und jährlich zu vielen Todesfällen, das ist gut belegt. Alkohol hat eine hohe Organtoxizität und führt zu massiven körperlichen Schäden; Tabak auch, Stichwort Krebserkrankun­gen. Das sehen wir bei Cannabis nicht. Dennoch hat die Droge ihre eigenen gesundheitlichen Risiken. Es ist wichtig, dass man die als Konsument kennt und realistisch aufgeklärt wird.

Was weiß man über die langfristigen Folgen des Cannabiskonsums?

In den letzten Jahren haben sich viele Studien und Übersichtsarbeiten mit den akuten und langfristigen ­Effekten befasst. Es ist eindeutig, dass der Konsum die Denkleistung in den folgenden Stunden beeinträchtigt. Man kann sich nicht so gut konzentrieren oder lernen, nicht klar denken und schlechter planen oder Entscheidungen treffen. Auch die Motorik ist eingeschränkt. Diese Effekte gehen zurück, wenn der Rausch nachlässt. Es gibt zudem konsistente Befunde, wonach ein dauerhafter Konsum zu anhaltenden kognitiven Funktionsdefiziten führt. Zum Beispiel verändern sich die Konnektivität, also die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Hirnregionen, sowie die Aktivitätsmuster im Gehirn bei Beanspruchung. Neuere Forschung interessiert sich vor allem dafür, was passiert, wenn eine Person abstinent wird. Studien deuten zunehmend darauf hin, dass die kognitiven Einbußen tatsächlich reversibel sein könnten. Ob das auch für Jugendliche gilt, ist allerdings bislang unklar.

Mai 2022 | Allgemein, Gesundheit, In vino veritas | Kommentieren