Grauen trägt einen neuen Namen: Butscha. Auf den Straßen der zerschossenen Ortschaft liegen ermordete Zivilisten. Ihre Hände sind gefesselt, offenbar wurden sie kaltblütig exekutiert.
Putins Kämpfer sollen in Butscha und in Nachbarorten mehr als 400 wehrlose Menschen umgebracht haben, Augenzeugen berichten von erschütternden Szenen.
Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko spricht von einem „Völkermord“ und fordert: „Für die ganze Welt und insbesondere Deutschland kann es nur eine Konsequenz geben: Kein Cent darf mehr nach Russland gehen, das ist blutiges Geld, mit dem Menschen abgeschlachtet werden.“
In Westeuropa ist das Entsetzen groß. Doch ebenso groß ist die Hilflosigkeit der Regierenden in Brüssel und Berlin. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht von „Horrorszenen“, verlangt eine „unabhängige Untersuchung“ und versichert: „Kriegsverbrecher werden zur Verantwortung gezogen.“ Ins selbe Horn stößt Annalena Baerbock. „Die Verantwortlichen für diese Kriegsverbrechen müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, fordert die Außenministerin und verspricht: „Wir werden die Sanktionen gegen Russland verschärfen und die Ukraine noch stärker bei ihrer Verteidigung unterstützen.“ Auch Bundeskanzler Olaf Scholz kündigt weitere Strafen an und verlangt: „Die Täter und ihre Auftraggeber müssen konsequent zur Rechenschaft gezogen werden.“
Verlangen, versichern, versprechen
Drei Verben mit V bestimmen den Kurs der westeuropäischen Politiker im Ukraine-Krieg. Sie reden viel, sie machen Druck, und sie handeln ja auch. Sanktionen gegen Putins Regime, Waffen für die Ukraine, langsame Abkehr von den russischen Rohstoffen. Doch all das hält den Kremlchef nicht von seinen Verbrechen ab. Im Gegenteil, er lässt seine Militärs immer blindwütiger zuschlagen. Nun haben sie begonnen, Odessa zu beschießen; offenbar wollen sie nach dem Osten auch den Süden der Ukraine besetzen. Droht der Millionenstadt am Schwarzen Meer dasselbe Schicksal wie Mariupol?
Putin wolle die Ukraine „entnazifizieren“
Das gab Putin als Grund für seinen Überfall an. Die Behauptung ist nicht nur absurd, sie kehrt sich auch gegen ihren Absender, denn Putins Soldaten verhalten sich wie einst die Killerkommandos der Nazis: Sie fackeln Schulen und Krankenhäuser ab, sie meucheln Zivilisten, sie rotten ganze Dörfer aus. Das Grauen im größten europäischen Landkrieg und in der größten Migrationskrise seit dem Zweiten Weltkrieg kommt aus dem Kreml. Dort hockt ein skrupelloser Imperialist wie einst Stalin vor seinen großrussischen Landkarten und spielt mit dem Leben Tausender Menschen.
Angesichts dieser Verbrechen erscheint es zynisch, dass Deutschland weiterhin jeden Tag Hunderte Millionen Euro für Erdgas nach Moskau überweist. Olaf Scholz, Robert Habeck und die Chefs von Industrieunternehmen können wortreich erklären, warum ein sofortiger Stopp aller Gasimporte gravierende Folgen für die deutsche Wirtschaft hätte. Trotzdem ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem selbst ein Bundeskanzler und ein Wirtschaftsminister nicht mehr an der Frage vorbeikommen: Wann ist es genug? Wann wiegt die Menschlichkeit mehr als das Geschäftsinteresse, wann ist uns auch hierzulande das Überleben der gepeinigten Ukrainer wichtiger als das Brummen unserer Wirtschaft? Leicht zu beantworten ist diese Frage nicht, eine jahrelange Rezession könnte Zigtausende Deutsche den Job und die Ersparnisse kosten, die Radikalisierung mancher Bevölkerungsteile könnte sich beschleunigen. Doch irgendwann sind die Grausamkeiten eben nicht mehr hinzunehmen, und das Massaker in Butscha könnte dieser Moment sein.
So oder so: Es kann es keine Zukunft mit Putin geben.
Ein Großteil seiner Truppen ist demoralisiert, die Berichte über Fahnenflüchtige häufen sich. Sein Regime wird vom Westen mit harten Sanktionen bestraft, seine Kriegsziele – ein Blitzsieg und der Sturz der Regierung in Kiew – sind schon jetzt gescheitert. Nun bleibt seinen dezimierten Bataillonen nur, sich mit letzter Kraft gen Osten und Süden zu wenden, um dort die Bevölkerung zu tyrannisieren, noch mehr Unheil anzurichten und die Moskauer Mafiaclique endgültig international zu desavouieren. Mit der Eroberung des gesamten Donbass und der Küstenregion versuche Putin, doch noch eine vorteilhafte Ausgangslage für Waffenstillstandsverhandlungen herauszuschlagen, vermutet der ehemalige Nato-General Hans-Lothar Domröse.
Der Krieg ist ein Desaster für Millionen Menschen in der Ukraine und auch für viele russische Soldaten sowie deren Angehörige. Aber er wird eben auch für Putin selbst zum Desaster, das seine Herrschaft beenden könnte. Wenn nicht sofort, dann vielleicht in einigen Monaten, wenn nicht in einigen Monaten, dann in einigen Jahren. „Er wird die Macht abgeben müssen“, sagt der frühere Leiter der Russland-Abteilung des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, Christopher Steele. Selbst die Komplizenschaft mit China und Indien wird das Land nicht vor dem wirtschaftlichen Niedergang bewahren – und natürlich gibt es in der russischen Kleptokratie eine Menge Leute, denen das nicht gefällt, weil sie Geld und Einfluss verlieren. Sie werden irgendwann versuchen, den strauchelnden Mafiaboss loszuwerden.
Putin wollte sich zum neuen Zar aufschwingen, der das russische Reich in seinen alten Grenzen wiederherstellt, indem er andere Völker unterjocht. Nun ist er drauf und dran, nicht nur als Kriegsverbrecher, sondern auch als einer der größten Versager der Weltgeschichte zu enden. Wer auch immer nach ihm kommt, wird eine Lehre daraus ziehen. Wenigstens darin liegt ein Hoffnungsschimmer.