- Neue Rundschau - https://rundschau-hd.de -

Die Filmkolumne: Über das Unaussprechliche – „Die Brüder der Nacht“

[1]In Patric Chihas filmischer Doku „Brüder der Nacht“ – entwerfen Roma-Jungs, die in Deutschland als Stricher Geld für ihre Familien in Bulgarien verdienen, ein wackeliges Selbstbild.
Biene Pilavci sucht mit ihrer Doku „Alleine Tanzen“ nach Erklärungen für die Familienhölle, in der sie und ihre Geschwister aufwuchsen.
Diese jungen Männer sind „Matrosen der Nacht, gestrandet im Hafen von Wien“.

Aufenthalt auf unbestimmte Zeit, doch ist es fraglich, ob Zeit hier überhaupt als fester Anhaltspunkt taugt. Was sie tun, hat viel mit Warten zu tun, und Warten hat viel mit Rauchen zu tun. Zigaretten, eine nach der anderen, halten Stefan, Yonko, Vassili, Vasko, Asen, Nikolay und ihre Freunde wach und wachsam. Stefan ist der am meisten getriebene Charakter. Er raucht intensiv aus der Handfläche heraus und mustert nach jedem Zug seine Kippe. Diese Nacht hat kein Ende. Stillstehende Atmosphäre, durchsetzt von Verführung und Verzweiflung, von Ungezwungenheit und Anspannung. Wie die vielen Seitenflächen einer Discokugel blitzen unterschiedliche Männlichkeitsbilder im schillernd subtilen Spiel abwechselnd auf. „Brüder der Nacht“ von Patric Chiha handelt von jungen Roma-Männern aus Bulgarien, die auf der Suche nach einem Job ein Tabu brechen und fortwährend Kompromisse mit sich selbst aushandeln.
Ein Spektakel von Selbstliebe und Selbsthass, von Resignation und Eitelkeit.

Rüdiger heißt die Stricherbar, in der sie den Freiern ihre sexuellen Dienste anbieten. Die Kabinen bleiben im Off. Noch weiter im Off, in Bulgarien, gibt es Ehefrauen und Kinder. Dort, wo die Protagonisten herkommen, heiratet man oft schon mit sechzehn. Die prekäre Traditionen und die Armut ihrer Familien treiben die Männer häufig in existenzielle Fallen, wie zum Beispiel diese: Sie beschaffen das Geld, versorgen die Verwandtschaft und nehmen an dem Leben „dort drüben“ ansonsten so gut wie gar nicht teil. Ein Film ganz ohne Frauen, auch geredet wird über sie kaum. Was es stattdessen gibt: viel naiv vulgäres Zeug über Potenz und Wohlstandsträume. Hundert, hundertfünfzig Euro, darunter hat es natürlich noch niemand getan – die Jungs übertreiben gern, wenn sie über ihre Blowjob-Tarife berichten. Im repetitiven Charakter dieser Gespräche wird die Frustration spürbar.

„Brüder der Nacht“ wurde 2016 auf der Duisburger Filmwoche mit dem 3sat-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet. Als eine Reise vom Dokumentar- zum Spiel- zum Dokumentarfilm bezeichnet der aus Österreich stammende Patric Chiha die Arbeit am Projekt. „Brüder der Nacht“ hat auch etwas von einem Theaterstück.

Von Rainer Werner Fassbinders „Querelle“ leiht Chiha Matrosenmützen, das ästhetische Programm und die zwischen allen Extremen changierende Stimmung. „Querelle“, der nach einem Ausdruck für homosexuelle Liebe strebte, war dreckig, sublim und derart mit Verlangen geladen, als stünden seine Bilderwelten kurz vor der Explosion. Die artifiziellen Tableaus, alles Pappmaché und ohne Himmel, weichgezeichnet und mit dem Orange eines infernalischen Sonnenuntergangs gefärbt. Todessehnsucht. In „Brüder der Nacht“ schillert die Donau im Licht der Straßenlaternen prachtvoll zwielichtig. In lila Halbdunkel und in Kunstnebel getaucht, wirken die artifiziellen Settings des Films warm wie kalt. Hinreißende Bilder, in denen kaum etwas geschieht, und doch sehr viel.

[2]Meist wird Billard gespielt, getanzt, getrunken, auf Sofas gelegen. Storys werden erzählt, Herzen ausgeschüttet. Ein Film mit seinen Figuren, nicht über sie. Patric Chiha lässt die Dargestellten zu Darstellern ihrer selbst werden und an den Deutungen ihrer Lebensentwürfe arbeiten.
Aus dem Diskussionsprotokoll [3] der Duisburger Filmwoche erfährt man Interessantes über den Drehprozess. Die Vorgehensweise des Regisseurs bestand darin, „künstliche Räume zu schaffen, mit Licht, Bühne, Kostümen. Dann die Burschen einzuladen, vorbeizukommen, um zu trinken, zu essen, zu reden, sich zu verkleiden und Kino zu spielen, das heißt irgendwann vor die Kamera zu treten – oder auch nicht. Für ihr Erscheinen am Drehort bekamen die Burschen Bezahlung“. Wie die Kamera von Klemens Hufnagl die jungen Gesichter filmt, ihre kurzen dunklen Haare, die gezupften Augenbrauen, die vollen Lippen. Götter der Nacht sind Stefan, Yonko, Vassili, Vasko, Asen, Nikolay und ihre Freunde. In ihren schwarzen Lederjacken glamourös, strahlend, wunderschön. Die Abwesenheit der Frauen bringt sie dazu, etwas Weiblichkeit aus sich selbst zu schöpfen. Sie rücken körperlich näher zusammen, ohne dass etwas geschieht. Ihre Freundschaft ist von Zärtlichkeit geprägt, aber auch von Eitelkeit und Rivalität. Sie hüten ein gemeinsames Geheimnis.

„Ich überlege ein bisschen und mache mich auf den Weg“, sagt Stefan, während er wieder auf die brennende Zigarette in seiner Hand herunterschaut. „Welchen Weg willst du gehen?“ – „Mal sehen, was ich tun werde“. Gibt es für ihn einen Weg? Wie der Matrose Querelle sind diese Jungs möglicherweise „in danger of finding themselves“.

Olga Baruk

Brüder der Nacht [4] – Österreich 2016 – Regie: Patric Chiha – Laufzeit: 88 Minuten. „Brüder der Nacht“ in der 3sat-Mediathek [5] (verfügbar bis 10.12.2020).