Der aus einer deutschsprachigen jüdischen Familie im rumänischen Czernowitz stammende Paul Celan (eigentlich Paul Antschel) hatte seine Eltern im Ghetto und KZ verloren. Er selbst kam als 14-Jähriger in ein Arbeitslager, aus dem er 1947 über Österreich nach Paris floh, wo er studierte und später die französische Staatsbürgerschaft erhielt. Aber wie viele, die das Exil oder die Todeslager überlebt hatten, blieb auch Celan lebenslang gezeichnet.
Am literarischen Leben in Deutschland und Frankreich hat er zwar teilgenommen. Aber erst nach 1952 war es möglich, dass ein Gedicht wie Celans „Todesfuge“ öffentliche Resonanz fand. Im Mai ebendieses Jahres hatte Celan auf Einladung von Hans Werner Richter an der Frühjahrstagung der Gruppe 47 in Niendorf an der Ostsee teilgenommen.
Die dort versammelten, meist bereits arrivierten Autoren konnten mit der Sprache seiner Lyrik nichts anfangen, zudem war ihnen sein Rezitationsstil zu pathetisch. Die Stimme des jüdischen Dichters, der den Holocaust überlebt hatte, erinnerte einige sogar an die von Goebbels.
Celan tief verletzt
Der „Gruppenvater“ Hans Werner Richter urteilte über Celan, „er habe in einem Singsang vorgelesen wie in der Synagoge“. Es war von empörender Peinlichkeit, was sich die Dichter und Denker da gegenüber ihrem Gast geleistet haben. Celan war tief verletzt, auch über das Schweigen von Ingeborg Bachmann, die er in Wien kennengelernt und in die er sich verliebt hatte.
Der 31-Jährige schrieb wenige Tage später an einen Freund: „Ich war dort oben beleidigt worden … Und so etwas muß ich erleben! … Nach der Lesung der Todesfuge.“ Und dennoch: Das Desaster in Niendorf war nicht das Ende. Es war auch nicht der Ausdruck eines neuen Antisemitismus, eher des Mangels an Kenntnis und Sensibilität.
Der Golem Tod, der Meister aus Deutschland, wie Celan ihn nannte, der Tod, der seine Finger tanzen lässt, mechanisch und wohlkalkuliert – für den jüdischen Dichter aus der Bukowina war ein naiver und unmittelbarer Gebrauch der „Mördersprache“ nicht mehr möglich. So wurden seine Gedichte oft als „kryptisch“ oder „hermetisch“ bezeichnet.
Gleichwohl erkannte man ihn später, als er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, als einen der bedeutendsten Dichter der deutschen Sprache. In seiner Dankesrede in Darmstadt bezog sich Celan ausdrücklich auf Büchners Reflexion über Substanz und Funktion der Kunst. Es war seine bis dahin wichtigste theoretische Äußerung. Nirgendwo sonst hat er sich genauer, offener und ausführlicher zu seiner ästhetischen Selbstinterpretation bekannt.
Freundschaft mit Kaschnitz
Dass seine heute vielgerühmte „Todesfuge“ über den Massenmord an den Juden („Wir schaufeln ein Grab / in den Lüften / da liegt man nicht eng“) bereits Ende der 50er-Jahre zum Unterrichtskanon an den Schulen gehörte, hat ihn für viele zu einer Ikone poetischer Kronzeugenschaft der Shoa gemacht.
Die wenigsten aber wussten, dass sein Gedicht „Todesfuge“ von der Trauer um seine Eltern zeugt – und bereits 1947 in rumänischer Übersetzung erschienen war. Verstanden hat diesen Hintergrund zuerst die Lyrikerin Marie Luise Kaschnitz, die mit Celan seit 1948 befreundet war und ihn gefördert hat.
Mit tonloser Stimme hatte der Achtundzwanzigjährige ihr sein Gedicht vorgelesen. Später schreibt sie, ohne seinen Namen zu nennen, von dem „jungen Dichter aus dem Osten“, den sie in Paris aufsuchte, dessen Schicksal sie nicht habe vergessen können. Dreieinhalb Jahre später schildert ihr Celan, wie die „Todesfuge“ bei der Niendorfer Tagung der Gruppe 47 aufgenommen wurde.
Treffen mit Heidegger
Celans bittere Kommentare hielt sie im Tagebuch fest: „Kammer des Bösen im wohlaufgeräumten Haus des Inneren. Zerrspiegel, die Fratzen zurückgeben. Hier werden Bilder erdolcht, Schmähschriften verfaßt, Böses gewünscht, Masochistisches verübt …“
Ihrer Tochter berichtet Marie Luise Kaschnitz vom Besuch Celans: „Wenn man Celan nur ansieht, bleibt einem der Bissen im Halse stecken, und man geniert sich, dass man lebt.“ Der Schluss des Gedichts – „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ – war auch das Bekenntnis vom endgültigen Zerbrechen einer deutsch-jüdischen Symbiose.
Daran änderten auch nichts die geheimnisvoll beschwiegenen Treffen Celans mit Martin Heidegger im Sommer 1967 in Todtnauberg und in Freiburg. Da hatte Paul Celan mit Büchners „Hilfe“ schon längst den Weg zum Mittelpunkt seiner Dichtungswelt erreicht: „Wer auf dem Kopf geht, der hat den Himmel als Abgrund unter sich.“ Celan hatte Heideggers philosophisches Werk intensiv studiert.
Er wusste auch von dessen zeitweisem Sympathisieren mit dem Nationalsozialismus und ahnte vermutlich seine antisemitische Einstellung. In dem Gedicht „Largo“ spricht er von dem „heidegängerisch Nahen“.
Schon 1957 wollte er Heidegger sein Gedicht „Schlieren“ schicken, das dann später in dem Lyrikband „Sprachgitter“ erschien. Es handelt von einem Auge, dessen Verwundung die Welt erschließt und die Erinnerung festhält, die Erinnerung an eine Wunde, die einer Verbindung im Weg steht. Gemeint war damit offenbar Heideggers Schweigen zu Auschwitz.
Die eigene Stimme
Andererseits hatte sich Heidegger schon relativ früh in den Fünfzigerjahren mit Celans Dichtung vertraut gemacht: „Ich kenne alles von ihm, weiß auch von der schweren Krise, aus der er sich selbst herausgeholt hat, soweit dies ein Mensch vermag … Es wäre heilsam, Paul Celan auch den Schwarzwald zu zeigen. „Nach ihrem letzten Treffen sagte Heidegger: „Celan ist krank – heillos.“
Dem Philosoph von Todtnauberg war durchaus bekannt, dass sich der Dichter wiederholt in psychiatrischer Behandlung befand und sich von seiner Familie getrennt hatte. Seine eigene Stimme hat er über Trakl und Rilke gefunden.
Einen Einblick in seine poetologische Arbeit, seine künstlerische Entwicklung, auch in seine Einsamkeit bringt aber nicht nur die innere Verfasstheit Celans zum Ausdruck. Er war ein Meister des Abgründigen. Aber er brachte es immer wieder fertig, mit seiner Sprachkunst auszudrücken, was nicht gesagt, sondern nur angedeutet werden kann.
Ohne Celans damals in Rumänien gelegenen Geburtsort Czernowitz ist Celans Sprache nicht zu begreifen, schreibt er. Hier „bestand das Bürgertum zum größten Teil aus Juden, die Deutsch als ihre Muttersprache empfanden. Und diese Muttersprache war bei Celan ganz konkret dadurch konnotiert, dass seine Mutter stark von der Kultur des Wiener Fin de siècle geprägt war, vom Ton des Burgtheaters. … Die Kunst als Verheißung – in dieses Lebensgefühl ist Celan hineingewachsen“, doch „der Wiener Ton der Jahrhundertwende, der spätromantische Duktus aus Verklärung und Verzicht wurde überdeckt und unmöglich gemacht durch deutsche Märsche, durch Stiefel, Schaufel und Grab.“
Das Gedicht „Todesfuge“, versucht diese traumatische Erfahrung zu verarbeiten:
„In der Bundesrepublik, wo das Gedicht Schullektüre und das ‚Auschwitz-Gedicht‘ par excellence wurde, blieb es oft unverstanden. Von Metaphern war die Rede, und mitunter versuchten Schulklassen, die Struktur des Gedichts mit jenem der musikalischen Fuge zu vergleichen. Aber Celan meinte all das wirklich. Das ‚Grab in den Lüften‘, es war für die Juden real, ‚wir schaufeln, wir schaufeln‘, das war Celans Tätigkeit im Arbeitslager; der Tod ist tatsächlich ein ‚Meister aus Deutschland‘. In diesem Gedicht gelang Celan etwas, das über Jahre hinweg der Kern seiner Lyrik bleiben sollte:“
Hier liest er „Allerseelen“:
… und hier liest Celan die „Todesfuge“:
Todesfuge
Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
er schreibt es und tritt vor das Haus und es blitzen die Sterne
er pfeift seine Rüden herbei
er pfeift seine Juden hervor läßt schaufeln ein Grab in der Erde
er befiehlt uns spielt auf nun zum Tanz
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich morgens und mittags wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
Ein Mann wohnt im Haus der spielt mit den Schlangen der schreibt
der schreibt wenn es dunkelt nach Deutschland
dein goldenes Haar Margarete
Dein aschenes Haar Sulamith
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng
Er ruft stecht tiefer ins Erdreich ihr einen ihr andern singet und spielt
er greift nach dem Eisen im Gurt er schwingts seine Augen sind blau
stecht tiefer die Spaten ihr einen ihr anderen spielt weiter zum Tanz auf
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends
wir trinken und trinken
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen
Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland
er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft
dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng
Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts
wir trinken dich mittags der Tod ist ein Meister aus Deutschland
wir trinken dich abends und morgens wir trinken und trinken
der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau
er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau
ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete
er hetzt seine Rüden auf uns er schenkt uns ein Grab in der Luft
er spielt mit den Schlangen und träumet der Tod ist ein Meister aus
Deutschland
dein goldenes haar margarete
dein aschenes haar sulamith