Platon, Thora und Talmud: es war Kant nicht Anfang, sondern Gipfel einer langen Entwicklung: Hermann Cohens Denken kreist um den grössten Philosophen der deutschen Aufklärung, er gewinnt ihm unerwartete Erkenntnisse ab, betonte die Einheit von Philosophie und Theologie.
In der Geistesgeschichte des Westens kam es hin und wieder zu einer Synthese von klassischer und jüdischer Philosophie: Philo von Alexandrien, der im ersten Jahrhundert n. Chr. lebte, übernahm griechisches Denken, um die jüdische Theologie zu erhellen; Maimonides (1135–1204) hat die jüdische Lehre im Sinne des Aristoteles systematisiert; und der führende deutsche Aufklärer, Moses Mendelssohn (1729–1786), hat in seinem Hauptwerk, «Phaidon oder die Unsterblichkeit der Seele» (1767), die Lehren Platons aufgegriffen. (nzz)
Vielleicht der Letzte in dieser brillanten Linie war der deutsch-jüdische Philosoph Hermann Cohen (1842–1918).
Cohens Hauptverdienst war es, die sogenannte Neukantische Schule zu gründen, gleichzeitig aber Kants Philosophie mit Tora und Talmud zu verbinden. Diese Synthese von Athen und Jerusalem, wie man es nennen könnte, gehört zu den grössten denkerischen Leistungen in Deutschland um die Jahrhundertwende. Hermann Cohen nahm auch zunehmend eine Stellung als Intellektueller im öffentlichen Diskurs ein, nicht zuletzt in politischen Debatten, wenn es auch starke Gegner gab, die ihn allerdings, wie Martin Heidegger, nicht immer begriffen.
Cohens ist es gelungen, die sogenannte Neukantische Schule zu gründen, gleichzeitig aber Kants Philosophie mit Tora und Talmud zu verbinden.
Nach der Zerstörung jüdischen Lebens im «Dritten Reich» jedoch wurde Cohens Leistung selten wahrgenommen. Nur die Spezialisten berufen sich auf ihn sowie einige wenige Denker, etwa der Philosoph Emmanuel Levinas. Nun hat der bedeutende amerikanische Historiker des deutschen Idealismus, Frederick Beiser, Cohens intellektuelle Biografie vorgelegt und dadurch eine Neubewertung ermöglicht. Es handelt sich um die erste Gesamtdarstellung von Cohens Lehre.
Zweifel an Kant
Mit der ihm eigenen Gründlichkeit untersucht Beiser die Karriere Cohens von den ersten Anfängen bis zum Ende, als Cohen zu den bekanntesten Philosophen Deutschlands zählte. Als Erstes zeigt Beiser, wie Cohen das Studium von Kant auf eine völlig neue Basis stellte, indem er auf die historische Stellung des bedeutenden Philosophen einging. In seinem ersten Hauptwerk, «Kants Theorie der Erfahrung» von 1871, stellt Cohen das Werk Kants in die Tradition von Platon, Descartes und Leibniz.
Dadurch erleichtert er den Zugang zu Kants Ideenwelt. Diese wirkt nicht mehr wie ein vollkommen neues Konstrukt, sondern als Kernpunkt in einer jahrhundertelangen Bemühung. In seiner Argumentation wirft Cohen erstaunliche Schlüsse auf: So glaubt er, die Totalität der Erfahrung beruhe auf einem Zufall, auf einer Kontingenz. Durch diese Interpretation rüttelt er an den Grundsätzen der kantischen Philosophie. Die Gewissheit, die Kant mit seinem System herstellen wollte, stellt Cohen infrage.
So erweist sich Cohens Rechtfertigung Kants als eine Vorwegnahme des Existenzialismus, der im 20. Jahrhundert zum Hauptprinzip modernen Denkens wurde. Was Beiser hier wohl übersieht, ist die Konsequenz, die Cohen aus dieser Position zog. Von nun an basiert die heutige Philosophie nicht mehr auf metaphysischen Prinzipien, sondern auf Werten. Mit Cohens Beitrag entsteht die neuzeitliche Wertephilosophie. Die Einsicht übernahmen die anderen Neukantianer jener Zeit. Sie fand am Anfang des 20. Jahrhunderts grosse Verbreitung durch einflussreiche Denker wie Georg Simmel und Max Scheler. Inzwischen liefert dieses Wertedenken den eigentlichen Grundsatz der heutigen Kultur.
Philosophie und Theologie sind eins
Besonderen Wert hatte auch Cohens Stellungnahme in den antisemitischen Debatten. In Flammenschrift verteidigte er den Offizier Eduard Dreyfus als Märtyrer für das Judentum; und als Heinrich von Treitschke seine Schmähschrift «Unsere Aussichten» veröffentlichte, die den unsäglichen Satz «Die Juden sind unser Unglück» enthielt, den die Nazis später aufgriffen, antwortete Cohen mit seiner fulminanten «Bekenntnis in der Judenfrage».
Was Cohen sofort erkannte, war Treitschkes Unterminierung des Staats: Nicht nur die Juden litten unter dieser Attacke, sondern auch der soziale Verband, der Zusammenhalt der Bürger. Genauso wie Moses Mendelssohn im späteren Leben reagierte Cohen auf diese Ausgrenzung durch eine Vertiefung seines Judentums. Es begann seine «Heimkehr». In seinem späten Hauptwerk, «Die Religion der Vernunft», erleuchtet Cohen die Einheit von Philosophie und Theologie: «Der Begriff der Religion soll durch die Religion der Vernunft zur Entdeckung gebracht werden.»
Im Gegensatz zu Marx und Engels sieht Cohen den Grund für den Sozialismus im menschlichen Geist und gar in der Ethik Kants. Laut Cohen hat die Gesellschaft als Ganzes die Gottheit in sich aufgenommen. Das Gemeinwesen enthält das göttliche Wesen.
Mit System und mit der ihm eigenen Reinheit durchforscht Cohen die Welt des Judentums. Doch wirklich originell ist die Methode, durch die Philosophie neue religiöse Zusammenhänge zu schaffen. So bedient er sich der radikalen Rationalität, um eine Metaphysik der Offenbarung zu erarbeiten: Sein aktiver Gott ist wie Spinozas mit dem Sein, mit dem ganzen Kosmos identisch.
Gott ist in der Gesellschaft
Die Ethik stand im Mittelpunkt von Cohens Bemühungen. Hierauf gründet sein ethischer Sozialismus, der einen neuen Weg für den Liberalismus eröffnete, eine Alternative zum Marxismus. Im Gegensatz zu Marx und Engels sieht Cohen den Grund für den Sozialismus im menschlichen Geist und gar in der Ethik Kants. Laut Cohen hat die Gesellschaft als Ganzes die Gottheit in sich aufgenommen. Das Gemeinwesen enthält das göttliche Wesen. Daher rührt die Ethik, die Praxis.
So war Cohen mit seinem geistigen Sozialdenken eine eminent politische Figur, die immer noch zukunftsweisend bleibt. Überhaupt hatte er schon eine beachtliche Wirkung. Der Neukantianer Ernst Cassirer führte sein Denken fort. Der jüdische Theologe Martin Buber berief sich in seinem Hauptwerk, «Ich und Du», ausdrücklich auf Cohen. Auch die moderne historische Philosophie der Naturwissenschaften hat von ihm profitiert, namentlich Thomas Kuhn.
Frederick Beisers etwas schwerfälliger Stil macht es dem Leser nicht immer leicht, seinen Argumentationen zu folgen. Doch bietet sein wichtiges, faszinierendes Buch auf jeder Seite neue Einsichten. Besonders für jene Leser, die sich für die tragische deutsch-jüdische Symbiose interessieren, wird Beisers Meisterwerk unerlässlich sein.
Eine deutsche Version wäre sehr erwünscht, denn hier bleibt ein genialer, stets lauterer Denker zu entdecken. nzz
Frederick C. Beiser
Hermann Cohen. An Intellectual Biography.
Oxford University Press 2018
400 Seiten, Fr. 119.–.