Die Jugend – meint Druide Miraculix in „Die Tochter des Vercingetorix“ – sei ein schwieriges Alter“.

Erheblich geistreicher wird es leider nicht im gerade erschienenen 38. „Asterix“-Band.

Schade, wir erinnern uns – zusammen mit so gar manchem Hinkelstein – an erfreulichen Lesestoff.
Aber, es war einmal: damals. Hätte man doch den Hinkelsteinschmeißer und all die anderen Titanen ruhen lassen …

„Auvee!“ ruft Cäsar, als ihm der – wie der „Asterix“-Leser weiß, 52 v. Chr. bei Alesia besiegte – Arvernerfürst Vercingetorix die Waffen vor die Füße schmeißt: Diese Szene, die nun auch in „Die Tochter des Vercingetorix“ (in sepiabrauner Rückblende) vorkommt, kennen wir aus so manchem „Asterix“-Band, der französische Historienmaler Lionel Royer malte sie 1899. Damals wurde das als Anspielung auf den Deutsch-Französischen Krieg verstanden, wie später die „Asterix“-Comics – erstmals 1959 erschienen – oft als Parabel für die französische Résistance gegen die NS-Invasoren interpretiert wurden.

Für wen oder was steht Vercingetorix?

Vercingetorix hat – so stehts geschrieben – eine uneheliche Tochter: „Der Generalischimusch war schehr diskret, wasch schein Privatleben anging“, nuschelt ein Arverner –
soll das auf Mitterrand anspielen? Oder auf Chirac?

Beide waren für ihr unstetes Liebesleben bekannt, aber General war – seinerzeit – nur De Gaulle . . .

Genug zu den persönlich-politischen Deutungsmöglichkeiten, erwähnt sei gerade noch, dass die Arverner, die sich um die Tochter des Vercingetorix kümmern müssen, sich zur APO bekennen, was als „Arverner Proben Opposition“ übersetzt wird. Das Motiv wird nicht weiter verfolgt, es geht atmosphärisch weniger um die radikale Linke der 1970er-Jahre als um die sanft rebellische Jugend der 2010er-Jahre.

Aspix, der Sohn des Fischhändlers Verleihnix, sagt zwar trotzig: „Hinkelstein und Zaubertrank sind die Stützen des Wildschweinesystems“, aber die gallische Dorfjugend nimmt angebotenes eher freitäglich friedlich. Sie mag Troubadix, weil er „echt schräge Musik“ macht, und verabscheut gedankenloses Konsumieren (auch von Wildschweinen, was Obelix gar nicht freut) und – brave Kinder, die sie über die Jahre wohl geworden sind – verantwortungslosen Umgang mit Müll.

In diesen Belangen ist die Dorfjugend ganz d’accord mit Vercingetorix-Tochter Adrenaline (Schatten links), die – wie einst in „Asterix in Spanien“ der bissige Pepe – im gallischen Dorf in Verwahrung ist, weil Cäsar vorhat, sie zu entführen und zur Römerin umzuerziehen, da sei Teutates vor. Adrenaline will lieber mit anderen elternlosen Kindern auf die Insel Thule ziehen, doch dieser Wunsch – Achtung, Spoiler! – geht nur halb in Erfüllung. Einstweilen macht sie Zwischenstation auf dem Schiff der Piraten und verliebt sich in einen jungen Kapitän namens Letitbix, der Zeilen aus John Lennons „Imagine“ zitiert, die Kampfmoral untergräbt und am liebsten Blumen transportiert. Sie selbst trägt Zopf, liebt „gotische Klamotten“, sagt „Immer dieselbe Lyra“ und kann fast so wütend dreinschauen wie eine Klimademonstrationin.

„Die Jugend ist ein schwieriges Alter“, resümiert denn auch Miraculix, während Obelix sich zwar darüber ärgert, dass die jungen Leute ihn salopp „Dicker“ nennen, aber (wie wir das kennen) darauf besteht, dass er selbst noch ein Jugendlicher ist. Doch sonderlich geistreich wird das Generalthema nicht ausgeführt; die Bildungszitate wirken eher beliebig („Ex malo bonum“ sagt ein Pirat – nicht der mit dem Sprachfehler! – diesmal); das Nuscheln der Arverner nervt; und trügt der Eindruck, dass die Namen (zum Beispiel der des  Ludwikamadeus für einen gotischen Trommler) zumindest in der deutschen Version immer blöder werden?

Dass der „Gründungsheld“ Vercingetorix außer in Sepia-Erinnerungen gar nicht auftritt, sondern seiner renitente Tochter Adrenaline die Show gehört, würden wir ja gerne in Ordnung finden, wenn die beiden Autoren doch wenigstens auch ein ganz klein wenig mehr als garnix vom politischen Geist ihrer Vorväter geerbt hätten. Und die ewigen Schlägereien auf der Galeere sehen zu – naja – guter Letzt neben der handfesten Satire von Goscinny/Uderzo dann doch ziemlich alt aus.

Beim Bankett am Ende weiß man nicht, ob die Jugendlichen den armen Troubadix fesseln oder entfesseln. Sonst, ist halt leider so, bleibt nicht viel zum Grübeln vom 38. „Asterix“-Band.

„Die Tochter des Vercingetorix“

Der 38. „Asterix“-Band, ist am 24. Oktober in über 30 Ländern erschienen.
Getextet hat das Ganze Jean-Yves Ferri.
Für die Zeichnungen zeichnet Didier Conrad als Verantwortlicher.
Letzter konnte da nicht viel retten – aber auch nicht viel  falsch machen.

Okt. 2019 | Allgemein, In vino veritas, Junge Rundschau, Senioren, Was sonst noch geschah | Kommentieren