Frédéric Martels Buch „Sodoma, Enquête au coeur du Vatican“ untersucht das massive und massiv beschwiegene Phänomen der Homosexualität in der Katholischen Kirche, das, wie Martel im Gespräch mit Matteo Gemolo in Micromega betont, keineswegs deckungsgleich ist mit dem des sexuellen Missbrauchs – auch wenn das eine mit dem anderen zu tun hat. Das Buch steht in vielen Ländern auf der Bestsellerliste.
In Deutschland erscheint es erst im September (die ZEIT hat gerade einige (!) Passagen vorabgedruckt) & gerade (wie ich am 10. Januar 20 festgestellt habe). feige wieder herausgenommen-  „Was in den Augen vieler als Widerspruch erscheint, lässt sich soziologisch leicht erklären„, schreibt Martel, der selbst aus der französischen Schwulenbewegung kommt. „Obwohl dies Buch kein rein akademisches Buch ist, zeigt es, dass, was da im Vatikan passiert, kein Zufall ist. Die Realität ist viel simpler und banaler als die extreme Rechte denkt, die überall Verschwörungen und schwule Lobbys sieht:

Auf der einen Seite ist da Kirche, die seit langem in einer Spirale aus Protektion und persönlichen Interessen Menschen mit homosexuellen Tendenzen anzieht, auswählt, rekrutiert und befördert; auf der anderen Seite wurde eine große Zahl frustrierter, sozial marginalisierter Homosexueller für die Kirche gewonnen, weil sie dort einen Ort gefunden haben, wo sie ihre Homosexualität paradoxerweise frei leben können, ohne ihre Fassade der Homophobie aufgeben zu müssen.“
Gerade das starke Bedürfnis, das Thema zu kaschieren, habe aber, so Martel, die homophoben Tendenzen in der Kirche gerade erst recht noch verschärft:
Sein Buch beschreibe, sagt Martel im Interview mit Zeit online, „die Lebenslüge des Vatikans“. Gut möglich, dass sein Buch das nächste Erdbeben in der Kirche auslöst, die durch den Missbrauch ohnehin aufgewühlt ist.

Als Millionen Menschen an Aids starben, haben die Vorgänger von Papst Franziskus „entschieden, einen Krieg gegen das Präservativ“ zu führen. Dieser historische Fehler der katholischen Kirche kann so leicht weder vergessen noch vergeben werden.

Aug. 2019 | Allgemein, Buchempfehlungen, Feuilleton, In vino veritas, Junge Rundschau, Kirche & Bodenpersonal, Sapere aude, Senioren | Kommentieren