Die Selfie-Kultur wird immer gesichtsloser in ihrem Spiegellabyrinth der Eitelkeiten im Zürcher Museum Rietberg. Die Modedesignerin Kazu Huggler spricht in ihrer Kunstinstallation über Selbstachtung und die vielen Schichten wahrer Schönheit. Im Spiegellabyrinth tauchen Gesichter unvermutet und überall auf. Man erschrickt insbesondere vor dem eigenen. Ob Männer mehr Angst haben vor Spiegeln als Frauen? Schliesslich ist der Spiegel doch ein klassisches weibliches Attribut. Deshalb ja vielleicht musste das dritte der Machtinsignien des Tenno im Verborgenen bleiben. Es ist ein Spiegel.

Und bei der Thronfolgezeremonie Anfang Mai in Tokio blieb er weit ab vom Kaiserpalast im fernen Ise-Schrein aufbewahrt. Dieses Heiligtum ist der Sitz der mythischen Ahnfrau des Kaiserhauses, der Sonnengöttin Amaterasu.

Ein Spiegel als Symbol weiblicher Macht also? Da sollte man sich in acht nehmen. Spiegel symbolisieren die Macht der Schönheit. Werden aus diesem Grund Frauen und Spiegel verhüllt? Die Zürcher Modedesignerin Kazu Huggler denkt auch über solche Dinge nach, wenn sie aus alten Kimonos Kleider für moderne Frauen schafft. In ihrer zweiten Heimat Japan verbergen sich Frauen längst nicht mehr im Inneren dunkler Häuser, wie das früher der Fall war. Vielmehr hantieren sie auf offener Strasse noch weit versierter mit den kleinen digitalen Handspiegelchen, die fürs Selfie dienen, als es ihre Artgenossinnen hierzulande tun. Noch nicht ganz verschwunden ist dort allerdings die alte Tradition, einen Spiegel im Schlafzimmer mit einem schönen Stück Stoff abzudecken.

Stoff und Maske

Solches Verhüllen hat für die schweizerisch-japanische Modedesignerin nichts mit unheimlichen Dingen zu tun, nein, die Seele wird einem nicht gestohlen. Vielmehr geht es um Respekt – vor dem eigenen Selbst. Es gibt Augenblicke, in welchen wir uns ganz bewusst mit uns selber konfrontieren sollten. In einen Spiegel jedenfalls soll sich der Blick nicht zufällig verirren, erklärt sie im Gespräch. Damit sind wir einverstanden – und kennen nun auch die Ursache unseres Unbehagens, als wir durch die dunklen, von raunenden Stimmen erfüllten Ausstellungsräume des Museums Rietberg huschten, um Kazu Hugglers Installation zu finden, die hier im Rahmen der Ausstellung «Spiegel – der Mensch im Widerschein» gezeigt wird. Es war schlicht respektlos, an all der Kunst achtlos vorbeizueilen – die vorwurfsvollen Blicke trafen uns augenblicklich aus Spiegeln aller erdenklichen Kulturen der Welt.

Vor Kazu Hugglers Inszenierung einer weiss gewandeten Lichtgestalt aber kommen wir schon fast wieder zur Ruhe. Eine leuchtende Aureole aus strahlenkranzartig gefaltetem Sonnenplissee umrahmt das dahinter verborgene Haupt. Denn wir haben es hier mit einer shintoistischen Gottheit zu tun. Betritt man in Japan ein Heiligtum, wandert der nach Halt suchende Blick schnell zum Altar. Und finden wir dort das Antlitz Buddhas, wissen wir, dass wir uns in einem Tempel befinden. Ist dies aber nicht der Fall, stehen wir in einem shintoistischen Schrein. Kein Blick ruht dann auf uns. Wir treten vor eine Leerstelle. Nur ein Spiegel soll irgendwo im Inneren des Schreins verborgen sein. Und so ergeht es uns auch vor Kazus Kunstinstallation.

Nichts ist fassbar auf den ersten Blick. Bis wir uns nähern – mit Ehrfurcht und Respekt – und uns gewahr werden, hinter einer abgewandten weiblichen Figur zu stehen, deren Gesicht sich im Spiegel an der dunklen Wand als die geheimnisvolle Nô-Maske einer jungen Frau offenbart. Grösser zwar als alle Kaiser Japans ist diese Frau, die das Leben in Gestalt des Lichts bringt. Einst aber war sie plötzlich verschwunden, unsichtbar geworden. Kazu Huggler kennt ihre Geschichte.

Die Sonnengöttin Amaterasu erlitt einen Nervenzusammenbruch oder verfiel einer Depression, weil sie allzu viel Milde und Nachsicht kannte – typisch weibliche Eigenschaften – im Umgang mit ihrem provozierenden jüngeren Bruder. Zu immer grösseren Streichen bereit, beschmierte dieser den ganzen Palast mit Kot und erschreckte die Dienerinnen gar mit einem gehäuteten Pferd zu Tode.

In Kazu Hugglers Augen ist diese Legende hochaktuell. Sie erzählt von Überforderung und dem oft daraus folgenden Rückzug, wie ihn heute so viele Menschen mit Burn-out-Syndrom antreten. Hikikomori nennt man das in Japan weit verbreitete Phänomen.

Wie aber kommt es dazu? Verstellt die neue Selfie-Kultur den Blick auf uns selber? Kommen wir nicht mehr zur Ruhe, um uns einmal im Spiegel zu betrachten? Solche Orientierungslosigkeit kann dazu führen, dass man irgendwann gar nichts mehr sieht – es finster wird. So war es, als Amaterasu sich in der Höhle einschloss und durch nichts mehr hervorzulocken war. Die Sonne verschwand, die Welt wurde dunkel.

Wie aber integriert man jemanden, der sich völlig verschliesst, wieder in die Gemeinschaft? Wie bringt man wieder Licht in seine Welt?, fragt sich Kazu Huggler. Indem man seine Neugierde, seine Lebensgeister weckt. Die Designerin erzählt von dem lauten Gelächter der feiernden Götter vor der Höhle der Sonnengöttin, als sie sich über einen obszönen Striptease der Unterhaltungsnudel Ame no Uzume amüsierten. Die Sonnengöttin lugte hervor, und blitzschnell wurde ihr ein Spiegel vorgehalten, um ihr Licht, ihre Schönheit zum Strahlen zu bringen.

Schönheit kommt von innen

Wer sich selber erkennen kann, dem geht es eigentlich nicht so schlecht. Und wem es gut geht, dessen Welt ist voller Licht. Das schönste Gesicht aber kann nicht strahlen, wenn es zu einem verdüsterten Gemüt gehört, davon ist Kazu Huggler überzeugt. Sie macht denn auch nicht einfach Kleider, sie will nicht verhüllen. Sie macht Kleider für Frauen, um deren Persönlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Und bringt damit die Schönheit von Menschen zum Leuchten. Denn sie weiss, dass wahre Schönheit nicht Oberfläche ist, sondern vielschichtig, und aus dem Inneren kommt.

Genau so vielschichtig ist ihre Kunstinstallation in der gegenwärtigen Rietberg-Ausstellung. Das Plissee ist eine selten gewordene Technik, in Basel hat Kazu Huggler ein Atelier ausfindig gemacht, das diese Fertigkeit noch beherrscht. Der Seidenfadenzwirn wiederum, der wie eine Aura in langen Strahlen von der Figur ausgeht und diese in einem Kreis umschliesst, stammt aus traditioneller Herstellung in St. Gallen. Das kleine leuchtende Figürchen auf dem Haupt über der Nô-Maske ist die Arbeit des zeitgenössischen japanischen Künstlers Atsushi Suwa, der eine archaisch anmutende Darstellung der Sonnengöttin aus Metall geschaffen hat. Auf diese Weise verbindet Kazu wie eine Weberin Ost und West, Alt und Neu in ihrer Arbeit.

Spiegel – der Mensch im Widerschein

Das Museum Rietberg ist das einzige Museum für aussereuropäische Kultur in der Schweiz.
In den drei prächtigen Villen aus dem 19. Jahrhundert ist das Zusammenspiel von Kunst, Architektur und Park einzigartig. Neben Kunst aus Asien, Afrika, Amerika, Ozeanien und der Schweiz finden auch die aufwändig inszenierten Sonderausstellungen weltweit grosse Beachtung.
In den historischen Villen wird Geschichte lebendig. Richard Wagner schrieb hier «Tristan und Isolde». Der moderne Glasbau und die unterirdischen Ausstellungshallen begeistern nicht nur Architekturinteressierte.
Nach dem Museumsbesuch lädt der lauschige Rieterpark mit Sicht auf Stadt und Alpen zum Verweilen ein.
Adresse: Gablerstrasse 15, 8002 Zürich, Schweiz
Öffnungszeiten: 10:00 bis 17:00 Uhr

Die Inszenierung für die Rietberg-Ausstellung zeigt den Augenblick der Erleuchtung der Sonnengöttin, als sie in den Spiegel blickt. Die Blickführung ist eine indirekte, wie man sie in der japanischen Kunst oft findet. Und das hat eben mit Respekt zu tun: Wir schauen der Sonnengöttin nicht direkt ins Antlitz. Es hat aber nicht zuletzt auch mit einem alten Verständnis japanischer Ästhetik zu tun, Schönheit im Verborgenen, im Vielschichtigen und Geheimnisvollen zu finden.

Die Ausstellung im Museum Rietberg widmet sich in einer umfassenden Präsentation der Jahrtausende alten Kulturgeschichte des Spiegels.
Es geht um Spiegel als Artefakte, aber auch um Selbsterkenntnis und Weisheit, um Eitelkeit und Schönheit, um Mystik und Magie. Die über 200 Kunstwerke aus 90 Museen stammen aus dem alten Ägypten, aus dem Mexiko der Maya, aus Japan, Indien oder Venedig, die Palette reicht bis zu Beispielen aus Film und Gegenwartskunst. Die Ausstellung läuft noch bis zum 22. September.

Mai 2019 | Allgemein, Feuilleton, InfoTicker aktuell, Senioren | Kommentieren