Autobauer (Bild: VW-Überproduktion auf Halde) lädt Journalisten zu einer Veranstaltung ein, verbietet ihnen dort aber mitzuschreiben, zu filmen oder zu fotografieren. Dem nicht genug, verpflichtet er sie, Artikel vor Veröffentlichung von der Presseabteilung absegnen zu lassen. Die Einladung kam kurzfristig per Mail. Der Absender: Volkswagen. Der Anlass: der Launch der neuen ID.Familie. Es handle sich dabei nicht nur um die Einführung eines neuen Modells, verspricht der Autobauer mit dem ramponierten Image. Vielmehr gehe es um einen „tiefgreifenden Wandel der gesamten Marke zur E-Mobilität und zur Digitalisierung“.

Ein Angebot, das kein (Wirtschafts)-Journalist ausschlagen kann: „Wir als Marke Volkswagen haben die Chance und eine Verpflichtung, die wir in unserem Namen tragen: Wir machen nachhaltige Mobilität für alle zugänglich“. Das Ganze hat nur einen Haken: Zugang zu der Veranstaltung bekommen von den „wenigen, ausgewählten Journalisten“, wie es in der Einladung ausdrücklich heißt, nur jene, die sich verpflichten, weder mitzuschreiben noch zu filmen noch zu fotografieren – und selbst dann nur unter der Voraussetzung, dass sie ihre Beiträge vor Veröffentlichung von der PR-Abteilung absegnen lassen.
Die Mega-Debatte um Fahrverbote für Dieselfahrzeuge hat dem ohnehin angekratzten Image der Autobauer weiteren Schaden zugefügt. Das zeigt eine aktuelle Studie von System1 Research. Vor allem Volkswagen und Mercedes-Benz kommen unter die Räder.
Weiter heißt es: Schon mit der Anmeldung „akzeptieren Sie die oben genannten Bedingungen“.

Die drei Bedingungen sind, zur Sicherheit, in gefetteter Schrift niedergeschrieben. Wir übernehmen (danke dafür an Horizont Online) nicht ganz so fett, aber „kursiv“ im Wortlaut:

„Foto-/Film- oder Tonaufnahmen sowie sonstige Aufzeichnungen (auch schriftlich) sind nicht zugelassen. Telefone müssen vor dem Eintritt abgegeben werden.“ „Um sicherzustellen, dass keine vertraulichen Inhalte veröffentlicht werden, müssten wir Sie bitten, uns Zitate (direkte und indirekte) und auch die Fakten zuzuschicken, die Sie gedenken zu verwenden.
Wir können einen solchen Zugang leider nur gewähren, wenn wir die Artikel vor Veröffentlichung einmal sehen und ggf. ändern können, da zum Teil vertrauliche Firmeninternas (sic!) besprochen werden, die zwar für den Handel wichtig sind, die wir aber aus verständlichen Gründen nicht einer breiteren externen Öffentlichkeit zugänglich machen wollen.“
„Wir werden im Nachgang eine Sperrfrist für die Berichterstattung festlegen, an die sich alle teilnehmenden Journalisten verbindlichen halten müssen. Die Inhalte der Veranstaltung sind erst ab diesem Zeitpunkt verwendbar.“

Als Ansprechpartner nennt die Mail Christoph Oemisch.

Oemisch ist bei VW Sprecher Sales & Marketing. Auf Anfrage sagt er, „ungewöhnliche Veranstaltungen“ erforderten „ungewöhnliche Bedingungen“ – und wundert sich, wie Horizont Online zu der Einladung überhaupt komme – und noch viel mehr, dass die Mail solche Kreise ziehe. Es sei ja kein Journalist gezwungen die Bedingungen zu erfüllen, sagt Oemisch dann noch: „Es steht jedem frei, da nicht hinzugehen“. Ja schon – möchte da doch (noch) gedacht werden dürfen. Zehn Minuten später ruft Oemischs Chef an. Marc Langendorf ist seines Zeichens bei VW Leiter Corporate Communications und fürchtet, wie er sagt, „eine falsche Tonalität“, sollte Horizont Online über die Modalitäten dieser Einladung berichten.

„Da muss man sich in der Automobilbranche etwas auskennen“
   (Marc Langendorf, Leiter Corporate Communications Volkswagen)

Tatsächlich, sagt er, sei die Veranstaltung nämlich für Händler gedacht. Das stimmt, einerseits. In der Einladung steht, dass die Händler „als aktive Botschafter der ID. Familie“ gewonnen werden sollen. Andererseits steht dort aber auch, dass Journalisten die Gelegenheit hätten „einen exklusiven Blick hinter die Kulissen unserer bevorstehenden Einführung der ID. Familie (zu) werfen und die besondere Atmosphäre und Aufbruchsstimmung auf Seiten von Hersteller (sic!) und Handel (zu) spüren“.
Langendorf vermag nicht nachzuvollziehen, was an dem Verbot zu filmen, zu fotografieren und mitzuschreiben zu beanstanden sein soll, dasselbe gilt für die Vorgabe, Artikel vor Veröffentlichung der Presseabteilung vorzulegen und sie von ihr gegebenenfalls ändern zu lassen. Stattdessen belehrt er: „Da muss man sich in der Automobilbranche etwas auskennen“.

Dieser Umgang mit der Presse sei nämlich nicht ungewöhnlich, sagt er, denn es könnten auf der Veranstaltung Preisgestaltung oder andere wettbewerbsrelevante Daten genannt und Prototypen gezeigt werden. Deshalb müsse man sich darauf verlassen können, dass diese Informationen geheim bleiben – schon aus Compliance-Gründen, sagt Langendorf. Die übliche journalistische Regel, dass nicht veröffentlicht wird, was ausdrücklich „unter drei“ (das meint: „off the records“) gesagt wird, genüge daher weder ihm als Sicherheit, noch der VW-Rechtsabteilung, auf die sich Langendorf beruft. Im Übrigen, sagt er, habe sich die Mehrzahl der Journalisten mit den Vorgaben von VW einverstanden erklärt. Absagen habe es nur eine oder zwei gegeben.

Es wäre interessant zu wissen, welche Journalisten welcher Medienunternehmen sich am Dienstagmorgen tatsächlich nach Isenbüttel aufgemacht haben, um sich um 8.30 Uhr am Messezentrallager einzufinden. Als Ausweichtermin für alle, die so kurzfristig der Einladung nicht folgen konnten, bietet VW in seiner Einladung übrigens Donnerstag, den 31. Januar an, Punkt 13.30 Uhr, wie gehabt im Messezentrallager, Am Krainhop 3.

Feb. 2019 | Allgemein, In vino veritas, InfoTicker aktuell, Wirtschaft | Kommentieren