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Familie in der Literatur: Das Schema „Vater, Mutter, Kind“ gilt schon lange nicht mehr.

[1]Idylle allzeit rundum? Neue Romane erzählen, wie schwer es ist, sich vom hergebrachten Familienbild zu trennen:
Mutter holt ein Cocktailkleid aus dem Schrank, Vater einen Anzug, der Nachwuchs mahnt die Eltern, sich ausnahmsweise unpeinlich zu benehmen: Ungefähr so denkt man sich die häuslichen Vorbereitungen einer klassischen Kleinfamilie auf eine Abiturfeier. Keine allzu komplizierte Sache.
Dann aber gibt es Familien, deren schierer Personalumfang (Vater und seine neue Freundin, Mutter und ihr neuer Freund, Kinder aus zwei geschiedenen Ehen) die Vorbereitungen auf das organisatorische und diplomatische Niveau eines Staatsbanketts hebt, bei dem einander feindlich gesinnte Nationen aufeinandertreffen. Von einer solchen Familie erzählt der jüngst erschienene, ironisch pointierte Roman Abifeier eines gewissen Eric Nil. Der Klappentext sagt, es sei das Pseudonym eines „bekannten Romanautors“. Wer auch immer: Der Mann hat Abifeierstress erlebt.

 

Es fängt schon mit der Sitzordnung an. Sollen sich die geschiedenen Eltern des Abiturienten an einem Tisch platzieren? Wohin dann mit ihren Lebensgefährten, die den jeweiligen Ex-Gatten nur in räumlicher Distanz zuzumuten sind? Also Mutter plus Freund an einen Tisch, Vater plus Freundin an einen anderen? Dies zwänge dem Abiturkind die Entscheidung auf, bei welchem Elternteil es lieber sitzt. Psychologisch keine gute Lösung. Wie wär’s mit einer arithmetischen? Das Kind setzt sich von 20 bis 22 Uhr an den Muttertisch, von 22 bis 24 Uhr zum Vater. Und wer hopst aufs Tanzparkett, wenn der sogenannte Elternwalzer auf dem Programm steht? Das Paar, von dem das Kind durch den gymnasialen Endspurt befördert, oder das, von dem es achtzehn Jahre zuvor gezeugt wurde?
Die Familie in den Buddenbrooks (1901) von Thomas Mann, dem Musterbeispiel des modernen und in seinem Generationenschema bis zu Eugen Ruges In Zeiten des abnehmenden Lichts (2011) nachwirkenden Familienromans, hatte haufenweise Probleme – wenn auch keine, die ihre verwandtschaftlichen Positionen betrafen. Die Lübecker Sippe war, bei allem Abstiegselend, doch übersichtlich aufgestellt. Mit einem Klassiker dieser Größenordnung kann (und will) sich Eric Nils Kurzroman Abifeier nicht messen. Exemplarisch ist er gleichwohl. Er bildet, wie eine ganze Reihe aktueller Familienromane, den Richtungswechsel des literarischen Interesses ab, der sich in der Gattung vollzieht. Aus der Sinnfrage ist, kurz gesagt, eine Systemfrage hervorgegangen. Erstere handelt von den Konflikten, Krisen und Verteilungskämpfen zwischen Familienmitgliedern. Letztere aber davon, wie eine Familie eigentlich beschaffen ist und wer in welcher Funktion zu ihren Mitgliedern zählt.
Mit angemessener Verzögerung reagiert die Literatur somit auf die Gesellschaft, die unter Familie längst ein variantenreiches Modell versteht und hierfür so heitere Beinamen wie „Patchwork“ oder „Regenbogen“ erfunden hat. Eric Nils gestresster Ich-Erzähler nennt das teils biologische, teils soziale Beziehungsgeflecht „unsere Konstruktion“. Das klingt schon nüchterner, trifft aber einen wichtigen Punkt. Denn wie auch immer man die neuen Familienformen ideologisch bewertet – von konservativer Seite eher als kulturellen Niedergang, von liberaler eher als Chance –, ein Zug ins Konstruierte, Hergestellte haftet ihnen zwangsläufig an. Ihr Muster ist nun mal nicht vorbestimmt, sondern fakultativ, eine persönliche und oft auch juristische Verhandlungssache.

Über Glück oder Unglück sagt das nicht das Geringste aus. Wer ein bisschen Lebenserfahrung hat, weiß: Es gibt homosexuelle Eltern, von denen heterosexuelle lernen können, und umgekehrt. Es gibt Patchwork-Konstruktionen, bei denen es wie geschmiert läuft, und andere, bei denen es permanent knirscht. Keines der Regenbogen-Modelle aber kommt umhin, sich seine Herkunft aus dem Traditionsmodell zu vergegenwärtigen. Und genau dies geschieht in der neuen Familienliteratur: von Eric Nils Abifeier über Verena Luekens Vatergeschichte Anderswo, Lucy Frickes Roadtrip Töchter, Milena Michiko Flašars Komödienprosa Herr Kato spielt Familie (alle in diesem Frühjahr erschienen) bis zu Annette Mingels Roman Was alles war aus dem Vorjahr.

In keinem dieser Bücher tritt der Prototyp der Familie auf …

mit Vater, Mutter, intakter Ehe und ausschließlich leiblichen Kindern. Sie sind angekommen beim Systemwandel, bei den Buddenbrooks des 21. Jahrhunderts. Aber alle, so unterschiedlich sie in Stil und gedanklicher Tiefe auch sein mögen, stehen in einem erstaunlich aufgeladenen Spannungsverhältnis zu diesem Prototyp und rekapitulieren die Geschichte seiner Erschlaffung. Fast hat man den Eindruck, über die Idee der Familie wurde noch nie so bohrend nachgedacht wie in der Gegenwart. Jener Epoche, die Patchwork und künstliche Befruchtung hervorgebracht hat, einen hohen Anteil Alleinerziehender und Metropolen, in denen die Hälfte der Haushalte von Singles bewirtschaftet wird. Die Dialektik vieler historischer Ideen gilt auch hier: Ihre wahre Kraft zeigt sich erst im drohenden Verlust ihrer Realität.

Heldinnen auf Reise

Annette Mingels Roman Was alles war gleicht einem Gesamtkatalog familiärer Varianten. Susa, die weibliche Hauptfigur, wuchs mit einer Adoptivschwester bei Adoptiveltern auf. Als Mittdreißigerin heiratet sie Henryk, einen Witwer mit zwei Kindern. Gemeinsam bekommen sie ein drittes. Richtig kompliziert wird das Szenario, als plötzlich Susas leibliche Mutter auftaucht, eine Hippiepflanze der siebziger Jahre. Kinder erziehen war nicht so ihr Ding, Kinder bekommen schon. Es stellt sich heraus, dass sie nicht nur Susa direkt nach der Geburt weggegeben hat, sondern noch drei weitere Kinder von verschiedenen Männern. Susas ohnehin dicht bevölkerter Familienkosmos erhält unvermutet Zuwachs durch einen Schwung Halbgeschwister.
In ihrer Figur versammeln sich somit die Positionen: Stiefmutter, genetische Mutter, Tochter zweier Väter und Mütter, Adoptivschwester und Halbschwester. Sozial gut ausgelastet, sollte man meinen. Aber gerade wegen dieser optionalen Fülle hadert Susa mehr und mehr mit der Leerstelle im wilden Familienhaufen: ihrem Erzeuger. Sie kennt ihn nicht. Von der Hippiepflanze ist nur zu erfahren, dass es sich um einen amerikanischen Musiker handelt, mit dem sie vor Jahrzehnten ein paar aufregende Nächte verbracht hatte.

Dieses Motiv aber, die Suche nach dem unbekannten Vater, findet sich verblüffend deckungsgleich in den Romanen von Verena Lueken und Lucy Fricke. Sie alle schicken ihre Heldinnen auf eine Reise, deren Ziel es ist, den Vater zu finden oder ihm nahezukommen. Bei Annette Mingels ist es die Ostküste der USA, bei Fricke die Südeuropas, bei Lueken Südafrika. Es sind nicht nur turbulente, sondern auch symbolträchtige Expeditionen. Denn sie greifen in eine Zeit zurück, in der das Familiensystem noch so geschlossen war wie bei Thomas Mann und einen Posten zu vergeben hatte, der sich männlicher Familienvorstand nannte: unverrückbares Macht- und Legitimationszentrum. In ihrer gerade veröffentlichten, beeindruckend profunden Studie Blutsbande kommt die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun zu dem Schluss, dass die Entmachtung der Vaterrolle entscheidend dazu beitrug, das hergebrachte Familienmodell auszuhebeln.

Keine der Romanheldinnen findet den Vater, nach dem sie sucht. Den Familienvorstand, so lässt sich dies interpretieren, gibt es nicht mehr. Er ist im Archiv der Kulturgeschichte verschwunden. Sein Posten ist jedoch nicht gänzlich verwaist. Er wird ausgefüllt von gleichsam vaterähnlichen Ersatzfiguren, von Stellvertretern. Und auch in diesem Motiv stimmen die Romane exakt überein. Susa, die Protagonistin von Mingels Was alles war, stöbert in den USA einen alten Herrn auf, von dem sie glauben will, er sei ihr Vater. Er ist es nicht. In der Zufallsbegegnung gelingt ihr allerdings das, was sie sich von der mit dem Vater erhoffte: die Versöhnung mit ihrem Leben.

In Lucy Frickes Roman Töchter (Rowohlt, 2018) gondelt eine junge Berlinerin mit ihrer Busenfreundin und deren vorgeblich todkrankem Vater durch Südeuropa. Ein Trip mit kathartischer Wirkung. Sehnsüchte, die sich eigentlich auf ihren Vater richten, erledigt die Ich-Erzählerin mit dem scheinmoribunden Alten, der hinter ihr im Auto sitzt. Milena Michiko Flašar wiederum treibt das Stellvertretermotiv in Herr Kato spielt Familie (Verlag Klaus Wagenbach, 2018) humoristisch auf die Spitze. Herr Kato, ein gelangweilter Rentner, meldet sich bei einer Agentur an, die eine Art Komparsenverleih des sozialen Lebens betreibt. Mal schlüpft er in die Rolle des liebevollen Opas, mal stellt er den Lebenspartner einer alleinerziehenden Mutter dar, oder er feiert bei einer Hochzeitsfeier den Bräutigam als dessen Chef.

Die komplexeste Stellvertretergeschichte erzählt Verena Lueken. Vor drei Jahren debütierte sie mit dem autobiografischen Krankheitsbericht Alles zählt, hoch gelobt für seine intellektuelle Unerschrockenheit und bildliche Eindringlichkeit. Man hätte sich gewundert, wenn es dabei geblieben wäre. Diese Autorin sitzt offensichtlich auf Erzählschätzen und verfügt über eine Sprachklaviatur, die von der rotzfrechen bis zur empfindsamsten Tonlage reicht. Die Heldin ihres Romans Anderswo ist ein durch und durch heutiges Wesen, die Ruhelosigkeit in Person, überall und nirgends zu Hause, nach außen robust, im Innersten klapprig und passenderweise Reisejournalistin von Beruf.

Abarbeiten am Stellvertreterthema

Bei der Beerdigung des Vaters einer Freundin drängt sich ihr die Erinnerung an den eigenen verstorbenen Vater auf. Es ist ein Bild aus weißen Flecken und offenen Fragen. Er verließ die Familie in ihrer Kindheit, der Kontakt versandete in gelegentlichem Gegenübersitzen an Restauranttischen. Die Suche nach dem fremd gebliebenen Vater, die sie nun unternimmt, verlagert sich jedoch auf eine Parallelspur, auf die eines Bruders des Vaters. Ein Nazi, der gerüchteweise nach 1945 in Südafrika untertauchte. Sie findet diesen Onkel nicht. Aber ihre Reise nach Kapstadt ist nicht ergebnislos, so wenig wie die Töchterreisen in den Romanen von Annette Mingels und Lucy Fricke. Denn auch Verena Luekens Heldin trifft auf eine Ersatzfigur. Eine Nacht lang führt sie in einem Haus, das dem Onkel gehört haben könnte, mit einem Unbekannten ein Gespräch, wie es in seiner Vertraulichkeit und Offenheit mit dem Vater zu führen gewesen wäre.

Es gibt einen Grund, weshalb sich diese Familienromane so nachdrücklich am Stellvertreterthema abarbeiten: Hier dringt die Literatur zum Unruhekern des Systemwandels vor, der Ablösung biologischer durch soziale Verwandtschaft. Dass sie im Sinn liberaler Gesellschaftspolitik zu begrüßen ist, ändert nichts an ihrer herausfordernden, ja verstörenden Wirkung auf das Bewusstsein. Ihr Einschnitt in das anthropologische Empfinden dürfte um einiges gravierender sein, als es der fröhliche Begriff „Regenbogen“ suggeriert.
Ob der Verlust der klassischen Kleinfamilie ein moralisches Dilemma darstellt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Und darf bezweifelt werden. Wer sich über ihr Glücksversprechen ein illusionsloses Bild verschaffen möchte, sollte die 2014 erschienene, von den Rechtsmedizinern Michael Tsokos und Saskia Guddat verfasste Studie Deutschland misshandelt seine Kinder (Knaur Verlag) aufschlagen. Unter anderem weisen die Autoren nach, dass bei den Opfern elterlicher Gewalt der Spiralbruch der Wirbelsäule zunimmt. Er entsteht, wenn Kleinkinder mit großer Wucht an die Wand geschleudert werden. Häufig, weil ihre Erzeuger nicht in der Lage sind, auf die Bedürfnisse eines schreienden Wesens und die Einschränkungen ihres überreizten Lebensalltags anders als mit roher Brutalität zu reagieren. Nein, dieses Buch animiert nicht dazu, dem Prototyp der Familie nachzutrauern.
Aber er haftet im Bewusstsein mit eiserner Beharrlichkeit. Davon berichtet die derzeitige Familienliteratur. Sie erzählt zugleich davon, dass die neuen Familienvarianten emotionaler Umwege bedürfen und mühevoller sind als gedacht. Aber machbar. Keiner der Romane, und das ist die wichtigste Botschaft, mündet in eine Tragödie. Auch in Eric Nils Abifeier gehen am Ende alle erschöpft, aber irgendwie ganz zufrieden nach Hause.

Eric Nil: Abifeier. Roman; Galiani, Berlin 2018;
160 S., 17,– €, als E-Book 14,99 €
Verena Lueken: Anderswo. Roman; Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018;
240 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €
Annette Mingels: Was alles war. Roman; Albrecht Knaus Verlag, München 2017;
288 S., 19,99 €, als E-Book 16,99 €