„Der Deutschlandfunk ist der einzige Radiosender, den ich in Deutschland höre, regelmäßig, seit zwanzig Jahren. Es gibt keine andere Medienmarke, der ich länger die Treue gehalten habe. Wenn es etwas gibt, was ich mit Heimat verbinde, dann ist es der DLF. Aber was am Dienstag in der Sendung „Kultur heute“ passiert ist, offenbart leider genau das Gegenteil, nämlich das völlige Ausbleiben einer ganzen Kultur heute, nämlich der jüdischen. In der Sendung sprach die DLF-Journalistin Anja Reinhardt mit dem Pianisten Igor Levit. Levit hatte den ihm 2014 verliehenen Echo-Klassik zurückgegeben – aus Protest gegen die Verleihung des Echos an Rapper, die mit unfassbar geschmacklosen Zeilen über Auschwitz-Häftlinge aufgefallen sind.
Lesen Sie bitte hier erst einmal die Presseerklärung der Gesellschaft für Christlich Jüdische Zusammenarbeit Rhein-Neckar e.V. – bevor wir uns mit dem von einer Mitarbeiterin des Deutschlandfunks (DLF) mit Igor Levit geführten Interview beschäftigen:
„Wir sind bestürzt über die Verleihung des Echopreises an Kollegah und Farid Bang. Die Texte dieser Gruppe widersprechen dem ethischen Grundverständnis unserer Gesellschaft. Die Texte sind antisemitisch, frauenfeindlich und homophob. Sie im Sinn der Freiheit der Kunst mit einem Preis zu würdigen, ist nicht vereinbar mit dem Grundgesetz und dem gesellschaftlichen Konsens.
Abgesehen davon ist die Verleihung gerade in dieser Zeit, in der Antisemitismus, Rechtspopulismus und ausgrenzendes Verhalten täglich zunehmen, ein Zeichen von Ignoranz und fehlender Sensibilität seitens der Jury.
Wir protestieren gegen die antisemitischen Texte dieser Gruppe und verurteilen die Verleihung des Preises in aller Schärfe.
Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Rhein-Neckar e. V.
Der Vorstand
Majid Khoshlessan Manfred Froese
Mannheim, den 17. April 2018
Im DLF-Gespräch erklärt Igor Levit, dass er zwar die Rückgabe als Zeichen verstanden wissen wolle, „aber natürlich ist das eigentliche Problem ein viel größeres:
Wie viel größer das Problem ist, erfahren wir umgehend im Wortlaut:
? – Reinhardt: Sie sind ja selbst jüdischer Herkunft.
Levit: Ja.
Reinhardt: Sie sind mit Ihrer Familie in den 90er-Jahren von Russland nach Deutschland gekommen.
Levit: Ja.
Reinhardt: Insofern würde ich jetzt mal davon ausgehen, dass Sie das besonders trifft. – Andererseits: Sie twittern sehr viel und Sie twittern in letzter Zeit auch jeden Tag einen jüdischen Witz. Das müssen Sie uns mal erklären, wie das zusammenpasst.
Levit übergeht in seiner Antwort die Frechheit der Frage. Er soll allen Ernstes erklären, wie sich sein Twittern jüdischer Witze mit Kritik an einem Preis für Verächtlichmachung von Auschwitz-Häftlingen verträgt. Was ist das für ein Land, in dem ein führendes, seriöses Medium solche Fragen stellt?
Dass der Echo Schund ist, geschenkt. Aber das hier ist der Deutschlandfunk. Der DLF steht für Deutschland, für das ernste („Informationen am Abend“), das gründliche („Hintergrund“), das peinliche („Querköpfe“) Deutschland. Aber das hier ist nichts von alledem. Das hier, das ist ist schlimm.
Die Redakteurin ist offenbar der Auffassung, es sei erklärungsbedürftig, gleichzeitig gegen Judenfeindlichkeit zu sein und jüdische Witze zu erzählen. Das ist auf so vielen Ebenen ein Problem: Warum muss sich Levit überhaupt rechtfertigen für die Rückgabe des Preises? Darf, wer jüdische Witze postet, Antisemitismus nicht kritisieren? Warum ad hominem? Oder soll es heißen, Mensch Igor, du nimmst doch sonst dein Judentum so locker, du machst ja sogar Witzchen, da wird es es doch auf ein “Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen” von Kollegah und Farid Bang nicht ankommen!
Offenbar ist der Jüdische Witz beim DLF nicht bekannt, ein stehender Begriff, eine bestimmte Gattung jüdischen Humors – mit speziellen Stilmitteln, Figuren, Motiven. Und nein, das ist nicht dasselbe wie der verächtliche “Judenwitz”.
So was muss man jetzt also „erklären“, wenn man seinen, diesen Echo zurückgibt. Es ist aber eigentlich egal, weil es die deutsche Sozialisation ist, die diese ganze verkorkste Situation herbeigeführt hat: In Deutschland gibt es kein „Seinfeld“, keine jüdische Sitcom, kaum einer hat jüdische Nachbarn, an denen man sehen könnte, dass das ganz normale Leute sind. In den USA ist jüdisch zu sein so ähnlich wie italienisch zu sein oder irisch – du hast deine Traditionen, deine Kirche, dein Essen, deinen Humor.
Deutsche aber kriegen nicht mal das Wort „Jude“ über die Lippen, ohne zu zögern, weil sie es nur als Schimpfwort kennengelernt haben, weil ihr erster Kontakt mit Juden die Schwarzweißfotos ausgemergelter KZ-Häftlinge sind, die man ihnen pflichtschuldig in der Schule zeigt. Dann bemühen sie Verrenkungen wie den „Menschen jüdischen Glaubens“, selbst wenn er gar nichts glaubt. Oder die „jüdische Herkunft“ als maximal gut gemeintes Distanzierungsgeschwurbel.
Die jüdische Kultur wird von deutschen Nichtjuden vor allem als Opferkultur gelebt. Wenn die Opfer dann aber plötzlich Humor haben, naja dann sollen sie mal das Maul nicht so aufreissen und uns eitle Gesten wie die Rückgabe von Preisen der deutschen Musikindustrie ersparen. Und wenn es hundert Mal um Antisemitismus geht.
Ach, das war gar kein Antisemitismus bei den beiden Rappern? Das kann man leicht behaupten, wenn man Juden nur aus den Heften der Bundeszentrale für politische Bildung kennt.
Das ist sie also, meine verkorkste Heimat. Wir haben 2018, und wenn du es als Jude wagst, gegen Antisemitismus zu protestieren und dennoch jüdische Witze zu posten, dann wird nachgehakt: „Das müssen Sie uns mal erklären.“
Die Aufforderung offenbart mehr von der „Kultur heute“, als einem lieb sein kann.