
Zugleich ist wahr: Angehörige verschiedener Zivilisationen benutzen verschiedene Erzählungen, um sich ihre Lage in der aktuellen Welt zu vergegenwärtigen. Dies kann so weit gehen, dass manche Kulturen alternative Kalender verwenden. Es wäre naiv, zu glauben, die ganze Welt sei «gregorianisiert», nur weil wir im Westen überwiegend diesem Kalenderstandard folgen.
Die Festtage der osteuropäischen Kirchen werden noch heute nach dem julianischen Kalender bestimmt, der eine Verzögerung von 13 Tagen mit sich bringt. Man denke an die jüdischen und die islamischen Zeitrechnungen, die nicht von der Geburt Christi ausgehen; demnach schreiben wir heute jüdisch das Jahr 5778 (beginnend mit der biblischen Schöpfung), islamisch das Jahr 1439 (beginnend mit der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina). Auch grosse Länder wie China und Iran besitzen weiterhin ihren kalendarischen Eigensinn und sind nicht bereit, sich einer einseitig westlich definierten Weltzeit einzufügen.
Die Welt war nie eins
Wenn aber schon auf der Ebene der Kalender ein tiefgreifender Pluralismus zu berücksichtigen ist, so finden wir auf der Ebene der lokalen Erzählungen erst recht eine irreduzible Mehrzahl von Stilisierungen des Weltgeschehens vor – und dies nicht nur bei den Mythologien, mit denen praktisch alle Kulturen der Verlegenheit begegnen, von Anfängen «berichten» zu müssen, bei denen es keine menschlichen Zeugen gab. Nein, auch bei den historischen Erzählungen im eigentlichen Sinn des Worts ist mit einem radikalen Perspektivismus zu rechnen. Aus kulturtheoretischer Sicht ist es plausibel, ebenso viele Erzählungen zu erwarten, wie es Standorte für narrative Entwürfe gibt.
Was heute in Wahrheit geschieht, ist der Zerfall der amerikanischen Klammer.
Aus diesem Grund ist es nicht korrekt, zu sagen, die Welt breche in zahlreiche Stämme auseinander – als ob sie denn jemals zu einem gegebenen Zeitpunkt in einer allinklusiven Synthese vereint gewesen wäre. Was heute in Wahrheit geschieht, ist der Zerfall der amerikanischen Klammer: Nur innerhalb dieser halb imaginären, halb pragmatischen Projektion schien die Utopie einer alldurchdringenden Okzidentalisierung der Welt vorstellbar.
Solche Konzepte haben sich inzwischen aus mehreren Gründen als illusorisch erwiesen, zum einen, weil sich die USA als Führungsmacht des Westens unter Präsident Trump zeitweilig eher abstossend als anziehend präsentieren, zum anderen, weil Europa bis auf weiteres in relativer politischer Schwäche verharrt, und schliesslich, weil die Resilienz der regionalen Kulturen weltweit die Widerstände gegen die Angleichung an den Westen verstärkt – und dies nicht nur in der Arabosphäre, der Iranosphäre und der Turkosphäre, sondern auch in China, in Indonesien, in Mittelasien, in Afrika und in Lateinamerika. Die globale postkoloniale Situation gibt zahlreichen Manifestationen des antiokzidentalen Ressentiments Raum.
Es wäre ein gefährlicher Irrtum, die Summe dieser Tendenzen unter dem offen verächtlichen Begriff «Neotribalismus» zu resümieren. Dieser drückt mehr die Verlegenheit des hilflosen Universalismus aus als die Bereitschaft, sich mit den Tatsachen der Pluralität und der Multipolarität auseinanderzusetzen.
Geteilte Kulturen
Das eigentliche zivilisatorische Problem liegt nicht im ethnischen Pluralismus mitsamt seinen Spiegelungen in lokalen Erzählungen, gleich, ob man diese nationalistisch oder nativistisch nennt; es zeigt sich vielmehr in der sich ständig vertiefenden Asymmetrie zwischen der Vergangenheit und der Zukunft innerhalb jeder einzelnen Kultur. Man könnte in Bezug hierauf von einem immanenten Zusammenstoss zwischen Traditionalismus und Futurismus sprechen. Dieser vollzieht sich zwar auch an den Aussengrenzen der Kulturräume, jedoch noch mehr innerhalb der Kulturen selbst.
Man darf wohl sagen, der Zwang zur Modernisierung sei heute das Schicksal, doch nicht alle Schicksale verlaufen gleich. In makrohistorischer Sicht müssen sich alle Kulturen mit zwei umfassenden Verlegenheiten auseinandersetzen: zum einen mit der Tatsache, dass die Erde als ein endliches planetares Ökosystem erkannt ist und umweltpolitisch nur so in Regie genommen werden kann; zum anderen mit der Einsicht, wonach der Übergang vom Traditionalismus zum Futurismus allenthalben mehr oder weniger unausweichlich geschieht. Das bedeutet, die vielen Kulturen müssen begreifen, dass sie auf überwiegend getrennte Vergangenheiten zurückschauen und auf überwiegend gemeinsame Zukünfte vorausblicken.
Hierbei entsteht ein globaler Situationismus, bei dem die eine Erde als gemeinsamer Kulturenstandort in den Vordergrund kommt. Die lokalen Erzählungen sind zunehmend gezwungen, die idiochronen Horizonte ihrer Geschichtskonstrukte mit dem virtuellen synchronen Horizont der gemeinsamen Weltzeit zu koordinieren. Umso besser, wenn aus solchen Anstrengungen multiperspektivische Entwürfe von Universalgeschichte entstehen.
Das Unbehagen an den Fliehkräften, die das gegenwärtige gesellschaftliche Zusammenleben erfasst haben, liegt also nicht in einem angeblich neu erwachten Tribalismus begründet, sondern woanders. Zum Gesamtbild der Modernität gehören in der Tat Tendenzen zu steigender Individualisierung, und zwar bei stetiger Zunahme der Konnektivität. Während die Individuen ihre Unvergleichlichkeit immer stärker betonen, werden sie in ständig steigendem Ausmass von sozialer Arbeitsteilung, von Geldwirtschaft, von Kommunikationsdiensten und von der Teilhabe an Informationsströmen jenseits der Nachbarschaften abhängig. Thom Mayne hat diesen Sachverhalt aus der Perspektive der Architekturtheorie schon vor Jahrzehnten mit der Formel «connected isolation» beschrieben.
Die grosse Vereinzelung
Der luzide Ausdruck lässt sich ohne weiteres auf einen starken Trend in den zeitgenössischen Wohnverhältnissen beziehen: Nach Aussagen der Statistik existieren zwischen 50 und 60 Prozent der Bewohner von westlichen Metropolen als Alleinlebende, sei es in Einraumwohnungen, wie sie von den zwanziger Jahren an wucherten, sei es in Mehrzimmerwohnungen, die zunächst für Kleinfamilien konzipiert waren. Eine deutliche Mehrheit solcher Singles erklärt, sie empfänden sich als sozial ausreichend integriert, ja, sie heben die Vorzüge ihres modus vivendi hervor: Wie kein anderer gewährt er die Vorzüge frei gewählter Nähe mit dem Komfort der Distanz.
In diesem Zusammenhang werden wir auf einen Aspekt des Tribalismus-Phänomens aufmerksam, der in den üblichen Kritiken der modernen Kondition nur eine untergeordnete Rolle spielt. Die historische Anthropologie verweist auf die Tatsache, dass sich die Evolution von Homo sapiens ursprünglich in kleinen Gruppen abgespielt habe, die man gelegentlich als Horden bezeichnet – wahlweise auch als Stämme oder Clans.
Im spätantiken Hellenismus taucht das Konzept der «kosmopolis» auf – die kühne Gleichsetzung von Grossstadt und Weltall.
Der Mensch wäre demnach seinem anthropologischen Design gemäss zunächst ein Kleingruppen-Wesen, das erst sehr spät, in der Ära der frühen Völker und Königsherrschaften, zur Koexistenz mit Volksgenossen in grösser formatierten sozialen Verbänden umerzogen wurde. Hierzu haben die Schriftkulturen und die Bildungssysteme der avancierten Zivilisationen Wesentliches beigetragen.
Im spätantiken Hellenismus taucht das Konzept der «kosmopolis» auf – die kühne Gleichsetzung von Grossstadt und Weltall. Die Bewohner dieser imaginären Grösse nennen sich Kosmopoliten. Die Idee der City im Universum orientiert sich an den Erfahrungen von Händlern, Seefahrern, Offizieren und von reisenden Intellektuellen. Ihr gemeinsames Interesse richtete sich auf eine Doktrin, die das Überall-leben-Können lehrte. Sie implizierte den «Humanismus» als die Kunst, sich in der Fremde Freunde zu machen. Wer überall zu Hause sein kann, ist überall im Exil.
Aus dieser Sicht fungierte der «Humanismus» als Tribalismus für Leute im Aussendienst. Aus ihrer Sicht ist die Welt voll von Freunden, die man noch nicht kennt. Schon der antike Humanismus nahm Rücksicht auf die Tatsache, dass gerade der Mensch, der nicht zu Hause ist, dazu neigt, einen Ersatz für die primäre Kleingruppen-Umwelt um sich herum zu rekonstruieren – es sei denn, er habe die Lebensform der eremitischen Askese gewählt, die einer heiligen Asozialität zum Vorwand dient.
Die autoritäre Wende
Aus dieser Sicht wird evident, dass die individualistischen Lebensformen der Gegenwart unweigerlich mit einer verstärkten telekommunikativen Konnektivität einhergehen müssen – anders liessen sich der durchschlagende Erfolg von Techniken der erweiterten Telefonie sowie die überbordende Flut der sozialen Netzwerke nicht erklären. Ein Gutteil der Lebensenergien von Individuen in den Gefügen der «connected isolations» fliesst in die Errichtung von selbstgewählten informellen «Stämmen» aus Freundschaften, Bekanntschaften und Mitgliedschaften in lokalen Assoziationen, sei es mit postalischen oder anderen telekommunikativen Mitteln. Sie helfen den räumlich Alleinlebenden, aus der idiochronen Isolierung ihrer Wohnungen auszubrechen, um an der gemeinsamen Zeit eines Netzwerks von Zeitgenossen teilzuhaben.
Nicht solche freiwilligen «Stammes»-Bildungen sind also das Problem, sondern umgekehrt: Wo solche spontanen «Stammes»-Bildungen fehlen, kommt es zu sozial und politisch problematischen Situationen. In ihnen werden desorientierte und entwurzelte Einzelne von absorbierenden Massenbewegungen angezogen, die eine Heimat in abstrakten Engagements versprechen.
Die klassischen Analysen zum Phänomen des Totalitarismus haben offengelegt, dass die unverbundenen Isolierten in erhöhter Gefahr sind, von totalitären Programmen und autoritären Führer-Figuren verführt zu werden. Wo die intermediären Instanzen sozialer Vernetzung ausfallen – nennen wir sie ohne Scheu die spontanen quasi-tribalen Milieus –, dort wächst die Gefahr, dass sich verlorene Einzelne mit pseudo-kommunitarischen Ideologien nationalistischer Machart und mit absorbierenden Sekten identifizieren.
Peter Sloterdijk zählt zu den bedeutenden Philosophen der Gegenwart. Sein Werk erscheint im Suhrkamp-Verlag.