An einem regnerischen Nachmittag im April betreten Prinz Guillaume, der Erbgroßherzog von Luxemburg, und seine Gattin, Prinzessin Stéphanie, die Firmenzentrale von Planetary Resources – einem Start-up, das sich dem Abbau von Rohstoffen auf Asteroiden verschrieben hat.  Die in Seattle arbeitenden Ingenieure bereiten dem Prinzenpaar einen königlichen Empfang mit feinen Appetithäppchen, Craft Beer und viel Riesling aus dem Columbia Valley. In einer Ecke der Lounge steht ein Videospiel-Automat, mit dessen Steuerknüppeln man herabfallenden Asteroiden auf dem Bildschirm ausweicht.

An der Wand hängt zwischen der rot-weiß-blauen Trikolore des Großherzogtums und der Flagge der USA der Prototyp des Raumschiffs, das speziell dafür entwickelt wurde, die Galaxie zu durchstreifen und Asteroiden nach kostbaren Ressourcen abzusuchen. Das Raumschiff könnte die Shareholder des Start-ups zu sehr reichen Erdlingen machen. Luxemburg ist einer der größten Sponsoren des Unternehmens. Die zugesagten 25 Millionen Euro – direkte Finanzierung wie staatliche Unterstützung für Forschung und Entwicklung inklusive – sind Teil eines äußerst ambitionierten Plans, der das Land zu einem Zentrum für den Abbau von Mineralien, Metallen und anderen Bodenschätzen auf Himmelskörpern machen soll. Luxemburg ist im Laufe der vergangenen 100 Jahre reich geworden, indem es die Räder der globalen Finanzwelt geschmiert hat; nun, wo Unternehmen wie Planetary Resources sich auf eine kosmische Landnahme vorbereiten, will Luxemburg seine überschaubare terrestrische Fläche nutzen, um dem Kapitalismus ins All zu verhelfen.

Die Erkundung des Weltraums war lange Zeit eine Angelegenheit für groß angelegte, nationale Operationen, die zu kostspielig, gefährlich und komplex waren, als dass Zivilisten ohne staatliche Unterstützung sie hätten in Angriff nehmen können. Doch nun drängen immer mehr Privatfirmen in den Bereich und stellen Fragen, die bis vor kurzem wie reine Gedankenexperimente klangen: Wer kann einen Asteroiden und dessen Bodenschätze für sich beanspruchen? Soll das Universum der „gesamten Menschheit“ zugute kommen, wie es internationale Verträge aus den 1960ern vorsehen? Oder ist dieser Idealismus überholt?

Goldman Sachs wittert Platin

Luxemburg bringt sich in Stellung, um Antworten auf diese heiklen ethischen und juristischen Fragen zu finden. Während Staaten wie China und Indien immer größere Summen in die Entwicklung von Raumfahrtprogrammen investieren, um der NASA Konkurrenz zu machen, setzt Luxemburg auf eine andere Karte: Es würde gerne Standort für eine multinationale Kaste von Unternehmern werden, die es nicht allein ins All drängt, um die Wissenschaft voranzubringen oder den geopolitischen Einfluss ihres Landes zu vergrößern. Sondern um „da oben“ Geld zu verdienen.

Weltraum-Unternehmer sprechen von einem neuen „Goldrausch“ und sehen in den riesigen Mengen an Wasser, Metallen und Mineralien im All eine Lösung dafür, dass der Vorrat an natürlichen Ressourcen auf der Erde bald aufgebraucht sein wird. Im April informierte Goldman Sachs seine Kunden, dass die Ausbeutung von Asteroiden möglicherweise „realistischer als gedacht“ sei – dank sinkender Kosten für Raketenstarts und großer Mengen an Platin, die sich auf Gesteinen im All befänden und nur darauf warteten, abgebaut zu werden.

„Das Ganze ist keine neue Idee“, sagt der Chefingenieur von Planetary Resources, Chris Voorhees. „Neu ist die staatliche Unterstützung dafür.“ Dass Rohstoffe im All abgebaut werden würden, sei schon lange klar, die Frage war nur, wann es endlich damit losgehen würde. Jetzt, sagt Voorhees, mache Luxemburg es möglich.

Das Großherzogtum hat 200 Millionen Euro für die Finanzierung von New-Space-Unternehmen vorgesehen, die mit dem Land kooperieren wollen; bis heute haben sechs das Angebot angenommen. Luxemburg hat offizielle Vertreter nach Japan, China und in die Vereinigten Arabischen Emirate entsandt, um über Partnerschaften zur Erkundung des Weltraums zu sprechen und Veteranen der Raumfahrtindustrie wie den ehemaligen Chef der Europäischen Raumfahrtagentur als Berater angeheuert. Im Juli verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das für Rechtssicherheit sorgen soll. Es ist das erste dieser Art in Europa und das global weitreichendste.

Das Gesetz besagt: Findet das Raumschiff eines luxemburgischen Unternehmens auf einem Himmelskörper Wasser, Silber, Gold oder andere wertvolle Substanz, erkennt das Land die abgebauten Materialien als legitimes Eigentum des Unternehmens an.

Der Besuch königlicher Hoheiten in der Firmenzentrale von Planetary Resources kurz vor der Verabschiedung des Gesetzes soll den Führungskräften des Silicon Valley, der amüsierten luxemburgischen Presse sowie Weltraumforschern auf der ganzen Welt klarmachen, dass die Rohstoffgewinnung auf Asteroiden keine Science-Fiction mehr ist. Zu diesem Zweck begleiten etwa 40 Untertanen das Paar, die alle eine Rolle in dieser neuen Industrie spielen.

Luxemburgs Vize-Premierminister, Etienne Schneider, führt die Delegation an. Mit seiner lockeren Art, ausgezeichnetem Englisch und einer Vorliebe für teure Autos ist er ein Typ vom Format des französischen Präsidenten Emmanuel Macron: ein Produkt der sozialdemokratischen europäischen Parteien, ein Sozialliberaler durch und durch – Schneider ist mit einem Mann verheiratet –, aber einer, der bereitwillig den Handlanger für globale kapitalistische Interessen spielen wird, sollte sich dazu die Gelegenheit bieten. Mit ihm ist eine Delegation aus Wissenschaftlern, Handelsattachés, Bankern, Juristen und Journalisten nach Seattle gekommen, die zwischen Deutsch, Englisch, Französisch und Luxemburgisch hin- und herwechseln.

Das Team von Planetary Resources führt seine Unterstützer durch die Labore, in denen die Hardware gebaut wird. Man ist noch nicht so weit, wirklich Bodenschätze auf Asteroiden abzubauen, aber um von Luxemburgs Vorleistungen profitieren zu können, wurde in diesem Jahr ein Büro im Großherzogtum eröffnet. Aus der Nähe betrachtet sieht das einsatzbereite Raumschiff Arkyd 6 aus, wie Satelliten in Filmen aussehen, nur kleiner. Es verfügt über viele Klappen und Anhängsel, einen Infrarot-Sensor, eine Sternen-Navigationskamera, mit der sich die Sonde im All orientieren kann, und ein GPS-Gerät, das nur in der Umlaufbahn der Erde funktioniert.

Luxemburgs Position als kleiner Flecken im Herzen Europas erlaubt und erfordert geradezu, dass es sich an solch ambitionierten Unternehmungen beteiligt. Das Motto des Landes lautet: „Wir wollen bleiben, was wir sind“, und im Laufe der Jahrhunderte hat dieser unabhängige Geist die Besatzung durch die Herzöge von Burgund, die Könige von Spanien und Frankreich, die Kaiser Österreichs und den König der Niederlande überdauert. Heute gilt der Staat, der erst 1867 seine Unabhängigkeit erlangte, vielen in der Welt als Kuriosum: ein kleines Land mit großem ökonomischem Einfluss und dem größten Pro-Kopf-Reichtum der Welt, von dem jeder schon gehört hat, das aber niemand so genau auf der Karte verorten kann.

In der Finanzwelt aber komme man an Luxemburg kaum vorbei, sagt der Ökonom Gabriel Zucman von der Universität Berkeley in den USA. „Es verfügt über Privatbanken wie die Schweiz, eine große Investmentfondsbranche wie Irland, wird für Steuervermeidung von Unternehmen benutzt wie die Bermudas oder die Niederlande und beherbergt einen von zwei internationalen Zentralverwahrern von Wertpapieren. Luxemburg ist die Steueroase aller Steueroasen und auf allen Ebenen der Finanzindustrie gegenwärtig.“
Tony Norfield, ein früher Banker in der City of London, der heute über die internationale Finanzwirtschaft schreibt, bezeichnet Luxemburg als den „Inbegriff des Parasitismus“.

Die Geschichte, wie ein relativ einflussarmes Land Weltkriege, Wirtschaftskrisen und dramatische technologische Fortschritte überstanden hat, um ein Zentrum der Banken- und Finanzwelt zu werden, zeigt, wie weit ein kleines Land kommen kann, wenn es sich der Vorwegnahme und der Befriedigung der Bedürfnisse des internationalen Kapitals verschreibt.

Es gibt für ein Land wie Luxemburg nicht viele Optionen, außer der, die wertvollste Ressource auszubeuten, die es hat: seine nationale Souveränität. Und Luxemburg hat dies mehr und besser getan als irgendein anderes Land auf der Welt, indem es Gesetze und Regulierungen schuf, die Banken, Telekommunikationsunternehmen und Beratungsfirmen anlockten, noch bevor eine dieser Branchen die Weltwirtschaft zu dominieren begann. Genau das Gleiche versucht das Land nun in Hinblick auf die, die Asteroiden im All ausbeuten wollen – eben bevor irgendjemand anders sie wirklich ernst nimmt.

Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Stahl die wichtigste Industrie des Landes gewesen, 1980 stand die Branche vor dem Zusammenbruch. Noch bevor die ersten Eisenerz-Minen schlossen, war das Großherzogtum für seine diskrete, aber wirkungsvolle Regulierungsfreiheit bekannt. Ein eigenständiges Wirtschaftsmodell nahm Gestalt an: Im Laufe der folgenden Jahrzehnte sollte Luxemburg sich mit der Verabschiedung von Gesetzen einen Namen machen, „die dafür gemacht waren, das weltweite Fluchtkapital anzuziehen“, wie das gegen Steuervermeidung aktive Tax Justice Network schreibt.

Georges Schmit, der sein ganzes Leben im luxemburgischen Staatsdienst gearbeitet und eine wichtige Rolle bei der Umgestaltung der luxemburgischen Wirtschaft gespielt hat, seitdem er 1981 in das Wirtschaftsministerium eintrat, meint: Ein entscheidender Faktor für Luxemburgs frühen Erfolg war dem Umstand geschuldet, dass es über keine eigene Zentralbank verfügte. Das Land befand sich seit 1921 in einer Währungsunion mit Belgien und machte Finanzunternehmen keine strengen Auflagen: Banken konnten Geld, das sie ansonsten als Sicherheit hätten hinterlegen müssen, verleihen oder ausgeben. In Schmits Worten bestand Luxemburgs größte Anziehungskraft „nicht in dem, was wir taten, sondern in dem, was wir unterließen“.

Jan. 2018 | Allgemein, Politik, Zeitgeschehen | Kommentieren