grosses_autoWeiß glänzend schwebte die wie ein Strich gezogene, fast neun Meter lange Super-Strech-Limousine durch Heidelbergs Innenstadt und bahnte sich nahezu lautlos und mit retardiertem Tempo ihren Weg in Richtung Neckarbrücke. Drinnen saßen stehend Leute, schweigend ins Gespräch vertieft? Nein, so war es nicht gewesen.
Wir, also meine vier Kinder und ich, fläzten uns förmlich auf der edlen Rundsitzlederecke im Heck des Gefährts. Und wir schwiegen auch nicht beredt, sondern parlierten an- bis aufgeregt miteinander,

dabei aus den Augenwinkeln den livrierten Chauffeur bei seiner gemächlichen und kompetenten Lenkarbeit fixierend. Eine Schampus-Flasche wanderte von Hand zu Hand, um die Bord-Sektkelche zu füllen. Wir prosteten uns zu. Durch die verblendeten Fenster konnten wir den Alltag der wenig müßiggängerischen Außenwelt beobachten, Paare und Passanten bei ihren geschäftigen, ja hektischen Gängen. Immer wieder mal winkte uns jemand freudig zu, genauer gesagt der Limousine, denn dass diese einige Mitfahrer barg und welche, konnte man von außen gar nicht sehen. Man winkte einfach auf gut Glück!
Der Tag, ein echter Sommertag, hatte jedoch anders begonnen, und ihm waren in den Wochen zuvor präzise, väterliche Planungen des Tagesablaufs vorausgegangen, die bis kurz vor knapp strikt geheim gehalten wurden, was gar nicht so einfach gewesen war.
Hintergrund des „Projekts“ war ein Umstand, den ich seit einiger Zeit bei meinen pubertierenden bis adoleszenten Kindern, ähnlich zu vielen ihrer Schulfreunde und -freundinnen, zu beobachten meinte. Die damals 10- bis 19-Jährigen saugten das US-amerikanische, mediale SHOWBIZZ jener Zeit geradezu in sich auf und bestaunten das ihnen vorgeführte, wundersame Hollywood, Las Vegas, die Blockbusterei und Oscar-Prämierungen, die stilisierten Figuren der Tele-Soaps und all die glitzernden Stars und Sternchen des Marktes der Sensationen. Sie ließen sich, wenngleich in unterschiedlicher Ausprägung, von der marketingmäßig gemanagten Omnipräsenz schön gestylter Darsteller und Darstellerinnen zunehmend faszinieren, anstecken, ja, auch einlullen, wie mir schien. Es lag da bei meinen Kindern, wie über Nacht gekommen, sehr viel Identifikation in der Luft. Aus meiner Sicht, ein Alt-68er kann nicht so einfach aus seiner Haut, etwas zu viel in die falsche Richtung, zumal die betrüblichen Seiten dieser in Glanz und Glamour dargestellten Welt gerne ausgeblendet wurden.
Dabei war es nicht so, dass die Kinder die Schattenseiten solcher Lebensart gar nicht wahrgenommen hätten. So sinnierten sie zum Beispiel durchaus ernsthaft darüber, dass erstaunlich viele Sänger und Sängerinnen aus dem Pop-Geschäft nicht über das 27ste Lebensjahr hinauskommen, der sog. „Klub 27“, wie er inzwischen heißt: früher Janis Joplin, Jimi Hendrix, heutzutage Kurt Cobain, Amy Winehouse, um nur einige aus der umfassenden und traurigen Liste zu nennen. Alle gestorben im jungen Alter von 27 Jahren! Bei meinen Kindern schien sich jedoch – Klub 27 hin, Showbizz-Blendwerk her – unterm Strich eine Einstellung durchgesetzt zu haben, wonach sie sich das Leben eines Weltstars der Pop- und Filmszene einfach grandios und wundervoll vorstellten. Mit ganz viel Kohle und wenig Sorgen, mit Glanz und Gloria, mit Hypes und schönen Skandalen.  Cool eben, abgefahren, ultrakrass!
Nun meine ich, vom Typus her jemand zu sein, der dazu neigt, die Rolle der Spaßbremse lieber Berufeneren zu überlassen. Ich wollte in der erzieherischen Angelegenheit auf keinen Fall mit erhobenem Zeigefinger vorgehen und ich wollte vermeiden, sauertöpfisch zu wirken. Deshalb hatte ich beschlossen, in die Trickkiste zu greifen. Ich wollte ein Zeichen setzen. Mit einer Art paradoxer Intervention beabsichtigte ich, ein Stück weit gegenzuhalten und auf möglichst raffinierte und indirekte Weise etwas Aufklärung zu betreiben. Tja, so hatte ich mir das ausgedacht. Und wenngleich ich nicht so weit gehen wollte, meine Kinder qua Karaoke auch noch zum Singen zu veranlassen, so sollten sie doch einmal in ihrem bisherigen Leben am eigenen Leib verspüren, was es im Alltag heißt, ein internationaler Star von Kommerzes Gnaden zu sein. Die auf ein Event zusammengelegten Geburtstage meiner Kinder boten hierfür den perfekten Anlass. Lerneffekte erwünscht, so erwischte ich mich selbst gedanklich bei meiner rasanten Sonderpädagogik!
Der entscheidende Tag war also gekommen. Ich hatte zuvor um ein Erscheinen in angemessenem Outfit gebeten, sodass wir uns zeigen können sollten, ein bisschen starmäßig eben. Das besorgten fast allein schon die coolen Sonnenbrillen, die wir uns antaten. Zunächst saßen wir aber zu Hause zusammen bei einer riesigen und bunten Zuckerspecktorte handmade vom Heidelberger Altstadt-Spezialisten, und ich erklärte meinen Kindern, dass sie sich aus Anlass der Geburtstagsfeier heute einmal ganz und gar wie große Stars fühlen, ja in diese Rolle geradezu hineinfuchsen sollten. Dieses Anliegen, diese merkwürdige Offerte stieß bei ihnen zunächst auf vorsichtiges bis ungläubiges Staunen: Was ist da im Schwange, dachten sie, die Zuckertorte war ja schon mal toll, aber war das alles, was kommt da noch? Ich erntete skeptische, bisweilen belustigte Blicke und musste innerlich grinsen. Ja, meine Jungstars sollten es heute verdammt gut haben, hatte ich mir überlegt.
Wir naschten genussvoll, aber vorsichtig ein paar süße und saure Teilchen des bunten Fruchtspecks, ohne das Gesamtbild der Torte sogleich zu zerstören. Dann holte ich ein Massage-Öl hervor und massierte die Nacken aller meiner vier Kinder jeweils für zehn Minuten, was ihnen ausgesprochen gut gefiel. Stars müssen immer „relaxt“ wirken, so sah es das Konzept, der Plot vor. Zwischendurch klingelte es plötzlich. „Fritz“ (so nannten sie mich, wenn sie nicht Papa sagen wollten), hast Du noch jemanden eingeladen, warum hast Du nichts gesagt? Was ist da los?“ Ich schickte die beiden Töchter an die Tür. Sie öffneten und kehrten nach wenigen Sekunden strahlend mit vier bunten Blumen-sträußen zurück, ein jeder versehen mit einer kleinen Widmung von Verehrern und, ach ja,  „Congratulations“. Prima, dachte ich, das hat schon mal geklappt.
Eine halbe Stunde nach dem Auftritt des Blumenpeters klingelte es erneut, und der nächste Auftritt stand bevor. Diesmal ging ich zur Tür und empfahl meinen Kindern, aus dem Fenster zu schauen. Während ich dem Chauffeur Auskunft gab, dass wir sogleich kommen würden, hörte ich hinter mir an den Fenstern spitze Schreie. Die Kinder hatten die weiße Stretch-Limousine entdeckt und waren außer sich vor Überraschung und Vergnügen. So allmählich zeichnete sich auch bei ihnen in ersten Umrissen ab, wie der Festtag angelegt war…Wir begrüßten den ehrerbietigen Chauffeur und nahmen im Wagen Platz, der sich auch innen von seiner besten Seite zeigte: Spiegel-Einrichtungen, Chrom und Silber, ein ledernes Sitz-Rondell, alles vom Feinsten – Bordbar inklusive…Wir fuhren los.
Die weiße Limousine schwebte also durch die Heidelberger Innenstadt und dann über die neue Brücke, um gleich danach nach rechts abzubiegen. Es ging am Neckar entlang. Wir genossen die Fahrt, aber ich musste meinen Kindern nun mitteilen, dass sie in Kürze erstmals am heutigen Tag richtig gefordert werden würden. Die Erwartungen seien groß. Stille trat ein. Ich berichtete, dass wir an der berühmten Alten Brücke halten würden, wo zahlreiche Fans und auch die Presse wohl schon Aufstellung bezogen hätten. Jetzt hätte man fast die ominöse Stecknadel fallen hören können, wäre da nicht das sanfte Rauschen unseres Flaggschiffs gewesen. Dann brach es unisono wie ein Sturm los: „Nein, nein, auweia, bloß das nicht. Was sollen wir denn da sagen, verdammt, was wollen die von uns wissen. Ich steige nicht aus. Ich auch nicht. Ich auch nicht.“ Und meine süßen Stars duckten sich besorgt in ihre Sitze, während ich den Augenblick genoss. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ich nahm einen Korb mit Spezereien auf, den ich bereitgehalten hatte: Gebäck, Süßigkeiten und kleine Getränke. Als der Chauffeur schließlich an Ort und Stelle anhielt, brach – wie vereinbart – draußen ein Jubelsturm los und die Kameras wurden gezückt. Gleich nach dem Ausstieg wurde meinen Stars ein Mikrophon vors Gesicht gehalten.
Sogleich aber löste sich das Eis der krassen Besorgniserstarrung, denn die Fans entpuppten sich als die bestellten, besten Freunde und Freundinnen meiner Kinder, zwölf an der Zahl. Und der Reporter mit dem Mikrofon war ein guter Freund der Familie, den alle kannten. Die Freude war groß. Und so begann eine improvisierte Mini-Party im Stehen auf der Neckarwiese. Aus einem mitgebrachten Radio hämmerte Hip Hop. Wir verteilten den Inhalt des Proviantkorbs, schwatzten, lachten und klopften uns auf die Schultern. Unzählige Fotos wurden geschossen, ehe es wieder weiter ging. Wir posierten ein letztes Mal mit der Gruppe, mit dem Chauffeur, mit der Limousine, die wir – wie einen Freund – nur noch Limo nannten und immer wieder bestaunten. Dann verabschiedeten wir uns winkend und stiegen wieder ein. Die Limo schnurrte träge von dannen, zurück in Richtung Stadtmitte.
Während meine Stars nun dachten, sie würden mit der Limo wieder nach Hause gebracht und alles wäre vorbei, was für ein aufregend schöner Tag, hielt unser Chauffeur überraschend vor einem Kosmetikstudio ganz in der Nähe eines Fünfsterne-Hotels. Die Kosmetikerin war vorbereitet und erwartete uns bereits. Wir gingen alle ins Studio und überließen dann die beiden weiblichen Stars ihrem unverhofften, pflegerischen Schicksal: Zweimal „French Nails“ bitte! Indessen nahmen wir wartenden Männer zur Blauen Stunde, die sich alsbald einstellte, in der stinkfeinen Bar des erwähnten Top-Hotels ein paar Drinks zur Brust, um uns zu stärken. Kann denn Whiskey Sünde sein?!
Die Limousine brachte eine Stunde später auch die beiden weiblichen Stars zum Hotel, wo sie sich in der Bar einfanden und zu uns gesellten. Ihre weiß getönten Fingernägel schimmerten im schummrigen Ambiente und nötigten uns Bewunderung ab. Nach so viel Tagesaufregung war inzwischen naturgemäß etwas Sekundenermüdung eingetreten, zugleich machte sich bei uns allen ein guter Appetit bemerkbar. Ich gab mich etwas rätselhaft, indem ich kryptische Anmerkungen zu einer passenden Lokalität machte, wo ich reserviert hatte. Also merkten die Stars, dass der Vorhang der Show längst noch nicht gefallen war. Sie mussten weiter durchhalten! Da wir den Chauffeur mit seiner Limousine bereits in den Feierabend entlassen hatten, waren wir zudem wieder auf unsere Füße angewiesen. Während wir in  der untergehenden Abendsonne in Richtung Altstadt spazierten, lüftete ich nach einer Weile mein Geheimnis. Es standen erneut herkulische Aufgaben bevor, denn bei dem japanischen Spezialitäten-Restaurant, dessen Kellnerinnen den Abendtisch schon gerichtet hatten, sollten wir nun unseren Hunger unter pflichtgemäßem Einsatz von Essstäbchen bekämpfen. Als wir ankamen, war das Innere des Restaurants von leichter und leiser Koto-Musik erfüllt. Wir wurden von zwei Geisha-ähnlich gekleideten Püppchen, die uns beständig zulächelten, in einen Nebenraum geführt. Nach kurzer Zeit, wir hatten inzwischen Platz genommen, wurde aufgetischt: Teriyaki, Sashimi, Sukiyaki und die unverzichtbare Miso-Suppe. Wir kämpften mit den glatten Stäbchen und manch einer von uns hätte sichtlich ein Schnitzelchen oder Steak zum Verzehr mit Messer und Gabel vorgezogen. Aber so war das nun halt einmal angelegt, wir mussten da durch und schließlich freundeten sich alle, auch die Jüngsten, mit den fremden Speisen an. Der am Ende gereichte, warme Sake schmeichelte unseren Gaumen, na ja, so eben!
Es war nun in der Tat der Moment gekommen, da sich das Tagesspektakel dem Ende zuneigte. Und es war nun auch der Zeitpunkt gekommen, als ich mich ausklinken sollte und wollte. Ich steckte den Stars noch ein paar Scheine zu und schickte sie für den späten Abend, aus dem absehbar die halbe Nacht werden sollte, in eine angesagte Cocktail-Bar, wo der Jubelchor ihrer Freundinnen und Freunde, der uns tagsüber an der Alten Brücke empfangen hatte, bereits in ausgelassener Stimmung wartete.
Ich wusste, dass ich am nächsten Tag zu Hause keinesfalls vor 15 Uhr zum Frühstück rufen durfte…und so war es dann auch gekommen. Die Stars, während sie  immer noch etwas ermüdet von all den Herausforderungen spät aus den Betten gekrochen kamen, dann beim Frühstück ihre Eierspeise verzehrten und Kakao tranken, hatten sich wieder zurückverwandelt in meine normalen Kinder. Sie durften wieder „Kind“ sein. Der Hype war der Normalität gewichen, aber in den Köpfen dieser meiner Kinder spielte sich etwas ab, was sich in der Folge dann immer wieder verbal artikulieren sollte: “Papa, das war wundervoll, das wollen wir jetzt so oder so ähnlich jedes Jahr haben. Es ist schön, ein Star zu sein.“
Und die Mutter der Stars, als sie  von der aufwändigen Inszenierung erfuhr, schäumte und wetterte noch Tage später wutverliebt: „So viel Geld für solch ein Irrsinnstheater, Wahnsinn, Mann!“
Ich jedoch kam ins Grübeln: War ich auf ganzer Linie gescheitert mit meiner paradoxen Intervention? Ohne Lerneffekte? Hatte ich einen Faux pas statt einen gelungenen Coup zelebriert? Ja, ich grübelte etwas…
Jahre später trug es sich zu, dass ein frisch gewählter, sehr merkwürdiger US-Präsident meinen Kindern und der halben Welt fast im Zweistundentakt postfaktische Messages twitterte, einen Aufreger-Hype nach dem anderen setzend. Er tat dies im Stile eines Chef-Entertainers der besonderen Art. SHOWBIZZ pur bis zur Lächerlichkeit und kaum noch zu toppen! Spätestens da aber wendeten sich meine genervten Kinder, die nun schon erwachsen waren, definitiv von jenem Land der ehemals unbegrenzten Möglichkeiten und all dem pappig-illustren Pomp des schönen Scheins ab. Sie hatten endlich genug!

Juni 2017 | Kurz-Text-Arena | Kommentieren