„Arbeit macht frei“ – das kennen wir zur genüge. Aber warum macht Arbeiten uns nur selten glücklich?
Herr de Botton, macht Ihr Beruf Sie glücklich?
Alain de Botton: Ja, leider schon.
Warum leider?
Wir sind die erste Gesellschaft, die Arbeit nicht nur als Strafe empfindet, sondern als Quelle des Glücks. Das ist einerseits eine Errungenschaft, andererseits wird unsere Identität erheblich von der Wahl unserer Beschäftigung bestimmt …
… deswegen fragen wir Fremde meist zuerst, was sie beruflich machen.
Und je nachdem, wie man diese Frage beantwortet, sind Menschen entweder unglaublich froh, einen zu sehen, oder sie schauen auf ihre Uhr und entschuldigen sich.
Welche Frage stellen Sie denn lieber?
Was interessiert Sie im Moment? Was regt Sie auf? Was macht Sie traurig? Wer jemanden wirklich kennenlernen will, sollte lieber solche Fragen stellen. Stattdessen fragen die meisten nach dem Beruf. Weil sie davon ausgehen, dass der Weg zu einer bedeutungsvollen Existenz unweigerlich durch das Tor der lukrativen Beschäftigung führt.
So ist es nicht immer gewesen.
Nein. Aristoteles zum Beispiel glaubte fest daran, dass seelische Zufriedenheit und bezahlte Arbeit unvereinbar sind. Körperliche Arbeit führte erst recht zu geistiger Deformation. Die Bürger konnten Musik und Philosophie nur dann genießen, wenn sie ein Leben in Muße führten.
Wann änderte sich das?
Mit Beginn der Renaissance. In den Biografien von Leonardo da Vinci oder Michelangelo gibt es erstmals Hinweise darauf, dass praktische Beschäftigung Freude machen kann.
Vorher hatten zufriedene Menschen viel Freizeit, jetzt hatten sie viel Arbeit.
Genau. Betätigungen ohne finanzielle Entlohnung wurden jeglicher Bedeutung beraubt, sie waren etwas für dekadente Dilettanten. Zuvor schien es unmöglich, arbeiten zu müssen und Mensch sein zu können. Nun schien es unmöglich, nicht zu arbeiten und trotzdem glücklich zu sein.
Das beeinflusst uns noch heute: Alle sind scheinbar auf der Suche nach ihrer Berufung.
Ein merkwürdiger und unglückseliger Begriff. Er kam bereits im Mittelalter auf, damals aber in völlig anderem Zusammenhang. Man verstand darunter die Reaktion eines Menschen auf die plötzliche innere Anweisung, sich gänzlich den Lehren Jesu zu widmen. Das Wort Berufung ist heute Teil unseres Unglücks.
Wie meinen Sie das?
Wir sind Sklaven der Erwartung, dass uns der Sinn des Lebens irgendwann zwangsläufig klar wird und wir danach für immer gegen negative Gefühle gefeit sind. Dabei sagte der berühmte Psychologe Abraham Maslow: „Zu wissen, was wir wollen, ist nicht normal, sondern das seltene und nur mühevoll zu erringende Resultat einer psychologisch recht komplexen Leistung.“
Was raten Sie also?
Wir müssten viel geduldiger sein und darüber nachdenken, was wir wirklich vom Leben wollen. Stattdessen geraten wir bei der ersten Unzufriedenheit in Panik. Aber diese negativen Gefühle sind für eine Weile nicht nur normal, sondern notwendig: Meist müssen wir unsere wahre Bestimmung eben mühsam zusammenreimen.
Sachbuchautoren predigen aber gerne, wir könnten alles erreichen, solange wir nur wollen.
Ein gefährlicher Gedanke. Ich bin kein Nostalgiker und sage nicht, dass früher alles besser war. Aber Fakt ist, dass die Gesellschaften damals stärker hierarchisch geprägt waren. Das Schicksal des Einzelnen war also vorwiegend durch die Zufälle der Geburt bestimmt.
Das ist doch schrecklich.
Auf die eine Art natürlich. Andererseits hing damals der Unterschied zwischen Erfolg und Scheitern nicht davon ab, wie nachdrücklich man „Ich kann alles schaffen, wenn ich nur will“ sagte. In der modernen, leistungsorientierten und sozial mobilen Welt hängt der eigene Status hingegen vor allem vom Selbstvertrauen ab, andere zu überzeugen.
Was ist dagegen einzuwenden?
Ich weiß, dass das eine demokratische, leistungsorientierte Gesellschaft ungern hört: Ein großer Autor oder Künstler ist ebenso eine unkalkulierbare, seltene Ausnahme wie ein glücklicher Angestellter. Für die meisten von uns bleibt die Wirklichkeit hinter den Erwartungen zurück. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass unser Potenzial zum großen Geldsegen führt oder außergewöhnliche Dinge hervorbringt.
Ist es nicht beruhigend, dass jeder durch Arbeit sein Glück finden kann?
Ich finde das gedankenlos und grausam. Das soll nicht heißen, dass uns Arbeit niemals glücklich machen kann – bloß tut sie es selten. Wenn aber die Ausnahme zur Regel erklärt wird, leiden wir unter unseren jeweiligen Missgeschicken wie an einem eigens gegen uns ausgesprochenen Fluch. Es ist heutzutage leichter als jemals zuvor, sich ein gutes Auskommen zu sichern. Aber es ist schwieriger denn je, ruhig und frei von Karriereangst zu bleiben.
Kulturpessimisten schieben es darauf, dass wir zu gierig und materialistisch sind.
Das glaube ich nicht. Wir leben schlichtweg in einer Gesellschaft, die bestimmte emotionale Belohnungen an materielle Güter geknüpft hat. Wir wollen nicht die materiellen Güter. Wir wollen die Belohnungen.
Was ist daran falsch?
Nichts. Aber niemals zuvor waren die Erwartungen höher, was Menschen in ihrer Lebenszeit erreichen können. Wir leben jetzt in einem System, in dem jeder in die Position aufsteigen kann, die ihm gefällt. Hinzu kommt eine Art Geist der Gleichheit: Es gibt keine strikt definierten Hierarchien.
Klingt nach einer schönen Idee.
Einerseits ja, aber dabei gibt es ein großes Problem: Das vorherrschende Gefühl in der modernen Gesellschaft ist Neid, und das hängt mit dem Geist der Gleichheit zusammen.
Wie meinen Sie das?
Wir haben die ganze Welt in eine Schule verwandelt. Jeder Mensch trägt Jeans, jeder ist scheinbar gleich. Das kann allerdings Stress auslösen. Wahrscheinlich ist es heute ebenso unwahrscheinlich, so reich und berühmt wie der Microsoft-Gründer Bill Gates zu werden, wie es im 17. Jahrhundert war, Teil des französischen Adels zu werden. Aber es fühlt sich nicht so an. Vielmehr wird uns das Gefühl vermittelt, dass man nur Energie braucht, ein paar kluge Ideen und eine Garage, um eine große Sache zu starten.
Wer Talent, Energie und Willen hat, gelangt an die Spitze – glauben Sie das nicht?
Wenn Sie das wirklich glauben, dann glauben Sie auch daran, dass diejenigen am unteren Ende der Gesellschaft das genauso verdient haben. Deshalb gibt es in den Industrieländern mehr Suizide – weil sich die Menschen das, was ihnen zustößt, extrem zu Herzen nehmen. Ihren Erfolg – aber eben auch ihr Versagen.
Sehen Sie einen Ausweg?
Die Vorstellung, dass jeder bekommt, was er verdient, ist völlig verrückt. Davon müssen wir uns dringend lösen. Es gibt einfach zu viele Zufallsfaktoren. Unfälle bei der Geburt, Unfälle, bei denen Menschen Dinge auf den Kopf fallen. Wer ständig immer nur sagt, dass es möglich ist, alles zu erreichen, wird viele verbitterte und wütende Menschen heranzüchten.
Und dabei kann die Philosophie helfen?
Ja. Die westliche Tradition kennt eine ruhmreiche Alternative zum amerikanischen „Yes, we can“: die Tragödie. Sie war im Kern eine Kunstform, die sich damit beschäftigte, wie Menschen scheitern. Wir können daraus etwas sehr Wertvolles lernen: Manchmal scheitern die Guten.
Das wollen Sie Ihren Kindern beibringen?
Unbedingt! Wenn ich ihnen beibringe, dass nur die schlechten Menschen scheitern, und sie scheitern dann eines Tages mal: Was dann?
Dann fühlen sie sich vermutlich schrecklich.
Erinnern wir uns an den zentralen Moment der westlichen Welt – die Kreuzigung Jesu. Sie zeigt uns, dass Scheitern universell ist. Seien wir ehrlich, Jesus’ Leben war schrecklich. Es war kurz, er endete als armer Mann am Kreuz. Was für ein Verlierer! Und trotzdem ist er der König der Könige. In dieser Doppelidentität liegt so viel Großzügigkeit. Ich möchte, dass meine beiden Kinder wissen: Die Welt ist manchmal schrecklich, es wird Niederlagen geben, man wird sie hinwerfen, und sie werden fallen. Aber egal, was passiert, sie werden immer geliebt. Ihre Existenzberechtigung ergibt sich nicht aus beruflichem Erfolg.
Ihre Bücher sind Bestseller in 30 Ländern. Haben Sie also unglaubliches Glück?
Das auch, ja. Aber mein Weg führte mich nicht schnurstracks in die Bestsellerliste. Ich war immer schon eher introvertiert und ein Typ, der nun mal gern alleine in einem Raum sitzt und nachdenkt. Da lag es nahe, Philosophie zu studieren. Nach meinem Abschluss dachte ich zunächst, ich sei für ein Leben an der Hochschule gemacht – das erwies sich allerdings als Irrtum. Also schrieb ich mit 21 mein erstes Buch.
„Versuch über die Liebe“ verkaufte sich weltweit zwei Millionen Mal, danach folgten zwölf weitere Bücher. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?
Ich habe eine hohe Frustrationstoleranz und bin bereit, mich zu quälen. Außerdem hatte ich mit meinen ersten Büchern einen gewissen Erfolg, aber auch nicht zu viel – das hat mich davor bewahrt, abzuheben.
An Kritik mangelt es trotzdem nicht. Der „Spectator“ schrieb vor einigen Jahren, Ihre „esoterisch angehauchten Essays“ ließen Bestsellerautor Paulo Coelho „aussehen wie Dostojewski“.
Zu Beginn meiner Karriere fand ich negative Rezensionen zutiefst verstörend. Vermeintlich seriöse Philosophen warfen mir vor, ich hätte mich aus Kommerzgründen verkauft. Inzwischen weiß ich: Genau diese Einstellung ist der Grund dafür, warum es die Philosophie so schwer hat.
Welche Einstellung?
In gewissen Kreisen herrscht die Ansicht, dass populäre, massentaugliche Werke von minderer Qualität sind – und dass abseitige, aber kommerziell erfolglose Werke irgendwie besonders sind. Das hätten die ersten Philosophen nicht gewollt.
Sondern?
Sie wollten möglichst vielen Menschen dabei helfen, ein besseres Leben zu führen und vielleicht sogar den Sinn des Lebens zu finden. Genau das will ich auch.
Deshalb haben Sie im Jahr 2008 die „School of Life“ gegründet, die es seit einem Jahr auch in Deutschland gibt. Kann man Leben lernen?
Davon bin ich überzeugt. Zumindest lernt es an der Schule oder der Universität niemand. Wie führe ich eine Beziehung? Was macht eine Freundschaft aus? Wie werde ich im Job glücklich? Das sind wichtige Fragen, die wir in verschiedenen Kursen beantworten wollen.
Wie definieren Sie denn Erfolg?
Zunächst einmal müssen wir anerkennen, dass wir nicht bei allem erfolgreich sein können. Wer in einem Bereich extrem erfolgreich ist, der ist in anderen vermutlich ein Versager.
Wie steht es um Ihre Work-Life-Balance?
Ich mag den Begriff nicht. Ich glaube nicht an ein ausbalanciertes Leben, sondern ein erfülltes Leben – aber das bringt vieles aus der Balance. Sprechen Sie mal mit einer jungen Mutter oder einem überarbeiteten Gründer. Die werden Ihnen sicher nicht sagen, dass ihr Leben in der Balance ist. Erfüllt sind sie vielleicht trotzdem.
Plädieren Sie also dafür, unsere Vorstellungen von Erfolg aufzugeben?
Nein. Aber wir müssen anerkennen, dass es ein wunderschöner Traum ist, gleichzeitig erfolgreich und glücklich zu sein. Ja, er ist möglich, aber er ist unwahrscheinlich. Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass wir nicht alles haben können – und dass wir trotzdem klarkommen.
Das Interview erschien zuerst in der Wirtschaftswoche