Voltaire unterhielt und erzürnte den Monarchen
In dieser Zeit hatte Europa gründlich sein Antlitz verändert. Das Christentum war erschüttert und wankte, ebenso die Kontinentalmächte Frankreich und Österreich. Doch die Beziehung zwischen Friedrich und Voltaire blieb über vier Jahrzehnte weitgehend stabil. Nur ein einziges Mal, 1753, wäre es beinah zum Bruch gekommen. Voltaire weilte da bereits drei Jahre in Berlin, anfangs im Stadtschloss wohnend, dann im Marquisat, einem Gartenhaus im Park von Sans-Souci. Er unterhielt den Monarchen ausgezeichnet, glänzte an der Tafelrunde mit Witz und Liebenswürdigkeit.
Doch er erzürnte seinen Gastgeber auch, indem er für die Interessen des französischen Königs Louis XV. agitierte, dubiose Geldgeschäfte tätigte und vor allem Monsieur Maupertuis, den geistig verwirrten Präsidenten der preußischen Akademie, in einer Spottschrift verhöhnte. Friedrich überantwortete diese „Diatribe des Dr. Akakia“ dem Feuer; die einzige Bücherverbrennung im alten Preußen fand unter den Augen Voltaires statt, und zwar in der Taubenstraße Nr. 17, wo er zeitweilig Wohnung genommen hatte.
Kein erotisches Verhältnis, aber Eifersucht
Voltaire machte sich aus dem Staube. Friedrich bezichtigte ihn des Diebstahls und ließ ihn von seinen Häschern in Frankfurt verhaften, unter entwürdigenden Umständen. Man sah sich nie wieder. Und blieb sich doch per Epistel treu. Über die Art dieser Beziehung wird seit 250 Jahren gerätselt. War es die Männerfreundschaft zweier Genies, ein auf gegenseitigem Nutzen beruhendes Zweckbündnis, eine Komödie gar? Fest steht allein, dass es kein erotisches Verhältnis war; Voltaire liebte zwar die Macht, ansonsten aber Frauen, Friedrich zog junge Adjutanten einem verwachsenen und stets kränkelnden Frühgreis vor. Eifersucht gab es trotzdem reichlich. Und der Tonfall war höchst amourös. „Ich träume von meinem Prinzen, wie man von seiner Geliebten träumt“, verriet Voltaire bereits 1740, und nach dem großen Krach resümierte er melancholisch: „Ich konnte nicht ohne Sie leben, aber auch nicht mit Ihnen.“ Der König revanchiert sich, indem er Voltaire darum bittet, „den Einsiedler von Sans-Souci nicht zu vergessen, der Sie zu sehr liebt, um nicht von Ihnen geliebt zu werden.“
Auch er ist jetzt ein Greis, der Alte Fritz eben, zahnlos und von der Gicht gebeugt. Hinfälligkeit und Vergänglichkeit werden ausführlich im Briefwechsel thematisiert. „Mehr denn je werfe ich mich Ihnen zu Füßen“, heißt es in einem der letzten Briefe Voltaires; „von Herzen hoffe ich, dass sie nicht mehr geschwollen sind.“