tenno_in_vino_veritas-300x247Stadt und Kultur gehören zusammen wie zwei Seiten einer Medaille. Die Kultur ist immer so gut wie das städtische Leben. Wo kein städtisches Leben pulsiert, kann auch keine interessante Kultur entstehen. Umgekehrt gilt das freilich auch – wie ja schon Immanuel Kant angemerkt hat: „Städtisches Leben ohne Kultur ist blind, Kultur ohne städtisches Leben ist leer“. Eben. Kultur vermittelt Sinn, der allerdings inhaltsleer bliebe, würde er nicht auf den Boden des wirklichen Lebens heruntergeholt.Manche politische Themen, die man einstmals als gesellschaftliche Probleme zu betrachten geneigt war, etwa Frauen als Hexen oder japanischstämmige Amerikaner als Verräter im Zweiten Weltkrieg, oder der Streit um die Schreiter´schen Fensterentwürfe für Heiliggeist in Heidelberg, hält man später für Halluzinationen. Einige Lebensumstände, die man – wie etwa Armut – heute als Probleme ansieht, verstand man lange Zeit als Teil der natürlich-gottgewollten Ordnung, nicht als zu lösende Probleme.

Probleme werden in einem fort konstruiert, dekonstruiert und interpretiert – dies alles diente und dient politischen Zwecken. Und wer eine bestimmte politische Entscheidung anstrebt, versucht – beispielsweise – diese mit einem anderen Problem in Verbindung zu bringen: Mit gegensätzlichen Bedeutungen und unterschiedlichen Arten, die jeweils die entsprechenden Ideologien und moralischen Haltungen reflektieren und fördern. Oder dies zu tun vorgeben. Jede aber  miteinander konkurrierenden Wirklichkeiten aber wird als objektiv dargestellt.

„Gemeinsinn“

Oft genug werden doch  Praktiken und Konflikte ganz bestimmter Gemeinschaften aufgegriffen: der reichlich abgehobene moral point of view nimmt sich aus wie ein Hotelzimmer, dessen minimale Erfordernisse von fließendem Wasser bis zur sauberen Wäsche zwar angegeben sind, in dem sich jedoch (mit Ausnahme von Franz Kafka) niemand zu Hause fühlen mag. Habermasianer würden umgekehrt den communitarians das Fehlen kontextübergreifender Kriterien vorwerfen, um zwischen moralisch vertretbaren und moralisch kritisierbaren Konzeptionen des gemeinschaftlich Guten begründet zu unterscheiden, vorwerfen – als philosophische Variante – zwischen weltbürgerlichem Universalismus und kommunitärem Gemeinsinn angesiedelt.

Kultur? Politik? – „Im Prinzip ja!“

Santiago_de_compostelajpg„Im Prinzip ist Kultur von der Politik nicht zu trennen. Kultur, Politik, das ist unser Leben. Tatsächlich bilden die Künste, die Philosophie, die Metaphysik, die Religion oder andere Formen des Geisteslebens wie die Naturwissenschaften die Kultur. Doch hat die Politik, die im Grunde das Wissen um unsere Beziehungen und die Kunst, sie zu organisieren sein sollte, um das Leben in der Gesellschaft, das eigentlich kulturelle Leben, zu ermöglichen, heutzutage die anderen Manisfestationen des Geistes überrundet. Die Politik, die die Organisation jeder Gesellschaft sein sollte, ist auf chaotische Weise zu einer Organisation um der Organisation willen geworden; das führte zur Desorganisation des kulturellen Bereichs auf Kosten der Metaphysik, der Kunst, der Spiritualität und auch der Wissenschaft.“

Dies herbe Urteil Ionescos über die zeitgenössische Situation von Kultur und Politik hätte (auch) zu einer Diskussion dazu in Heidelberg führen können – wäre es denn um eine solche überhaupt gegangen. Auch Ionescos Aussagen und Fragen beruhen auf der immer wieder ignorierten Selbstverständlichkeit, dass Kultur und Politik in einem unauflöslichen Zusammenhang der gegenseitigen Beeinflussung stehen. Heidelberg steht, wie andere Kommunen auch, mit dem Rücken an der Wand: Steigenden Soziallasten bei anhaltend hoher Arbeitslosigkeit zwingen die Städte, regional unterschiedlich freilich, in die Knie.

Geld regiert die Welt

Dieser Satz wurde schon immer vielfältig variiert. Aus „Money makes the World go round“ (Zeitgeist) oder „Wo Geld voran geht, sind alle Wege offen“ (Shakespeare) folgt im Umkehrschluß: „Ohne Moos nix los“. Wenn die Finanzen knapp werden, drohen Initiativen zu ersticken, wird Politik zum bloßen Reagieren auf gesellschaftliche Entwicklungen. Gemeinden können nur sehr eingeschränkt über ihre Ausgaben entscheiden. Das gleiche gilt für ihre Einnahmen.

In (beinahe allen) Kommunen wurden und werden finanzielle Ressourcen entzogen, um Politik zu gestalten, da sind drastische Sparmaßnahmen angesagt, die künftig natürlich nicht vor traditionellen Kulturinstitutionen halt machen können. Mehr noch allerdings werden es diejenigen Bereiche sein, die arbeitsvertraglich nicht abgesichert sind. Wollen wir also nun doch zur Kenntnis nehmen und zu bringen versuchen, dass aktive Kulturförderung durch die öffentliche Hand in der Tat nicht nur ökonomisch, sondern auch politisch gefährdet ist. Standen die Reformideen der 70er Jahre noch ganz im Zeichen einer „Politik der Lebensqualität“, welche qualitative Gestaltung der Lebensverhältnisse als öffentliche Aufgabe auswies, wird der Ökonomie als Zentralbereich der Gesellschaft heute mehr Regulierungskraft zugetraut. Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es auch den Menschen gut, heißt die konservative Formel.

Nicht nur draufdreschen

Kultur, dieser zuweilen geringgeschätzte „vorpolitische“ Raum hat längst die Bedeutung eines Kristallisationspunktes gewonnen. Denn „Lebensstile“ als kulturelle Ausdrucksformen werden künftig noch stärker als bisher den Ausschlag dafür geben, ob und wo das Kreuzchen gemacht wird. Klassen- und Sozialstruktur, selbst Bildungsgrad (und schon gar nicht Konfessionszugehörigkeit) erlauben keine zuverlässigen Prognosen mehr, „Normalbiographien“ werden rar. Die Bedeutung von Lebensstilen, ihren ästhetischen und „irrationalen“ Manifestationen macht natürlich allüberall der Kulturbürokratie zu schaffen. In zahlreichen Diskussionen über Stadtgesellschaft, Wertewandel und Kultur arbeitet sie sich nichtsdestotrotz wacker, zäh und tapfer an die Problematik heran.

Ja …

Es gilt, für die Freiheit des Denkens, der Rede und der Kritik, für die Freiheit, diese Welt nicht nur zu diskutieren, sondern sie tätig zu erkennen und zum Besseren zu verändern, einzutreten. Die Beliebtheit anderer, nämlich geistiger Auseinandersetzungen in Heidelberg, wird nur von ihrer Seltenheit übertroffen. In Heidelberg hatten wir beispielsweise die Auseinandersetzung um die Schreiterschen Entwürfe für die Heiliggeistfenster – die freilich von der Öffentlichkeit als solche wegen der Berichterstattung darüber als auch geistige nicht zur Kenntnis genommen werden konnte. Andernorts gibt es viele berühmte Beispiele: Jesus und die Schriftgelehrten, von den Kirchenvätern bis zum Streit zwischen Dr. Luther und Dr. Eck, Goethe und die Newtonianer, auf den Konzilen der sozialistischen Bewegungen auch – und findet heute noch immer statt; aber eben nicht unter jenen Leuten, die das Stichwort berühmt gemacht haben und nicht müde werden, nach geistiger Auseinandersetzung zu rufen – es sei denn (Gadamer), sie hatten Angst davor, eine geistige Auseinandersetzung bringe in der Regel Übereinstimmung hervor.

… Aber:

Es mag das als Ausnahme vorkommen, doch ist viel häufiger der Sieg der einen Auffassung über die andere, etwa der einen verifizierbaren Wahrheit kulturpolitischer Gegebenheiten – so es die denn überhaupt gibt oder geben kann – oder die Proklamation der einen Meinung zur Verbindlichen durch den Machtanspruch irgendwelcher Minderheit oder einer anderen zur Entscheidung legitimierten Instanz, welcher der Disput der Geister als Vorbereitung (hätte dienen können) diente. Der Geist weht, von wannen er will und wohin er will. got

Mai 2016 | Heidelberg, Allgemein, Essay, In vino veritas, Junge Rundschau, Zeitgeschehen | Kommentieren