
Merkel gemeint haben. Der Finanzminister ist also ein hoch-interessanter Gesprächsgast für Günther Jauch. Zumal sich Schäubles Chefin, Angela Merkel, vor kurzem entschieden hatte, statt bei Jauch bei dessen Nachfolgerin Anne Will ihre Flüchtlingspolitik zu erklären.
Der Schäuble-Talk markiert den Schlusspunkt für Günther Jauch als Polit-Talker in der ARD nach 157 Sendungen. Durchschnittlich erreichte er 4,62 Mio. Zuschauer und einen Marktanteil von 16,2 Prozent. Der Sendeplatz am Sonntagabend nach dem „Tatort“ macht solch hohe Quoten aber auch leicht.
Die erfolgreichste Sendung mit 8,25 Millionen Zuschauern (30,2 Prozent Marktanteil) war der Talk nach dem TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück am 1. September 2013. Zu den prominenten Gästen bei Jauch zählten auch Helmut Schmidt, die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton, ein zugeschalteter Edward Snowden und sogar Russlands Präsident Wladimir Putin.
Jauchs Sendung genoss – nicht zuletzt – wegen ihres herausgehobenen Sendeplatzes immer eine besondere Aufmerksamkeit, es gab aber auch reichlich Kritik an der Gesprächsführung oder eben Nicht-Gesprächsführung des Moderators. Viel Schelte gab es, als Jauch im Oktober dem AfD-Politiker Björn Höcke weitgehend unhinterfragt eine große Bühne bot. Auch der ungebremste Auftritt des Berliner Imams Abdul Adhim Kamouss im September 2014 und Jauchs ungeschickter Umgang mit dem damaligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis zogen viele Negativ-Schlagzeilen nach sich.
Im Nachhinhein meint seine Produktionsfirma nun, diese Sendungen hätten für „große Diskussionen“ gesorgt – so kann man es natürlich auch sehen. Und Jauch selbst sagt: „Uns war es wichtig, am Sonntagabend mit relevanten und interessanten Gästen über das Thema der Woche zu diskutieren, politische und gesellschaftliche Debatten abzubilden und für den Zuschauer so einen Mehrwert und Erkenntnisgewinn zu schaffen. Ebenso wichtig war es uns aber auch, mal ein ungewöhnliches Thema anzupacken und uns mit besonders spannenden oder polarisierenden Gästen auseinanderzusetzen. Das mag manchmal für viel Kritik und Aufsehen gesorgt haben – aber gerade das macht das Live-Fernsehen und eine gute Diskussion auch aus: Unvorhergesehenes passiert, Debatten werden ausgelöst, Positionen und Meinungen prallen aufeinander und werden neu diskutiert. Mir haben die ungewöhnlicheren Sendungen immer besonders gut gefallen.“ Soweit Jauch in eigener Sache.
Wie auch immer. Hoffen wir, dass er zu seinem Abschied mit Wolfgang Schäuble eine interessante Sendung gelingt und freuen uns im neuen Jahr auf seine Vorgängerin und Nachfolgerin Anne Will. Sie macht schon seit geraumer Zeit auf dem undankbaren Sendeplatz am späten Mittwochabend die mit Abstand beste politische Gesprächssendung Deutschlands.
„Ist der Moderator nach Hause gegangen?“: Pressestimmen zu Günther Jauchs Talk mit AfD-Mann Björn Höcke

„Beim Ausbreiten der Fahne über Höckes Sessellehne breitet sich Stille im Studio aus. Peinlich berührte Stille“, schreibt Ralf Dargent in der Welt [3]. Höcke habe es durch diese Geste bereits innerhalb der ersten der Sendung geschafft, sich „als Witzfigur zu präsentieren“. Für Dargent stellt sich auch die Frage, „ob die Einladung eines Rechtspopulisten wie Höcke“ in die Fernsehsendung zum Entlarven von dessen Denken sinnvoll sei oder „ob hier womöglich einem Brandstifter unnötig eine Plattform gegeben“ werde. Er bemängelt weiter, Jauch sei Höcke „auf den Leim“ gegangen: „Zu hören war dies etwa am Ende der Sendung. Da ließ sich Jauch ernsthaft zu einem Gespräch mit dem von seinen Verschwörungstheorien lebenden AfDler ein, ob die ARD ein gleichgeschaltetes Medium sei. ‚Sie haben sich selbst konditioniert‘, behauptete Höcke über Jauch und dessen Moderation. Jauch, statt den Kopf zu schütteln über die unverschämte Behauptung, fragte tatsächlich: ‚In welche Richtung?‘ Doch bevor Höcke triumphierend den Moderator noch weiter mit diffusen Behauptungen aufs Glatteis führen und in ein Gespräch über seinen Moderationsstil verwickeln konnte, beendete Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) das Gespräch.“ Maas („Ist egal, lassen Sie ihn“) und Klaus Bouillon („Die Belastungsgrenze ist noch nicht erreicht“) seien deutlich besser mit Höcke umgegangen, was dafür gesorgt habe, dass dieser am Ende letztendlich hilflos geworden sei. „‚Wir schaffen das nicht‘, sagte er. Das klang aber nur noch wie der Reflex des Rechten, der um die für seine Existenz wichtige ängstliche Stimmung in Teilen der Bevölkerung fürchten muss.“
Frank Lübberding kritisiert bei FAZ.net [4] weniger den Moderator als die gesamte Ausrichtung der Sendung: „Die Reduzierung realer politischer Konflikte auf den Diskurs prägt die Debatte.“ Es habe schon vor dem Internet „vergleichbare Mordanschläge radikalisierter Ideologen, allerdings von links und rechts“ gegeben. „Die Nazis waren sogar ohne Hilfe des Netzes an die Macht gekommen.“ Zur Deutschlandflagge von Björn Höcke schreibt er: „Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, deutlich zu machen, warum die Bundesflagge kein Symbol der politischen Rechten ist, Höcke sie lediglich vereinnahmt und damit zugleich mißbraucht. Jauch gab mit den Einspielern über die Auftritte Höckes genügend Hinweise.“
Carin Pawlak schlägt bei Focus Online [5] einen härteren Ton an und bezeichnet den AfD-Politiker als „dreist“. Außerdem habe Günther Jauch wieder einmal gezeigt, warum er nicht der Richtige für diese Art von Talk sei. „Warum er ein fantastischer Entertainer, aber kein politischer Journalist ist. Deshalb kann der AfD-Mann sich geradezu selbst berauschen an seinen Äußerungen (…). Bekommt gar feuchte Augen und holt dann eine Deutschlandfahne aus der Tasche, die er über die Stuhllehne faltet. Sehr peinlich berührt schweigt die Runde. Aber leider sagt auch keiner was. Deswegen fühlt sich Höcke berufen, sich Sendezeit nach Belieben zu nehmen“
Der Chef vom Dienst der Huffington Post [6] geht noch einen Schritt weiter und titelte: „Der widerliche Auftritt von AfD-Mann Höcke bei ‚Jauch‘.“ Nicht nur Jauch, sondern die gesamte Talkrunde habe „seltsam“ auf Höcke reagiert: „Sie taten nichts. Waren sie einfach zu überrascht von diesem Talkshow-Neuling? Offensichtlich wussten sie nicht, wie sie mit ihm umgehen sollten. Höcke war nicht zu stoppen. Gastgeber Jauch wies er dabei genauso zurecht – ‚Sie haben mich noch nicht verstanden‘ – wie Justizminister Heiko Maas – ‚Lassen Sie mich ausreden!’“-
Bento [7]-Chef Ole Reißmann ärgert sich ebenfalls über Jauch: „Blöd, wenn dann dieser jemand von der AfD pöbelt, hetzt und droht, so dass Günther Jauch den Hass zur besten Sendezeit gesellschaftsfähig macht. Denn Jauch hatte den längst bekannten, den immer gleichen Parolen nichts entgegenzusetzen. Bedankte sich am Ende gar noch (…). Einziger Lichtblick: Die NDR-Journalistin Anja Reschke, die den Thesen des AfD-Einpeitschers entgegentrat, während Jauch nur mit stoischer Miene zusah, wie sich der Hass in der Mitte der Fernsehgesellschaft breitmachen konnte.“
Sylvie-Sophie Schindler kritisiert im stern [8]: „Wieder mal wurde den Ursachen nicht auf den Grund gegangen. Und eine Chance vertan. Die Kommentare der Diskutanten waren vorhersehbar. Maas sagt zum Schluss: ‚Is‘ egal.‘ Es ist sein Kommentar zu Höckes Äußerung an Jauch: ‚Sie haben sich selbst konditioniert.‘ Jauch zurück: ‚Wie meinen Sie das?‘ Man sieht ihm an: Er weiß nichts damit anzufangen.“
Auch bei Twitter wurde am Sonntagabend während der Sendung scharf gegen Günther Jauch und seine Moderation geschossen:
Ist der Moderator schon nach Hause gegangen? #Jauch [10]