Es begann damit, dass am 24. April 1015 die Angehörigen der armenischen Führungselite an diesem Tag aus ihren Amtsstuben, Fabriken, Kliniken, Redaktionen und Büros herausgeholt wurden. Sie verstanden nicht, was hier vorging und sprachen von einer „befremdlichen und unbegreiflichen Lage“.

ar1Das Gedenkjahr der 100-jährigen Wiederkehr dieses an den Armeniern verübten Menschheitsverbrechens ist zugleich zu einem Test geworden, um den Intensitätsgrad dieser Erinnerung zu messen. Es zeigt sich dabei schon auf den ersten Blick, dass von jenem starken medialen Fokus und der breiten gesellschaftlichen Anteilnahme, wie sie das große Gedenkjahr 1914/2014 ausgelöst hatte, plötzlich nicht mehr die Rede sein kann. Vor allem steht fest, dass die eigentliche Erinnerung an den armenischen Genozid für die meisten inzwischen unter der Frage verschwunden ist, ob er so genannt werden dürfe oder nicht. Tatsächlich ist die Frage der Benennung zum leidigen Dauerbrenner und heißen Eisen der internationalen Diplomatie geworden. Zur Frage der Benennung werden Erklärungen abgegeben, Proteste formuliert und Drohungen ausgesprochen. Das Bundesland Brandenburg, das 2002 als erstes und zum ersten Mal in Deutschland dieses Thema auf den Lehrplan des Geschichtsunterrichts gesetzt hatte, bekam umgehend einen so starken „internationalen diplomatischen Unmut“ zu spüren, dass das Thema 2005 wieder gestrichen wurde. Dieser Druck des Schweigens, dieser Wall der Tabuisierung, dieses Klima von Empörung, Einschüchterung und Rücksichtnahme ist einem breiten Interesse und einer Anteilnahme an dieser Geschichte nicht dienlich.

ar2Gedenkjahre und zumal ein hundertjähriges, können daran etwas ändern. Sie sind Schnittstellen, an denen Geschichte und Gedächtnis zusammenkommen und sich dabei gegenseitig neu aufladen. Wie steht es um das Jahr 1915 und die Erinnerung an die Armenier jenseits der armenischen Kreise? Was wissen wir in Deutschland überhaupt noch von diesem Ereignis? Nachwachsende Generationen in diesem Land sollten erfahren, dass der armenische Genozid auch Teil der deutschen Geschichte ist. Deutschland war mit den Türken des Osmanischen Reichs im Ersten Weltkrieg verbündet, von diesem Partner versprach man sich wichtige militärische Unterstützung. Als das Deportieren und Ermorden der armenischen Bevölkerung begann, waren deutsche Politiker und Berichterstatter vor Ort, denen damit die unfreiwillige Rolle von Zeitzeugen zufiel. Von der ersten Stunde an erfuhren Botschafter und Vertreter anderer Einrichtungen von der Ausübung genozidaler Gewalt, die in der Sprache der Zeit von Anfang an einen unmissverständlichen Ausdruck fand. In türkischen Mitteilungen war von der „Vernichtung der Armenier“, von einem „gründlichen Aufräumen mit inneren Feinden“ und der „gänzliche(n) Ausrottung (der Armenier) in der Türkei“ die Rede. Es gab umgehend auch internationale Reaktionen: der amerikanische Botschafter Henry Morgenthau sprach von einem „Todesurteil gegen eine ganze Rasse“ und er fügte hinzu: „Ich bin sicher, dass die gesamte Geschichte der Menschheit noch nicht einen solch grausamen Vorfall erlebt hat. Die großen Massaker und Verfolgungen der Vergangenheit wirken geradezu unbedeutend, verglichen mit den Leiden des armenischen Volkes 1915.“ Der deutsche Kanzler Bethmann Hollweg sprach ebenfalls von etwas, das in der Geschichte noch nie dagewesenen sei. Damit meinte er aber nicht die Vernichtung einer ganzen Volksgruppe, sondern die Maßregelung eines Bündnispartners während des Krieges. Er argumentierte nicht moralisch, sondern pragmatisch als er mitteilte: „Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig ob darüber Armenier zu Grunde gehen oder nicht. Bei länger andauerndem Kriege werden wir die Türken noch sehr brauchen.“ Anders als im Falle des Holocaust, wo es Jahre und Jahrzehnte dauerte, bis die ganze Wahrheit über die Vernichtung des europäischen Judentums die Weltöffentlichkeit erreichte, gab es über den Aghet, wie die Armenier die Katastrophe ihrer Vernichtung nennen, von Anfang an keinerlei Unklarheiten, Vertuschungen oder Spekulationen. Im Jahre 1915 gab es zwar den Begriff „Völkermord“ als Rechtsterminus noch nicht, den Raphael Lemkin 1943 prägte und 1948 im Rahmen einer neuen Menschenrechtskonvention einbrachte, aber was damals geschah wurde von verschiedenen Seiten erfasst und in einer deutlichen Sprache beschrieben. Es stand allen klar vor Augen, und es war erst die Geschichte, die einen Schleier nach dem anderen über das Ereignis werfen und die historische Wahrheit zu einem politischen Streitobjekt machten sollte.
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Täter, Opfer Zuschauer
Ein historisches Menschheitsverbrechen hat eine ganz andere Struktur als Kampfhandlungen in einem Krieg. In der Logik des Krieges stehen sich zwei klar definierte bewaffnete Gruppen gegenüber: Sieger und Verlierer, Verbündete und Feinde. Bei einem Menschheitsverbrechen dagegen haben wir von drei Gruppen auszugehen: Täter, Opfer und Zuschauer. „Das Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, wie es schon damals genannt worden ist, konnte den internationalen Beobachtern nicht entgehen. Neben Politikern und Diplomaten waren die Gewaltaktionen gegen die Armenier im Fokus von Wissenschaftlern, Ärzten, Fabrikanten, Ingenieuren, Missionaren und Krankenschwestern unterschiedlicher Länder. Angesichts des Verbrechens, mit dem sie monatelang konfrontiert waren, standen diese Zuschauer vor einer ethischen Entscheidung: sie konnten sich auf die Seite der Täter stellen und zu Komplizen und Gehilfen des Mordens werden, sie konnten sich aber auch auf die Seite der Opfer stellen und zu Zeugen eines unvorstellbaren historischen Verbrechens werden. Unter den Deutschen gab es Beispiele für beides: ein Politiker wie Bethmann-Hollweg dachte ausschließlich in der Logik des Krieges, in der Opportunismus und Pragmatik vor moralischen Erwägungen rangieren. Aber es gab auch solche, die die moralische Verantwortung ihrer Zeugen-Rolle vor der Weltöffentlichkeit ernstnahmen. Zu ihnen gehörten u.a. Johannes Lepsius, der einen ausführlichen „Bericht über die Lage des Armenischen Volkes in der Türkei“ (1916) verfasste, Armin T. Wegner, der eine detaillierte fotografische Dokumentation anlegte, oder Franz Werfel, der historische Dokumente in dem berührenden Roman „Die vierzig Tage von Mussa Dagh“ (1932) verarbeitete.Es gibt noch einen weiteren Grund, warum die Geschichte der armenischen Katastrophe gerade für die Deutschen eine besondere Bedeutung hat. Sie kann als ein Prisma für das gelten, was ab 1941 in Deutschland geschah und von Deutschen während des Zweiten Weltkriegs nach Europa getragen wurde.
Aghet – Der Völkermord an den Armeniern – ARTE-Doku komplett
Sicherlich gibt es gravierende Unterschiede zwischen dem Aghet und der Shoah, die hier auf keinen Fall eingeebnet werden sollen. Es gab 1915 keine zielstrebige Bürokratisierung des Todes, keine fabrikmäßige Produktion von Leichen; vielmehr wurden die Armenier grausam abgeschlachtet und ein großer Teil der wehrlosen Menschen einem qualvollen Sterben in der Wüste ausgeliefert. Es gibt aber wichtige Parallelen einer Struktur, die sich eine Generation später in der Geschichte wiederholt hat. Dazu gehört an erster Stelle die Verbindung von Krieg und Menschheitsverbrechen. Unter dem Schutz und Deckmantel des Krieges, aber auch unter dem Druck von Niederlagen kam es zu einer beispiellosen Radikalisierung der Gewalt gegen Minderheiten. Die Bereitschaft zur Entfesselung von Gewalt entstand aus einer hochgefährlichen Mischung aus Angst und Aggression, die von der staatlichen Propaganda geschürt wurde. Sie traf die wehrlosen Opfer unvorbereitet, die keinen Namen für das beispiellose Geschehen hatten. Der Staatsterror bediente sich in beiden Fällen einer klinisch abstrakten und rein funktionalistischen Sprache. Man sprach von der ‚Lösung der armenischen‘ bzw. ‚der jüdischen Frage‘. Dabei ging es nicht um einzelne Mitglieder der Gemeinschaft, sondern jeweils um das Kollektiv als Ganzes, das ausgelöscht werden sollte. Auch in den Stufen des Ablaufs wiederholte sich das Verbrechen. Es begann mit der Diskriminierung, der Degradierung und Herabstufung einer Bevölkerungsgruppe, setzte sich fort mit dem Ausschluss ihrer Führungsschicht aus den Institutionen, spitzte sich zu in der aggressiven Konstruktion von Feindbildern, die die Gruppe als ‚inneren Feind‘ und unmittelbare Gefahr für das Überleben der Mehrheitsgesellschaft stigmatisierten, und wurde umgesetzt in Umsiedelungen und Deportationen, Pogromen und Massakern, in Plünderung und Aneignung materieller Güter, in der Zerstörung von Kulturgütern, darunter zahllose Synagogen, 1500 armenische Kirchen und Klöster, und mündeten schließlich in die massenhafte Ermordung wehrloser Menschen. Die brutale Logik dieser Gewalteskalation lässt sich aus der Perspektive der Täter in einem Satz zusammenfassen, welcher lautet: ‚Wir werden sie liquidieren, bevor sie uns eliminieren.ar4Eine Geschichte der VerleugnungEs gibt allerdings auch einen großen Unterschied zwischen Aghet und Shoah: Die Deutschen konnten sich nach 1945 nicht aus der Verantwortung stehlen. Es bestand ein starker äußerer Druck und über die Jahrzehnte hinweg auch eine zunehmende innere Bereitschaft, die Rolle des Täters anzunehmen. Im Falle des Aghet war es zunächst ganz ähnlich. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs haben die Entente-Mächte das Verbrechen an den Armeniern explizit verurteilt, Strafen auferlegt und Wiedergutmachung gefordert. Außerdem bestand auch unter den Türken des Osmanischen Reichs noch ein deutliches Unrechtsbewusstsein. Viele haben verurteilt, was sie gesehen haben, es gab spontane Reaktionen wie die folgende: „Mich am Arm zu packen, mich aus meinem Dorf zu vertreiben und anschließend meinen Besitz und mein Eigentum verkaufen – solche Dinge können niemals statthaft sein. Das darf weder die Vernunft, noch das osmanische Recht zulassen.“12 Die Situation änderte sich jedoch radikal nach einem 2. Friedensvertrag und der Gründung der Türkischen Republik im Jahre 1923. Diese Neugründung ging mit einem Identitätswechsel einher, der den neuen türkischen Staat nicht nur vom osmanischen Reich, sondern auch von der Regierung der jungtürkischen Einheits- und Fortschritts-Partei ablöste, die den Befehl zur Vernichtung der Armenier gegeben und umgesetzt hatte. Auf diese Weise wurde im Gründungsakt des neuen Staates die Vorgeschichte des Verbrechens abgespalten und die Erinnerung daran getilgt. Da es aber nicht einfach ist, eine Geschichte, die von vielen Seiten bezeugt und im kollektiven Gedächtnis der Opfer tief verankert ist, so einfach loszuwerden, musste sie obendrein aktiv verleugnet werden. In Deutschland wurde vier Jahrzehnte nach dem Holocaust eine Erinnerungskultur aufgebaut; in der Türkei wurde die Leugnung zur Staatsdoktrin und ging in die Grundfesten des neuen Staates ein. Während man in Deutschland heute aufgrund des Ablebens von Zeitzeugen um die Zukunft der Erinnerung an den Holocaust besorgt ist, zeigt man sich in diesem Gedenkjahr 2015 in der Türkei besorgt über die Möglichkeit eines Wiederauflebens der Erinnerung an die Chiffre 1915.In unserem Gedenkjahr bietet sich der Türkei eine neue Form an, um der Erinnerung an den 24. April 1915 aus dem Wege zu gehen, und das ist die Erinnerung an den 25. April 1915. Das negative Ereignis des armenischen Genozids soll auf diese Weise durch das positive Ereignis des türkischen Sieges an den Dardanellen überschrieben werden. In dieser militärischen Schlacht standen sich die Türken unter Kemal Mustafa als Sieger und die ANZAC-Truppen des britischen Kolonialreichs als Verlierer gegenüber. Diese ehemaligen Feinde sind längst versöhnt und zusammengebunden in einer beeindruckenden Allianz der Erinnerung. Die Türkei ist zur Hüterin des zentralen Gedächtnisortes für die Angehörigen der verlustreichen Niederlage in Gallipoli geworden. Diese Niederlage wurde für die australischen Truppen zu einer schmerzvollen aber zugleich auch brauchbaren Erinnerung. Der 25. April ist der australische Nationalfeiertag geworden, mit dem sich die Nation ein eigenes postkoloniales, vom Mutterland des Britischen Imperiums abgekoppeltes Gedächtnis zulegte. Es besteht somit ein eklatanter Kontrast zwischen dem Gedenkdatum des 24.4.1915 und dem des 25.4.1915. Das erste Datum betrifft die Beziehungsgeschichte zwischen Türken und Armeniern, das zweite Datum betrifft die Beziehungsgeschichte zwischen Türken und Australiern sowie Neuseeländern. Im ersten Fall haben wir es mit einer einseitigen Erinnerung zu tun, im zweiten Fall mit einer empathisch geteilten Erinnerung. Ich zitiere die Worte Mustafa Kemal Attatürks auf dem Gedenkstein in Gallipoli:“Da gibt es keinen Unterschied zwischen den Johnnies und den Mehmets, dort wo sie Seite an Seite in diesem unserem Lande liegen … Ihr, die Mütter, die ihre Söhne aus weit entlegenen Ländern schickten, wischt weg eure Tränen. Eure Söhne liegen nun an unserer Brust und sind in Frieden. Ihr Leben in diesem Land verloren zu haben, machte sie genauso zu unseren Söhnen.“Vorerst hat das türkische nationale Gedächtnis noch keinen Platz für beide Erinnerungen, weshalb das zweite Datum das erste zu überdecken droht.

ar5Täter, Opfer, Zuschauer und sekundäre Zeugen
Hat sich dieses Klima des Verleugnens und Vergessens inzwischen gewandelt? Ja und nein. Der diplomatische Verkehr war bis vor kurzem gezeichnet von den Verkrampfungen einer Sprachpolitik, die die möglichen Handlungsoptionen auf Provokationen oder Rücksichtnahmen, auf Skandale oder Vermeidungsstrategien einschränkte. Mit der Annäherung an das magische Datum des 24.4. nahm die mediale Aufmerksamkeit in der Weltöffentlichkeit zu. Unter diesem Druck gab es hektische Bewegungen in letzter Minute aus der Sorge heraus, am Ende nicht auf der falschen Seite zu stehen. Nach den Äußerungen des Papstes, der für das Schicksal des ältesten christlichen Volkes der Welt klare Worte gefunden hat, hat sich nun auch die deutsche Regierung einen Ruck gegeben und die historische Wahrheit von 1915 beim Namen genannt. In der Türkei dagegen ist die Leugnung bis heute in vier Säulen ihres Staates verankert: in der Politik, im Rechtssystem, im Bildungswesens und im Militär. Hier gibt es aber inzwischen eine wichtige Ausnahme, und das ist die Zivilgesellschaft. In dieser zeigt sich ein wachsendes Interesse, verbunden mit einem empathischen Umgang mit der tabuisierten eigenen Geschichte. Hier geht die Bewegung nicht von oben, sondern von unten aus. Seit 2009 haben sich in einer Internetkampagne 28.000 türkische Bürger persönlich für die ‚Große Katastrophe‘ entschuldigt. Dieses „Ich entschuldige mich!“ nahm der türkische Präsident zwar nicht auf, aber er hat zum letzten Gedenktag 2014 den Armeniern sein Beileid ausgesprochen.Wir können feststellen, dass nach hundert Jahren die Begriffe Täter, Opfer, Zuschauer und Zeugen eine neue Bedeutung angenommen haben. Die ‚Täter‘ gibt es schon lange nicht mehr, denn Schuld ist etwas, das stets an persönliches Handeln gebunden ist. Die neue türkische Republik schlug allerdings die Möglichkeit einer Verantwortungsübernahme aus. Sie verstand sich in diesem Punkt nicht als Rechtsnachfolgerin des osmanischen Reichs. Die Logik der Argumente ist dabei immer dieselbe:
1. man hatte mit dem Verbrechen der Vorgänger nichts zu tun und
2. um eine neue Zukunft zu gewinnen, muss man aus dem Schatten einer belasteten Vergangenheit heraustreten.
In diesem Sinne entschied man sich bei der Neugründung des Staates für einen radikalen Neubeginn auf der Grundlage einer tabula rasa. Mit dieser Fiktion einer historischen Stunde Null wurde eine unpassende, unbrauchbare und schwer zu integrierende Geschichte kurzerhand entsorgt. Auf den Genozid der Armenier folgte auf diese Weise ein Mnemozid. Es wurde nicht nur das Volk ausgegrenzt, verfolgt und getötet, sondern obendrein auch gleich noch das Gedächtnis an dieses Volk. Hitler war, wie wir wissen, von diesem Mittel genozidaler Politik stark beeindruckt. Kurz vor dem Überfall auf Polen im September 1939 sprach er von einer mitleidlosen Vernichtung von „Männern, Frauen, Kindern, Greisen der polnischen Rasse“ und fügte zynisch hinzu: „Wer spricht heute noch von den Armeniern?“ Wirhaben inzwischen jedoch eine vielfältige Anschauung davon, dass solche Fiktionen der Negierung und Auslöschung einer traumatischen Geschichte kein tragfähiges Fundament für eine neue Gesellschaft sind und den Weg in eine offene Demokratie stark behindern. Durch Schweigen und Leugnen werden nicht-bearbeitete Altlasten mitgeschleppt, die sich mit zeitlichem Abstand eben nicht einfach auflösen. Deshalb hat sich inzwischen eine andere Praxis immer mehr durchgesetzt, die darin besteht, einen klaren Trennungsstrich zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu ziehen. Das bedeutet aber, dass man sie nicht vergisst, sondern sich in der Erinnerung aktiv von ihr distanziert durch eine Verurteilung der Verbrechen, durch Bekundungen von Reue und Empathie mit den Opfern. Diese Distanznahme durch Auseinandersetzung bewirkt zugleich eine Befreiung von der traumatischen Geschichte, die gerade nicht über die Verleugnung sondern über die Anerkennung der Opfer führt.Soviel zum Begriff der Täter.
"Aghet" - Da muss doch was gewesden sein!

„Aghet“ – Da muss doch was gewesden sein!

Jeder kann dazu beitragen, dass die Wahrheit dieser Vergangenheit endlich ins ‚Jetzt der Erkennbarkeit‘ tritt und zum Teil unserer Geschichte und Identität wird – nicht nur als Armenier, sondern auch als Türken, als Deutsche, als Europäer, als Bürger der Weltgemeinschaft. Hier finden Sie die Seite von Armeniern, die nicht vergessen haben wollen.

Aleida Assmann hat diese Rede am 24.4. im Rahmen einer Gedenkveranstaltung in der Paulskirche zum 100. Gedenktag des Genozids an den Armeniern im Osmanischen Reich gehalten.

Die Gedenkmarken wurden von Sedrak Mkrtchyan unter Creative Commons-Lizenz bei Flickr veröffentlicht.

 

Apr. 2015 | Allgemein, Essay, Feuilleton, Junge Rundschau, Politik, Sapere aude, Zeitgeschehen | Kommentieren