„Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an seiner Seele. So ich mit Menschen- und Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönend Erz oder eine klingende Schelle.“ Wie sie da recht hat, die Bibel. In der Tat! In der Tat?

Jürgen Tenno Gottschling Foto: Rothe

Jürgen Tenno Gottschling Foto: Rothe

Genau aber das mit der Tat in zum Beispiel der Liebe, das sahen seinerzeit (auch) Papst Woyjtila, wie er verlautbart hat, denn dann doch nicht so gern. Wie einige ganz Kecke sagen: Hätt´ er halt nicht hingucken müssen. Aber jetzt und immerdar genau das, das tat er, das tut Kirche schon immer.
Trotz Woyjtila aber, seiner immer noch gültigen Enzyklika und alledem, wird auch fürderhin ein durchschnittlicher Zeugungsakt nicht als gottesdienstähnliche Pflichtübung vollzogen werden, sondern irgendwie und sowieso ausgeübt. Und erst geraume Zeit danach wird er sich dann als Glücksfall oder Minus für die Beteiligten und das Geburtenregister erweisen. Dabei sind sowohl papstens „humanae vitae“, das meint die unbedingte Lebenserhaltung vom Eisprung bis  zur Ausformung notfalls eines Schwerstbehinderten, aber auch etwa weltanschaulich ähnliche Vorlagen wie der „NS-Lebensborn“, das meint Kaderkreuzung und uneheliche Mutterschaftsbetreuung, nicht eigentlich geeignet, Glücksgefühle gehabt haben (zu dürfen) zu wollen.

Nun ist es keineswegs erst seit Woyjtilas damaligen Erguss, ist es nicht erst nach seiner unter die Leute verbrachten Enzyklika, dass die Kirche ihren Schafen unter allen Umständen in die Hosen, unter die Röcke und in die Betten zu schauen bemüht ist. Aber: das Mittelalter ist überwunden, lasset uns denn also auch den Satan überwinden. Jenen Satan, der immer noch herhalten muss, wenn es darum geht, Sexualität zu verteufeln. Die schwere Last ihrer selbstgewählten Mission veranlasste „christliche“ Ärzte bereits im letzten Jahrhundert mit Ehehandbüchern und religiösen Reflexionen vor die Öffentlichkeit zu treten. Vielgelesene Handbücher zu Gesundheitsfragen boten eine sorgfältig ausgewogene Mischung aus Information und Erbauung, mit dem Hintersinn, Satan zuvorzukommen, dessen Bodenpersonal  widerwärtige Lehren über geschlechtliche Dinge verbreite. All jene zu überlisten, die Unschuldigen und die Gefallenen zu retten, wird geeignete Kost verschrieben, zu gesunder Gymnastik und kalt zu duschen ermuntert, wird sexuelle Aufklärung betrieben und die Jugend der „praktischen Wohltat des Evangeliums“ untergeordnet.

Nun haben wir also mit der Enzyklika die Erwiderungen vom Bodenpersonal des „göttlichen“ Widersachers gegen jenen vielbeschworenen „höllischen“ Widersacher. Und die unsre: Zwar wurden etwa dem Führer  mehr Kinder „geschenkt“, denn frau je seinen Amtsvorgängern gebar, aber wer nicht wollte, wurde weder öffentlich gerüffelt, noch um seine Kleiderkarte gebracht. Die rotchinesische Praxis zur Niederhaltung der Bevölkerungszahl ist bekannt und unvergleichlich human, wenn man dagegen den Gebärterror Ceausescus in Rumänien im Nachhinein betrachtet oder den von Rom auch heute noch immer ausgehenden. Doch wo und wie auch immer Staaten oder überstaatliche Agenturen die Fortpflanzung zu steuern trachten – es werden alleweil Mädchen und Frauen gegen ihren Willen zu Müttern gemacht. Indes reichten derartige Resultate hierzulande kaum, damit personell auch nur Kleinstaat zu machen; in der dritten Welt bildet diese Form der Vermehrung eine erhebliche Basis für die Ausdehnung diverser Desaster. Wenn derzeit in diesen Ländern gerade wieder besonders leidenschaftlich  für und wider die Abtreibung gestritten wird, konnte Gewaltanwendung nur ein drittrangiger Aspekt sein; gewöhnlich „passiert“ es doch beim einverständlichen Verkehr, und nicht selten stellt Reue oder Ablehnung der keimenden Leibesfrucht sich erst ein, wenn der Rausch verflogen ist, wenn der prospektive Vater sich als Zechpreller erweist, Eltern aus dem Fenster zu springen drohen oder wesentliche Bausteine der Lebensarchitektur zerbrechen oder abhanden kommen – eine erschwingliche Wohnung zum Beispiel.

Seien wir also mal nicht ungerecht, liegt er nicht (werden uns nun all jene entgegenhalten, für die „die Partei hat immer recht“ – pardon, der Papst immer recht hat), irgend-, wenn auch anderswo, vielleicht doch richtig, dieser (wie die Einen sagen) brave Woyjtila?, dieser unverschämte Mensch ! Wird nicht hierzulande von den Abtreibungsbefürwortern gerade so getan, als gehörten die gebärfähigen Bäuche auch nicht ein wenig wenigstens der Gesellschaft? Verhält es sich mit denen nicht wie mit vielen anderen natürlichen Kapitalien und Ressourcen des Menschen, etwa seiner Arbeitskraft, seiner Wehrfähigkeit, seinen Talenten: der soziale Totalverweigerer – da hatte er doch ganz recht, der Herr Papst – sägt nicht nur an dem Ast, auf dem er sitzt, er beschädigt den ganzen Baum. Und wenn sein Beispiel Schule macht, sitzt die Menschheit irgendbald mit dem Hintern auf den Wurzeln – und die Kurie auf ihrem angehäuften Kapital, ohne dafür auch nur noch Brötchen einkaufen zu können. Indikation oder Zwangsbrüterinnen, Bevölkerungsexplosion oder Massensterilisation, Kindersegen oder Altersarmut,

Maria oder Fatima – auch wenn dies keine naheliegenden Alternativen sind, werden wir für die Folgen einer verfehlten Politik mit dem Sex künftig böse bezahlen müssen …
Da schaue man nur einmal in Bornemanns „Sex im Volksmund“ – welch ein Reichtum, welche poetische Pracht! Die Amerikaner kennen nur ein Wort für jenen Vorgang, um den unsere Ahnen tausend Wörter machten. Das Resultat sieht dann aber so aus, dass selbst der sündigste Oberschulabsolvent des Jahres 2014 kaum mehr weiß, als auf seinem T-Shirt steht: „Ficken, Bumsen, Blasen, alles auf dem Rasen“ – oh Deutschlands „Tote Hosen“ …

Kunst (inclusive Literatur) und Erotik heben sich auf, wenn ihnen dauerhaft das coming out, also Öffentlichkeit, versagt bleibt. Noch kein Robinson und kein Lebenslänglicher hat die Kunstgeschichte bereichert oder irritiert, wie denn auch alle Knastkunst mehr vom Odium des sozialen Außenseiters zehrt, als sie vom Genius ihrer Urheber zeugt. Ebenso, wie in einer wohlsituierten, aber lustfeindlichen Ehe der Eros verkümmert, verdorrt oder vergammelt das Kulturschaffen, wenn es an der Kette liegt – wie lang, leicht oder golden die auch immer sein mag.

Es ist hierzulande die Lebenswirklichkeit, die es uns nachgerade zur Pflicht macht, des goldenen Käfigs gewahr zu werden und sein Gestäbe anzugreifen. Von innen!
Das verlässlichste Anzeichen beabsichtigter Gefangensetzung ist die amtliche Ermunterung, Verbotenes und Verpöntes zu tun. War Nägeli, der Sprayer von Zürich (in Heidelberg hat er am Staeckschen Haus in der Ingrimstraße auch wiewohl schnell entfernte, so doch unvergessene Spuren hinterlassen), noch ein witziger sozialkritischer Kunstpartisan, so sind es mitnichten die Horden jener analphabtischen Schmierfinken, für die der Frankfurter Stadtrat Cohn-Bendit freies Wirken forderte, weil sie multikulturelle Zeichen setzten. Wir hingegen meinen, dass solcherlei multikulturelle Zeichen – solche und als solche – die Semantik der Armseligkeit sind. Gleichermaßen so kunstvoll und erotisch, wie die kosmopolitische Reklamekleidung, der Verpackungsbetrug, die postmodernen Schlafdörfer oberhalb Rohrbach-Süd, die nicht nur Kids verblödende Unterhaltungselektronik sowie die nonkreative  (das Handy machte möglich) Partyhopperei, die Freizeitgestaltung von ebendort über den Gartengrill bis zum Meinungsterror auf den Bildschirm bringt.

Machen wir uns nichts vor: Weil die Ausnahme die Regel bestätige, werden Kunst und Erotik auch künftighin nicht nur ihre Freiräume müssen beanspruchen dürfen, sondern auch allgemeine Aufmerksamkeit genießen. Dabei sind fünfte Kolonnen unerwünschten Zuwachses talentierter Nörgler und unberechenbarer Idealisten durchaus

erwünscht.

März 2014 | Allgemein, Essay, Feuilleton, In vino veritas, Junge Rundschau, Kirche & Bodenpersonal, Sapere aude, Zeitgeschehen | Kommentieren