(1. Advent Lj. A): Röm 13, 11-14a; Mt 24, 37-44
I. Erst der Dritte Adventsonntag trägt bekanntlich den Namen “Gaudete – Freut Euch”. In diesem Jahr steht aber bereits der 1. Advent unter einem Freudennamen: „Evangelii Gaudium – Die Freude des Evangeliums“ – so die Anfangsworte des Apostolischen Schreibens des neuen Papstes, das ich fast eine Sensation nennen möchte. Warum? Weil Papst Franziskus auf immerhin 180 Seiten ein veritables Reformprogramm vorstellt, das einer Regierungserklärung gleicht. Man könnte es durchaus wie ein Kommentar zu zwei programmatischen Worte der Lesungen des heutigen 1. Adventsonntages verstehen: „Bedenkt die gegenwärtige Zeit. Die Stunde ist gekommen, vom (Kirchen-) Schlaf aufzustehen Lässt diese Predigt auf Veränderung hoffen …“ So der Apostel Paulus in Röm 13,11. Aber auch Jesu mahnendes Wort im heutigen Evangelium: „Seid also wachsam … und haltet euch bereit!“
Mit einem energischen Aufruf zu „neuen Wegen“ und „kreativen Methoden“ hat sich also der Papst aus Argentinien an seine und unsere Kirche gewandt. Er bringt seine „Besorgnisse zum Ausdruck“, die ihn im Hinblick auf den Zustand der Kirche aber auch der Welt bewegen, aber auch seine „Träume“: Er träumt von „einer Kirche der offenen Türen“ die davon beseelt ist, möglichst alle zu erreichen. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Dieses herrliche adventliche Psalmlied wird hier ganz konkret, wenn der Papst in der Kirche da und dort „die Kälte einer verschlossenen
Tür“ wahrnimmt. „Auch die Türen der Sakramente dürften nicht aus irgendeinem beliebigen Grund geschlossen werden …“ Auch „die Eucharistie … ist nicht eine Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und Nahrung für die Schwachen. Diese Überzeugungen haben auch pastorale Konsequenzen (Denken wir an den problematischen Sakramenten-Ausschluss der
wiederverheirateten Geschiedenen) und wir sind berufen, sie mit Besonnenheit und
Wagemut in Betracht zu ziehen. Häufig verhalten wir uns wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer. Doch ist die Kirche keine Zollstation, sie ist das Vaterhaus, wo Platz ist für jeden mit seinem mühevollen Leben.“ (Nr. 47) Da tut sich wahrhaft eine Tür auf, für deren Öffnung es höchste Zeit ist. – In diesem Zusammenhang verweise ich auf die erstmalige Befragung des Volkes Gottes in der Vorbereitung auf die internationale Bischofssynode im nächsten Jahr, wo es eben nicht nur um „die Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung“ (Offizielles Thema) gehen darf, sondern um all die „heißen Eisen“: Um Fragen der Ehevorbereitung und Familienplanung, voreheliche sexuelle Beziehungen, wiederverheiratete Geschiedene, gleichgeschlechtliche Partnerschaften etc. Lesen Sie dazu meinen Kommentar im neuen Pfarrblatt, der auch auf unserer homepage zu finden ist. Und beteiligen Sie sich mit Ihren freimütigen Stellungnahmen an dieser Umfrage, die es so noch nie gegeben hat. Denken wir nochmals an die Aufforderung des Apostels heute am 1. Advent: „Bedenkt die gegenwärtige Zeit …!“ Nun aber zurück zum Apostolischen Schreiben eines zu tiefgreifenden Reformen bereiten, ja entschlossenen Papstes:
II. „Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinaus gegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die nur darum besorgt ist, im Mittelpunkt zu stehen, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten
verstrickt ist … Ich hoffe, dass mehr als die Furcht, einen Fehler zu machen, unser Beweggrund jene Furcht ist, uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen falschen Schutz geben; in Normen, die uns in unnachsichtige Richter verwandeln …“ (Nr. 49)
„Neue Wege“ sollten eingeschlagen werden, um „die ursprüngliche Frische der Frohen Botschaft“ neu zu erschließen. „Jesus soll aus den langweiligen Schablonen“ befreit werden, in die wir ihn gepackt haben (Nr. 11) Zwei Dinge braucht es dazu: Erstens den „Weg einer pastoralen und missionarischen Neuausrichtung…, der die Dinge nicht so belassen darf wie sie sind“ (Nr. 25), zweitens eine gründliche Reformder Strukturen der Kirche.
Spätestens hier tritt der Papst aus dem Schatten seines Vorgängers Benedikt XVI. heraus! Ausdrücklich spricht er von einer Reform des Papsttums: „Meine Aufgabe als Bischof von Rom ist es, offen zu bleiben für die Vorschläge, die darauf ausgerichtet sind, dass eine Ausübung meines Amtes der Bedeutung, die Christus ihm geben wollte, treuer ist und mehr den gegenwärtigen Notwendigkeiten des Evangeliums entspricht … Auch das Papsttum und die zentralen Strukturen der Universalkirche haben es nötig, dem Aufruf zu einer pastoralen Umkehr zu folgen … Eine übertriebene
Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen.“ (Nr. 32) Schon auf den ersten Seiten dieses umfangreichen Schreibens fallen die wahrhaft sensationellen Worte: „Ich glaube auch nicht, dass man vom päpstlichen Lehramt eine endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen erwarten muss, welche die Kirche und die Welt betreffen. Es ist nicht angebracht, dass der Papst die örtlichen Bischöfe in der Bewertung aller Problemkreise ersetzt, die in ihren Gebieten auftauchen. In diesem Sinne spüre ich die Notwendigkeit, in einer heilsamen Dezentralisierung voranzuschreiten.“ (Nr. 16)
Wenn das nicht eine Relativierung oder gar insgeheime Aufgabe der immer schon umstrittenen päpstlichen „Unfehlbarkeit“ ist, und eine längst fällige Infragestellung des päpstlichen „Iurisdiktionsprimates“ über alle Bischöfe des katholischen Erdkreises?
Das absolutistische Papsttum, eines der größten ökumenischen Hindernisse, hat ausgedient – und war m.E. eine historische Fehlentwicklung: noch nie von der gesunden theologischen Überlieferung der „frühen“ Kirche her, geschweige denn vom Evangelium her zu begründen.
Unverblümt kritisiert Papst Franziskus die Traditionalisten in der Kirche, die sich für etwas Besseres hielten, „weil sie sich einer übertriebenen Pflege der Liturgie hingäben … Auf diese Weise verwandelt sich das Leben der Kirche in ein Museumsstück oder in ein Eigentum einiger weniger“. (Nr. 95) Hier wie bei vielen anderen kritikwürdigen Phänomenen der Kirche fehle meistens Christus selbst. „Es ist eine schreckliche Korruption mit dem Anschein des Guten. Man muss sie vermeiden, indem man die Kirche in Bewegung setzt, damit sie aus sich herausgeht in eine auf Jesus Christus ausgerichtet Mission, in den Einsatz für die Armen.“
Dass „eine arme Kirche für die Armen“ vielleicht das größte Reformanliegen des Papstes ist, ist hinlänglich bekannt und nimmt in diesem Schreiben den ganzen 4. Teil ein unter der Überschrift „Die soziale Dimension der Evangelisierung“. Das derzeitige Wirtschaftssystem des Westens nennt der Papst „in der Wurzel ungerecht“. Diese Form der Ökonomie töte, denn in ihr herrsche das Gesetz des Stärkeren. Der Mensch sei nur noch als Produzent oder Konsument gefragt. Wer nicht konsumieren könne,der werde nicht mehr nur ausgebeutet, sondern ganz ausgeschlossen und
weggeworfen. Die Welt lebe in einer neuen Tyrannei des „vergötterten Marktes“, die manchmal sichtbar, manchmal virtuell sei. Hier regierten Finanzspekulation, Korruption, ein „Fetischismus des Geldes“ (Nr. 55) – An dieser Stelle muss es erlaubt sein, auf die Vatileaks-Affäre anzuspielen und zu hoffen, dass Papst Franzikus den Mut und die Kraft hat, diesen Augias-Stall in der römischen Kurie auszumisten, und nicht zuletzt sozusagen im eigenen Haus damit zu beginnen, skandalöse Finanz(trans)aktionen abzustellen. (Vatikanbank IOR). Ich bilde mir ein, dass er sich schon sehr bald nach seinem Amtsantritt dazu geäußert und entschlossen gezeigt hat.
III. Kommen wir zurück zur überfälligen Reform der Kirche im Hinblick auf ihre angeschlagene Glaubwürdigkeit und weitgehend fehlende wirkliche Zeitgenossenschaft (nicht Modernität!). Der Papst unterstreicht die Notwendigkeit, die Verantwortung der Laien für die Kirche zu stärken. Nicht zuletzt durch einen „ausufernden Klerikalismus“ spielten die Laien nicht die Rolle, die sie spielen sollten.
Auch müssten „die Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche noch erweitert werden“, vor allem dort, wo die wichtigen Entscheidungen fallen (Nr. 93 + 93) „Die Beanspruchung der legitimen Rechte der Frauen … stelle die Kirche vor tiefe Fragen, die sie herausfordern und die nicht oberflächlich umgangen werden können. (Nr. 104) Im gleichen Zusammenhang – und dies erlaube ich mir zu bedauern – stellt der Papst aber noch einmal fest, dass das den Männern vorbehaltene Priestertum für ihn nicht zur Diskussion stehe, aber „Anlass zu besonderen Konflikten geben kann, wenn die sakramentale Vollmacht (des Priesters) zu sehr mit der Macht verwechselt wird“ (Nr. 104)
Der Papst geht auch auf die Fragen des Zusammenhanges von Glaube und Kultur ein, die bekanntlich unter dem Begriff der ‚Inkulturation’ zusammengefasst werden.
Die Kirche verfüge nicht über ein einziges kulturelles Modell. Vielmehr drücke sich die „authentische Katholizität“ – man höre und staune!: „ …in der Verschiedenheit aus“ (Nr. 116) Die Kirche könne nicht erwarten, dass die gesamte Welt das Modell übernähme, das sich in der Geschichte Europas herausgebildet hätte. (Nr. 118)
Kurzum: Mein adventlicher Parforce-Ritt durch diesen atemberaubende prophetischen Aufruf des neuen Papstes mag für’s erste genügen, mir und Ihnen Lust zu machen, die Anfangsworte des Apostolischen Schreibens nachzuempfinden und zu beherzigen:
„Evangelii Gaudium – Die Freude des Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus Christus begegnen. Diejenigen, die sich von IHM retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und vonder Vereinsamung … In diesem Schreiben möchte ich mich an die Christgläubigenwenden, um sie zu einer neuen Etappe der Evangelisierung einzuladen, die von dieser Freude geprägt ist und um Wege aufzuzeigen für den Lauf der Kirche in den
kommenden Jahren.“
Joseph Mohr, St. Vitus und St. Raphael Heidelberg
Pfr. Mohrs Predigt beschäftigt sich wesentlich mit dem „Neuen“, mit Papst Franziskus. Was hingegen wir vom „zurückgetretenen“ Herrn Ratzinger halten, lesen Sie hier:
27.Dez..2013, 10:56
Vor einigen Tagen bereits hatte ich den nachfolgenden Kommentar geschrieben, den ich auch an dieser Stelle gerne als Reaktion auf Pfarrer Mohrs im Ganzen sehr treffende Predigt einspeisen möchte. Hier ist der Kommentar:
Endlich: Habemus Papam. Darauf musste man lange warten, dass ein Oberhirte des Vatikans wieder mal Klartext schreibt und gründlich aufräumt. Die frivolen Banker, die Paschas und Patriarchen, die Würdenträger und dogmatischen Messdiener zurechtstutzt. Gegen den Protzkommerz anstinkt und für die Armen dieser Erde die Fahne hebt, ja zu ihnen hingeht. So können Christen, auch protestantische, wenn sie denn wollen, sich wiederfinden. Und unorthodoxe Kommunisten und Utopisten dürfen liebäugeln, denn das päpstliche Schriftstück ähnelt in einigen Passagen stark dem berühmten Manifest von Marx und Engels. Jetzt sollten den Worten des Papstes auch Taten folgen. Ein Anfang ist bereits gemacht. Franziskus lässt Geld bei den Obdachlosen Italiens verteilen. Und wer für die altruistische Glaubenslust, die neue Moral nur Spott übrig hat, der soll zur FDP gehen. Der Papst aber, der lebt fortan gefährlich.
Beste Grüße
Fritz Feder
06.Jan..2014, 06:03
Im Feuilleton der NZZ (vom 6. Januar) erklärt uns der ehemalige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Hans Maier, den „staunenerregende Führungsstil“ des neuen Papstes. Schauen Sie mal rein:
http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/uebersicht/die-kunst-das-prophetische-zu-organisieren-1.18214323
tno/got