OB Würzner („Gespannt auf Impulse und neue Ideen – auch im Tanztheater – die umgesetzt werden“) und Kulturbürgermeister Gerner waren beim  Gespräch als Vertreter der Stadt zugegen, der designierte Intendant Holger Schultze ( Foto: Rothe) blickte nach vorn und hat Heidelberg mittlerweile offenbar so kennengelernt, dass er „hier auch mit einiger Spannung und sicher auch mit einiger Vorfreude, aber auch“ – konnte er sich jedenfalls vorstellen – so empfangen werden würde: „Der ist ja völlig verrückt geworden, gleich mit acht Stücken anzufangen“ – um gleich darauf in medias res zu gehen:36 Premieren sowie zahlreiche Konzerte erwarten das Publikum. Nach der Eröffnung mit der Oper „Aida“ am 1. Oktober 2011, folgt das Schauspiel: 8 Premieren an 8 verschiedenen Spielorten in 3 Tagen!

Gezeigt werden Zweitaufführungen des Heidelberger Stückemarktes. Bereits dieser Start weist auf eine Neuorientierung  des Heidelberger Stückemarktes hin, bei dem künftig Schwerpunkte neu gesetzt werden und eine langfristige Zusammenarbeit mit den Theatertagen Mülheim beginnen wird.  Die anerkannte mexikanische Komponistin Marcela Rodriguez hat mit ihrer Uraufführung eine Kammeroper geschaffen, die das Leben der Malerin Frida Kahlo beeindruckend beleuchtet. Im Tanz setzt die international renommierte Choreografin Nanine Linning, die ab 2012/13 eine neue Tanzsparte am Theater Heidelberg gründet, mit „Requiem“ ein Zeichen. Johann Kresnik, der seine Karriere in Heidelberg startete, thematisiert die „Prinzhorn Sammlung“. Kunstwerke von Patienten psychiatrischer Anstalten aus ganz Europa wurden 1938 in der NS-Ausstellung „Entartete Kunst“ gegen die Kunst der Moderne instrumentalisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg gerieten sie in Vergessenheit. Erst ab 1980 wurde die Sammlung restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht – unter Mitarbeit von Johann Kresnik. Bei der Uraufführung 2012 arbeitet Kresnik auch mit Patienten der heutigen Einrichtung. Dirk Laucke beschäftigt sich in dem Rechercheprojekt „Einigkeit und …“ (AT) mit dem Leben der Sinti und Roma. Im Musiktheater gibt es neben Opern wie „Aida“, „Carmen“ auch eine Opern-Uraufführung von Elfriede Jelinek + Irene Drische mit dem Titel „Der tausendjährige Posten oder Der Germanist“. Jelineks Bearbeitung verleiht den heiteren Singspiel-Handlungen (Musik Franz Schubert) einen bitterbösen Dreh und thematisiert damit den wahren Fall des Holocaust-Leugners Walter Lüftl.

Am Ende der 1. Spielzeit von Holger Schultze verabschiedet sich GMD Cornelius Meister mit der Oper „Ariadne von Naxos“ aus Heidelberg. Im Jungen Theater Heidelberg setzt die neue Leitung sowohl über den Spielplan als auch das Engagement eines multikulturellen Ensembles Akzente.

Der Vertrag ist unterschrieben, Holger Schultze ist ab heute (1.August 2011) der "Neue", rechts neben ihm Oberbürgermeister Dr. Wüzner und Kulturbürgermeister Dr. Gerner. Foto: Gottschling

Holger Schultze: „Ich freue mich auf meine neue Aufgabe in Heidelberg. Mich reizt die Umbruchsituation, in der sich das Heidelberger Theater gerade befindet und ich bin begeistert, dass die Stadt mit der Sanierung und Erweiterung der Städtischen Bühne ein so positives Signal setzt in Zeiten, in denen andernorts Theater abgebaut werden.“
Der 48-jährige Holger Schultze ist seit 2005 Intendant des Theaters Osnabrück. Zuvor war er von 1998 bis 2005 Oberspielleiter des Schauspiels am Theater Augsburg, von 1994 bis 1997 am Stadttheater Bremerhaven, von 1992 bis 1994 Leitender Regisseur am Hans-Otto-Theater Potsdam, 1984 bis 1990 Regieassistent am Staatstheater Stuttgart und Nationaltheater Mannheim. Als Regisseur hat er unter anderem an der Freien Volksbühne Berlin, dem Staatstheater Stuttgart, dem Staatstheater Darmstadt, und dem Schillertheater Wuppertal inszeniert. Das Theater Osnabrück war unter seiner Leitung zu vielen wichtigen Theaterfestivals eingeladen, so zu den Mülheimer Theatertagen oder zum Heidelberger Stückemarkt.
Von 2003 bis 2005 war Schultze außerdem Gastdozent an der Universität Augsburg im Fachbereich Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaften/Vergleichende Literaturwissenschaften.

Schultze ist Mitglied im künstlerischen Ausschuss und im Tarifausschuss des Deutschen Bühnenvereins. Er wurde mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem bekam er 2004 den Regiepreis Bayerische Theatertage und den Augsburger Theaterpreis zuerkannt, 2007 den Preis der deutschen Theaterverlage und den Preis des Osnabrücker Theatervereins.

Durch die Idee des Ensemblegedankens ist es der künftigen Theaterleitung gelungen, hochkarätige Künstler zu verpflichten. Regisseure und Schauspieler, die u.a. am Residenztheater München, am Berliner Ensemble, an der Schaubühne Berlin arbeiteten, bestreiten den Spielplan. Im Musiktheater ist Sharleen Joynt z.B. als ‚Zerbinetta’ in „Ariadne auf Naxos“ zu erleben, die sie auch in Tel Aviv  geben wird. Außerdem führten sie ihre Wege bereits an die Calgary Opera und nach New York,  an die Carnegie Hall und die Metropolitan Opera. Ta’u Pupu’a schloss im Frühjahr sein Studium an der Jolliard Schoole New York ab. Der junge Tenor gilt als große Hoffnung im heldenteneroalen Fach. Im kommenden Jahr tritt er in Oslo und San Franzisco auf. In Heidelberg gibt er den Bacchus’ in „Ariadne auf Naxos“. Mit dieser Partie brillierte Pupu’a auch beim 2100 Tangelwood-Festival  Der 28-jährige Bass Pavel Shmulevich zählt bereits seit 2000 zum Ensemble des berühmten Mariinski Theater St. Petersburg. Er gastierte u.a. bei den Festspielen von Aix en Provence, Théâtre du Châtelet Paris, in New York (Avery Fisher Hall) sowie am Teatro Real Madrid. 2010 wurde er von der Fachzeitschrift „Opernwelt“ als Nachwuchssänger nominiert. In Heidelberg gibt Shmulevich den „Ramfis’“.

Um Kinder und Jugendliche verstärkt an Theater heranzuführen, wird die Theaterleitung neue Schulkooperationen mit allen Schulformen einführen. Darüber soll jedem Schüler von 5.- 11. Klasse (Haupt- und Realschule, Gymnasium) die Möglichkeit eines Theaterbesuches geboten werden. Durch eine kontinuierliche Zusammenarbeit über mindestens drei Jahre erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit alle Sparten kennen zu lernen und Berührungsängste abzubauen.

Dass Holger Schultze dies alles zu leisten in der Lage ist, hat er anderswo zur Genüge bewiesen – wir wünschen ihm einen guten Star in Heidelberg. Und, dass er nicht zu bereuen Grund hat, sich nach Heidelberg beworben zu haben. In Osnabrück jedenfalls hat man ihn nur ungern gehen lassen. Toi, toi, toi also …

Juli 2011 | Heidelberg, Allgemein, Feuilleton | Kommentieren