Da war keiner kein Experte: Bei Maybrit Illner brach die Debatte über den Kachelmann-Prozess nochmals mit voller Wucht los. Für Alice Schwarzer ging das ins Auge: Maybrit Illner ließ sie gekonnt auflaufen.

Rettet die Justiz ihren Ruf? In dubio pro reo - gilt das auch in diesem Prozess?

Handelt es sich bereits jetzt um einen Justizskandal? Selten hat ein Gerichtsverfahren solch ein Medienspektakel hervorgerufen wie der Kachelmann-Prozess. Das Gerangel um die Schuldfrage hat zu einem öffentlich ausgefochtenen Vielkampf aus Meinungen, Gutachten und juristischen Winkelzügen geführt.

Kurz vor der Urteilsverkündung ging es Maybrit Illner nochmals ums große Ganze: Die Moderatorin wollte wissen, ob «der Fall Kachelmann schon jetzt ein Justizskandal» sei – doch ihre Gäste bewegten sich lieber auf ausgetretenen Pfaden.

Alice Schwarzer, Feministin und – nach eigenen Angaben „unabhängige – BILD-Prozessbeobachterin, fegte Illners zaghafte Frage nach der Unschuldsvermutung lässig vom Tisch («Ja, ja, die gilt natürlich»). Viel lieber echauffierte sich die Emma-Herausgeberin im Weiteren weitschweifig über Kachelmanns Verteidiger, der dem Gericht mit seiner «rüpelhaften Vorgehensweise» großen Schaden zugefügt habe. Schwarzer war überzeugt: «Es wäre eine Katastrophe für alle Frauen, wenn Kachelmann freigesprochen würde.» – was bleibt da mann zu sagen übrig …

Das Gericht als Theaterbühne – und eine(r) lügt

Die Juristen in der Runde jedenfalls zuckten dieses schwarzerschen Ausfalls merklich zusammen: Rüdiger Bagger, ehemaliger Hamburger Oberstaatsanwalt und Pressesprecher, zeigte sich „erschrocken über Schwarzers Statement“ – und pochte auf rechtsstaatliche Prinzipien, zu denen auch der Grundsatz in dubio pro reo (im Zweifel für den Angeklagten) gehöre: «Es steht in diesem Fall Aussage gegen Aussage – und die Medien haben eine Urteilsfindung zusätzlich erschwert.»

Wie kompliziert ein Vergewaltigungsprozess ist, wusste Mark Bennecke: «Kein Mensch weiß, was los ist», bilanzierte der Kriminalbiologe. Nur mit eindeutigen Spuren könne ein Gericht hieb- und stichfest urteilen – der Fall Strauss-Kahn lässt grüßen. Bei Kachelmann aber sei die Situation verfahren, meinte Bennecke: «Einer von beiden lügt. Sie spielen Theater und nutzen das Gericht als Bühne.»

Und die Presse spielt begeistert mit: Viele Medien haben den Kachelmann-Prozess bis weit über die Schmerzgrenze hinaus ausgeschlachtet. Zeuginnen, die ihr Liebesleben mit dem jovialen Wettermoderator für horrende Honorare ausgebreitet haben, Leitartikler und Feuilletonisten, die sich spaltenweise für oder gegen das mutmaßliche Opfer munitionierten und nicht zuletzt die absolut unvoreingenommene Prozessbeobachterin Schwarzer («Ich stehe generell immer auf der Seite des Opfers») haben dazu beigetragen, dass der Leser das Privatleben von Kachelmann und seinen zahlreichen Geliebten inzwischen bis ins kleinste Detail kennt.

Staatsanwaltschaft schuld am Medienhype?

Von einer Medienschlacht wollte dennoch niemand etwas wissen. Stattdessen bekam die Staatsanwaltschaft den Schwarzen Peter zugeschanzt – der Vorwurf lautete auf Herausgabe der Prozessakten an die Boulevardpresse. Mit verschwörerischer Miene lehnte sich der ehemalige Bild-Chefredakteur Hans Hermann Tiedje nach vorn und kombinierte messerscharf, dass «die Kollegen von der Staatsanwaltschaft wohl ein Interesse daran hatten, die Medien zu nutzen, um die Öffentlichkeit auf eine Sichtweise festzulegen».

Das wollte Bagger nicht auf sich sitzen lassen: Mit hochrotem Kopf schoss er zurück, die Staatsanwaltschaft habe die Persönlichkeitsrechte der Beteiligten stets geachtet – zu Indiskretionen sei es nur durch journalistischen Druck gekommen. «Sich jetzt hinzustellen und die Verletzung der Privatsphäre zu beklagen, das ist Heuchelei», sagte er.

Wer aber wann wem welche Akten ausgehändigt hat, das konnte nicht mehr zweifelsfrei geklärt werden, denn Maybrit Illner hatte den wunden Punkt der Bild-Kolumnistin gefunden: Alice Schwarzer reagierte höchst allergisch auf die Frage, weshalb sie ausgerechnet für das Boulevardblatt schreibe. «Was’n das für’n Quatsch, Frau Kollegin», polterte sie in Illners Richtung – die Moderatorin ließ sich davon allerdings wenig beeindrucken und bohrte weiter. Da platzte Schwarzer heraus: «Sie müssen eben sehen, die Auflage der Emma ist etwas kleiner.» Genau, Treffer versenkt.

Mit dieser kleinen Volte hatte Illner das große Getöse um den Kachelmann-Prozess punktgenau entzaubert. Es geht um Auflagen, aber auch um persönliche Eitelkeit – die Wahrheitsfindung ist nebensächlich. Da inzwischen alle Spekulationen geäußert wurden und das Kachelmann-Urteil am kommenden Dienstag erwartet wird, darf man gespannt sein, ob der kafkaeske Wanderzirkus aus Berichterstattern und Meinungsmachern nun zum Strauss-Kahn-Prozess nach New York weiterzieht. Dem mutmaßlichen Vergewaltigungsopfer gleichwie dem mutmaßlichen Täter wäre es nicht zu wünschen.

Tumbstes aber zugleich bestes Zitat des Abends: «Ich schreibe für die BILD, das ist ein (wahrlich widerwärtiges Eigentor der Feministin Alice Schwarzer hier und hier) anständiges Blatt – besser jedenfalls als DIE ZEIT.» Aha, wir lernen: Madame haben Spaß an ihrer Arbeit – und, vielleicht läßt man(n?) sie ja in der ZEIT nicht „schreiben“. Verstehen tät man es ja schon …

Mai 2011 | Allgemein, Sapere aude, Zeitgeschehen | 1 Kommentar