Wie hoch ist die Bereitschaft, in Notsituationen zu helfen? Dazu befragt, schätzen sich viele Menschen als äußerst hilfsbereit ein. Tatsächlich spiegelt das wahre Verhalten jedoch nicht immer diese Einstellung wider und der Weg vom helfen wollen bis zum tatsächlichen Handeln kann lange und beschwerlich sein. Studierende der Wirtschaftspsychologie an der SRH Hochschule Heidelberg haben nun untersucht, wie hilfsbereit Heidelbergs Passanten tatsächlich sind und kamen zu alarmierenden Ergebnissen.

Wenn man Menschen zu ihrer Zivilcourage befragt, dann schätzen sich viele als hilfsbereit ein. Tatsächlich spiegelt das wahre Verhalten jedoch nicht immer diese Einstellung wider. Studierende der Wirtschaftspsychologie an der SRH Hochschule Heidelberg haben nun untersucht, wie hilfsbereit Heidelbergs Passanten sind und zogen erschreckende Bilanz.

Bei einem Feldversuch schlüpften die Studierenden in die Rolle einer hilfsbedürftigen Person und platzierten sich so, dass sie im Blickfeld der Passanten waren. Die Ergebnisse nach mehrwöchiger Testphase waren geradezu ernüchternd: Unter rund 7.000 getesteten Personen boten lediglich 94 ihre Hilfe an.

Für Prof. Dr. Frank Musolesi, Leiter der Studie, gibt es für die geringe Hilfsbereitschaft mehrere Gründe: „Viele fürchten sich, dass sie mit der Notsituation überfordert sind oder etwas falsch machen könnten. Andere wiederum denken, sie könnten sich gar blamieren. Diese Angst lässt die Menschen tendenziell untätig sein.“ Auch wird der Ernst der Lage oft unterschätzt: „Manche Menschen kommen zu der Schlussfolgerung, dass das vorliegende Ereignis harmlos sein muss, sonst hätte ja schon längst ein anderer geholfen. Vor allem in Gruppensituationen sinkt das Verantwortungsgefühl drastisch, da jeder Beteiligte die Verantwortung gerne auf den nächsten abschiebt“, so der Professor.

Die Annahme, dass in einer ruhigen Fußgängerzone mehr Menschen helfen würden, als an einem hektischen Bahnhof, hatte sich bei dem Versuch nicht bestätigt. Allenfalls das Geschlecht der Opfer hatte einen erkennbaren Einfluss auf das Helferverhalten: Im Unterschied zu Frauen mussten Männer dreimal so lange warten, bis ihnen geholfen wurde.

Für Musolesi ist das Ergebnis auch deshalb so erschreckend, da es sich bei der Simulation lediglich um eine neutrale Notsituation gehandelt hat: „Die Opfer simulierten Schmerzen mit auffällig gekrümmter Haltung. Im Gegensatz zu einer gewaltorientierten Situation, bei der die Helfer selbst zum Opfer werden können, hatten die Probanden hier nichts zu befürchten. Wenn bereits da der Mut fehlt, dann in strengeren Notsituationen erst recht.“

In Folgestudien wollen die Wirtschaftspsychologen der SRH Hochschule Heidelberg die Ursachen von unterlassener Hilfeleistung noch weiter untersuchen – die Hoffnung stirbt zuletzt …

Sep. 2010 | Allgemein | Kommentieren