imagesWährend man sich durch die Trümmer der Gefühle im Gefolge jenes schrecklichen 11. Septembers kämpft, kann man sich nur fragen, was die Zukunft noch alles bringen wird. Im rasenden Rhythmus der Kriegstrommel jedenfalls scheint bereits jegliche nachdenkliche Diskussion über ein weiteres Vorgehen untergegangen zu sein.Rache wird am besten kalt serviert, wird uns gesagt. Die einzige Möglichkeit, weitere Terrorangriffe zu vermeiden, sei die Vernichtung des Terrorismus durch eine weltweite Kampagne der Auslöschung. So oder ähnlich hören wir das in den Medien und an Stammtischen. Der Tod unschuldiger Zivilisten wird vorab begründet. Wir wollen, dass andere den Zorn und die Qualen spüren, die unserer Wut und unseren Schmerzen entspringen. All dies ist verständlich. Rache hat eine lange und geschichtsträchtige Tradition in unserer Kultur. Auge um Auge, Zahn um Zahn – so lehrt das die Bibel. Wir akzeptieren dies als normal und natürlich. Aber, dürfen wir das wirklich wollen?
Dies beantworten zu können, müssen wir uns fragen, ob wir Rache oder Gerechtigkeit wollen. Vergeltung, die gegen Unschuldige gerichtet ist, ist weder juristisch noch moralisch gerechtfertigt.

Denken wir an morgen

Gerechtigkeit für diejenigen zu verlangen, die diese schreckliche Tat begangen haben, ist die einzig angebrachte Forderung. Diejenigen, die auf Rache beharren, müssen sich darauf vorbereiten, andere Ziele zu opfern. Rache gegen die Verbrecher ist kontraproduktiv, wenn man ähnliche Terrorangriffe in Zukunft vermeiden will. Diese beiden Ziele stehen im Widerspruch zueinander. Zu denken, dass man beides erreichen kann – Rache und Prävention -, ist nicht nur weit hergeholt, sondern eine Illusion. Es gibt Millionen Extremisten in der Welt, die nur darauf warten, den Kampf gegen ein Land aufzunehmen, sobald sie die Chance haben, sich einer terroristischen Organisation anzuschließen. Da wir keinen Polizeistaat haben, der den gesamten Planeten umspannt, ist es einfach sinnlos, immer wiederkehrende Gewalttaten durch Sicherheitsvorkehrungen allein verhindern zu wollen. Wir können unsere Grenzen genauso wenig wirksam schließen, wie wir uns aus der globalen neuen Wirtschaft zurückziehen können. Ob man es will oder nicht, wir sind ein Teil der Weltgemeinschaft der Nationen. Die Terroristen wissen dies nur zu gut.

Dilemma

Wir sind mit einem Dilemma konfrontiert: Die Urheber dieser Greueltaten zu finden und zu „zerstören“, ohne „Kollateralschaden“ oder einen hohen Blutzoll in Kauf zu nehmen, ist beinahe unmöglich. Der Tod vieler unschuldiger Zivilisten bei dem Versuch, die Schuldigen auszulöschen, führt jedoch unweigerlich dazu, dass viele Länder von Nordafrika bis Indonesien Terroristen als Märtyrer betrachten werden. Dies würde allenfalls die Spirale der Gewalt aufrecht erhalten und neue Führer hervorbringen, die bereit sind, den Kampf aufzunehmen. Im Gegensatz zu dem, was wir im Fernsehen sehen und hören, müssen wir die Wurzeln des Terrorismus analysieren, um ihn bekämpfen zu können. Das muss auch heißen dürfen, sich an die eigene Nase zu fassen …
Feindseligkeit gegenüber Amerika ist weltweit verbreitet. Obgleich es viele Gründe gibt, warum Extremisten es zerstören wollen, werden nur wenige davon offen diskutiert. Denn dies würde nicht nur eine schmerzhafte Prüfung amerikanischer Politik, sondern auch der Haltung gegenüber anderen nach sich ziehen. Seit Jahren genießen die USA stolz ihren Status als Weltmacht. Große Macht birgt aber auch eine große Verantwortung in sich. Sogar die Verbündeten (viele amerikanischen Bürger auch) finden Amerikas kurzsichtige Hochachtung vor deren eigenen Interessen falsch. Viele der politischen Bündnisse haben Armut und Unterdrückung in den Ländern der Dritten Welt gefördert. Auch wird weiterhin agiert, als ob wirtschaftliche Interessen bei weitem wichtiger sind als die Opfer menschlichen Leidens, die eine solche Politik fordert.

Wollt ihr den totalen Krieg?

Amerika wurde nicht durch unseren Durst nach Rache oder dem Willen, anderen Schmerzen zuzufügen, geschaffen. Wir alle sollten keine Angst davor haben, aus dieser schrecklichen Tragödie wertvolle Lektionen zu ziehen. Terrorismus existiert nicht in einem Vakuum. Nur wenn wir versuchen, die Ursachen dafür zu verstehen, entschärfen wir die Argumente derjenigen, die für den Terrorismus plädieren. Wir können Gewalt nicht isolieren und ausradieren, indem wir uns denjenigen, die sie benutzen, anschließen. Wir können jedoch den Irrsinn eines totalen Krieges gegen einen fanatischen Phantomgegner zurückweisen. Wer Rache fordert, redet erfolgreich der Brutalität das Wort, die wir doch beenden wollen.

Wir machen mit, ganz egal, wobei …

Politiker zeigen gern, dass sie eine feste Meinung haben. Bisher mußten dafür Ereignisse allerdings stattgefunden haben oder Vorhaben doch zumindest in ihren Einzelheiten bekannt sein. Das hat sich geändert. Zu den Militäroperationen der USA hatten bereits im Vorfeld alle möglichen Leute schon ganz feste Meinungen – obgleich niemand wußte, wie diese Operationen konkret aussehen werden. Heute wissen wir mehr!

Solidarität

Für den Prozeß der Meinungsbildung deutscher Politiker spielte das allerdings keine Rolle, sie hielten Informationen für entbehrlich. So hat (von anderen zu schweigen!) der SPD-Abgeordnete Hans-Ulrich Klose, dem man eigentlich mehr Verstand zugetraut hätte, in einem Interview nach dem Terror am 11. September 2001 angekündigt, dass seine Fraktion einen Einsatz der Bundeswehr zur Unterstützung der USA geschlossen mittragen werde. Im Klarext hieß das: Wir machen mit, ganz egal, wobei. Wenn das keine Solidarität ist!
Äußerungen wie die von Klose nähren den Verdacht, dass die Nato den USA einen Freibrief für jegliche Form von Militäreinsätzen ausgestellt hat. Wer von jetzt an auch nur die Frage stellte, ob der Zweck die Mittel heilige, und wer eine Aktion unter dem Gesichtspunkt der Verhältnismäßigkeit beleuchtete, der musste doch fürchten, als Vaterlandsverräter zu gelten – oder doch zumindest des Antiamerikanismus geziehen zu werden. Das ist nicht den USA anzulasten. Sie hatten bis dahin noch gar nichts getan. Das hysterische Klima in Deutschland, das jede nüchterne Abwägung unter Generalverdacht stellte und stellt, ist hausgemacht.
Politiker, von denen man bisher nicht präzise wußte, was sie eigentlich genau unter Demokratie verstehen, bezeichnen derartige Veranstaltungen gerne als Schulterschluß aller Demokraten. Aller Demokraten? Unionspolitiker forderten – lustigerweise ungefragt – schnell wie selten die Bildung einer großen Koalition und betonten, nun müsse jeder Parteienstreit schweigen. Das verstehen sie also unter Demokratie: einen Luxusartikel, den man sich in ruhigen Zeiten gerne mal leistet.

Immer mal wieder: Ausländer raus

Wollen wir „Fremde“ in unserem Land nicht zu Objekten – und wäre die Absicht auch eine noch so verständliche oder gar gute – degradieren, so können wir nur mit ihnen zusammen, partnerschaftlich, notwendige Veränderungen anstreben. Wir müssen also ausländische Mitbürger  erst einmal akzeptieren, wie sie sind, nicht, wie wir sie gerne haben wollen.
„Unsere Stadt steht der Welt offen, wir vertreiben nie einen Fremden.“ Dieser Satz stammt von Perikles; derweil Demokrit sagte: „Der Weise gehört allen Ländern an, denn die Heimat der großen Seele ist die ganze Welt“. Und wiewohl mehr als 2000 Jahre später diese Auffassung immer noch dem Selbstverständnis der Staaten, die sich wie die Bundesrepublik als offene Gesellschaft begreifen, entspricht, wird es tatsächlich immer schwerer, diesem Ideal zu genügen.

Der Härtetest für die Liberalität der Gesellschaften wird immer schmerzlicher in der Welt. Das müssen wahrlich keine „Ausländerfeinde“ sein, die da meinen, der griechische Geist habe noch die Muße gehabt, diese Gesinnung unter nahezu statischen gesellschaftlichen Bedingungen zu entwickeln und Großherzigkeit gegenüber Fremdlingen zu beweisen; und dass dagegen jedoch heute die Industriegesellschaft des Westens unter permanentem Druck rapider Veränderungen in allen Lebensbereichen ihre Aufmerksamkeit für sich voll in Anspruch nehmen könnte. Es sei hier nicht rechtsradikalem Pack das Wort geredet; wenn aber dennoch Verständnis aufgebracht werden soll für jene, die erst einmal kein Verständnis aufbringen können für Fremde, die hier gar nicht erst einer hier wohnungssuchenden Familie die Wohnung wegnehmen muß, weil es eben überhaupt gar keine Wohnungen mehr gibt. Fragen wir uns also: Sind wir vermufft, provinziell, fremdenfeindlich oder gar rassistisch?
Wir behaupten: Die (jedenfalls) meisten von uns sind nichts von alledem. Jedoch sind wir alle von den Ereignissen überrollt worden. Innere Distanzen zu ethnisch Andersartigen mögen – und nur mit solchen „Bundes-Republikanern“, die das auch so sehen, wollen wir es zu tun haben – mit einem hohen Respekt für diese Andersartigkeit verbunden sein. Und dennoch läßt sich daraus nicht unabdingbar die Bereitschaft folgern, deren Ausdrucksformen täglich erleben zu wollen. Darüber zu räsonieren, ob eine solche Haltung christlich, menschlich oder weltoffen sei, das führt zu gar nichts. Rund um die Welt, in sowohl der Republik als auch in Heidelberg, zeigt sich doch ständig, dass es sich hier um harte, psychologische Grundtatsachen handelt. Und die, die stehen politisch nun mal nicht zur Disposition.

Was bleibt?

„Dostluk“, das ist türkisch, „Sadaqua“ arabisch, „Chawerut“ hebräisch, „Druschba“-russisch  „Amitié“  französisch, „Amistad“  spanisch, „Amizicia“ italienisch; das alles heißt Freundschaft. Und die, meint Jürgen Gottschling, ist nirgendwo billig zu haben. Aber, wie schwer es auch immer fällt, wir haben den Versuch zu unternehmen, den auch künftig auf uns zukommenden Problemen immer wieder aufs Neue in eben diesem Sinne zu begegnen – und sie so – vielleicht – sogar zu lösen.

Sep. 2010 | Allgemein, Essay, Politik, Sapere aude, Zeitgeschehen | 2 Kommentare