Die Zeit apokryphaler Texte für die Bühne dürfte spätestens mit diesen gradlinig-unverbogen-klaren und präzisen, einfachen und vollkommenen virtuellen Dialogen zu Ende gegangen sein. Hier wird nicht der Versuch unternommen, die Vielfalt unserer Welt durch ein immer komplexeres Vokabular und Montagen aus vielerlei Grammatiken zu kopieren. Des Autors Diktion ist einfach – einfach nicht aber im Sinn von schlicht, sondern der Einfachheit des Raffinements wegen.

Die „Handlung“ – hier versteht sich der Weg als Ziel: Eine falsch abgeschriebene Mail-Adresse bildet den Auftakt für eine zwischen zwei Bildschirmen aufgebaute Beziehung, die alsbald aus dem Ruder läuft. Leo Leike ist ein an der Uni ausgerechnet über den Transport von Emotionen via E-Mail forschender Sprachpsychologe – dessen Profession ihm allerdings schon recht bald erheblich zu privat wird.

Der Principalin Bühne gibt sich eiskalt und mollig warm als zugleich gutgeorteter, kuntgläserner Raum, hier läßt sich trefflich immer heftiger werdende virtuelle Nähe erleben; dies, und das sich Entfernen ins Bild heben als irrgärtiger Spaziergang durch das World Wide Web das Vorurteil auf, dass so intensive Dialoge - eigentlich - nur mit Briefen (ja,ja, damals …) hätten möglich gewesen sein können. Das Licht (Ralf Kabrhel) verhält sich zur Bühne symbiotisch; Oliver Schmidt stellt Ute Richters Vorstellung davon kongenial in Kunstglas in den Raum. Im Bild: Sibylla Rasmussen und Armin Schlagwein

Faszinierend an diesem in der Bühnenfassung von Ulrike Zemme und Daniel Glattauer ins Theater gebrachten Briefroman ist, dass der Autor mit (s)einem Schriftverkehr im Netz Literatur geschaffen hat; an Werther darf da gedacht werden – und daran erinnert, dass „Die Leiden des jungen Werthers“ Goethes erster Roman war, ein Briefroman, der wohl berühmteste. Wie Werther ist Leo Leike (Armin Schlagwein) nach einer Enttäuschung wieder allein. Wie Lotte ist Emmi Rothner (Sibylla Rasmussen) eine junge Frau, die „fremde“ Kinder großzieht. Auch ist sie bereits – und dies glücklich – gebunden, wie sie Leo immer wieder wissen lässt.
Eine – was Wunder – ganz auf den Text eingerichtete Zimmertheaterproduktion, wobei Ute Richter allerdings mit sowohl der Textexegese als auch mit ihrem Regiekonzept Bewegung ins Spiel der beiden miteinander mailenden Protagonisten bringt. Es ist ihr gelungen die Dramaturgie des in den „Neuen Medien“ eingesetzten lapidaren, ohne Kokolores auskommenden mal wuchtig mal knappen Dialogstil  in eine situationsbezogen-sachliche Sprache umzusetzen und diese ebenso in einem irrgartig akrylenen Bühnenbild sichtbar werden zu lassen:

Die Regisseurin transportiert den Mail-Verkehr als temporeich-rasantes und witzig geschriebenes  Kammerspiel für zwei Personen auf die Bühne, das seine Substanz nicht nur daraus zieht, sondern auch aus geistreichem Schlagabtausch sowie zu guter Letzt der zuverlässigen, intensiven  Arbeit der beiden Protagonisten an der Rolle.

Sowohl deren Arbeit am Text, als auch die Art der  Bewegug innerhalb dieser virtuellen Begegnung lässt beinahe körperlich fühlbar werden, wie dies Treffen am Rechner sich zur Sucht entwickelt, zum obzessiven Rausch (wovon auch der zuhörende Zuschauer erfaßt wird), der auf der Bühne zu einer konkreten Verschmelzung mit dem anderen führt. Das sehr zeitgeistig angelegte Stück nach des Autors Briefroman verstehen und er-leben wir auf der Zimmertheaterbühne als Ontologie, als einen neuen Seinszusammenhang, wonach wir nicht mehr ausschließlich Knotenpunkte von Beziehungen zu sein haben; mit alledem erlaubt sich der Autor, ein anderes Modell zu benutzen als das, innerhalb dessen wir doch noch oft genug funktionieren – und gefangen sind.

Zwar sind es E-Mails, die da hin und her geschickt werden, der Stil aber ist nicht virtueller Kürzestfassung geschuldet, ist nicht durch Anglizismen verhunzt und auch nicht gewollt keck oder naiv oder frivol – verwendete Sprache unterscheidet sich allenfalls marginal von der Briefform. Jedoch kommt sie einher mit viel Ironie, Verve und Witz, der Autor bedient sich der Sprache  des Bildungsbürgertums, dem der smilie-Jargon 🙂 wahrscheinlich zwar nicht unbekannt, dafür aber ziemlich gleichgültig sein dürfte. Ute Richter hält die vom Autor vorgeknoteteten Handlungsfäden geschickt in der Hand, die beiden routinierten Spieler gehen beeindruckend mit. So entwickelt sich diese Geschichte organisch; dass sie eine Fortsetzung verträgt, daran besteht kein Zweifel. Wie wir sie kennen, bleibt die Zimmertheaterchefin dran!

Jürgen Gottschling

Des (sehr verdient) großen Erfolgs wegen wurde nochmals verlängert, zudem gibt es an folgenden Tagen Doppelvorstellungen: Samstag, 25. und Sonntag 26. September, sowie am Samstag, 2. Oktober jeweils 17.00 und 20.00 Uhr. Am Sonntag, 3. Oktober um 11.00 und um 17.00 Uhr.  Weitere Zimmertheater – Informationen

Sep. 2010 | Heidelberg, Allgemein, Feuilleton | Kommentieren