Da schrottet ein fürerscheinloser Jugendlicher innerhalb von drei Jahren vier Autos der Familie („aber ich fahr doch nur, wenn ich besoffen bin“), schwänzt die Berufsschule, schmeißt die Lehre, geht vor Gericht immer mit Bewährung oder (ihn lachen machenden)  ihm gemachten Auflagen raus, das letzte Mal mit dieser, „während der Bewährungszeit weder Alkohol noch und sowieso keine andere Drogen zu konsumieren“ … Er schläft in den Tag hinein oder säuft und kifft und klaut – sogar aus der väterlichen Brieftasche. Und die Eltern? Ratlos! Ein Termin beim Psychologen bringt insofern nichts, als dieser die Eltern in der Weise (beinahe beglückt) belehrt, das größte Problem vor einer Therapie sei bei 80 Prozent der Jugendlichen, diese davon überhaupt erst mal zu überzeugen, dass eine Therapie wirklich nötig wäre. Jener „Fallknabe“ aber sei doch bereits zum Vorgespräch gekommen und habe von sich aus gemeint, er wolle nun wirklich selber etwas unternehmen, sich „einen Therapieplatz suchen, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen“. Der Seelenklemptner glaubt ihm, obgleich der Knabe, was der Psychologe wusste,  schon etliche Male diesbezüglich gelogen hatte – nach dem Motto: „Ihr habt recht, und ich meine Ruhe“ – in der Tat dann erstmal in Ruhe gelassen wurde. Für diesmal „gewinnt“ er damit also wieder einige Tage, oder Wochen, oder  Monate, innerhalb derer man ihn in Ruhe lässt. Dies als (wahres) Fallbeispiel, aber was wäre zu tun? Ein Dilemma! Natürlich ist dies „was tun?“ insofern – auch – ein nicht nur Problem von falscher oder gar keiner „Erziehung“ durch die Eltern, sondern ein gesellschaftliches! Derzeit wird gerade wieder der Ruf laut(er) nach Jugendknast und oder geschlossenen Heimen. Aber, ist das nicht kontraproduktiv? Da wird doch – so spricht nicht nur Volkesmund – Kriminalität nachgerade gelernt oder vertieft. „Die Gesellschaft“ aber wehrt sich auf ihre Weise:

Der Ruf nach geschlossenen Heimen soll Ursachen der Kinder- und Jugendkriminalität verschleiern

Gerade wird mit der wachsenden Zahl  von Strafanzeigen gegen Kinder und Jugendliche das Bild einer kriminellen Jugend gezeichnet, der eine unfähige Justiz gegenüberstehe. Tatsächlich aber mausert sich lediglich eine kleine Gruppe zu Intensivtätern, die einen beträchtlichen Anteil  der Delikte Straßenraub, Kraftfahrzeugdiebstahl und Einbrüche auf ihrem Konto sammeln, während aber die meisten Kinder und Jugendlichen nach ersten Delikten wie Sachbeschädigung oder Ladendiebstahl nicht wieder straffällige werden. Für den harten Kern wird der Ruf nach einer härteren Gangart immer lauter.
„Geschlossene Heime“, mit diesem Simsalabim versuchen mittlerweile auch Sozialdemokraten (von der CDU zu schweigen) ihre jugendpolitische Kehrtwendung hin zu „zeitweiliger Intensivbetreuung“ zu rechtfertigen, auch für Bündnis 90/Die Grünen gilt dies längst nicht mehr als Tabu. Bis 1991 gab es solche geschlossene Heime mit eingeräumt desaströsen Folgen. Die Rückfallquote der dort untergebrachten Kinder und Jugendlichen lag bei 90 Prozent, das Einüben eines normalen Lebens war unter der Käseglocke einer Verwahranstalt bei noch so engagierter Begleitung durch Betreuer schlicht unmöglich. Frust, Gewalt und Ausbrüche waren an der Tagesordnung.

Eigenverantwortung fördern

„Hilfen zur Erziehung“, die mit dem Kinder- und Jugendrecht in den Mittelpunkt gerückt sind, greifen mittlerweile: Beratung der Eltern, Formen betreuten Wohnens, sozialtherapeutische Wohngemeinschaften und individuelle Betreuung auffällig gewordener Jugendlicher sollen deren Selbständigkeit und Eigenverantwortung fördern. Weil dies hinter Gittern nicht möglich ist, sieht die Rechtslage eine geschlossene Unterbringung nur noch vor, wenn eine konkrete Gefahr für den Jugendlichen selbst oder für Dritte zu erwarten ist.
Dies hat dazu geführt, dass vielerorts für strafmündige Kinder ab 14 Jahre keine Alternative zu Untersuchungshaft oder Haft besteht, wenn von Gerichten angeordnete erzieherische Maßnahmen nicht greifen. Gefängnisse für Jugendliche aber sind Ausbildungsstätten für kriminelle Karrieren. Und ohne elterliche Genehmigung können Gerichte Kinder unter vierzehn Jahren nicht in ein Heim einweisen.
Deshalb bedeuten Einweisungen in geschlossene Heime ohne elterliche Einwilligung nicht zwingend eine Entwicklung hin zum Kinderknast.
Als – kurzfristige – Krisenintervention und als Haft-Alternative sind Heime aber  allemal diskussionswürdig, jedoch suggeriert die öffentliche Debatte, geschlossene Heime böten eine Möglichkeit, sich unerwünschter Kids dauerhaft zu entledigen.

Keine Chance für „die da unten“

Auch aber beim harten Kern gewalttätiger Kinder und Jugendlicher dürfen wir keine kleinen Monster vermuten, sondern verletzbare und verletzte junge Menschen, die in der Regel nie eine Chance hatten, eigene Interessen anders als gewalttätig zu artikulieren.

Von den Eltern oft genug bereits schon sehr früh fallengelassen, finden sie nur in Cliquen gleichaltriger Verständnis, Anerkennung und Spaß. Sozialarbeit für Jugendliche kann aber meist nicht ausgleichen, was bereits im Kleinkindalter zerstört wurde.

„Abziehertaten“

Es ist der von Armut, Vernachlässigung und Roheit geprägte Lebensalltag von Millionen von Kindern und Jugendlichen, der das eigentliche Problem hinter der aktuellen Kinder- und Jugenddelinquenz darstellt. Dieser Lebensalltag geht – oft genug – einher mit Arbeitslosigkeit der Eltern, gefolgt vom Auseinanderfallen der Familien nach Scheidung oder Trennung, zwangsläufig beinahe schlagen solche Kinder ihre Zeit mit Computerspielen und Fernsehen tot. Für dann gleich ein nächstes Dilemma sorgen dann die auf jugendlich getrimmten Soap-operas wie etwa „Verbotene Liebe“ oder „Marienhof“ welche die Welt von Mittelschicht-Kids wiederspiegeln, die mit dem Alltag Jugendlicher aus ärmeren Familien wenig gemein hat. Da wird täglich etwas vorgeführt, das  aber gleichzeitig unerreichbar ist – und deshalb labile Jugendliche in die Kriminalität treibt: Was andere haben und ich nicht haben kann, das muß ich mir nehmen, sogenannte „Abziehertaten“ entsprechen eben diesem Muster, wobei die dabei praktizierte Brutalität häufig den eigenen familiären Alltag imitiert.

Ausblicke

Auch zur sozio-kulturellen Sensibilisierung könnten „Fitneßprogramme“ ausgearbeitet werden, „Mastkorb“-Programme etwa, die eine aktuelle Didaktik umzusetzen in der Lage sind, die gruppendynamische Gegebenheiten nutzen und respektieren. Das von uns gewollte Netzwerk könnte sich neben allgemeinen gesellschaftspolitischen Zielen insbesondere der wenngleich mittlerweile ganz ordentlich repräsentierten Gruppe der Älteren, aber wesentlich auch der oft ignorierten „Jungen“ als Zielgruppen annehmen. Hier gilt es einem bereits schwelenden und sich immer stärker abzeichnenden Generationenkonflikt zu begegnen und zuvorzukommen.
Heidelberg hat die „Akademie für Ältere“. Eine gute Sache, die immer mehr auch Bedeutung über die Grenzen der Stadt hinweg gewinnt. Hingegen gestaltet sich diese Einrichtung nicht zuletzt der Umstände wegen als noch zu selbstbezogen. Ihr Programm ist zu sehr auf die Altersgruppe der Alten zugeschnitten, sie darf aber die Zementierung der Aufteilung in der Gesellschaft nicht weiter erhärten. Hier wäre längerfristig die Einbindung in ein ganzheitliches Modell von Gesellschaft wünschenswert. Wie sonst soll künftig das Erfahrungswissen dieser immer bedeutender werdenden Altersgruppe die Jungen erreichen.

Akademie für Jüngere

Wir kennen die Aufrufe: „Jugend ernster nehmen“, „Zuhören, statt vorschreiben“ und dergleichen Wohlgemeintes mehr. Aber welcher von solchen Sprüchen hat den Alltag verändert, ihn auch nur erreicht? Spätestens das als Menetekel an die Wand gemalte Szenario, dass die „Arbeitenden“ irgendwann einmal nicht mehr bereit sein würden, die Renten zu bezahlen, um stattdessen vielleicht in Jugendkolonien dieser Erde auszuwandern, sollte uns rechtzeitig einem ernsthaften Konflikt zwischen Alten und Jungen erkennen lassen. Dann könnten wir gemeinsam statt einem Rückzug zum Privaten zusammengehen mit einer Rast fürs Nachdenken, mit Neubesinnen, Umdenken und mit Engagement.

Deutschland – Entwicklungsland

Im Umgang mit innerfamiliären Problemen ist Deutschland Entwicklungsland geblieben, Kontaktpersonen für Kinder, die unter familiärer Gewalt leiden, fehlen, Verwandte, Nachbarn und Lehrer wollen sich nicht einmischen oder sehen der Einfachheit halber weg. Jugendhilfe schaut sich elterliche Verfehlungen oft nur an, ohne einzugreifen. Politik ignoriert die Implosion der Familie in der Zweidrittelgesellschaft und noch immer beurteilt der Bundesgerichtshof elterliche Aggressionen gegen Kinder als Rechtens und damit als richtig. Obgleich mehr als hinlänglich bekannt ist, dass geschlagene Kinder häufig zu Tätern werden, lehnen CDU/CSU eine rechtliche Absage an elterliche Gewalt gegen Kinder als unzumutbaren Eingriff in die Privatspäre ab. Jedoch wäre gerade jetzt ein Gewaltverbot in der Erziehung ein deutliches, präventiv wirkendes Signal. Die Forderung nach Absenken des Strafmündigkeitsalters auf 12 Jahre, nach geschlossenen Heimen als Allheilmittel und nach genereller Anwendung des Erwachsenenstrafrechts auf Heranwachsende zielen auf eine Rückkehr zur Staatserziehung „problematischer“ Kinder und Jugendlicher in den Heimen und Knästen – womit wir aber wirklich an der Kehrseite jener Medaille angelangt wären, wonach Erziehung ausschließlich Privatsache sein soll. Wir dürfen gespannt sein, wie die Befürworter von Privatspäre diesem Widerspruch standhalten werden.
„Es gibt keine Verbrechen, so groß sie auch sein mögen, die zu begehen ich mich nicht an gewissen Tagen fähig gefühlt hätte““ schrieb Johann Wolfgang von Goethe; und Jürgen Gottschling schreibt das ins Stammbuch all jener, die immer schnell bei der Hand sind, wenn es gilt, den ersten Stein zu werfen. Schließlich und zu guter Letzt, ist Jugendkriminalität nun einmal Spiegel der Erwachsenenwelt. Und insofern von dieser – auch – zu verantworten.

Sep. 2010 | Allgemein, Essay, In vino veritas | 2 Kommentare