Der Philosoph Peter Sloterdijk wirft in der neuen Cicero-Ausgabe den Kritikern des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin Opportunismus vor. Hier vorab einige kritische Passagen:
„Denken wir an den entlarvenden Vorgang, der sich vor wenigen Wochen anlässlich einiger kantiger Formulierungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin entwickelt hat: Weil er so unvorsichtig war, auf die unleugbar vorhandende Integrationsscheu gewisser türkischer und arabischer Milieus in Berlin hinzuweisen, ging die ganze Szene der deutschen Berufsempörer auf die Barrikaden, um ihm zu signalisieren: Solche Deutlichkeiten sind unerwünscht. Man möchte meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen. Sobald einmal ein scharfes Wort aus einem anderen Narrenkäfig laut wird, bricht auf der Stelle eine abgekartete Gruppendynamik los.“
Selbst Bundesbank-Chef Axel Weber habe sich nach Sloterdijks Meinung von der Epidemie des Opportunismus anstecken lassen:
„Auch die Leitung der Deutschen Bundesbank erweist sich gegen die Epidemie des Opportunismus als nicht immun. Deren Chef, statt sich gelassen vor seinen Kollegen zu stellen und zu sagen: Hört zu, Freunde von hier und von anderswo, in einer Welt, wo die freie Rede zu den höchsten Gütern zählt ist, muss man Zuspitzungen aushalten können, wie sie zuweilen aus dem Munde unseres scharfzüngigen Mitarbeiters kommen – statt also irgendetwas Souveränes, Aufheiterndes, gut Ventiliertes zu sagen, spricht sogar Axel Weber, ansonsten wohl ein respektabler Mann, die allgemein erwartete Sklavensprache und deutet an, es wäre für das Ansehen seines Hauses besser, der überdeutliche Mitarbeiter zöge berufliche Konsequenzen.“
Peter Sloterdijk
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Das ganze Sloterdijk-Manifest mit dem Titel „Aufbruch der Leistungsträger – Zeitdiagnostische Bemerkungen“ finden sie in der ab morgen (Samstag, 24. Oktober) erhältlichen November-Ausgabe von Cicero.
25.Okt..2009, 01:31
P. Sloterdijk offenbart sich -in seinen Büchern und vielen Statements – zweifellos als ein herausragender Denker und Philosoph. Dies kann man zunächst einmal in aller Ruhe feststellen. Mir gefällt seine Fähigkeit, die Dinge tiefgründig auf den Punkt zu bringen – mit einer eigenen, sehr neuen und bestechenden Rhetorik.
Weniger gefällt mir, dass er sich in den letzten Jahren immer mehr allein einer gesellschaftlichen Gruppe verschrieben hat, die er für die eigentlichen „Leistungsträger“ hält. Diese Gruppe scheint ihm am Herzen zu liegen (z.B.reich und mächtig gewordene Unternehmer, denen er pauschal einen Antrieb aus Stolz und nicht aus Gier unterstellt, was man durchaus differenzierter sehen könnte).
Die vielen zig-tausend Kassiererinnen oder Friseure oder Müllbeseitiger oder Buchhalterinnen oder Omnibusfahrer oder usw…. verliert er dabei in seinen Statements immer wieder zu sehr aus dem Blick; die Masse ist ihm nicht geheuer, so scheint es. Und er vermag dabei auch nicht so recht zu erkennen, wie sehr unser Wirtschaftssystem gerade auch das kulturelle Verhalten dieser Gruppen von „kleinen“ Leistungsträgern prägt.
Thilo Sarrazin ist für Sloterdijk auch so ein größerer Leistungsträger im Sinne seiner eigenen Definition wie eben bestimmte Unternehmer. Und der, dieser Sarrazin, dürfe ruhig mal das Maul aufmachen, ohne dass dies gleich Konsequenzen im Sinne der „Political Correctness“ haben müsse. Recht so, diese Einsicht kann man teilen.
Sarrazin muss zudem gewiss noch kein schlechter Banker sein, wenn er gestrenge Beobachtungen verkündet, die sich auf die mangelnde Integrationswilligkeit von Migranten/innen in Deutschland beziehen. Ihm deshalb eines seiner Aufgabengebiete in der Bundesbank wegzunehmen, ist pure Show.
Dieses Phänomen der Integrationsunwilligkeit, das es ja wirklich gibt, mal akzentuiert benannt zu haben, ist nicht das Problem…Und die reflexartig reagierenden „Korrektoren“ des öffentlichen Statements sind ja wirklich allmählich ein Graus in unserem Land.
Nein, es ist etwas anderes, was aufregt: es ist die verräterische Sprache, mit der der Politmensch Sarrazin abkanzelt, immer wieder abzukanzeln pflegt. Aber eben halt nicht die großen Leistungsträger!
Ich habe keine Ahnung, ob Sarrazin Kinder hat, aber wahrscheinlich würde er es sich verbitten, dass man ihm unterstellt, er habe sie „produziert“. Entweder hat der Leistungsträger Sarrazin kein Gespür dafür, dass Kinder nicht „produziert“ werden(selbst im Turbokapitalismus nicht und auch von Türken und Türkinnen nicht) oder – aus ihm spricht Verachtung. In beiden Fällen ist dies der eigentliche Skandal: Die Reduzierung des Menschlichen aufs Produzieren als Stigmatisierung einer Gruppe oder gar die dralle Stigmatisierung aus der Pose des puren Verächters heraus – oder halt beides.
Sloterdijk, der erklärte Zyniker, sollte etwas mehr aufpassen, dass er nicht selbst zu sehr (wenn auch als Philosoph subtiler) dieser Pose des Verächters von „Massen“ verfällt.
Beste Grüße aus z.Zt. China, dem „massereichen“
Fritz Feder