Wo bitte gehts zur Krise – oder:
da aber doch wir lächeln,
müsst Ihr Euch doch keine Sorgen machen …

Seine vier Wände verlassen und ein mulmiges Gefühl kriegen, das ist heutzutage schon beinahe nicht möglich. Vergessen scheinen da draußen plötzlich Sorgen wie die Finanzkrise, oder der Klimawandel, oder staatlich legitimierte Abhördienste, die der Welt in letzter Zeit noch große Kopfschmerzen bereiteten: Mit ihrem besten Lächeln bringen sich fein säuberlich hintereinander aufgereihte Politiker für Passanten und Autofahrer in Pose. Sie bewerben sich um den Einzug in den Bundestag oder sogar für das Amt des Bundeskanzlers. Doch was stimmt die an Bäumen und Laternen Befestigten so fröhlich? Verspricht ihr zukünftiger Job unseren Volksvertretern so großen Spaß? Auf Lösung drängende Riesenprobleme wie die ausufernde Staatsverschuldung, das Auseinanderdriften von Arm und Reich, die Defizite im Bildungswesen – nicht zu vergessen der Blockbuster Klimawandel: Schon jetzt ist klar, dass die nächste Wahlperiode viele Unannehmlichkeiten mit sich bringen wird. Doch allen Problemen und konkurrierenden Lösungsvorschlägen zum Trotz scheinen sich die Parteien schon jetzt in einem Punkt einig zu sein: Es ist wieder Zeit zum Lachen! Ob links oder rechts, außen oder mittig – durch die Bank wird gelächelt, was das Zeug hält. Handelt es sich hier um einen Parteien übergreifenden Zynismus oder aber vielleicht um den Versuch des Wiederauflebenlassens des Geistes der Fußball-Weltmeisterschaft von 2006, bei der wir sogar bei Niederlagen einfach schön gelächelt haben? Bei den aktuellen Leistungen unserer Nationalmannschaft dürfte das selbst Politikern zu kühn sein. Aber wo man sich dieser Tage auch aufhält – ob in Dresden, im Schwarzwald, in Herne-Holsterhausen, Heidelberg, Wiesloch oder Berlin: Überall wird man mit dem demonstrativen Vergnügen der Protagonisten auf den Wahlplakaten konfrontiert. Gerade für uns Kurpfälzer, die wir den Sonnenschein bekanntermaßen im Herzen, keinesfalls aber im Antlitz oder auf der Zunge tragen, ist das wahrlich besonders schwer zu ertragen.

Es muss vermutet werden dürfen, dass unsere Politiker der irrwitzigen Auffassung erlegen sind, dass auf Fotos schlichtweg (vielleicht aus Gründen der Höflichkeit oder des guten Tons) gelacht werden müsse und es sich bei dem Lächeln um eine Art Berufsmimik von Politikern – ein „Corporate Smiling“ – handele.

Es ist doch nur schwer vorstellbar, dass die hohe Verschuldung von Staat und Kommunen oder die aktuellen Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt auf natürliche Weise einen solch freudigen Ausdruck auf die Lippen unserer Volksvertreter zu zaubern vermögen. Nein, wenn man etwas genauer hinschaut, glaubt man sogar, etwas Gequältes im vordergründigen Grinsen zu entdecken. Schnell zerstört die gute Miene zur falschen Zeit die Authentizität, die sich Politiker durch die Verbreitung ihres Konterfeis versprechen. Übrig bleibt die reine Pos(s)e.

Es mag natürlich sein, dass die visuelle Darstellung ihrer Kandidaten nur ein Häkchen von vielen auf der Checkliste der Parteien im Wahlkampf ist und die lachende Grundhaltung des Politikers nicht hinreichend infrage gestellt wird. Sie hat sich quasi mit den Jahren eingeschlichen. Dabei gab es in der Historie der Bundesrepublik genügend Politiker, die sich mit einem ernsten oder zumindest nachdenklichen Konterfei der Öffentlichkeit präsentierten – sei es Walther Scheel, Helmut Schmidt oder Helmut Kohl. Auch wenn die Probleme der BRD in jenen Regierungstagen andere waren als die heutigen – angesichts der akuten Wirtschaftskrise, sowie der finanziellen wie ökologischen Probleme, die wir unseren nächsten Generationen gerade zurechtlegen, wäre Ernsthaftigkeit der Geste des Grinsens zweifelsohne vorzuziehen.

Man kann sich leicht ausmalen, welche Assoziationen der freudig lächelnde Politiker auf dem Plakat bei so manchem Normalbürger wecken könnte: etwa, dass jener sich auf die Zeit als Bundestagsabgeordneter freue, weil er dann – im Gegensatz zu diesem – einen sicheren Job habe. Oder, dass er aus Unsicherheit grinse, weil er nicht wisse, wie er die anstehenden Lösungen bewältigen solle, aber schließlich müsse irgendeiner den Job ja machen. Oder vielleicht, wie einfach Politik doch sein kann, wenn man sich nicht allzu ernste Gedanken über eine Zukunft macht, die über die Legislaturperiode hinausgeht.

Wie würde umgekehrt wohl ein Politiker reagieren, der sich mit ständig grinsenden Bürgern konfrontiert sähe? Wahrscheinlich würde auch ihn schnell das Gefühl beschleichen, dass irgendetwas nicht stimme.

Nun ist das Kind schon in den Brunnen gefallen: Die Politiker hängen fest und entschlossen an Ampeln, Straßenlaternen, Bäumen, Verteilerkästen, Plakatwänden, und Litfaßsäulen. Um sich nicht weiter von der Lächelinitiative irritieren zu lassen, könnte man jetzt den Entschluss fassen, die ganze Wahlwerbung einfach zu ignorieren. Nur wird dies wahrscheinlich an der Umsetzung scheitern, denn die Verbreitung und Auflage der Wahlplakate gleicht einem visuellen Großangriff. Man kann den Blick nicht schweifen lassen, ohne auf einen der Strahlefrauen und -männer zu treffen. So muss man sich zwangsläufig mit dieser scheinbar banalen Äußerlichkeit auseinandersetzen und versuchen innere Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

Den Politikern möchte man raten, sich für schwierige Zeiten auch gefälligst eine adäquate Pose anzueignen, die sie sich zumindest für die Zeit der Fotoaufnahmen oder öffentlichen Auftritte zulegen. Denn ein aufgesetztes Pauschal-Lächeln schafft Distanz und zerstört die Nähe zum Volk, um die sich unsere Volksvertreter so gerne bemühen. Dieser Effekt verstärkt sich umso mehr, wenn sich unsere Politiker dank moderner Bildbearbeitung künstlich aufhübschen lassen und eine Ästhetik der Perfektion erreichen möchten. In der Werbung sehen wir genug Menschen, die uns auf diese Weise Tiefkühlgerichte, Versicherungen oder Entkalker verkaufen wollen. Politische wie gesellschaftliche Probleme können jedoch nicht so einfach weggegrinst werden wie Kalkrückstände. Ein ernsterer Blick auf die Dinge würde der Politik nicht nur mehr Authentizität verleihen, sondern ihr auch eine Möglichkeit zur visuellen Differenzierung bieten – einen politisch korrekten Gesichtsausdruck sozusagen.

Bisher scheint es jedenfalls so, als sei Horst Schlämmer der einzige, der sich das Lachen auf den Wahlplakaten verkneift. – Einer wenigstens, der es ernst meint!

Sep. 2009 | Allgemein, In vino veritas, InfoTicker aktuell, Politik, Zeitgeschehen | 1 Kommentar