Die Fahrkarte habe ich aufgehoben. Das kleine ockerfarbene Pappstück, 3 x 5,5 cm, liegt in meiner Devotionalienschachtel: einfache Fahrt 2. Klasse von Frankfurt (Main) Hbf nach Amsterdam, ausgestellt auf den 7. August 1974, Preis DM 56,60. Der Zug trug den herrlichen Fernwehnamen »Wien-Holland-Expreß«. In Wiesbaden wurde die Lok ans andere Ende gespannt, dann ging es gemütlich den Rhein entlang.
Zwei Monate vorher hatte ich Abitur gemacht. Weil ich in Griechisch ohnehin verloren war, hatte ich mich mit zwei Klassenkameraden zusammengetan, um es wenigstens in Mathematik noch auf die rettende Vier zu schaffen. Nachmittags trafen wir uns, um sogenannte Kurven zu diskutieren. Wer sich als erster erbarmte, ging zum Plattenspieler und legte die einzige Platte auf, die wir in diesen Wochen hören mochten: Dylans »Highway 61 Revisited«. Spätestens beim fünften Lied der A-Seite war es mit dem Lernen vorbei. »Because something is happening here, but you don’t know what it is«, krächzte Dylan, und grölend stimmten wir jedes Mal ein in den Refrain: »Do you, Mister Jones?«
Dann holten wir uns was zum Durchziehen, und während die Scheibe zum dritten oder vierten Mal abgenudelt wurde, verflüchtigten sich unsere Kurven in süße Rauchringe. Der von Dylan verspottete Mister Jones – so viel stand fest – war ein Idiot, ein intellektueller Streber, einer, der kluge Bücher las und glaubte, überall mitrede zu können. Bis er eines Tages in eine merkwürdige Gesellschaft geriet, in der ihm die abstrusesten Dinge widerfuhren und er jede Orientierung verlor: »Give me some milk or else go home.« – »Ballad of a Thin Man« zählt zu den großartigsten Dylan-Songs überhaupt und ist ziemlich deftig; geschildert wird eine Art früher Swingerparty in der Schwulen- und Transvestitenszene von Greenwich Village. Die sexuellen Anspielungen des Textes blieben mir zwar verborgen. Aber selbst wenn ich die Obszönitäten verstanden hätte – »Here is your throat back, thanks for the loan« –, wäre ich mit Mister Jones kaum nachsichtiger gewesen; er war und blieb ein Spießer.
Was ein Spießer ist, weiß ein heller Junge in diesem Alter sehr genau. Spießer waren zum Beispiel die Klassenkameraden, die nach dem Abitur eines dieser öden Studienfächer belegten, die schon ihren Vätern zur Karriere verholfen hatten. Auf die Idee, bei einer Literaturzeitschrift in Amsterdam, die keiner kannte, eine Lehre zu absolvieren, wären sie nicht einmal gekommen, wenn man ihnen die Lehre bezahlt hätte. Spießig war die Deutschlehrerin, die ich davon hatte überzeugen wollen, daß Stefan George nun wirklich bedeutender war als Rilke. Als sie mir am letzten Schultag die Hefte des »Castrum Peregrini « zurückgab, die ich ihr zur Nachhilfe ausgeliehen hatte, lag eine Ansichtskarte bei: »Gott segne Sie und Ihren Idealismus!« Pikanterweise zeigte die umseitige Abbildung einen nackten griechischen Jüngling. Dabei war die Deutschlehrerin gar nicht so übel, und ich hatte ihr zum Lohn die schönsten Hölderlin-Aufsätze geschrieben, die sie wohl je zu lesen bekam.
Am spießigsten war natürlich meine Mutter. Sie platzte vor Neugier, traute sich aber nicht, den einzig relevanten, für sie als Mutter aber unaussprechlich heiklen Punkt, was sich denn da nun zwischen den Männern in diesem Amsterdamer Kreis abspiele, mir gegenüber zur Sprache zu bringen. Nur in
Gegenwart meines Vaters wagte sie sich bisweilen ein Stück vor; dann sprach sie etwa so, wie der Biologielehrer im Aufklärungsunterricht von den Bienen gesprochen hatte, bis mein Vater, dem das Ganze wohl ziemlich klar, aber sichtlich unangenehm war, ihr den Mund verbot. Heute glaube ich, daß der Grund ihres in Andeutungen sich erschöpfenden Schweigens nicht mangelnde Aufrichtigkeit oder fehlender Mut war, sondern die Sorge, mich, ihren einzigen Sohn, zu verlieren. Am Ende war sie aber vor allem stolz, daß dank der gewaltigen Dimension des Großen Geistigen, das sich ihrem Sohn durch Aufnahme in den George-Kreis eröffnete, sogar für ihre eigene Bildungsgeschichte noch etwas abfiel.
»How does it feel to be such a freak«, sang Dylan unterdessen zum hundertsten Mal, »and you say ›impossible‹, as he hands you a bone.« Ich hielt den »Knochen« für eine Dylansche Metapher und rätselte stets aufs neue, um welchen besonderen Knochen es sich wohl handelte.
Wie das alles anfing
Im Oktober 1970 war ich auf der Frankfurter Buchmesse von Wolfgang Frommel, dem Gründer und nimmermüden Spiritus rector der George-Zeitschrift »Castrum Peregrini«, angesprochen worden. Ich war fünfzehn und besserte mein Taschengeld auf, indem ich am Nachmittag den »Rheinischen Merkur« verkaufte. Aufmacher der Messe-Woche war ein Artikel über Richard Nixon; an das dazugehörige Porträtfoto erinnere ich mich gut, weil es mir hämische Bemerkungen der in Scharen vorbeiziehenden Achtundsechziger in ihren für den Bücherklau präparierten viel zu großen Parkas eintrug. Einmal blieb ein älterer Herr mit langem weißem Haar stehen. »Was für eine interessante Zeitung Sie da haben«, meinte er. Was ich denn so machte, wenn ich keine Zeitungen verkaufte. »Ach, Sie gehen auf das Gymnasium, wie interessant.« Alle Antworten, die ich dem Herrn auf seine neugierigen Fragen gab, quittierte er so – »ach, wie interessant«. Daß es ein humanistisches Gymnasium war, daß ich gern malte, daß ich katholisch war – alles fand er furchtbar interessant.
Am nächsten Tag kam er wieder, um eine Zeitung kaufen. Als ich ihn darauf hinwies, daß es sich beim »Rheinischen Merkur« um ein Wochenblatt handele, meinte er etwas verlegen, er habe gar keine Zeit gehabt, die Zeitung zu lesen, er kaufe mir aber gern ein zweites Exemplar ab. Ein weiterer Herr, der deutlich jünger war, vielleicht Anfang vierzig, und den ich beim ersten Mal nicht bemerkt hatte, stand diesmal etwas näher. »Das ist der Verleger unserer Zeitschrift«, sagte der Weißhaarige, »kommen Sie doch einmal an
unserem Messestand vorbei.« Später legte der Jüngere stets großen Wert darauf, daß er es war, der mich als erster gesehen oder – wie es in der Sprache der Georgeaner hieß – mich »entdeckt« hatte. So werden Stammbäume des Geistigen begründet.
Ich besuchte die Herren in ihrer Koje, und eh ich mich versah, hatte ich für die zwei Wochen später beginnenden Herbstferien eine Einladung nach Amsterdam. Die Stadt galt als Hippiezentrum und war besonders bei der Afghanistan-Fraktion angesagt; einen bestickten Hirtenmantel besaß ich
schon, und die Chance, da mal vorbeizuschauen, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Meine Mutter hatte schlaflose Nächte. Nachdem ein halbes Dutzend Professoren und sonstiger Honoratioren ihr telefonisch versichert hatte, es könne im Leben eines Fünfzehnjährigen gar nichts Großartigeres geben, als von Wolfgang Frommel eingeladen zu werden, schämte sie sich wohl ein wenig, überhaupt auf abwegige Gedanken gekommen zu sein, und gab ihre Zustimmung unter der Bedingung, daß ein Freund mitfuhr.
Herengracht 401 ist ein schmaler fünfstöckiger Wohnturm aus dem 17. Jahrhundert, gelegen an einer der schönsten Ecken Amsterdams, da, wo die Leidsegracht in die Herengracht mündet. Gleich nach unserer Ankunft führte uns Herr Frommel durchs Haus. Im Hochparterre hatte Gisèle van Waterschoot van der Gracht ihr Atelier; das war die Malerin, die Frommel während des Krieges im dritten Stock Unterkunft gewährt und das Haus später Etage für Etage erworben hatte. Im ersten Stock arbeitete, in zwei winzigen Zimmern, die Redaktion. Außerdem wohnte hier die Tochter eines Freundes, die seit kurzem in Amsterdam Romanistik studierte und abends praktischerweise für die Gemeinschaft kochte. Die Küche lag im zweiten Stock; hier stand ein langer gezimmerter Tisch, an dem allabendlich zwei oder drei Gäste Platz nahmen.
Das Gästezimmer befand sich direkt neben der Küche, was die Kommunikation auf dieser Etage zusätzlich förderte. Die Herzkammer des Ganzen bildete der dritte dritte Stock: eine deutsche Gelehrtenstube wie aus dem 19. Jahrhundert, auf den überbordenden Bücherregalen vertrocknete Efeukränze, auf dem Kaminsims Goethes Werke in der Ausgabe letzter Hand, hoch darüber eine durch starke Vergrößerung etwas unscharf gewordene, unveröffentlichte Fotografie Stefan Georges aus seinen letzten Tagen. Hier lebte Frommel; sein Adlatus Manuel Goldschmidt, der als Verleger und Herausgeber der Zeitschrift fungierte, bewohnte ein winziges Zimmer nebenan.
Während der deutschen Besatzung hatte Frommel auf dieser Etage zwei jüdische Jungen versteckt; das umgebaute Klavier, in dessen Hohlraum bei Gefahr einer der beiden verschwand, stand noch da. Frommel kam ins Erzählen. Was es bedeute, auf so engem Raum so lang zusammenzuleben, und wie sie sich zu helfen gewußt hätten, indem sie sich gemeinsam in die hohe Dichtung vertieften. Lesen, Abschreiben, Interpretieren, ganze Zyklen auswendig Hersagen. Das Exerzitium Georges habe sie gewissermaßen unsichtbar gemacht und vor Entdeckung bewahrt. Frommel schilderte so dicht, daß ich anfing, diejenigen, die den Krieg auf dieser Etage überlebt hatten, zu beneiden. Wie gern hätte ich an den gemeinsamen Lesungen teilgenommen, wenn Freunde aus dem ganzen Land dazustießen, Helfer und Mitwisser, wie gern wäre ich dabeigewesen bei den nächtlichen Diktaten, wenn Frommel in die Welt der Templer und Rosenkreuzer eintauchte, während ein paar Häuser weiter die Grüne Polizei Türen einschlug auf der Jagd nach Juden. Der Schutzraum, den sich die kleine Schar hier auf der dritten Etage geschaffen hatte, schien nichts von seiner magischen Wirkung eingebüßt zu haben. Irgendwann waren die Uhren auf der Herengracht einfach stehengeblieben.
Der vierte Stock war das herrschaftliche Pendant zur Boheme-Atmosphäre des dritten. Hier hatte sich Gisèle zusammen mit ihrem Mann – von 1959 bis zu seinem Tod 1967 war sie mit dem Bürgermeister von Amsterdam verheiratet, der ihretwegen Amt und Familie aufgegeben hatte, was den in der Stadt kursierenden Gerüchten über die Unsittlichkeit des Hauses zusätzlichen Auftrieb verlieh – einen eleganten Salon eingerichtet. Vorbei an einem kleinen Garten mit Wasserspiel gelangte man schließlich ins ausgebaute Dachgeschoß, Gisèles imaginäres Museum, in dem sie alles, was sie verzückte, zusammentrug.
Nie wieder habe ich ein Haus gesehen, das so stark den Geist seiner Bewohner atmete und zugleich wie ein bis ins Detail geplantes Gesamtkunstwerk wirkte. Alles, was auf diesen fünf Etagen an merkwürdigen Gegenständen zu bewundern war, alles, was an den Wänden hing, hatte eine eigene Geschichte und eine besondere Bedeutung. Wie wenig man auf Repräsentation im bürgerlichen Sinn bedacht war, sah man in der Küche: Das Porträt, das Max Beckmann während des Krieges von Gisèle gezeichnet hatte, hing direkt neben dem alten, laut surrenden Kühlschrank.
Am zweiten Tag wurden wir nach einer ausgiebigen Stadtführung von Frommel in Klausur geschickt. In einem neben dem Salon gelegenen Bücherkabinett saßen mein Freund und ich uns an einem Schreibtisch gegenüber und mußten dichten. Abends nach Tisch sollten die Ergebnisse vorgelesen und besprochen werden. Unter großer Anstrengung preßte ich mir ein paar neosurreale freie Rhythmen ab, die ihre Herkunft von Biermann und Enzensberger nicht verleugnen konnten. Meine jüngste Entdeckung waren die Gedichte des Düsseldorfer Verlagslektors Karl Emerich Krämer, der sich unter dem Pseudonym George Forestier eine abenteuerliche Vita zusammengezimmert hatte und sich als deutscher Rimbaud feiern ließ. »Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße« hieß der kitschige Band, der zu den erfolgreichsten Lyrikpublikationen der Nachkriegszeit zählte. Ich gebe zu, daß mir die Gedichte von George Forestier noch eine Zeitlang deutlich besser gefielen als die von Stefan George, mit deren Lektüre wir in diesen Tagen begannen und von denen ich erst einmal keine Zeile verstand.
Kaum war ich wieder zu Hause, erhielt ich einen Brief Frommels, in dem er mir darlegte, wie wichtig dieser Besuch für mich gewesen sei und daß ich mich jetzt bemühen müsse, das begonnene Gespräch fortzusetzen. Bei nächster Gelegenheit suchte er meine Eltern auf, und in den Sommerferien durfte ich wieder nach Amsterdam. So ging es dann weiter: Besuche auf der Herengracht, gemeinsame Ferien im Süden, Wallfahrten nach Minusio ans Grab Georges, lange Briefe, Interpretationen. Ich lernte den Freundeskreis kennen, den Frommel seit den zwanziger Jahren aufgebaut hatte, und begriff ziemlich schnell, was das Ganze zusammenhielt und wie es funktionierte.
Später bereitete es mir ein geradezu sadistisches Vergnügen, wenn Männer in Amt und Würden, Männer, die Erfolg oder große Familien oder beides zugleich hatten, am Küchentisch der Herengracht ganz kleinlaut wurden, weil sie Frommel Rechenschaft ablegen sollten über das, was sie seit ihrem letzten Besuch gearbeitet, gemalt, gedichtet hatten. Die dabei stets drohende Frage, wann endlich ihre pädagogischen Bemühungen fruchteten und sie einen Knaben präsentierten, der in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden verdiene, war für viele die peinlichste von allen. Nur die Eloquentesten kamen ohne größere Blessuren davon.
1923 hatte der junge Frommel in Heidelberg Percy Gothein kennengelernt, der seinerseits 1910 als Vierzehnjähriger zu Stefan George gekommen war. Gern hätte Gothein seinen neuen Freund dem Meister vorgestellt. Folgte man Frommels Darstellung, fand die Begegnung im Juni 1923 in der Wohnung von Ernst Kantorowicz hinter dem Heidelberger Schloß statt; George habe an diesem Tag wiederholt die Hoffnung zum Ausdruck gebracht, daß er, Frommel, sich als treuer Jünger bewähren möge. Mit Frommels Text, während des Krieges geschrieben und unter dem Titel »Der Dichter. Ein Bericht« im Herbst 1950 als Privatdruck unter den Freunden verteilt, sollte das »Castrum Peregrini« direkt auf George zurückgeführt werden. Ein halbes Jahr später erschien das erste Heft der Zeitschrift, das, wie alle ersten Hefte der folgenden Jahre, mit Auszügen aus den George-Erinnerungen von Percy Gothein eröffnet wurde.
Frommels Wunsch, vor dem Meister zu bestehen, verdankt sich das eindrucksvollste und längste Kapitel der Georgeschen Wirkungsgeschichte. Ohne ihn und die von ihm gegründete Zeitschrift hätte die eigentümliche Welt Stefan Georges, die Welt des »geheimen Deutschland«, den Bruch des Jahres 1945 wohl kaum überlebt. Daß Frommel die Begegnung höchstwahrscheinlich erfunden und den Meister weder im Juni 1923 noch zu einem späteren Zeitpunkt getroffen hat, macht das Unternehmen »Castrum Peregrini« noch um einiges staunenswerter. Immerhin vermochte es die Zeitschrift in ihren besten Heften, dem Leser die Illusion zu vermitteln, selbst Mitglied jener verschworenen kleinen Gemeinschaft zu sein, die einst dem Meister zu Füßen saß und später mit seiner Hilfe den Krieg überlebte.
Dieser ästhetische Fundamentalismus, der sich seine eigene Wirklichkeit schuf, gefiel mir, und so nahm ich Frommels Angebot an, nach dem Abitur nach Amsterdam zu kommen und im »Castrum Peregrini« zu helfen. Ich glaubte an das revolutionäre Potential von Dichtung und war überzeugt, daß die Rettung der Welt im Zweifelsfall von Eliten wie diesen ausging. Zwischen den Fotos in Frommels Brieftasche steckte nicht zufällig das Paßbild Claus von Stauffenbergs.
II
Der Wien-Holland-Expreß brauchte gut sechs Stunden bis Amsterdam. Weil der Griechischlehrer ein Einsehen gehabt und mir rechtzeitig den Hinweis auf zwei Platon-Dialoge gegeben hatte, die ich mir einmal genauer anschauen sollte – ich lernte »Apologie« und »Kriton« daraufhin auswendig, sicherheitshalber in beiden Sprachen –, war ich schließlich doch noch durchs Abitur gekommen. Außerdem war es mir gelungen, das Kreiswehrersatzamt auszutricksen, das seit meinem 18. Geburtstag hinter mir her war. Nicht zur Bundeswehr zu müssen, war ein schöner Nebeneffekt der Hollandfahrt. Frommel holte mich zur Feier des Tages am Bahnhof ab, von jetzt an hatte ich ein neues Zuhause. Zehn Jahre sollten es werden.
Mein Tagesablauf ergab sich rasch und blieb bis zum Ende weitgehend der gleiche. Um zehn Uhr wurde gefrühstückt, danach las ich mit Frommel, erst das Werk Georges, dann Dante, dann Shakespeare, Tag für Tag, Stunde für Stunde, dazwischen ein bißchen Hölderlin, dann wieder George von vorn. Wenn wir gegen Mittag noch immer nicht fertig waren, kam Goldschmidt; in den ersten Monaten nachsichtig, später auch dringlich erinnerte er an die Verlagsarbeit. Bestellungen bearbeiten, die Abonnentenkartei à jour halten, Korrespondenz führen, die Buchhaltung erledigen, die George-Bibliothek katalogisieren: Ich war mir für nichts zu schade. Ich übte mich im Korrekturlesen, fing an, in fremden Texten mehr oder weniger sinnvoll herumzuredigieren, und schrieb erste kleine Rezensionen. Um sechs fuhr ich mit dem Rad zur Post. Um diese Zeit trafen meist die Gäste ein, denen Frommel zum Aperitif Hering mit Genever anbot. Nach dem Essen wurde eine halbe Stunde vorgelesen: aus den Lebensbeschreibungen des Plutarch, aus Herodot und Thukydides, aus Montaignes Essays oder Goethes Gesprächen. An besonderen Tagen las Frommel in großer Runde Stücke vor, Molière und Calderon, Hofmannsthal und Strindberg.
Viele wollten immer wieder »Frühlings Erwachen« oder »Die kahle Sängerin« hören, jährlicher Höhepunkt war die weihnachtliche Lesung der beiden Teile des »Faust«.
Um Frommel drehte sich alles. Saß er nicht gerade an der Fertigstellung des neuesten Hefts, schrieb er lange Briefe in alle Welt. Zwei- bis dreimal im Jahr reiste er mit zwei legendären Adreßbüchern im Gepäck – das eine nach Personen, das andere nach Städten geordnet – für einige Wochen durch Deutschland, immer neue Fäden des Geistigen knüpfend, immer auf der Suche nach aufgeweckten jungen Leuten, die sich für das »Castrum« begeistern ließen.
Viele lud er ein. Ich betrachtete die Neuen grundsätzlich mit Skepsis, schließlich wollte ich mein Privileg als Jüngster möglichst lang behalten. Die meisten, die gefährlich hätten werden können, kamen zum Glück nur ein- oder zweimal, die anderen waren harmlos. Wie oft einer kam, hing davon ab, ob er in den zentralen Fragen bereits festgelegt oder, wie es in der Sprache der Georgeaner hieß, ob er noch »blühwillig« war.
Frommel war, was man einen Menschenfischer nennt. Überall da draußen gebe es Menschen, die ein widerständiges, dem Zeitgeist trotzendes Leben führten, so seine Überzeugung, Menschen, die zu finden sich lohne. Dafür hatte er ein eigenes Koordinatensystem entwickelt, in dem alles mit allem verwoben war und jedes noch so unbedeutende Einzelschicksal genauer betrachtet zu werden verdiente, wenn es nur vom großen Lebensatem durchdrungen war. Eine lange Prozession höchst unzeitgemäßer Figuren hielt auf diese Weise Einzug ins »Castrum«.
Zu meinen ersten Aufgaben gehörte die Überprüfung der Zitate in den Aristophanes-Aufsätzen der Altphilologin Renata von Scheliha (bei meinen Griechisch-Kenntnissen!). Es handelte sich um eher mittelmäßige Vorträge, und Aristophanes stand auch nicht im Fokus castralen Interesses. Renata sei
eine außergewöhnliche Frau gewesen, belehrte mich Frommel. Im Berlin der dreißiger Jahre habe sie eine Telefonzelle in ihre Wohnung stellen lassen, um sich vom Nazi-Lärm ungestört in die Texte der Alten versenken zu können.
Als sie es nicht mehr aushielt, emigrierte sie und kehrte nach dem Krieg aus
Protest nicht wieder zurück. Es waren solche menschlichen Haltungen, die Frommel faszinierten und die er in seiner Zeitschrift ein ums andere Mal z u dokumentieren suchte.
In meinen ersten Amsterdamer Sommer fiel die Vorbereitung der Edition »Stefan George. Dokumente seiner Wirkung«. Claus Victor Bock, einer der beiden Jungen, die auf der dritten Etage überlebt hatten, war inzwischen Professor für deutsche Literatur an der Universität London. Aus dem dortigen Gundolf-Nachlaß hatte er hundert Kurzbiographien extrahiert, deren gemeinsamer Nenner die Verehrung für Stefan George war. George habe, hieß es im Vorwort, »oft nur durch wenige Winke« die Lebenswege vieler junger Menschen bestimmt. Abends nach Tisch las Bock aus den Fahnen vor, und wer so jung und begeistert war wie ich, konnte in der Tat den Eindruck gewinnen, daß Menschen, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts nicht ins Magnetfeld Georges geraten waren, das Wesentliche der Epoche verpaßt hatten.
Als nächstes stand die Kommentierung des Briefwechsels zwischen Karl Wolfskehl und Friedrich Gundolf auf dem Programm. Die aufwendige Edition, die fast zwei komplette Jahrgänge der Zeitschrift füllen sollte, war von einem der Freunde gewissenhaft vorbereitet worden, aber den knapp 1500 Anmerkungen fehlte es offensichtlich an Substanz, auch blieb zu vieles im dunkeln. Hier hatte der Herausgeber das entscheidende Wort falsch entziffert, dort hatte er versäumt, durch ein entsprechendes Zitat in der Anmerkung den Zusammenhang herzustellen. Wochenlang saß ich Frommel an seinem Schreibtisch gegenüber und notierte, was ihm beim Lesen der Briefe einfiel; was er nicht im Kopf hatte, fand er ziemlich schnell beim Blättern in seiner Bibliothek. Creuzer, Daumer, Fallmerayer, Hehn – die Korrespondenzpartner überboten sich darin, abgelegene Schriften vergessener Autoren des 19. Jahrhunderts auszugraben, aber Frommel kannte sie alle, und mit drei, vier Sätzen skizzierte er ihre Bedeutung.
Kaum war der zweite Band des Wolfskehl-Gundolf-Briefwechsels in den Satz gegeben, begann die Vorbereitung einer Ausstellung zum 25jährigen Jubiläum des »Castrum Peregrini«. Den Anfang machte im November 1976 die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, zwölf Städte folgten. An jedem Ort wurden feierliche Reden gehalten, die Lokalpresse druckte brav alles nach, und das nächste »Castrum«-Heft zitierte dann wieder Festredner und Lokalpresse. So spiegelte man sich im Lob seiner selbst.
Heute, in der Rückschau, kommt es mir so vor, als habe sich mit der feierlichen Historisierung durch die Wanderausstellung jene Selbstgerechtigkeit in der Redaktion breitgemacht, die immer auch das Ende intellektueller Neugier bedeutet. Das »Castrum Peregrini« wurde sich selbst zum Mythos.
Glaubte man dem Ausstellungskatalog, hatte die Geschichte 1890 angefangen, mit dem Erscheinen von Georges erstem Gedichtband. Damals sei jene »geistige Bewegung« ins Leben gerufen worden, die auf jeder neuen Stufe »mit dem Elan der Enkelgeneration« habe rechnen können. Daß die deutsche Geistesgeschichte im jeweils letzten Heft des »Castrum Peregrini« gipfeln sollte, ging mir dann doch zu weit. Unser Alltag jedenfalls sah anders aus. Die Redaktion hangelte sich mühsam von Nummer zu Nummer, und wenn nicht irgendwo ein Nachlaß auftauchte oder eine größere Edition ins Haus stand, war oft not an brauchbaren Manuskripten. Dann wurden kuriose Texte über kuriose Themen so lange bearbeitet, bis man die Veröffentlichung einigermaßen verantworten konnte. Nicht anders sind Aufsätze wie die über die Bärinnen von Brauron, Radegunde von Poitiers oder die Rituale der Eingeborenen auf Mentawai zu erklären. Vieles verdankte sich dem Zufall, und wie überall wurde auch im »Castrum« manches nur dem Verfasser zuliebe publiziert. Besonders dankbar, wenn sie gedruckt wurden, waren die Dichter.
Wer die Auswahlkriterien verstehen und wissen wollte, was das altenglische Merlin-Epos oder die Dichtung der Sufis mit Stefan George zu tun hatte, mußte sich ins Kleingedruckte vertiefen. In den Rubriken »Mitteilungen« und »Nachrichten«, später auch mit den Buchbesprechungen, schickte die Redaktion verschlüsselte Botschaften an ihre Leser, knappe Meldungen über die Situation des Geistigen in der Welt und seine Vernetzung: »Wir erinnern uns, dem Verfasser vor dem Krieg in einer Pension in Florenz das erste Mal begegnet zu sein … Aus Kanada erreichte uns dieser Tage die Nachricht …« Es war offenbar eine durch Emigration und Krieg über aller Herren Länder versprengte Gemeinschaft, die hier miteinander kommunizierte, und auch wer als Abonnent nicht alle Anspielungen verstand, wähnte sich zugehörig, durfte sich als Teil einer großen spirituellen Familie betrachten.
Im Herbst 1981 erschien das 150. Heft. Ich hatte es übernommen, mich aus diesem Anlaß in die Vorgeschichte zu vertiefen, und mir insbesondere die frühen dreißiger Jahre angeschaut, als Frommel im Berliner »Runde«-Verlag eine stattliche Anzahl nachmals zum Teil berühmt gewordener Autoren wie René König, Karl Löwith oder Werner Picht um sich sammelte. Es war in den Publikationen viel vom »Schicksal des deutschen Geistes« die Rede, davon, daß man versuchen müsse, den Nationalsozialismus zu humanisieren, ihm in Form eines »dritten Humanismus« geistiges Profil zu geben. Meiner Meinung nach stimmte da irgend etwas nicht, und so fing ich an, mich mit dem Verrat der Intellektuellen im Unheilsjahr 1933 zu beschäftigen. Die Generation der Überlebenden hatte die vielfachen Überschneidungen zwischen Georges »Neuem Reich« und dem »Dritten Reich« nur verdrängen können. Ich wollte es um so genauer wissen. Abend für Abend mußte mir Frommel Rede und Antwort stehen. Aber er blieb dabei: Die Gesetze des Ästhetischen und des Politischen seien so grundverschieden, daß schon der Vergleich unzulässig sei; wer Geschichte von ihrem Ende her beurteile, dürfe nicht vergessen, daß Zeitgenossenschaft immer auch Hoffnung bedeute.
Je eingehender ich mich mit der Geschichte befaßte, desto fragwürdiger erschien mir die Gegenwart. Es gelang mir einfach nicht mehr, so zu tun, als habe die Welt Stefan Georges das Jahr 1933 unbeschadet überdauert. Der Faden war gerissen. Woher nahmen wir eigentlich das Recht, unseren Elfenbeinturm an der Herengracht als den geometrischen Ort zu bezeichnen, an dem die Maximen für das richtige Leben im falschen formuliert werden durften? Wer waren wir, uns für den Nabel der Welt zu halten? Die Auseinandersetzungen über die künftige Linie der Zeitschrift nahmen an Schärfe zu, und je mehr Frommels Kräfte schwanden, desto häufiger obsiegten die Sachwalter der Orthodoxie. Was mir 1974 wie der Aufbruch in eine andere Welt erschienen war, wirkte zehn Jahre später nur noch anachronistisch. Privates kam hinzu.
Da Privates in der Herengracht nicht geduldet werden konnte, entstanden neue Konflikte. Eines Tages war es dann soweit. Ich holte meine alten Dylan-Platten vom Speicher, die ich seit dem Abitur nicht mehr gehört hatte, erinnerte mich und überlegte genau. Dann mußte ich den Tonarm nur noch in die richtige Rille setzen. »Because something is happening here, but you don’t know what it is, do you, Mister Jones?«
Im April 1984 verließ ich die Herengracht, zweieinhalb Jahre später starb Frommel. Die Zeitschrift »Castrum Peregrini« hatte von da an ein doppeltes Erbe zu verwalten und schaffte fast noch einmal so viele Hefte wie seit ihrer Gründung 1951. Zuletzt übernahm eine Gruppe junger Holländer das Ruder, die sich von einer Marketingagentur einen zeitgemäßen Auftritt verpassen ließ, unter dem Stichwort Freundschaft und Kultur neue Akzente setzte und die deutschen Wurzeln nach und nach kappte. Indem sie sich von ihren Ursprüngen lossagte,verlor die Zeitschrift das Wichtigste überhaupt, ihre Authentizität. Zum Jahresende 2007 stellte sie mit Nummer 280 ihr Erscheinen ein.