Auch diesen „Dämonen“ ist – wieder einmal mehr – anzumerken, dass Ute Richter bereits in der Vorbereitung nicht nur ihre eigene Version der aus dem Text sich für sie ergebende Vision im Kopf hatte, sondern diese gut vorbereitet – im auch von ihr minimalistisch gestalteten Bühnenbild – visualisierte.
Ihr ergebnisorientiertes Regiekonzept geht in dieser Produktion auf, sie führt die Protagonisten so an die von ihnen zu gebende Persönlichkeit heran, dass ihr Verhalten sowohl der inneren Logik der Rolle als auch dem Stück gerecht wird. Schuld und Sühne auf der Bühne, Richard Everett bringt dieses große Thema facettenreich nicht ins Spiel als eine euphemistische Umschreibung des brutalen Tatbestandes der Vergeltung, die von Rache nicht zu unterscheiden wäre, nicht als bloßes Erleiden eines auferlegten Übels, nicht als die bloße Kehrseite einer vergeltenden Strafe, sondern als Sühne, deren tiefer Sinn Versöhnung bezweckt.
So durfte der Zuschauer die Geschehnisse auf der Bühne als Katharsis empfinden, als heilsames Abreagieren von Regungen, die im „wirklichen“ Leben verdrängt sind, weil man ihnen im geordneten Leben nicht nachgeben darf. Soll aber – und sie tat es – ergebnisorientierte Regie gelingen, müssen die Schauspieler ihrer ersten Zuschauerin, der Regisseurin, glauben und vertrauen.
Die Ensemblemitglieder Michael Althauser, Bernhard Hackmann, Maja Müller, Werner Opitz und Hans Zwimpfer taten dies, sie haben losgelassen, haben sich selbst verlassen, haben aufgehört, ihre eigene Arbeit zu überprüfen und sich zu kontrollieren. So sind sie allesamt „im Moment“, das meint, die Schauspieler sind in jedem Augenblick präsent, alle bewegen sich in der erschaffenen Welt der Figuren, sind eins mit dem Text, hören auf die eigenen Impulse in ihrem Spielen und reagieren darauf: Echt. Und authentisch. Nur mal eben so zum Beispiel geht dem Zuschauer die Unwirtlichkeit eines Knastbesuches unter die Haut, als wäre man selber drin …
Dass die Regie führende Zimmertheaterprinzipalin „ihren“ Schauspielern ein Sicheinfühlen in die fremde Existenz, ins Objekt, in den Gegenstand zu vermitteln in der Lage ist, mag damit zu tun haben, dass sie als studierte Psychologin genau dies gelernt hat, nämlich einiges über die Seele einer Sache, eines Menschen, einer Situation zu ergründen, zu analysieren, jedoch bedarf es natürlich auch der Fähigkeit des Sicheinfühlens, des Besitzergreifens, des Sichselbstverlassens der Protagonisten, eben einer absoluten schauspielerischen Begabung. Dieser Theaterabend zeigt das alles in perfekter Symbiose …
Macht Ihr nun, was Ihr wollt: Geht hin (letztmalige Verlängerung bis 10. Mai, Kartentelefon 21069) – oder habt etwas verpasst!
Jürgen Gottschling