Hier wurde etwas erreicht, was bisher nur zwei weitere Zoos in Europa gewagt haben: Einen nicht von der Mutter aufgezogenen Gorilla sehr früh wieder in seine Geburtsgruppe zurückzuführen, anstatt ihn die ersten Jahre in Menschenobhut aufwachsen zu lassen. Die Mühe und Geduld der letzten 1 ½ Jahre hat sich wirklich gelohnt. Die Re-Integration des Gorillaweibchens „Kiki“ in ihre Geburtsgruppe im Heidelberger Zoo ist erfolgreich abgeschlossen. Das Gorillamädchen ist nun Tag und Nacht mit allen anderen Gruppenmitgliedern zusammen und wird als Familienmitglied voll akzeptiert.
Der gesamte Integrationsprozess wurde wissenschaftlich begleitet. Alle Daten und Verhaltensweisen wurden genau dokumentiert und zusammen mit dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) für Gorillas ausgewertet. Die Europäische Spezialistengruppe für Gorillas, in der auch die Wissenschaftliche Assistentin des Heidelberger Zoos, Sandra Reichler, Mitglied ist, verfolgte und diskutierte die Integration von Kiki mit größtem Interesse. „Dass Kiki so früh wieder in ihre Geburtsgruppe zurückgeführt werden konnte, ist nicht nur wichtig für sie selbst und ihre weitere Entwicklung“ erklärt Sandra Reichler, „die erfolgreiche Integration ist für das gesamte Gorilla EEP ein großer Fortschritt. Der Heidelberger Erfolg wird sicher dazu beitragen, dass die Aufzucht nicht angenommener Jungtiere in Zukunft neue Wege geht und damit optimiert werden kann. Darauf sind wir stolz.“
Viele Zoobesucher können sich erinnern: Kiki wurde im Mai 2007 als erstes Kind von Gorillaweibchen „Doba“ geboren. Leider hatte die junge Mutter nicht genug Milch, so dass Kiki nach einer Woche in den Armen ihrer Mutter fast verhungert wäre. Wochenlange intensivmedizinische Betreuung durch Kinderärzte und die Zootierärztin retteten ihr Leben. Doch wie sollte nun die weitere Aufzucht des erst wenige Wochen alten Gorillakindes aussehen? Vor Jahrzehnten wäre der junge Menschenaffe von den Tierpflegern oder dem Zoodirektor wie ein Menschenkind aufgezogen worden. Heute wissen wir, dass diese Art der Aufzucht in Menschenhand im späteren Leben oft große Probleme mit sich bringt. Ohne Kontakt zu Artgenossen kommt es bei handaufgezogenen Affen häufig zu Schwierigkeiten im Sozialverhalten gegenüber anderen Gruppenmitgliedern, es kann Probleme bei der Fortpflanzung geben und oft ziehen Weibchen ihre eigenen Jungtiere nicht auf. Ein erster Fortschritt bei der Aufzucht junger Menschenaffen stellten sogenannte Jungtieraufzuchtstationen dar wie es beispielsweise eine in der Stuttgarter Wilhelma gibt. Hier wachsen mehrere junge Affen, die nicht von ihren eigenen Müttern groß gezogen werden können, gemeinsam in Spielgruppen auf. Dadurch haben die Jungtiere schon früh Kontakt zu – allerdings nur jungen – Artgenossen. Die endgültige Integration in eine natürlich zusammengesetzte Gorillagruppe erfolgt aber erst mit drei bis vier Jahren. Da aber auch bei Menschenaffen, ähnlich wie beim Menschen, bereits die ersten Lebensjahre prägend für die ganze weitere Entwicklung sind, sollte das Jungtier so früh wie möglich Teil einer sozial funktionierenden Affengruppe werden.

Das Heidelberger Gorillakind Kiki wurde sofort nach ihrer Genesung täglich mehrmals von den Tierpflegern an das Gehege ihrer Familie geführt.
Es gab freundliche Brummlaute und zarte Berührungen von Seiten der erwachsenen Gorillas. Dadurch brach die Bindung der Gruppe zum Jungtier nie ganz ab und auch Kiki blieb der Kontakt zu erwachsenen Gorillas vertraut. Der nächste Schritt war die Gewöhnung des jungen Gorillas an einen Käfig, der im Gorillagehege installiert war. Hier konnte sie jeden Tag in geschütztem Kontakt zur Gruppe sein, sie beobachten und trotzdem von den Tierpflegern ihre Milchfläschchen bekommen. Später wurde der Käfig zur Gruppe hin geöffnet. Tag für Tag ein wenig länger, bis er nun letztendlich immer offen bleibt und Kiki ihren gesamten Tag gemeinsam mit der Gorillagruppe verbringt.
Die Rückführung von Kiki in ihre Geburtsgruppe dauerte viele Monate, bedeutete harte Arbeit und viel Geduld für das gesamte Zooteam. „Es war schwierig, immer genau die Balance zwischen Zuwendung und Zurückhaltung zu finden. Aber Kiki zeigt uns jeden Tag, dass wir den richtigen Weg beschritten haben“, beschreibt Bernd Kowalsky, Reviertierpfleger im Affenhaus, seine Arbeit.