Noch nie haben Deutschlands Theologen Papst Benedikt so geschlossen widersprochen. Die Begnadigung der Lefebvre- Bischöfe ist für sie ein Verrat am Zweiten Vatikanischen Konzil. «Die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X. stellt ein Ärgernis und eine schwere Belastung unserer Arbeit dar», schreiben die Theologieprofessoren von Tübingen. Sie fürchten, dass die Aufhebung der Exkommunikation einen «Wendepunkt in der nachkonziliären Kirchengeschichte» markiert. Mit ihrem Protest sind die liberalen Tübinger Theologen nicht allein. Praktisch alle deutschen theologischen Fakultäten, selbst konservative wie jene von Würzburg oder Bamberg, widersprechen dem Papst.
Bisher hatten sich vor allem Bischöfe zur päpstlichen Aussöhnung mit den Lefebvristen vernehmen lassen und ihre Empörung über den Holocaust-Leugner Richard Williamson ausgedrückt. Die Theologen sprechen eine noch deutlichere Sprache und rücken einen Aspekt in den Vordergrund, der sie direkt betrifft: Dass nämlich Papst Benedikt mit der Begnadigung der Traditionalisten signalisiere, hinter das Zweite Vatikanische Konzil zurückzuwollen, worauf heute die Theologie basiert. Dieses Reformkonzil (1962 bis 65) wollte die Kirche mit der modernen Welt aussöhnen: Mit 200-jähriger Verspätung anerkannte es etwa die Menschenrechte.
Juden sind keine Gottesmörder
Die Theologie-Professoren von Bamberg und Münster sind bestürzt darüber, dass der Papst ausgerechnet Bischöfe rehabilitiert, die die Grundsätze des Konzils und damit zentrale Inhalte der kirchlichen Lehre explizit ablehnen: «Dieser Vorgang beschädigt die Glaubwürdigkeit der Kirche erheblich und desavouiert darüber hinaus unsere Bemühungen, das Konzil in der theologischen Arbeit umzusetzen.»
Die Lefebvristen verwerfen insbesondere die Konzilsaussagen zum gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen, zum Kollegialitätsprinzip von Papst und Bischöfen, zur muttersprachlichen Reform der Liturgie, zur heilsgeschichtlichen Bedeutung des Judentums, zur Religionsfreiheit oder zur Würde des individuellen Gewissens.
Damit werde dem glaubwürdigen «Eintreten für die universale Menschenwürde und freiheitliche gesellschaftliche Rechtsordnungen massiver Schaden zugefügt», monieren die Theologen von Freiburg. Auch die Professoren der katholischen Universität Eichstätt distanzieren sich von den «fundamentalistischen und vorkonziliaren Positionen» der Pius-Brüder. Es sei für sie völlig unannehmbar, Verfassungsrechte wie Religions- und Gewissensfreiheit zu bestreiten, die grundsätzliche Neutralität des Staates anzuzweifeln oder die Juden als Gottesmörder zu bezeichnen.
Ex-Assistent kritisiert Ratzinger
Für die theologische Fakultät Freiburg ist es unverständlich, dass Benedikt die Exkommunikation der schismatischen Bischöfe aufgehoben hat, ohne dass diese die Lehraussagen des Konzils akzeptiert hätten. Damit weiche der Papst von einer 2000-jährigen Praxis ab, beanstandet auch der frühere Assistent von Joseph Ratzinger, der Theologie-Professor Wolfgang Beinert. Bisher hätten Gruppierungen, die im Widerspruch zum Papst standen, immer erst ihren Auffassungen abschwören müssen, bevor sie wieder in die Kirche aufgenommen werden konnten.
Auf weltweiten Druck hin hat Benedikt XVI. dann am vergangenen Mittwoch die Lefebvre-Bischöfe aufgefordert, sich hinter die Beschlüsse des Konzils zu stellen. Doch in den theologischen Fakultäten ist man sich bewusst, dass Papst Benedikt selber schon lange Errungenschaften des Konzils infrage stellt.
So hat er die Liturgiereform des Konzils aufgeweicht, indem er 2007 den alten lateinischen Messritus wieder zuliess. Und mit ihm die lateinische Karfreitagsfürbitte zur Bekehrung der Juden, was der Konzilserklärung «Nostra aetate» und ihrem positiven Zugang zum Judentum widerspricht. Im Jahr 2000 hatte Kardinal Ratzinger in der Erklärung Dominus Jesus den exklusiven Heilsanspruch der katholischen Kirche gegenüber den nicht christlichen Religionen bekräftigt. Wegen dieses Exklusivanspruchs verwerfen die Lefebvristen die vom Konzil gewürdigte Religionsfreiheit.
Die Sorge, dass Benedikt hinter das Konzil zurückwill, bestimmt zahlreiche Petitionen von Reformkatholiken. Die länderübergreifende Petition zur «Uneingeschränkten Anerkennung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils» haben Tausende von Leuten online unterzeichnet. Zugleich treten immer mehr Prominente aus Protest gegen den Papst aus der Kirche aus, so etwa der im niederländischen Nijmegen lehrende Theologie-Professor Jean-Pierre Wils. Gerade hat der katholische Schriftsteller und Enkel von Thomas Mann, Frido Mann, seinen Austritt bekannt gegeben. J. A.