Vor 100 Jahren erschien Herbert Crolys Buch „The Promise of American Life“. Es beeinflusste die Politik dreier amerikanischer Präsidenten: den „New Nationalism“ Theodore Roosevelts ebenso wie den Liberalismus Woodrow Wilsons und Franklin Delano Roosevelts „New Deal“. Croly stellte eine Frage, die jeder amerikanische Präsident zu beantworten hat: Wie kann in Zeiten der Krise ein starker Staat die Freiheit seiner Bürger nicht einschränken, sondern garantieren und, wenn möglich, erweitern? Als er sein erstes Buch veröffentlichte, war der 40jährige Herbert Croly immer noch in Harvard als Student immatrikuliert. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als Herausgeber einer Architekturzeitschrift. „The Promise“ war umständlich geschrieben, schwer zu lesen und verkaufte sich schlecht. Kein Bestseller aber hat die amerikanische Politik und die politische Philosophie der Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert stärker geprägt als dieses Buch. Zwei Jahre nach der Geburt Herbert Crolys veröffentlichte Walt Whitman 1871 seine „Demokratischen Ausblicke“. Unter seinem „moralischen Mikroskop“ erblickte er eine Gesellschaft im Niedergang: „Die Verdorbenheit unserer Wirtschaftselite ist unendlich viel größer als erwartet. Das einzige Ziel besteht darin, mit allen Mitteln Geld zu verdienen. Geldverdienen ist unsere Zauberschlange, die heute als einzige Herrscherin geblieben ist.“ Whitman fürchtete, die amerikanische Demokratie könne sich als „ein völliger Fehlschlag“ erweisen. Diese Furcht teilte Herbert Croly nicht. Aber auch er war sich bewusst, dass die heroische Pionierzeit Amerikas, die von der Unabhängigkeitserklärung (1776) bis zum Ende des Bürgerkriegs (1865) reichte, vorüber war. Die Agrargesellschaft hatte sich zum Industriekapitalismus gewandelt. Die Raffgier der Bosse hatte den Pioniergeist der Siedler, Angst vor einer ungewissen Zukunft hatte den Fortschrittsglauben abgelöst.

Seit der Landung der Pilgerväter an der Küste von Massachusetts hatten die Einwanderer in Amerika ein Land der Verheißung gesehen. Trotz aller christlichen Rhetorik war diese Verheißung vor allem ökonomischer Natur: Der materielle Wohlstand der Amerikaner würde stetig wachsen. Und mit dem ökonomischen Wachstum würden soziale Gleichheit und individuelle Freiheit ebenfalls zunehmen.

Dieser „patriotische Optimismus“, so Croly, hatte sich überlebt. In der modernen Wirtschaft war die Bildung von Monopolen ebenso unvermeidlich wie das Entstehen von Gewerkschaften – zu ihrer Regulation und Disziplinierung aber war der Markt nicht in der Lage. Ein schwacher Staat hatte die Individuen nicht in die Freiheit entlassen, sondern hatte sie stärker als je zuvor der Willkür der Reichen und Mächtigen unterworfen. Moralische Entrüstung war dennoch unangebracht. Es ging nicht um die Verfehlungen einzelner, sondern um einen grundlegenden Fehler des politischen Systems. Hauptursache der amerikanischen Krise war ein Gegensatz von demokratischen Idealen und staatlichen Interessen. Dieser Gegensatz verkörperte sich in zwei Kabinettsmitgliedern der Regierung von George Washington: dem Finanzminister Alexander Hamilton und dem Außenminister und späteren Präsidenten Thomas Jefferson. Für Jefferson bedeutete die Demokratie miteinander gelebten Individualismus. Garantiert wurde er von einem schwachen Staat, der kaum über Möglichkeiten verfügte, in das Leben der Einzelnen regulierend einzugreifen. Aus der ungehinderten Verfolgung der Einzelinteressen würde letztlich die Wohlfahrt des Ganzen hervorgehen. Alexander Hamilton dagegen misstraute dem individuellen Freiheitsdrang. Für ihn lag es im nationalen Interesse, dass der Staat in die Lage versetzt wurde, in Wirtschaft und Gesellschaft zu regulieren, wo es nötig war. Seine Gegner nannten Hamilton einen Aristokraten, weil sich in seinen Augen der Staat im Wesentlichen „auf die wohlhabenden und wohlerzogenen Klassen“ stützen musste. Es passte zu Hamiltons von Staatsvertrauen geprägter politischer Philosophie, dass er die Einrichtung einer Zentralbank forderte und den Präsidenten und die Senatoren auf Lebenszeit gewählt sehen wollte. Auch wenn Croly offen zugab, dass seine Sympathien auf Seiten Hamiltons lagen, suchte er nach einer Synthese. Es galt, die Ziele Jeffersons mit den Mitteln Hamiltons zu erreichen. Die Demokraten mussten ihrem Staat ausreichende Machtbefugnisse zugestehen – und der Staat hatte seinen Bürgern zu vertrauen. Die amerikanische Verheißung individueller Freiheit und materiellen Wohlergehens für alle ließ sich nur durch einen starken Staat verwirklichen. Nicht staatliche Passivität – staatliche Intervention war die Voraussetzung der Freiheit. Demokratie und Planwirtschaft schienen miteinander vereinbar. Die Umrisse des modernen Wohlfahrtsstaates zeichneten sich ab.

Im gleichen Jahr, als „The Promise of American Life“ erschien, veröffentlichte Winston Churchill eine Sammlung seiner Reden mit dem Titel „Liberalism and the Social Problem“. Er kam zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie Croly. Den Kompromiss zwischen Jefferson und Hamilton, zwei „Gründerbrüdern“ der amerikanischen Republik, bezeichnete Croly als „Neuen Nationalismus“. Er wurde dabei ebenso von Theodore Roosevelt beeinflusst wie er umgekehrt auf Roosevelt eine große Wirkung ausübte. Für Croly war „Colonel Roosevelt“ der starke Mann, den das Land in der Krise dringend nötig hatte – bewundernd nannte der schüchterne Croly Roosevelt einen amerikanischen „Thor“, der mit dem Hammer für Ordnung sorgen würde. Roosevelt wiederum, Präsident von 1901 bis 1909, bewunderte „The Promise“ und das Programm eines „Neuen Nationalismus“.

Der „Neue Nationalismus“ bezeichnete ursprünglich ein innenpolitisches Programm wirtschaftlicher Kontrolle und sozialer Lenkung. Aber auch eine neue amerikanische Außenpolitik ließ sich mit diesem Schlagwort umreißen. 1898 war Theodore Roosevelt von seinem Amt als stellvertretender Marineminister im Kabinett McKinley zurückgetreten, um im Spanisch-Amerikanischen Krieg eine Kavallerie-Einheit zu befehligen. Der „splendid little war“ hatte seinen Ursprung im humanitären Engagement der Vereinigten Staaten für Kuba. Er endete mit der Einverleibung der Philippinen durch die USA. Auch Croly war der Überzeugung, dass Demokratie und ein „offenherziger Imperialismus“ miteinander vereinbar waren. Die USA, so schrieb er, sollten sich nicht scheuen, „ein bisschen Ordnung“ in die lateinamerikanischen Verhältnisse zu bringen.

Freunde und Bewunderer nannten Croly den „großen Anreger“. Damit war nicht nur der Verfasser von „The Promise of American Life“ gemeint. 1914 wurde Croly erster Herausgeber der Zeitschrift „The New Republic“, die schnell zum meinungsbildenden Blatt der politischen und literarischen Elite Amerikas wurde. Croly gewann Virginia Woolf, H.G. Wells und Paul Claudel als Autoren, machte Edmund Wilson zum Chefredakteur und veröffentlichte nach Ende des Ersten Weltkriegs John Maynard Keynes‘ prophetischen Essay „Economic Consequences of the Peace“ als Fortsetzungsartikel. Von „Teddy“ Roosevelts zunehmend rabiater Rhetorik abgeschreckt, zeigte Croly in der „New Republic“ eine wachsende Sympathie für Woodrow Wilson, der 1912 die Präsidentenwahl gegen Roosevelt gewann.

Croly unterstützte Wilsons ursprüngliche Neutralitätspolitik ebenso entschieden wie später den amerikanischen Kriegseintritt. Er überwarf sich mit Wilson, weil er, ebenso wie Keynes, den Friedensvertrag von Versailles für eine Katastrophe hielt, die Europa keinen Frieden bringen, sondern unweigerlich zu neuen Kriegen führen würde. Vor 100 Jahren beschäftigte sich Herbert Croly mit Problemen, die heute erneut eine große Herausforderung für die amerikanische Politik darstellen. Der Übermut der Wirtschaftseliten, dessen Zeuge er wurde, verlangte in seinen Augen nach energischen Interventionen des Staates. Dadurch wurden, davon war Croly überzeugt, die Grundlagen des „American Way of Life“ nicht geschwächt, sondern gestärkt. Nur ein starker Staat war Garant einer funktionierenden Demokratie. Wie groß aber die Gefahr ist, dass aus Staatsvertrauen Staatsgläubigkeit werden kann, zeigte sich in den zwanziger Jahren, als Croly dem Faschismus Mussolinis mit Verständnis begegnete.

Hundert Jahre nach seinem Erscheinen zeigt „The Promise of American Life“, dass die amerikanische Verheißung Aufgabe und Ansporn geblieben ist. Es geht darum, Freiheit und Ordnung, Demokratie und Staat, Jefferson und Hamilton miteinander zu versöhnen. In den Augen Crolys gelang dies nur einem Präsidenten: Abraham Lincoln, dem Vorbild Barack Obamas. tno

Jan. 2009 | Allgemein, Politik | 1 Kommentar