Der Mörder ist stets interessanter als der Ermordete. Das gilt zumal für seine Selbstwahrnehmung und die neugierige Öffentlichkeit. Mehr noch aber bleiben die Betroffenen an seine Untat gebunden. Notizen zum Täter-Opfer- Ungleichgewicht am Beispiel der RAF.
Ein Täter kann durchaus auch Opfer sein. Stellen wir uns einen Taschendieb vor, der morgens etwas geklaut hat und abends beim Spaziergang mit seiner Freundin von einem Auto überfahren wird. Es macht keine intellektuellen oder moralischen Schwierigkeiten zuzugeben, dass er in der einen Situation Täter war, in der anderen aber ein Opfer. Heikler wird die Sache, wenn jemand in Situationen, die direkt miteinander verkoppelt sind, als Täter und Opfer zugleich figuriert. Wird etwa unser Taschendieb auf frischer Tat ertappt und vom Beklauten verprügelt – würden wir ihn dann der Prügel wegen als Opfer ansehen? Oder ein Terrorist, der, als Mörder verurteilt, in einen Hochsicherheitstrakt gesperrt, von Kontakten und Geräuschen isoliert und mit Schlafentzug schikaniert wird – dürfen jene Mitglieder der RAF, denen solches Unrecht widerfuhr, einen Opferstatus reklamieren? Das sogenannte gesunde Volksempfinden wird die Frage sicherlich anders beantworten als ein Psychotherapeut.
Sieben Jahre lang haben sich ehemalige deutsche Linksterroristen zu Gruppensitzungen getroffen, die von Psychoanalytikern und Therapeuten moderiert wurden. Die Hardliner waren nicht dabei oder haben sich rasch wieder abgesondert. Jene, die mitmachten, zogen hinterher schriftlich Bilanz: Wie blicken sie heute auf ihre Ziele von einst, die Anschläge, das Miteinander in der RAF und der Bewegung 2. Juni, die Zeit im Gefängnis, die Gespräche in der Gruppe? Unter dem Titel «Nach dem bewaffneten Kampf» sind ihre Texte kürzlich als Buch im Psychosozial-Verlag (216 Seiten.) erschienen. Viel ist darin die Rede von eigenen Traumatisierungen, von Wut, Enttäuschung, Zorn, Trauer und Furcht, vom durch Misstrauen und Rigidität geprägten Klima innerhalb der RAF-Kommandos, von der Unfähigkeit zu Freundschaft und Selbstkritik. Dem Leser begegnet der hybride Begriff «Opfer- Täter», geprägt allerdings nicht von den Ex-Terroristen als Beschreibung ihrer selbst, sondern von einem Therapeuten.
Selbstbezogenheit satt
Larmoyant sind die Rückblicke keineswegs, jedoch von einer unendlichen Selbstbezogenheit. Kontrast bietet ein zweiter Band: Anne Siemens‘ Sammlung von Interviews mit den Hinterbliebenen von Opfern der RAF und mit ehemaligen Geiseln der Palästinensergruppe, die 1977 die Lufthansa-Maschine «Landshut» entführte. («Für die RAF war er das System, für mich der Vater», Piper-Verlag, 287 Seiten.) Liest man beide Bücher gegeneinander, tritt das Ungleichgewicht von Täter-Opfer-Beziehungen hervor. Dass Gewalt die Neugier reizt und der Terrorist das Publikum stets mehr fasziniert als der Terrorisierte – das wussten wir schon. Kunst, Literatur und Medien bezeugen unsere grosse Fixierung auf Täter. Was aber die vergleichende Lektüre klarmacht, ist die umfassende Geltung dieses Phänomens. Nicht nur die öffentliche Wahrnehmung und nicht nur jene, die sich als Unbeteiligte am «Kick» der Gewalt delektieren, sind auf Täter fixiert. Auch die Betroffenen sind es.
In den Gesprächen, die Anne Siemens geführt hat, liegt zwar das Hauptgewicht darauf, den von der RAF Ermordeten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sie als Individuen statt bloss als Funktionsträger zu zeichnen. Zugleich aber setzen sich die Opfer permanent mit den Terroristen, ihren Beweggründen, ihren Rechtfertigungen, ihrem Umfeld und dem Zeitgeist der 1970er Jahre auseinander. Sympathiebekundungen für die 68er Bewegung, sogar Rufe nach Begnadigung von inhaftierten RAF-Mitgliedern werden laut. Ebenso das Gegenteil: Adorno und Marcuse werden der geistigen Mitschuld am Terror bezichtigt, und die Idee einer Begnadigung derer, die den Gatten oder Vater umgebracht haben, stösst auf schärfste Ablehnung. Perplex steht der Leser vor dem Grossmut, mit welchem die Brüder des ermordeten Diplomaten Gerold von Braunmühl einst zwanzigtausend Mark stifteten, um den RAF-Mann Peter-Jürgen Book in der Revision gegen ein als unfair empfundenes Urteil zu unterstützen.
Verglichen damit bewegt sich das Sinnen und Fühlen der ehemaligen Terroristen noch immer wie eingekapselt in jener «Raumstation», als welche Karl-Heinz Dellwo in seinem Bericht den Hochsicherheitstrakt und auch die RAF bezeichnet. Bereits das Äusserste an Teilnahme scheint erreicht, wenn Dellwo bekennt: «Ich bin mitverantwortlich für den Tod von zwei Botschaftsangehörigen.» Konkreter wird das Bedauern nicht, und nie kommt es zum Schaudern vor der Brutalität, die den Anschlägen der RAF eigentümlich war. Distanz zu den Taten bei gleichzeitigem Festhalten an den Motiven kennzeichnet die Haltung.
«Unser Aufbruch war richtig», beharrt Dellwo. Nur sei eben der Kampf für Ideale, die RAF als Projekt gegenkultureller «Menschwerdung» (so Ex- Mitglied Ella Rollnik) verraten worden, und zwar erstmals bei der «Entführung zufällig und wahllos vorgefundener Menschen» im Falle der Geiselnahme in der «Landshut». Man ahnt, Dellwo führt diese Bestimmung ein, um die nicht «wahllos» mordende RAF vom Massenmord der al-Kaida abzugrenzen. Aber es bleibt der Irrsinn, dass Dellwo damit implizit die Anmassung bekräftigt, zwischen legitimen und illegitimen Morden unterscheiden zu können. Entsprechend galt Hanns Martin Schleyer, der ehemalige SS-Mann und spätere Arbeitgeberpräsident, den Terroristen und Sympathisanten immer als das «richtige» Opfer.
Beide Bücher erscheinen in einer Phase, da sich die deutsche Öffentlichkeit wieder einmal heftig mit dem einzigen blutigen Kapitel der Bonner Republik konfrontiert sieht. Christian Klars Ersuchen um Begnadigung sorgt für Meinungsstreit und wird dies wohl auch weiterhin tun, denn der Bundespräsident hat seine Entscheidung über den Gnadenakt vertagt. Klars Genossin Brigitte Mohnhaupt ist seit einigen Tagen auf freiem Fuss; ihre vorzeitige Entlassung nach Verbüssung der Mindeststrafe spaltet die Meinungskämpfer ebenfalls.
Eine solche Debatte wird schnell heiß, denn für viele Menschen sind die hier thematisierten Ereignisse Teil ihrer Lebensgeschichte. Und wo die Zeitzeugen noch leben, ja die meisten von uns selber Zeitzeugen sind, da ist die kollektive Erinnerung an die RAF noch keine erstarrte Lava, sondern befindet sich in jenem Fluß, den das «kommunikative Gedächtnis» von den geronnenen Formen des «kulturellen Gedächtnisses» (Jan Assmann) unterscheidet. Dieses kommunikative Gedächtnis, das noch so lebhaft von der Erinnerung der Individuen zehrt, ist launisch: Es zerrt Vergessenes hervor und vergißt anderes, erfindet und baut um. Zurzeit weist es starke Tendenzen auf, den bundesrepublikanischen „Links“terrorismus zu entpolitisieren und vergessen zu machen, wie groß zuzeiten der Kreis derer war, die vielleicht nicht alle Taten, grundsätzlich aber die Motive der Attentäter billigten. Entpolitisiert erscheint auch das Totengedenken. Die Ermordeten müssen nichts Offizielles mehr repräsentieren und kommen als Privatpersonen, als Gatten und Väter in den Blick.
Opfer bleiben immer Opfer
Schließlich die Terroristen von einst, die unter Verweis auf ihre Persönlichkeitsrechte die Verewigung in der Zeitgeschichte verweigern: Ganz Privatier, verbittet sich Brigitte Mohnhaupt über ihren Anwalt, in der Presse noch weiterhin als Mörderin bezeichnet zu werden. Susanne Albrecht, die 1977 beim Anschlag auf einen Schulfreund ihres Vaters, den Bankier Jürgen Ponto, mitmachte, will gerichtlich durchsetzen, daß keine Fotos mehr im Umlauf sind, die sie in Zusammenhang mit der RAF bringen. Sollten Mohnhaupt und Albrecht Erfolg haben, erwiese sich ein weiteres Mal das Ungleichgewicht in der Stellung von Tätern und Opfern. Wie Jürgen Pontos Tochter Corinna bitter vermerkt, kann ein Terrorist den öffentlichen Status eines «Ex-Terroristen» erlangen. Ein Privileg, denn für die andere Seite gilt nichts Analoges: «Wer einmal Opfer wurde, kann nie ein Ex-Opfer sein.» Tief, als Raub an der Lebensgeschichte, greift die Tat in sein Dasein ein. Opfer eines Gewaltverbrechens bekommen immer lebenslänglich.