grandmaster-flash-1.jpg Trau keinem unter 30: Gerade wurde Grandmaster Flash, ein Urvater des HipHop, in die Ruhmeshalle des Rock aufgenommen. Es war ein langer Weg durch die Institutionen. Seine Musik vereint mittlerweile schwarze Wohnprojekte, weiße Trailer-Parks und die Mittelschicht. Grandmaster Flash gilt als Erfinder des Cross-Fadens. Dabei wird von einem Plattenspieler zu einem zweiten übergeblendet. Heutige DJs zehren noch immer von der Einführung dieser Technik.

Auf dünkelhafte Europäer wirkt so eine „Hall of Fame“ der Rockmusik, wie sie am Eriesee in Cleveland unterhalten wird, noch immer reichlich albern. Eine Ruhmeshalle für den Rock and Roll. Die Amerikaner zeigen darin Fransenhemden aus den Sechzigerjahren und Gitarren mit Gebrauchsspuren von toten Männern. Wer symbolisch aufgenommen wird in diese heiligen Halle, wäre also höchstinstanzlich Teil der jüngeren Musikgeschichte.
Rock and Roll bedeutet für die amerikanische Kultur nicht nur das Erbe Elvis Presleys. Rock and Roll umfaßt den Pop im Allgemeinen. Wenn also gerade in New York neben Van Halen, R.E.M. und Patti Smith als erster HipHop-Pionier der Discjockey Grandmaster Flash in einer Feierstunde eingelassen wurde, erweitert sich dieser Begriff um mehr als einen Musizierstil.

Nach bewegten 30 Jahren ist der HipHop in der kulturellen Mitte angelangt. Nicht nur in der Kultur Amerikas. Wer in Europa vor die Haustür tritt, erkennt die Zeichen; spätestens an seinen eigenen erwachsenen Kindern.
Nicht daß es ein ursprüngliches Anliegen des HipHop war, durch die Institutionen zu marschieren. Aber es ging schnell. Die 1977 in der Bronx begründete Rock Steady Crew wirkte als Attraktion schon 1983 im Film „Wild Style“ mit. Im Anschluss unternahm die Tanzgruppe die erste HipHop-Welttournee und schleuderte sogar der applaudierenden Queen in deren königlichem Varieté ein „Hey You, The Rocksteady Crew!“ entgegen.
Damals galten auch Grandmaster Flash und Afrika Bambaataa bereits als verdiente Veteranen. Während man auf Flash, geboren mit dem Namen Joseph Saddler auf Barbados, alle wesentlichen Techniken zurückführt, gilt Baambaata als der Lieferant des Überbaus. Im Gegensatz zu den diffusen Freiheitslehren einer weißen Rockmusik, war HipHop ohne ideologische Programme nie zu haben. Daher auch der späte Eintritt in die Hall of Fame.
Der Rock tat sich sogar mit dem Instrumentarium schwer. daß Plattenspieler, Platten und ein Mischpult Exerzitien erfordern wie Gitarre, Schlagzeug und Klavier, verstört konventionelle Künstler heute noch. Auch daß Musik sich ausschließlich aus vorgefundenen Stücken komponieren läßt.

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„The Adventures Of Grandmaster Flash On The Wheels Of Steel“ lieferte 1981, was die „Kunst der Fuge“ für den jungen Tonsetzer um 1750 war: ein ewig gültiges Lehrwerk. Und als blasse junge Menschen an den Universitäten über Postmoderne debattierten, konnte man bei Flash, dem „Toscanini der Turntables“, diese Postmoderne tanzen. Er berief sich auf die Düsseldorfer Gruppe Kraftwerk und betrachtete den späteren Kulturtransfer als folgerichtig – von Amerika zurück nach Alteuropa und von schwarz wieder zu weiß.
„The Message“ hieß Flashs nächstes Album, 1982, und es unterrichtete die Welt über das Leben in der durch Musik und Film bereits romantisierten Bronx. Ein Manifest der Anarchie. Die sanften schwarzen Bürgerrechtler waren wie die militanten Schwarzen Panther am System zerbrochen, HipHop wurde als lokale Ausdrucksform global wie eine Minstrel-Show betrachtet, und das Ghetto war geblieben.
Dessen Zeichen, Sprache und Musik wurden im Lauf der Achtzigerjahre universell verstanden. Aus der Schattenwirtschaft wuchsen Industrien. Russell Simmons gründete die Plattenfirma Def Jam und den weißen HipHop in Gestalt der jüdischen Beastie Boys. Run DMC bewarben ihre Schuhe durch den Rap „My Adidas“. Und Public Enemy beriefen sich auf Malcolm X, auf Afrika und Rap als „CNN der Schwarzen“.
Heute taumelt Flavour Flav, der Anarchist von Public Enemey, auf MTV durch eine höchst bizarre Brautschau-Soap. Kein Rapper, der nicht für Getränke, Schuhe oder elektronische Geräte würbe. Weißer HipHop wird durch Eminem vertreten. Russell Simmons unterhält das „HipHop Summit Action Network“, um das Publikum seiner Vertragspartner zum Wählen zu bewegen. Zwanzig Jahre lang scheint nichts passiert zu sein.
Aber das ist ein Irrtum. Nach den Neunzigerjahren hat der HipHop sich auf eine soziokulturelle Ebene begeben, die vom Untergrund der Siebziger und vom Niveau der Straße in den Achtzigern so weit entfernt liegt wie ein Wohnsozialprojekt vom Weißen Haus, in das P. Diddy nun als erster schwarzer Präsident der USA hinein will.
In den Neunzigerjahren gab es Crack. Die Droge hat die kriminellen Energien und Allmachtsfantasien beflügelt. Jeder Gangster-Rap, von Ice-Ts „Cop Killer“ bis „Gunz Come Out“ von 50 Cent, hat die Zensur herausgefordert und damit grotesker Weise weltweit eine Zielgruppe bewegt, die weniger Grund zum Klagen haben sollte. Beispielsweise Einzelkinder deutscher oder amerikanischer Normalverbraucher. Und das hat dann doch wieder mit Rock and Roll zu tun.
Der deutsche HipHop-Soziologe Günther Jacob wies in seiner Aufsatzsammlung „Agit-Pop“ schon 1993 daraufhin, daß es nicht ohne Reiz sei, Eltern, deren Rebellion sich durch die Rolling Stones verkörperte, mit Rap herauszufordern: „Man hatte nicht mit den Rappern gerechnet. Die derben Reime schockieren, weil sie an Gemeinheiten vieles in den Schat-ten stellen, was Sozialarbeiter in ausgewiesenen Problemvierteln kennen lernen.“
Demnach existieren heute mindestens zwei HipHop-Welten. Wie bei Eminem im Film „8 Mile“ zu sehen, knüpft der Rap Verbindungen zwischen den schwarzen Wohnprojekten zu den weißen Trailerparks. Und damit in die Welt hinaus in alle Gegenden, die von Problemen so beherrscht werden wie von Migranten, deren Fremdeln in der Heimat nirgends klarer ausgedrückt wird als durch HipHop. Eine zweite Welt bildet der Rap als erste wahre Weltmusik einer globalen Mittelschicht.
Die Helden allerdings sind weitgehend identisch. Wer sich unter ghettoähnlichen Verhältnissen aufwachsen sieht, betrachtet Unternehmer wie Jay-Z, den „König von New York“, als Stellvertreter eines eigenen baldigen Aufstiegs. Wem der rüde Ton der Unterschicht eher Angst vorm Abstieg einjagt, hört es gern, wenn sich P. Diddy auf die blonde Hauswirtschafts-Ikone Martha Stewart beruft und nicht auf seine Herkunft. Hierarchien sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.
Diese Ankunft einer schwarzen Oberschicht sorgt nicht nur für Be-geisterung. Als schieres Mittel zum sozialen Aufstieg wäre HipHop durch sein Leistungsstreben und sein Statusdenken nur die bürgerli-che Antwort auf den Rock and Roll. Die Mahner drängeln sich bereits. Der Rapper Nas („HipHop Is Dead“) beschreibt seine Kultur als schöne Leich.
„Der heute populärste HipHop wirft uns 30 Jahre zurück“, sagt Ahmir Thompson von den Roots. Er meint die schwarzen Sänger, die für wohlhabende weiße Discogäste damals mit den Augen rollten. Bis Grandmaster Flash kam und sie an sich selbst erinnerte. Heute erinnert sich die Welt an ihn. tno

Apr. 2007 | Allgemein, Feuilleton, Junge Rundschau, Zeitgeschehen | Kommentieren