„Breites Wissen“: Bei Eichborn erschienenes Kompendium bringt Verbindungen zwischen Kunst und Drogen ins Leser-Bewußtsein.
Warum heißt es eigentlich verbreitet, jemand sei breit oder zu, wenn er oder sie exzessiv gesoffen oder gekifft oder sonst was genommen hat? Warum spricht man nicht alternierend von schmal oder offen, wenn es um die berauschend weit zu fassenden Perspektiven geht, die ein Trip eröffnen kann? Bestehen List und Tücke entgrenzter Wahrnehmung beim Drogenkonsum nicht darin, daß Dimensionen abwechselnd im Fluss oder im Stocken und folglich auch zu verengen und zu öffnen sind?
Gerade so wie in dem Terry-Gilliam-Road-Movie „Fear and Loathing in Las Vegas“ (1998) nach einem Buch des einschlägig bekannten Abusus-Künstlers Hunter S. Thompson. In diesem ambitionierten Versuch, eine aus den Fugen geratene Wirklichkeit visuell nachzuempfinden, verziehen sich die unentwegt gleitenden Gesichter und Gesichtsfelder von Raoul Duke (Johnny Depp) und seinem gleichfalls völlig bedröhnten Mitreisenden Dr. Gonzo (Benicio Del Toro) mal grotesk in die Breite, mal klaustrophobisch beengt in die Länge. Was sinnbildlich schräg wohl beweisen soll: Alles ganz schön schief hier.
Nicht nur, was Räume und Zeiten betrifft. Es gibt, das legt nicht nur dieser kritisch gemeinte Hippie-Film nahe, vierte, fünfte und sechste Dimensionen, von denen man sich unberauscht offenbar überhaupt keinen Begriff machen kann. Es sei denn, man suchte und versuchte sie. Dazu freilich bedarf es einiger Vorräte: „Wir hatten zwei Beutel Gras“, heißt es im wahrscheinlich stoned verfassten Drehbuch zum Vollrausch-Film, „75 Kügelchen Meskalin, fünf Löschblattbögen extrastarkes Acid, einen Salzstreuer halbvoll mit Kokain und ein ganzes Spektrum vielfarbiger Uppers, Downers, Heuler, Lacher, einen Liter Tequila, eine Flasche Rum, eine Kiste Bier, einen halben Liter Äther und zwei Dutzend Poppers. Nicht, daß wir das alles für unsere Tour brauchten, aber wenn man sich erstmal vorgenommen hat, eine ernsthafte Drogensammlung anzulegen, dann neigt man dazu, extrem zu werden.“
Emsig gesammelt haben auch Ingo Niermann und Adriano Sack, Enddreißiger mit dem erhabenen Willen zu Sendungsbewusstsein und Bewusstseinserweiterung. „Breites Wissen. Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer“ (187 S., 14,90 Euro) nennt sich ihre schmale, aber keineswegs dünne Stoffsammlung zum Thema Drogen, mit der der Verlag Eichborn Berlin jetzt erfolgreich dealt. Formal lehnt sich die nach Konsens und Kanon heischende Kompilation an Ben Schotts listenreiches Wirken auf den Feldern Arbeit, Sport und Spiel an. Inhaltlich wartet sie mit Anekdoten, Tabellen, Rankings und Illustrationen zu jenen Stoffen auf, die Träume und Alpträume gleichermaßen zeitigen.
So finden sich in dem Lesebuch die effizientesten Sexdrogen von Arsen bis Viagra, die berüchtigtsten Stoffumschlagplätze von Goa bis Zabriskie Point, die schönsten Ecstasy-Hymnen von Courtney Loves „Mono“ bis Mobys „Next ist the E“ – und die ungewöhnlichsten Arten des Drogenkonsums: LSD, erfährt man beispielsweise, gilt als besonders schnell und nachhaltig wirksam, wenn der Trip unter das untere Augenlid geschoben wird. Der ärztlich ambitionierte Rat eines gewissen Dr. Gottfried Benn, kariösen Zähnen Kokain in Form einer „getränkten Propfplombe“ zuzuführen, zählt mittlerweile ohnedies zu den Klassikern.
Man ahnt bereits nach wenigen exzessdrallen Seiten: Dies ist ein dankenswerterweise auch im nüchternen Zustand bestens konsumierbares Konvolut. Die beiden Autoren machen mit viel pädagogischem Eros die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer zugänglich, natürlich mit den üblichen Verdächtigen: von Baudelaire über Benjamin bis Benn, vom Patmos-Apokalyptiker Johannes, dessen Visionen clean kaum zu haben sind, bis zum Dauerbrenner Pete Doherty und dem Dauerrekonvaleszenten Robbie Williams („Koks ist Gottes Weg dir zu sagen, daß du zu viel Geld hast“).
Das Werk fixt sein Publikum mit viel Gespür für Dramaturgie und Effekte an. Und macht es mit unverschnittenen Zusatzgaben wie der Nennung von Drogenspitznamen von Paolo Pinkel (Michel Friedman) über Kokstantin Wecker bis hin zu Weinbrand-Willy (Brandt) dauerhaft abhängig. Wessen Sucht nicht gleich bekommt, was sie sucht, möge sich in Geduld üben: Spätestens im Abschnitt über „Psychedelische Priester“ sind Lachflashs programmiert. Etwa wenn zu lesen ist, welche Therapie Cary Grant dazu verleitete, einen Trip als Neugeburt zu erleben. Oder warum Allen Ginsberg der These anhing, der Weg zum Weltfrieden führe zwingend über im Trinkwasser aufgelöstes LSD.
Für die Betroffenheitsfraktion gibt es auch reichlich Stoff. Darunter das Kapitelchen „Denkwürdige Drogentote“, das unter anderem den berufenen Borderlinern Billie Holiday, Sid Vicious und Howard Hughes nachruft. Und natürlich die drogenpolitisch korrekte Passage, in der Mahn- und Warnlieder von Georg Danzers „Zehn kleine Fixer“ bis zu Juliane Werdings „Am Tag, als Conny Kramer starb“ angestimmt werden.
Auch und gerade wegen dieser Segen und Fluch unaufdringlich verrechnenden Ausgewogenheit hat das Buch, diese Fülltüte, pardon: dieses Füllhorn, das Zeug zum Standardwerk. Auch wenn es nicht die Frage beantwortet, warum Rauchgemeinschaftsmitglieder entweder breit oder zu sind. tno