Bischof Mixa kritisiert Familienministerin von der Leyen wegen ihrer Kinderkrippen-Pläne. Von der Realität in den Familien hat er – was Wunder – keine Ahnung. »Ich will die Menschen für Jesus Christus wieder mehr begeistern« – das war vor zehn Jahren der Wahlspruch von Walter Mixa. Mittlerweile gibt sich der 65-jährige Bischof von Augsburg rechtschaffen Mühe, genau das Gegenteil zu tun.
Gerade fiel er in den glücklicherweise schon abschwellenden Klagegesang konservativer Unionspolitiker ein und kritisierte die Familien-Förderpolitik von Bundesministerin Ursula von der Leyen als »kinderfeindlich und ideologisch verblendet«. Und allen Ernstes zog der Bischof den Diktaturvergleich. Das, was von der Leyen vorhabe – die Zahl der Krippenplätze in Deutschland nämlich auf einen halbwegs vernünftigen Stand zu erhöhen – erinnere an die Ideologie der staatlichen Fremdbetreuung von Kindern in der DDR. Daß er – nota bene – die Nazis nicht erwähnt hat, verdient immerhin der Erwähnung. Die Doppelverdiener-Ehe werde zum »ideologischen Fetisch« erhoben. Ja, der wackere Kirchenmann verstieg sich sogar dazu, der siebenfachen Mutter von der Leyen vorzuwerfen, die Frau zur »Gebärmaschine« zu degradieren.
Mixa ist ein strenger Verfechter einer orthodoxen Kirchenordnung. Früher hat er schon mal einen Pfarrer beurlaubt, der am Rande des Ökumenischen Kirchentages an einem evangelischen Abendmahl teilgenommen hatte, und auch mal die CSU gewarnt, »vor gesellschaftlichen Fehlentwicklungen zu kapitulieren« und sich »von der Mehrheit ihrer katholischen Stammwähler zu entfernen«. Doch diesmal hat er sehr tief in die Schmutzkiste ideologischer Grabenkämpfe gegriffen. Zu tief.
Denn der Angriff auf die Familienministerin ist absurd. Es geht in keiner Weise um irgendeine Art von staatlichem Zwang. Von der Leyen verfolgt keine geheimen Pläne, etwa künftig morgens Kinder aus ihrem Elternhaus zu zerren und zu aushäusiger Kinderbetreuung zu zwingen – womöglich samt und auch das noch antikirchlicher Ideologisierung.
Mixa vertieft zudem die ohnehin vorhandenen Gräben, die es in der deutschen Gesellschaft gibt, ob gläubig oder nicht. Die einen, nicht nur Konservative, vertreten die Ansicht, das Kind sollte möglichst lange zu Hause bleiben und im Kreis der heilen Familie kommunikative und soziale Fähigkeiten erlernen, sowie christliche Werte (er)leben. Die anderen meinen, das Kind sollte ruhig schon früh in einer Krippe im Kreise anderer Kinder kommunikative und soziale Fähigkeiten erlernen – und konfessionelle Einrichtungen für Kinder gibt es ja schließlich auch …
Soweit die von materiellen und anderen Zwängen völlig unbe(f)leckten Theorien. Vermutlich greift Bischof Walter Mixa mangels eigenen Erlebens gern auf sie zurück.
Die Praxis allerdings sieht anders aus. Da gibt es im familiären Bereich allein schon jede Menge Konstellationen, die einen Bischof wie Mixa wahrscheinlich in seinen schlimmsten Alpträumen heimsuchten, würde er sie zur Kenntnis nehmen. Und, geht man vom »klassischen« Familienmodell aus, gibt es, das sei eingeräumt, erstens Familien, in denen Mami und Papi als hochbezahlte Manager und Aufsichtsrätinnen um die Welt jetten und noch im Wochenbett danach fiebern, den kleinen Torben oder die kleine Laura möglichst schnell in die Kinderkrippe am International Airport abzuschieben. (Hierbei handelt es sich allerdings um relativ wenige Familien).
Zweitens gibt es allerdings Familien, die auch keine heilen Familien sind, obwohl alle zu Hause sind: Familien, in denen niemand mit den Kleinen musiziert, liest und Gebete übt, sondern in denen die Kids im verrauchten Wohnzimmer vor RTL2 geparkt werden. (In diesen Familien versorgt der Staat schon jetzt oft nicht nur die Kinder, sondern auch die Erwachsenen.) Und dann, drittens, gibt es die Doppelverdiener, die der Bischof meint.
Doppelverdiener freilich, die nicht doppelt verdienen, weil sie wollen, sondern weil sie müssen. Nicht, weil sie unbedingt Aufsichtsrätin werden wollen, sondern weil das Geld sonst nicht reicht für Wohnung, Nahrung, Leben, Altersvorsorge. Oder weil ein vom Abbau gefährdeter Job alleine zu unsicher wäre. Oder, oder, oder. Auch solche Menschen wollen Kinder, und sie wären heilfroh, wenn sie mehr Möglichkeiten fänden, ihre Kinder tagsüber betreuen zu lassen, denn die katholische Kinderkrippe um die Ecke beispielsweise hat keine Plätze frei und ohnehin nur bis 16 Uhr geöffnet.
Wir können uns bei noch so gutem oder sogar bestem WIllen nicht vorstellen, daß ein Bischof wie Mixa von diesen Familien noch nicht gehört hat, zumal in dieser arbeitenden, oft akademischen Mittelschicht allen Ernstes noch etliche sind, die kräftig Kirchensteuer bezahlen. Schlägt ihnen einer der katholischen Oberhirten nun wieder so ins Gesicht, wird sich wohl der eine oder andere überlegen, ob man solch unreflektiertes Hardliner-Gerede wirklich noch alimentieren muß.
Man könnte das Geld besser verwenden. Für Kinderbetreuung beispielsweise. got