Dank neuer Techniken plaudert, filmt und fachsimpelt jetzt jeder im Internet drauflos. Wir auch. Schwer zu sagen, wann Flickrs kometenhafter Aufstieg begonnen hat. Es muß vor dem Tsunami gewesen sein und vor der Papstomanie, vielleicht sogar vor Jeanne, Frances und Charley, den Hurricanes, die im vergangenen Jahr Florida verwüstet haben.
Vielleicht hat ja alles mit Bildern wie „Mochajava“ angefangen, einer Aufnahme aus Baltimore. Sie zeigt eine Halbtotale in mildem Licht, der Vordergrund gestochen scharf, der hintere Bildbereich ins Halbdunkel verschwimmend.
Mochajava ist eines von 31 Millionen Bildern auf dem Internet-Fotodienst Flickr, einer der am heißesten gehandelten Seiten des Netzes. Mochajava zeigt ein Meerschweinchen.
Natürlich gibt es auf Flickr auch all die anderen Bilder, die den „Volks-“ oder „Ich-Medien“ den Ruf eingetragen haben, mindestens das Internet, wenn nicht gar die Medienlandschaft oder die ganze Gesellschaft umzupflügen.
Es gibt Porträts blutüberströmter Briten nach den Anschlägen in London oder von US-Soldaten mit Milk-Shakes in Bagdad, es gibt Fotos aus dem umkämpften Darfur und aus dem hungernden Niger, frische Bilder, dramatische Bilder, Bilder, die es in ihren Motiven und ihrer Wirkung mit allem aufnehmen, was in Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehen veröffentlicht wird. Und es gibt Meerschweinchen.
Die Mischung aus Welterklärungsanspruch und Heimtierperspektive, aus globalem Zugriff und Diaabend-Intimität ist eines der Charakteristika der neuen Medien. Ein anderes ist der plötzliche Erfolg. Seit die Kanadierin Caterina Fake „www.flickr.com“ vor einem Jahr ins Leben gerufen hat, explodiert die Zahl der Besucher.
Vor kurzem hat sich der einmillionste Nutzer registrieren lassen. Im März hat Fake Flickr an Yahoo verkauft. Monate hatten die Investoren Schlange gestanden.
Die kollektive Halluzination
Was aber macht Flickr so unwiderstehlich, daß selbst das Magazin Focus ungewohnt lyrisch von einer „kollektiven Halluzination“ raunt? Flickr ist nicht das erste Online-Fotoalbum, und es gab Web-Angebote, die günstiger waren als jene 24,95 Dollar für ein Jahr lang unbegrenzten Flickr-Speicherplatz, die aber trotzdem eingegangen sind.
Das Geheimnis, so heißt es, bestehe aus einem modernen Gemeinschaftsgedanken und einem cleveren Ordnungsprinzip, beides füge sich zu einem ganz neuen Lebensgefühl. Auf der Webseite können die Nutzer ihre Aufnahmen nicht nur einem potentiell globalen Publikum präsentieren, sondern gezielt an Freunde und Interessierte schicken, sie können in der ozeanischen Flut von Motiven, Orten, Kameras und Aufnahmetechniken nach Stichworten, „tags“, fischen (Niger: 565, Tsunami: 4849, Meerschweinchen: 112). Sie können die Welt, wie Flickr sie sieht, mit ein paar Handgriffen nach ihren Wünschen ordnen.
Eigentlich geht es auch bei all den anderen neuen Angeboten, bei Blogs (Webtagebüchern), Vlogs (Videotagebüchern im Netz) und Moblogs (auf dem Handy verfaßten Blogs), beim Podcasting (Netzradio mit eigenen Dateien) und bei der kostenlosen Internet-Enzyklopädie Wikipedia, eigentlich geht es immer nur um diesen unmittelbaren, vermeintlich unabhängigen Zugriff auf die Welt.
» Spätestens seit London ist der ‚Citizen Journalist‘, der Bürgerreporter, als seriöse Parallelquelle anerkannt «
Spätestens seit die Briten nach den Anschlägen in London Handy-Fotos aus der brennenden Metro verschickten und Blogger den Ausfall der Telefonnetze durch Internettagebücher wettmachten, spätestens seit London ist der „Citizen Journalist“, der Bürgerreporter, als seriöse Parallelquelle anerkannt.
Zeitungen, Zeitschriften, Fernsehen und Radio sehen sich einer meinungsstarken Konkurrenz gegenüber, die sich als unabhängiges, niedrigschwelliges Angebot abseits des Medien-Establishments begreift. In einem etwas durchsichtigen Umarmungsversuch hat der US-Sender MSNBC eine eigene Rubrik mit dem Titel „Citizen Journalist“ eingerichtet, wo er Leser-Berichte über Naturkatastrophen ebenso veröffentlicht wie den „Superbowl Sunday“ oder Neues zum Thema „Mutters bester Rat“.
Und es trifft nicht nur den Journalismus. Immer mehr Online-Börsen zum Tausch selbstgefertigter Kalender, Songs und Warentests, so diagnostizierte jüngst die New York Times, läute ein neues Netz-Zeitalter ein: „Viele Internet-Unternehmen geben an, die riesige Zahl selbsterstellter Inhalte werfe ein neues Licht auf die Piraterie-Debatte und stelle für Hollywood und die Musikindustrie eine neue Bedrohung dar: Nicht durch die illegale Kopie ihrer Werke, sondern durch eine faszinierende Alternative.“
Daß in diesem Tausch-Rausch die Gefahr von Fälschungen auf der Hand liegt, scheint die begeisterten Konsumenten dabei ebenso wenig zu kümmern wie die abgrundtiefe Belanglosigkeit der allermeisten Beiträge.
Die oft beschworene subversive Kraft des Alltags kann das Alltagsgeplauder allenfalls noch in Ländern wie China entfalten, wo die ungefilterte Darstellung der Wirklichkeit selbst die größte Provokation überhaupt ist.
Munter blubbernde Blogs
Ersteres, so heißt es, regelten die Selbstheilungskräfte des Internets: Die euphorischsten Leser von Blogs und Mo blogs seien zugleich deren strengste Kritiker, die Fehler entdeckten und ausmerzten, Wikipedia beweise es. Und was all die munter blubbernden banalen Blogs angehe, so werden diese sich mangels Besuchern bald in der Marginalität verlieren.
Selbst die Tatsache, daß all die neuen Reporter und Kolumnisten, Gelehrten, Produkttester und Parteienforscher diese Berufe nie gelernt haben, beunruhigt die Nutzer kaum. Im Gegenteil: Die mangelnde Qualifizierung wird als sympathischer Graswurzel-Appeal begriffen. Es ist die Stunde der Amateure. Selbst in der Porno-Branche üben die verwackelten Aufnahmen durchschnittlicher Menschen mit durchschnittlichen Körpermaßen allmählich einen größeren Reiz aus als die Akrobatik endlos strapazierfähiger Astralleiber.
„Das Zeitalter der Partizipation ist angebrochen“, so ein Software-Unternehmer. Und es hat sogar einen Namen: Folksonomy, aus „folks“ und „economy“, was nichts mit Volkswirtschaft zu tun hat, sondern mit einer Verteilung nach dem Prinzip „von vielen für viele“. Aber das trifft es nicht ganz.
Der große Erfolg der neuen Programme beruht nämlich gerade nicht auf der wahllosen Verschleuderung, sondern, im Gegenteil, auf einem immer ausgefeilteren Verteilungsprinzip, das nicht mehr nach den Kriterien der Nach frage geordnet ist, sondern nach jenen der sozialen Nähe.
Yahoo startete vor kurzem eine neue Suchmaschine, „MyRank“, die, anders als etwa Google, nicht mehr jene Seiten zuerst anzeigt, die am häufigsten aufgerufen werden, sondern sie danach ordnet, wie nahe sich die Nutzer stehen. Seiten, die von Angehörigen einer Interessensgruppe als nützlich empfunden wurden, werden automatisch weiterempfohlen.
„MyRank“ gehört wie Flickr zu jener „sozialen Software“, die das modernste und längst hochkommerzielle Medium Internet ausgerechnet durch Werte wie Freundschaft, Privatheit und Intimität revolutionieren. Die Nutzer erobern das Internet zurück – und unsere Rhein-Neckar-Zeitung blogt demnächst auch …
Karl Kraus – der auch gerne geblogt haben würde …
27.März.2007, 22:10
jou, von uns bloggern kann man noch viel lernen 😉