Eine Zeit komme, in der Wörter ihre Bedeutung verlören, singt Win Butler auf dem neuen Album von Arcade Fire; in einem anderen Stück heisst es, er lebe in einem Zeitalter, in dem man die Dunkelheit als Licht bezeichne. Entsprechend erstaunt es nicht, dass die kanadische Gruppe auf «Neon Bible» mit religiös anmutender Hingabe die irrationale Kraft der Musik beschwört und dabei ein diffuses Gefühl von Glück verströmt. Diese Art von Überschwang mit einem Hang zum Mystizismus ist bei Rockbands zunehmend festzustellen und kontrastiert auffallend mit der Nüchternheit der von Elektronik geprägten Musik, die noch vor wenigen Jahren dominiert hatte.
Trotz der Eigenwilligkeit von Arcade Fire, zu der auch wunderliche Arrangements zwischen Folk und Klassik viel beitragen, war schon das 2005 erschienene Début, «Funeral», auf überraschend positive Resonanz gestossen. Über eine Million Mal soll sich das Album verkauft haben, Stars wie David Bowie und Bono Vox zeigten sich davon angetan. Dieser Erfolg hat Arcade Fire offensichtlich in ihrem Kurs bekräftigt. Die Gruppe aus Montreal neigt auch auf «Neon Bible» zur rauschhaften Masslosigkeit, die bald berückend, bald unerträglich ist. Im Stück «Intervention» etwa setzt der majestätische Klang einer Kirchenorgel das Fundament für Butlers leidenschaftlichen Gesang, der sich – angetrieben von Schlagzeug, Streichern und Triangel – bald in die Höhe schwingt, wo er von glückseligen weiblichen Stimmen willkommen geheissen wird.
Einen solchen Grad der Verzückung hat man seit Mike Oldfields frühen Werken kaum mehr erlebt. Sie wird allerdings von Win Butler, dem Mastermind der Band, gebrochen. Er singt nämlich zu diesem sakral-euphorischen Sound, er habe für die Kirche gearbeitet, während seine Familie gestorben sei. Es sind solche – anderswo beargwöhnte – Worte, die das Pathos der Musik auffangen. Denn so sehr Butler ständig von Düsternis, Verunsicherung und Albträumen singt, auch biblische Symbolik bemüht, so ist in der Theatralik der Texte oft wohltuende Ironie oder ein verschrobener Humor zu entdecken.
Die Musik selbst klingt eingängiger als auf dem Début, weil sie sich kaum mehr in Details verliert. Auch die Instrumentierung wirkt weniger gesucht als auf dem ersten Album, wo unter vielem anderem auch beispielsweise Blockflöten eingesetzt wurden. Kaum hörbare Störgeräusche bereichern hingegen die Atmosphäre einiger Songs; dazu passend wird im Stück «Black Wave / Bad Vibrations» gesungen, der Sound schlafe nicht, er bewege sich unter den Füssen. Wo das Septett auf den orchestralen Schwulst verzichtet, vermag es denn auch zu faszinieren, zumal der kindlich wirkende Enthusiasmus, mit dem die Gruppe die Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Musik auskostet, ansteckend wirkt. mg
Arcade Fire: Neon Bible (Mercury/Universal).